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Sommerfrische 2020 | Blitzlichter aus der Redaktion

Von der Kleine Zeitung-Redaktion

#1 Eis, Salz und Wellen

Aus den 800 Quadratkilometern des Salzkammerguts einen Lieblingsplatz zu küren, das nennt man die Brutalität der Beschaulichkeit. Die Gestade des Altausseer Sees blinken verlockend unter den Wänden von Loser und Trisselwand. Ein stiller Badeplatz am Ödensee verheißt Idylle. Im Café Ramsauer in Bad Ischl saßen Johann Strauß und Johannes Brahms, Anton Bruckner und Johann Nestroy. Emmerich Kálmán schrieb in Ischl die „Csárdásfürstin“ und Franz Lehár die „Lustige Witwe“.

So viele Akzente, so viel Inspiration! Womöglich sollte man sich lieber körperlich ertüchtigen. Vom Grundlsee führt der Weg steil hinauf ins Tote Gebirge. Nach 800 Höhenmetern ist man reif für den Sprung in den Vorderen Lahngangsee. Aber schwimmen sollte man können. Anders als weiland die armen Salzschiffer auf der Traun: Die mussten Nichtschwimmer sein. So war man sicher, sie würden auf die Ladung aufpassen wie auf ihr Leben. Und der Arbeitsinspektor!? Schlürfte wahrscheinlich Eis im Ausseer Kurcafé Lewandofsky. Ernst Sittinger

#2 Entzerrte Zeit

Som­mer­fri­sche einst: Ge­sin­de schleppt ge­floch­te­ne Wä­sche­kör­be, breit­krem­pi­ge Hüte und Ganz­kör­perb­ade­mo­de schüt­zen Damen und Kin­der vor pro­le­ta­ri­scher Bräu­ne. Die Män­ner ver­gnü­gen sich der­weil in der Stadt, dem Sün­den­ba­bel. Zeit spielt keine Rolle, man misst sie in Mo­na­ten. Geht das noch?

Som­mer­fri­sche ist die Kunst des Weg­las­sens. Sie ent­zerrt ge­stauch­te Zeit. Ab­seits der Som­mer­fri­sche ist Zeit Geld. Man quetscht sie zu­sam­men, schiebt Er­eig­nis­se, Events über­ein­an­der, reißt die Wände zwi­schen Ar­beit und Pri­va­tem ein, um noch mehr zu ge­win­nen. Auf­merk­sam­keit wird ge­teilt, bis sie ver­bleicht.

Som­mer­fri­sche gibt ge­raff­ter Zeit wie­der Raum. Sie ent­spannt und streckt sich auf ihr na­tür­li­ches Maß. Die Wahr­neh­mung kehrt wie­der. Vögel sin­gen lau­ter, Wäl­der zei­gen tief ge­staf­fel­te Grün­tö­ne. Das Handy brummt laut­los. Es dient jetzt zweck­frei­em Ge­spräch, nicht not­wen­di­ger Ab­klä­rung. Som­mer­fri­sche ist ein Wil­lens­akt: we­ni­ger zu wol­len. Tho­mas Götz

#3 Verlauf des Lebens

Burg Gal­len­stein.“ Was? „Burg Gal­len­stein!“ Wie? „Burg Gal­len­stein!!“ Wie –der Gal­len­stein? Som­mer da­heim, da ge­hö­ren klei­ne Wir­run­gen dazu. Man möch­te fast mei­nen, dass sie dem Wan­dern, Spa­zie­ren, Die-Nä­he-Ent­de­cken den nö­ti­gen Schliff ver­lei­hen. Denn ist man ehr­lich, ten­diert Mensch dazu, sich eher an die klei­nen Un­eben­hei­ten zu er­in­nern. Wenn man etwa auf dem „dep­pen­si­che­ren“ Heim­weg von der Hin­te­reg­ger Alm plötz­lich im Wald steht und sich das Handy mit nicht ein­mal einem Stri­cherl Emp­fang als nicht mehr gnä­dig er­weist.

