Interaktiv

Airbnb in Wien | Der rasante Aufstieg der umstrittenen Buchungs-Plattform

Von Peter Schöggl und Michael Sommer , Recherche von Fritz Hutter und Andreas Terler

Der Dezember steht vor der Tür. Hunderttausende werden sich wieder auf den Christkindlmärkten Wiens dem Glühwein, Bratkartoffeln und Kunsthandwerk hingeben. Vor allem auf dem größten Markt am Rathausplatz gibt es an den Wochenenden nur ein zähes Vorankommen.

Dass die Weihnachtsmärkte derart beliebt sind, schlägt sich auch in der Nächtigungsstatistik nieder. Im vergangenen Jahr reisten im Dezember nach dem August die meisten Touristen nach Wien und blieben im Schnitt etwas mehr als zwei Nächte. Im Wettkampf um diese Nächtigungen ist seit einigen Jahren – und das ist keinesfalls neu – ein neuer Player am Spielfeld: die Buchungsplattform Airbnb. 

Am 4. August 2010 wurde in Wien die erste Wohnung auf Airbnb bewertet.

In den ersten Jahren des Bestehens war die Plattform aber nur eine Nebenerscheinung auf dem Wiener Markt.
Daraufhin konnte die Plattform langsames, aber stetiges Wachstum erzielen. Immer mehr Wiener bieten seitdem Fremden ihre Unterkunft zur temporären Miete an.
Ehe sich die Entwicklungen 2017 fast schon explosionsartig überschlugen. Die Politik sucht noch immer nach Möglichkeiten, um den enormen Ansturm zu bändigen.
Am 4. August 2010 wurde in Wien die erste Wohnung auf Airbnb bewertet.

In den ersten Jahren des Bestehens war die Plattform aber nur eine Nebenerscheinung auf dem Wiener Markt.
Daraufhin konnte die Plattform langsames, aber stetiges Wachstum erzielen. Immer mehr Wiener bieten seitdem Fremden ihre Unterkunft zur temporären Miete an.
Ehe sich die Entwicklungen 2017 fast schon explosionsartig überschlugen. Die Politik sucht noch immer nach Möglichkeiten, um den enormen Ansturm zu bändigen.

Im Jahr 2019 gibt es in sämtlichen Wiener Stadtbezirken Vermittler von Airbnbs. Wenig überraschend sind die Airbnb-Hotspots in den Bezirken innerhalb des Gürtels. In der Innenstadt kommt auf 23 Einwohner ein Airbnb. In Neubau etwa 41, dagegen in Floridsdorf 1.150 und in Liesing gar auf 1.630 Einwohner.

Noch spannender ist jedoch die Anzahl der Airbnbs gemessen an den bewohnten Wohnungen in Wien. In der Inneren Stadt ist schon jede 12.Wohnung auf der Buchungsplattform zu finden. Auf der anderen Seite des Spektrums steht Liesing: Dort ist mit 62 gelisteten Angeboten nur jede 781.Wohnung ein Airbnb.

Klicke auf einen Punkt der Karte, um die Menge an Airbnbs im jeweiligen Stadtbezirk zu entdecken:

Am 4. August 2010 wurde in Wien die erste Wohnung auf Airbnb bewertet. Seitdem hat die Plattform einen rasanten Aufstieg hinter sich. Doch mit diesem Aufstieg häuften sich auch die Probleme mit der Stadtregierung. Viele Vermieter*innen wussten anfangs nicht, dass sie bei einer Vermietung auf Airbnb Steuern und Ortstaxe zahlen müssen. Im Frühjahr 2016 plante die Stadt deshalb, Airbnb und ähnliche Plattformen zur Weitergabe der Daten von Vermieter*innen zu verpflichten, damit die Stadt kontrollieren kann, ob die Abgaben ordnungsgemäß bezahlt werden.

Explosionsartiges Wachstum

„Ich kann nicht davon ausgehen, dass ein Unternehmen, das in Österreich wirtschaftlich tätig werden will, Gesetze ignoriert,“ sagt die damalige Finanzstadträtin Renate Brauner und ging davon aus, dass die Plattformen dabei keine Probleme machen würden. Zu diesem Zeitpunkt explodierte Airbnb erst so richtig. Vor allem in den Jahren 2017 und 2018 ist die Anzahl der bewerteten Airbnb-Besuche im Vergleich zum jeweiligen Vorjahr enorm gestiegen:

Gleichzeitig mit dem Vorstoß zum Gesetz startete die Stadt eine Informationskampagne, um die Vermieter*innen auf ihre Pflichten aufmerksam zu machen. Mit Erfolg. Im Bereich „Privatzimmer“ stiegt die Zahl der Ortstaxekonten von August 2016 bis August 2017 um 57 Prozent. Das Gesetz war zumindest bei Airbnb weniger erfolgreich. Alternativ zur Datenweitergabe konnten die Plattformen auch eine Vereinbarung mit dem Rathaus treffen, zum Beispiel um die Ortstaxe selbst einzuheben und sie gesammelt zu bezahlen.

