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Von Bernd Melichar

S

üß, nicht wahr? Diese kleinen Fingerchen, die niedlichen roten Backen, die dichten Wimpern und das lockige Haar des friedlich schlafenden Knaben, das unweigerlich an die Zeile eines Liedes denken lässt, das wir in knapp vier Wochen, in einer hoffentlich stillen Nacht, singen werden; die meisten von uns in Sicherheit, mit einem Dach über dem Kopf, einem guten Essen auf dem Tisch und seinen Liebsten in der Nähe.

Bitter, nicht wahr? Von all dem kann dieser Knabe mit dem lockigen Haar nur träumen – und vielleicht tut er das auch. Vielleicht träumt er von einer Welt, in der er nicht in einem „Logistikzentrum“ – ja, so nennen sie das dort – an der Grenze zwischen Weißrussland und Polen in einem Schlafsack liegen muss. Vielleicht träumt dieses Kind – wir kennen seinen Namen nicht – von einer grünen Wiese, auf der es mit einem Ball spielen kann, und von einer Welt, die es nicht zulässt, dass Menschen als Spielball von zynischen Despoten und hilflosen politischen Gemeinschaften missbraucht werden.

Vielleicht träumt das Kind aber auch von seiner fernen Heimat und den bunten Drachen, die von den größeren Kindern in den zuckerlblauen Himmel gezurrt werden, und von den dunklen Rauchwolken, die in diesen Bombenhimmel qualmen, sodass es nicht mehr möglich war, in dieser Heimat zu leben, und die Familie fortgehen musste.

Traurig, nicht wahr? Man kann nicht alle Menschen retten. Man kann nicht alle hineinlassen in die gute, warme Stube, sonst würde es eng werden dort, wenn wir in knapp vier Wochen, in der stillen Nacht, das schöne Lied singen im Kreise der Familie.

Advent bedeutet Ankunft. Es kann nicht jene in einem Logistikzentrum zwischen Ländern und Machtinteressen gemeint sein. Und weil wir es leicht vergessen im vorweihnachtlichen Trubel, hat Papst Franziskus uns wieder daran erinnert: Auch das kleine Jesulein, dieser holde Knabe mit dem lockigen Haar, war ein schutzbedürftiges Flüchtlingskind.

Foto: Imago