Wenn man auf der Johns­ba­cher Al­men­run­de zu früh nach rechts ab­biegt und die Almen dann zu Hause be­gut­ach­tet – weil da gibt es ja wie­der ge­nü­gend Stri­cherl beim Emp­fang – „Aaah, da wäre es lang­ge­gan­gen … “ Beim Wan­dern ver­läuft man sich, aber es wer­den auch Pläne ge­schmie­det – auf die man sich durch­aus ei­ni­gen kann. Um­set­zung? Folgt. Zuvor gibt’s ein Stück Torte beim Kaf­fee­haus Pur­ko­wit­zer. Ver­zich­ten? Nicht um die Burg! Gal­len­stei­ne hin oder her. Carmen Oster

#4 Ruhe! Ruhe! Ruhe!

In der ers­ten Hälf­te der 60er-Jah­re be­gan­nen auch die Ös­ter­rei­cher, die Obere Adria für sich zu ent­de­cken. Orts­na­men wie Je­so­lo. Ca­or­le und Li­gna­no nis­te­ten sich in das Wör­ter­buch für Ur­lau­ber ein. Gleich­zei­tig fas­zi­nier­te das Kin­der­buch „Mar­tin gegen Mar­tin“ junge Leser. Er­zählt wurde darin, wie Kin­der des armen, klei­nen Orts Ecken­brunn auf die Idee kamen, per In­se­rat um Tou­ris­ten zu wer­ben, damit der Bür­ger­meis­ter einen Turn­saal zur Schu­le bauen konn­te.

Be­zahlt von ihrem er­spar­ten Ta­schen­geld, gaben die Jung-Dörf­ler die­ses In­se­rat auf: „Ruhe! Ruhe! Ruhe! Som­mer­fri­sche in Ecken­brunn be­deu­tet Ruhe und Er­ho­lung. Kein Laut­spre­cher, kein Mu­sik­au­to­mat, keine Durch­fahrt­stra­ße. Sau­be­re Zim­mer in Bau­ern­hö­fen, gutes Essen im Gast­hof. Sen­sa­ti­on: Kin­der aus der Stadt dür­fen auf dem Feld mit­hel­fen!“

Trotz­dem ge­wan­nen Adria und Ägais Jahr für Jahr die Über­hand, die Som­mer­fri­sche setz­te Staub an. Den sie jetzt wie­der ab­streift. „Ruhe! Ruhe! Ruhe!“ ist wie­der mo­dern ge­wor­den. Chris­ti­an We­ni­ger

#5 Mauersommerloch

Wenn ich als Kind der Generation Golf in Berlin den Sommer beschreiben sollte, habe ich oft gesagt: Sonne? In diesem Jahr? Keene Ahnung, muss ich in der Sekunde wohl in der U-Bahn gesessen haben.

Mein Verhältnis zur Hitze ist eher ein abgekühltes. Rudi Carrell hat seinen Ohrwurm „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer“ mit Sicherheit bei mir ums Eck geschrieben. Nässe und Kälte waren so selbstverständlich, dass man den Satz „Sieht nach Regen aus“ gleich sinnentleert verwendete wie die Amerikaner zur Begrüßung die Frage, wie es einem denn so gehe.

Umso mehr plagt mich heute südlich der Alpen das, was andere freudejauchzend stabiles Adriahoch nennen. Woher sollte Carrell auch wissen, was Sonnenschein von Juni bis September wirklich bedeutet? Holländer halt. Immerhin kann ich mich hier auf ein Rad schwingen und ins Umland fahren, dorthin, wo es schattig ist. Klingt selbstverständlich? Wenn die Welt als Kind an einer Mauer endete, ist das noch immer eine besondere Sommerfrische. Ingo Hasewend

#6 Ge(h)dankenverloren

So verseucht durch blutige Ideologien, so verkrätzt durch ehrlose Wortgeschwader; aber jetzt, in der Krise, habe ich mich ihr wieder vorsichtig genähert. Ihr, der lebenslang Verdächtigen, der schwierigen Geliebten, der misstrauisch Vertrauten. Ihr, der Heimat.