Verhandlungen mit Airbnb bisher zwecklos

Mit den meisten Plattformen konnte sich die Stadt einigen, mit Airbnb nicht. Die Verhandlungen zwischen Rathaus und Airbnb zogen sich über ein Jahr und wurden schließlich vor gut einem Jahr abgebrochen. Seitdem bleibt die Stadt hart. Im Juli verkündete Finanzstadtrat Peter Hanke, dass die Stadt – entgegen der Wünsche von Airbnb – für keine weiteren Gespräche zur Verfügung stehen würde. Im Sommer verkündete Wirtschaftsstadtrat Peter Hanke, dass die Stadt für keine weiteren Verhandlungen zur Verfügung stehe. Daran habe sich bis heute nichts geändert, heißt es aus dem Büro von Hanke. Gespräche könne man gerne führen, aber keine Verhandlungen mehr über eine Ausnahmeregelung. Gegen die Strafe, die gegen Airbnb wegen der fehlenden Datenweitergabe verhängt wurde, ist die Plattform zurzeit in Berufung.

Das Wachstum von Airbnb in Wien sorgt aber nicht nur für fehlende Steuereinnahmen im Stadtbudget, es verknappt auch den Wohnungsmarkt. In Gemeindebauten und geförderten Wohnungen gilt zwar ein strenges Verbot von Untervermietungen. Außerdem ist die gewerbliche Nutzung von Wohnraum in als Wohnzone gewidmeten Flächen nicht zulässig. „Diese Regeln reichen aber nicht,“ sagt Peter Kraus, Planungssprecher der Wiener Grünen.

„Wenn private Wohnungen zeitlich befristet nicht für den Eigenbedarf genutzt werden und in dieser Zeit an Tourist*innen vermietet werden, soll das möglich sein. Was nicht passieren darf ist, dass ganze Wohnungen langfristig dem Wohnungsmarkt entzogen werden,“ so Kraus. Dass es aber trotzdem geschieht, legt eine vielzitierte Studie der TU Wien aus dem Jahr 2017 nahe. Demnach entziehe Airbnb dem Wiener Wohnungsmarkt dauerhaft rund 2.000 Wohnungen. Das wären mehr als 16 Barbara-Prammer-Höfe, für dessen Eröffnung Anfang November sich die Stadtregierung gehörig feiern ließ.

Die Suche nach Lösungen

Ein weiterer Lösungsansatz, der immer wieder vorgebracht wird, ist ein zeitliches Limit. Einige Städte, darunter etwa London, erlauben die Vermietung auf Online-Plattformen nur mehr für 90 Tage im Jahr. Diesem Vorschlag kann auch Kraus etwas abgewinnen: „Darüber nachzudenken ist aus meiner Sicht dringend notwendig. So würde man auch das finanzielle ‚Anlage Modell‘, dass Wohnungen ausschließlich für kurzzeitige Zimmervermietung genutzt oder sogar errichtet werden, unterbinden.

Ein Anlage-Modell, das zurzeit durchaus gut funktionieren kann. Die TU-Studie fand etwa heraus, dass einzelne Anbieter mehr als 60.000 Euro im Monat verdienen. Zwei Drittel des Airbnb-Kuchens fallen auf die 20 Prozent der Vermieter*innen mit den höchsten Einkommen. Knapp die Hälfte der Anbieter nehmen dagegen weniger als 500 Euro im Monat ein.

Wenn also im Advent am Rathausplatz oder in Schönbrunn die Punschkocher glühen, werden sich viele danach die Zehen in Airbnb-Wohnungen wärmen. Dass die Hotelbranche dadurch großen Schaden nehmen würde, darf aber bezweifelt werden. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die Hotellerie knapp 900 Millionen Euro – 13 Prozent mehr als noch im Jahr davor.

Methode

Woher stammen die Daten?

Die Daten für diese Auswertung stammen aus der frei verfügbaren Datenbank von „Inside Airbnb“. Dabei handelt es sich um keinen Dienst der Buchungsplattform selbst, sondern um ein privates Projekt von Murray Cox. Die von uns untersuchten Daten stammen von Ende September.

Die Anzahl der bewohnten Wohnungen in Wien sind direkt offenen Daten der Stadt Wien entnommen. Sollten Sie Fragen zum Datensatz oder der Recherche haben, schreiben Sie bitte eine Mail an interaktiv@kleinezeitung.at.

Warum geht es in der Geschichte nur um Wien?

Momentan ist der Datensatz der „Inside Airbnb“-Plattform in Österreich auf Wien beschränkt. Sobald Daten für andere Städte in Österreich verfügbar werden, werden wir eine Geschichte nachreichen 😉