Bin im Heimatort, noch immer kriechen die Buchstaben ungelenk von der Zunge, den Wegen vor der eigenen Haustür gefolgt. Bin ge(h)dankenverloren durch grellgrüne Wälder gestreift, in denen die Buchenbäume in weiße Lichtkegel getunkt sind. Bin knorrigen Dorfmännern begegnet, die hutlüpfend einen knappen Gruß knurrten und bekopftuchten Dorffrauen, die hinter meinem Vornamen noch immer das kindliche „i“ hängen.

Habe mich in die Blumenwiese des Vaters gepflanzt und dort beim Naschen des Sauerampfers verzückt das Gesicht verzogen. Habe mich einem verflechteten Wegweiser anvertraut, und die maroden Füße trugen mich zu einem Haus, das die Stille auch im Namen trägt. Habe dort geruht und bin nach langer Reise angekommen. Hier. Daheim. Bernd Melichar

#7 Mischa.

Im Winter lernt man das Skifahren, im Sommer die Lektionen fürs Leben: Trauen Sie also keinem Almidyll, in dem Sie nicht selbst durch die Hölle gegangen sind. Dabei hätte es so schön sein können: Schwammerl bis zum Abwinken, Germknödel, ein Pony. Schwarz, weiß und kompakt wie ein Almpanda. Liebe auf den ersten Blick: Mischa! Der internationale Pakt der Kindchenschematräger war unterschriftsreif, de facto eine g’mahte Wiesn: Also alles, was klein, putzig und erwachsenenhüfthoch ist, ist sich grundsätzlich einmal freundlich gesinnt.

Der Widerruf kam schnell, womit nicht zu rechnen war: Jeder mag Kinder, nur nicht Mischa, da war er sich sicher. Bei der Wahl der Waffen war er auch nicht zimperlich: Hinterhalt und Tücke. Im Beisein von Erwachsenen war er herzallerliebst, unter uns Zwergen war der Kleinste der größte Tyrann – er verteilte mehr Zwicker als Bussis.

Seitdem gilt der Mischa-Effekt: Trau ihnen nicht, den Zuckersüßen! Das gilt nicht für das Himbeerkracherl, aber das ist ja auch picksüß. Susanne Rakowitz

#8 Für Fortgeschrittene

Wörthersee kennt jeder. Schamlos schöne Wasserstelle, die sich selbst ungeübten Sommerfrischlern barrierefrei erschließt. Höhere Ansprüche an Ferienmenschen stellt das Rosental. Dunkelgrüne Sattnitzberge und kalkgraue Karawanken kontrastieren mit den Schattierungen der mäandernden Drau: mitunter rätselhafte Farbspiele, von gewitterumtostem Braun bis zu erfrischendem Türkis. Obwohl von Kraftwerken und Stauseen gezähmt, bleibt sie Kärntens Gewässer-Königin.

Entlang des Flusses ein Radweg, Völker – mit Beginn in Südtirol, Kärnten durchstreifend und in Slowenien mündend – und Individuen verbindend: Radler, Läufer, Spaziergänger, Hundehalter, Kinderwagen-Kapitäne und Nordic Walker üben sich in Koexistenz. Der von Bergen eingefasste Blick nicht einengend, wie manche unken, sondern unbändige Neugierde weckend, was sich wohl dahinter verbergen mag. So tun sich ungeahnte Übergänge ins benachbarte Slowenien auf. Eben Sommerfrische für Fortgeschrittene. Uwe Sommersguter

#9 Gänsehaut

Nie wird sich mir erschließen, wie Menschen dazu kommen, verächtlich von „bacherlwarmen“ Gewässern zu sprechen, die sich „wie eine Badewanne“ anfühlen, nur weil See oder Freibad zufällig einmal eine annehmbare Temperatur zum Schwimmen haben. Ich gebe zu: Ich bin ein Weichei. Eine waschechte Warmduscherin sozusagen. Grinsende Blicke von Mit-Sommerfrischlern, die an mir vorbeiziehen und sich mit provokantem Delfinschwung ins Wasser stürzen, ertrage ich in Würde. Bis zu den Knien habe ich es immerhin schon geschafft. Meist findet sich auch eine Leidensgenossin (Genossen sind selten), die verstehende Blicke mit mir tauscht. Sie weiß, die Härteprobe kommt erst: die Nierengegend aufwärts.

Meine Kinder sind derweil schon längst untergetaucht. Sie gehen ins Eiswasser, als wäre es tatsächlich die heimische Badewanne. Dabei sind wir erst im Freibad. Die wirkliche Herausforderung kommt im August und lässt mich jetzt schon schaudern: Bergsee … Sonja Peitler-Hasewend

#10 Tragbare Schatztruhe

Alle, die es heuer sehnsüchtig an die Strände an der Oberen Adria oder in die Strandbäder der Unterkärntner Seen zieht, kann ich beruhigen: Wir werden uns (wieder) nicht treffen. Urlaub hin, Sommerfrische her: Die richtige Erholung kommt (für mich) nur auf Reisen. Beim Unterwegssein. Wichtigster Begleiter: der Rucksack.

Seit jugendlichen Interrailtouren quer durch Europa immer dasselbe Kribbeln, sobald das Ding aus dem Kasten gekramt und mit dem Notwendigsten für die Zeit „unsteten Aufenthalts“ gefüllt wird. Wobei die Beschränkung Platz schafft für wertvolle Souvenirs: ungeplante Entdeckungen und Zufallsbegegnungen, Alltagserlebnisse und Abenteuer. Das funktioniert überall, egal, welcher Kontinent. Egal, welches Land. Und macht den Rucksack am Ende zu einer Schatztruhe der Erinnerungen. Packt man dann daheim den Rucksack aus, breiten sich Glücksgefühle aus, die nachhaltiger wirken als jeder Sonnenbrand aus Lignano und langsamer schmelzen als das Eis aus der Strandbad-Kantine. Klaus Höfler

#11 Brett gegen Berg

Rechts, links, rechts, links. Die volle Kraft des At­lan­tiks prallt von hin­ten gegen das Surf­brett. Hände an­zie­hen, eine flie­ßen­de Be­we­gung, ge­folgt von einem Mo­ment des frei­en Falls, und schon glei­te ich ste­hend auf der Welle dahin. Pures Le­bens­glück. Die Fas­zi­na­ti­on für den Surf­sport hat mich vor ei­ni­gen Jah­ren in Por­tu­gal er­fasst. Seit­dem zieht es mich immer wie­der in das glei­che ver­zau­ber­te Fi­sch­er­ört­chen. Nach einem lan­gen Tag im Was­ser ein ver­dien­tes „cer­veja“ in der Strand­bar, etwas Live­mu­sik und der Stress des All­tags ist ver­ges­sen. Heuer ist alles an­ders.

Das Warm-up vorm Sur­fen wird zum Warm-up in der Ho­telsau­na. Die Flip­flops wei­chen den neuen Wan­der­schu­hen, der Neo­pren­an­zug der Softs­hell­ja­cke. Brett wird gegen Berg ge­tauscht. Die Surf­sehn­sucht be­glei­tet mich zwar durch den Som­mer, doch wenn ich wie­der einen Gip­fel zu Hause er­klom­men habe und ein Wahn­sinn­span­ora­ma er­bli­cke, ver­ges­se ich sogar den At­lan­tik: Som­mer­fri­sche in Ös­ter­reich? Es gibt wirk­lich Schlim­me­res. Ve­re­na Schaupp

#12 Nie mehr ohne Käse

Ans Meer ging es in den Sommern der Jugend nicht – zu weit weg. Stattdessen: mit dem Zug nach Vorarlberg. Liegt der Oststeiermark weder von der Distanz noch sprachlich näher, doch Tante und Onkel freuten sich über den Besuch des Steirerbuam. Aufstieg auf die Hohe Kugel, Rheintal und Bodensee lagen einem majestätisch zu den müden Füßen, und dann als Stärkung Sennkäse auf der Kugelalpe. Nur, dass für den Steirerbuben Käseverzehr generell mehr Qual war als Genuss.

Und doch müssen sie prägend gewesen sein, diese unbeschwerten Ferientage im Ländle. Alle paar Jahre werden die Erinnerungen wieder sommerlich aufgefrischt: Auf dem Alten Rhein in Lustenau über die Schweizer Grenze schwimmen, sich von den mächtigen Kulissen auf der Seebühne beeindrucken lassen, dem Rheindamm entlang bis ins Mini-Fürstentum radeln. Und als Fixpunkt: übers Bödele hinein in den Bregenzerwald kurven und die Kühlbox vollstopfen mit bestem Käse von den Alpen- und Talsennereien. Wilfried Rombold

#13 Sturmfrisur

Das Gute liegt bekanntlich so nah. Um genau zu sein, 117 Kilometer von Graz entfernt. Gemeint ist der Erlaufsee – beziehungsweise das dazugehörige Strandbuffet mit Bootskasse. Sozusagen der Jachthafen der kleinen Leute, wo über die wirklich wichtigen Investitionen im Leben diskutiert wird: In die Pedale treten oder doch lieber ein Elektroboot chartern? Das Seeufer in sattem Grün, der warme Fahrtwind weht uns durch die Haare. Das ist kein Segeltörn und auch nicht die französische Riviera, aber das macht nichts: Das muss es sein, das schöne Leben.

Wäre da nicht eine unberechenbare Konstante: das Wetter. Der Himmel färbt sich schwarz, das Boot ruckelt im Wind. In solchen Situationen wird Zeit prinzipiell zum Feind und der Ton auf hoher See rauer: Los, lenken, schneller! („Ist das noch Zeitlupe oder schon rückwärts?“) Dass es für die Côte d’Azur nicht gereicht hat, kommt uns in diesem Fall gelegen. In unserem Jachthafen gehört man immer zur Hautevolee – trotz Sturmfrisur. Katrin Fischer

#14 Himbeersoda & Co.

Als ich 14 Jahre alt war, durfte ich noch nicht weggehen. Die Diskotheken rund um den Millstätter See waren damals, vor über 40 Jahren, meine Sehnsuchtsorte, und blieben es auch noch einige Jahre. Ein (elterlicher) Kompromiss war allerdings möglich: Ich durfte einmal in der Woche nachmittags Freunde im „Kleinen Café“ treffen.

Da saßen wir nun ganz stolz, schlürften Himbeersoda und fühlten uns sehr polyglott zwischen all den Sommergästen. Damit der Hauch der großen weiten Welt, uns nicht zu sehr verwehte, hatte „Frau Glader“, die unumschränkte Herrscherin des Cafés, ein wachsames Auge auf uns. Berühmt war das „Kleine Café“ für seine Mehlspeisen und davon ist mir die Marzipan-Kartoffel in besonders genüsslicher Erinnerung.

In den 1980er-Jahren wurde das Café geschlossen, die Zeit blieb stehen. Bis zu diesem Sommer. Das Café ist jetzt eine „Freshbase“ und wird als Pop-up-Store im Retro-Chic bespielt. Und: Ich glaube, es riecht immer noch nach Marzipan- Kartoffel. Andrea Steiner

#15 Mohn Amour

Wer an Sommerfrische denkt, dem kommen zuerst das Salzkammergutmeer, die Postkartenidyllen auf dem Semmering, das nostalgieverliebte Bad Vöslau oder das saftige Joglland in den Sinn. Unterschätzt ist einer der nördlichsten Flecken des Landes: das Waldviertel. Dort, wo die Lieblingssaison das mit der Frische im Sommer stets wörtlich nimmt. Eine wunderbar verwunschene Gegend voller Mohnblumen und den dazu passenden Zelten, Getreidefeldern, sanften Hügeln, den typischen Knödeln, Wäldchen und Flüssen.

In Drosendorf kann man (noch) in einem Schloss übernachten, sich an diversen Flussschleifen der Thaya verirren, zu Ruinen wandern und – außerhalb der Regenzeiten – in der hinreißenden Holzbadeanstalt aus dem Jahr 1926 einchecken. Um dort, wie es im Erlebnisweg Sommerfrische an der Stadtmauer heißt, in Wasser zu baden, das „weich und dunkel“ ist. Und immerfrisch. Mohn Amour, ich komme wieder! Nächstes Mal mit Gummistiefeln und Wollsocken im Gepäck. Julia Schafferhofer

#16 Ferien mit Feuerwehr

Dieser Sommer steht ganz im Zeichen von „Sergeant Pepper“. Nein, damit ist nicht das achte Studioalbum der Beatles gemeint, sondern ein alter Land Rover, der nach mehr als vier Jahrzehnten im Dienst der Freiwilligen Feuerwehr in Petersdorf II in den Ruhestand gefahren ist. Der beschränkte sich bisher auf das Stehen in der Garage und das Warten, bis die neuen Besitzer in Zivil endlich Zeit finden, ein paar Zipperlein des älteren Herren zu kurieren. Und – was soll ich sagen – mit dem Lockdown war die Zeit gekommen.

Der Vergaser, der Zündverteiler, das Lenkgetriebe, die Ventildeckeldichtung: Nichts ist mehr vor unseren ungeübten, aber umso enthusiastischeren Schrauberhänden sicher. Als stabiles Hoch zwischen den kleineren und größeren Katastrophen kraxelt man einfach über die Leiter am Heck aufs Dach und studiert das Reparaturhandbuch. Und am Ende des Sommers, da bin ich mir ganz sicher, wird er endlich wieder fahren. So blöd können wir uns gar nicht anstellen.

Wohin? Das ist zweitrangig. Karin Riess

#17 Rose vom Urbaner See

Sie haben sich im Norden des Sees, dort, wo das Ufer nicht zugänglich ist, angesiedelt und großflächig ausgebreitet, die Seerosen in unterschiedlichsten Farben. Nähert man sich ihnen schwimmend, verschließen sie die Blüte. Oder ist es doch nur eine Mär? Im Näherkommen eröffnet sich die wunderbare Symbiose, die die Seerosen mit den Libellen eingegangen sind. Die kleinen „Hubschrauber“, so erschienen sie uns als Kinder, umschwärmen die Seerosen sonder Zahl.

Herumschwimmen um die Seerosen-Felder mit dem Libellen-Flügelschlag als Begleitmelodie gewährt Einblick in das Wunder Natur. Zwischen den Seerosen-Feldern durchschwimmen? Eine unheimliche Vorstellung. Die langen Arme – Rhizome, wie sie richtig heißen – drohen einen zu verschlingen. Sie beschützen ihre Rose, die auch sonst unter strengem Schutz steht. Den Geheimtipp für den wunderbaren Anblick verraten? Er bietet sich dem Badegast am St. Urbaner See in der Nähe von Feldkirchen, hoch über dem Kärntner Glantal gelegen. Antonia Gössinger

#18 Land der Kurven

Liebevoll geschwungen breiten sich die Rebstöcke vor einem aus. Wie gemalt sind sie in sanfte Hügel gebettet und ziehen den Blick hinein in einen sattgrünen Hang an der Südsteirischen Weinstraße. Hier ist das Leben leichter, die Abende lauer und der Traubensaft süßer. Nur schwer kann man den Blick von den leuchtenden Farben wenden und sich auf das eigentlich Wesentliche konzentrieren. Ein-, zweimal den Kickstarter betätigt und schon geht es weiter entlang auf der pittoresken Strecke.

Kurve um Kurve nimmt die alte Vespa. Ihr Alter ist ihr kaum anzusehen, schließlich glänzt der knallrote Lack unter der südsteirischen Sonne, als würde sie heute ihre erste Ausfahrt antreten. Das leise Knattern des Motors ist aus einiger Entfernung zu hören und der eine oder andere bewundernde Blick eines Spaziergängers ist ihr gewiss. Die Sonne brennt vom Himmel und es ist eng unter dem Helm. Aber das macht nichts, schließlich gibt die nächste enge Kurve den Blick auf ein Bankerl zum Rasten und Schmachten frei. Martina Pachernegg

#19 Riesen und Risse

Liebe auf den ersten Blick war es keine, im Gegenteil. Unbehagen legte sich lange über die persönliche Beziehung zu den Bergen, rarer Austausch war die Folge. Die Angst vor der Höhe fest verankert, in der Körpermitte Schwindel statt Schmetterling. Alm: Ja! Steile Zustiege: Ja sicher nicht!

Erst mit der Zeit – und nach vielen Klettereinheiten am Seil – kam Sicherheit. Die Zuneigung zu den sanften Riesen mit den scharfen Rissen stieg und stieg, würziges Lockmittel wurde die Gipfeljause (Chili-Gurken! Chili-Käse!). Umso süßer schmecken heute die im Kopf bewahrten Erinnerungen. An den Klettersteig auf den Ennstaler Tausing oder das Glühen der Lienzer Dolomiten, zu früher Stunde bestaunt, direkt vom glasumrahmten „Adlerhorst“ der Dolomitenhütte aus. Wem das zu schick ist, sei der Fußmarsch zur rustikaleren Karlsbader Hütte und die Weiterwanderung auf Laserzwand oder Große Sandspitze empfohlen.

Sätze, die vor nicht allzu langer Zeit hier nie gestanden wären. Aber Sie wissen schon: die Schmetterlinge! Markus Zottler


#20 Elementare Liebe

Erich Kästner, ein Großer, hielt einmal fest: Die Erde, ein Stern mit sehr viel Wasserspülung. Ich sage: Gut so! Berge? Beeindruckend, doch sie standen mir stets zu sehr in der Gegend herum. Wasser ist für mich eine andere Dimension. Es schwätzt nie und hat einem doch ewige Epen zu erzählen, verliert sich so schön in sich selbst.

Der Millstätter See, tief, frisch und echt, war das Taufbecken meiner Jugend. Nach wie vor ist eine halbstündige Schwimmeinheit darin ein Erlebnis. Der Grundlsee, lieb und teuer gewordene Entdeckung späterer Lebensjahre, lockt eiskalt: Komm nur rein – wenn du dich traust! Dann die Meere im Norden, wo schiefer Wind dem Festlandmatrosen Gischt in das Gesicht wirft: raue Endlosigkeit. In einem früheren Leben war man womöglich irischer Seemann mit der Füllfeder in der Hand. Wird es zu frostig, an den Ozeanrand setzen – und: schauen. Die Wellenwelt stutzt Mensch auf das zusammen, was er ist: Sandkörnchen im Ganzen. Nicht weniger – aber auch niemals mehr. Thomas Golser

#21 Karibik-Blau

Fast fühlt es sich so an, als läge der Duft des Meeres in der Luft, jener, der nach Freiheit schmeckt und gedanklich fortträgt an einen Ort voll tiefer Entspannung und Seelenfrieden. Er ist die Adria des österreichischen Südens, der ganze Stolz jener, die geblieben sind, aber auch derer, die auszogen, um die Welt zu sehen – der Wörthersee.

Ein Blick hinunter von der obersten Plattform des hölzernen Aussichtsturms, der am Gipfel des Pyramidenkogels thront, zeigt ihn eingebettet in einen Kessel zwischen Berg- und Hügelketten, wie ein flüssiger Saphir, der das Sonnenlicht zurückwirft und ein Spiegel dessen ist, was die Kärntner an ihrer Heimat so lieben. „Du kommst aus einer Postkarte“, hat vor vielen Jahren eine deutsche Freundin über den Wörthersee gesagt. Und es stimmt, denn der See lässt aus jeder Perspektive seine Schönheit erkennen, sei es beim Spaziergang an der Promenade in Velden, beim Sonnenbaden im Strandbad Maiernigg oder beim Spritzer-Genießen im Pörtschacher Jilly Beach. Simone Rendl

#22 Wenig erfrischend

Es ist nicht die Ägäis, so viel steht fest. Zu viele kantige Bergspitzen, zu viel sattes Grün, Kühe statt Eseln, aber Wasser, viel Wasser in allen Blau- und Grüntönen hat auch das Salzkammergut. Der Griechenlandurlaub wurde storniert – man wollte ja kein unnötiges Risiko eingehen – und nun sollte die Sommerfrische Einzug halten. Stattdessen steigt die Nervosität. Und zwar nach dem Urlaub, zu dessen Höhepunkten auch ein Besuch in St. Wolfgang gehört hatte.

Dort ist nun ein Corona-Cluster aufgepoppt und das schlechte Gefühl, das einen bei der Fahrt in der voll besetzten Schafbergbahn beschlichen hatte, als der direkte Sitznachbar seine vorgeschriebene Maske lässig am Kinn hängen ließ, kommt wieder hoch. Kratzt da etwa der Hals? Schnupfen? Mann und Kind? Nein, nur die Allergie … Mittlerweile sind schon über 14 Tage seit dem Besuch vergangen, erleichtertes Aufatmen. Ist nicht einmal mehr die Sommerfrische, was sie einmal war? Doch: wunderschön, wanderbar und ein großes Abenteuer für die ganze Familie. Nora Kanzler

#23 Karibik, so nah

Warum in die Ferne schweifen? Sieh, das Gute liegt so nah.“ Goethes Botschaft bekommt in Zeiten wie diesen geradezu prophetische Bedeutung. Beim Versuch, mein Fernweh mit Reiseberichten in internationalen Medien zu stillen, taucht vielerorts für mich Naheliegendes auf, im wahrsten Sinne des Wortes.

Geradezu hymnisch die Beschreibung des Biosphärenparks in den Kärntner Nockbergen in der deutschen „Welt“. Im Schweizer „Tagesanzeiger“ weckt die Erklimmung der Großglockner-Hochalpenstraße auf einem E-Bike auch meine Lust, den Berg einmal so zu bezwingen. Eine Fotoserie des verträumten Weissensees in einem französischen Onlineportal erinnert mich an den Wanderweg am Ostufer, den ich noch immer nicht gegangen bin. Und dann schwärmt der britische „Guardian“ über einen Geheimtipp für Genießer: die „Karibik der Alpen“. Dort, im türkisfarbenen Wörthersee tauche ich fast täglich ein, also vor meiner Haustüre. So nah und schön kann sich Karibik anfühlen. Michael Sabath

#24 Mamma, Mia ... ist schlecht

Fernweh ist im Grunde ja nichts anderes als ein Konzentrat (nicht) gesammelter Erfahrungen. Und so zog es einen in prä-coronalen Urlaubszeiten in den Süden. Aber: Nicht nur in den Alpen bieten Sommer Frische. Das war die Erkenntnis am fünften Starkregentag auf diesem griechischen Eiland. Zu 10 Grad und Dauerregen (Anfang September!) gesellte sich bald ein Virus, das der gesamten Insel auf den Magen schlug und für Gedränge bloß noch an Toilettenanlagen sorgte: der Norovirus.

Ausgerechnet auf jener Insel, wo alle wegen dieses Abba-Films herumkreischen. Mamma, Mia (ist schlecht)! Muscheltauchen einmal anders. Seit damals: nur noch Norden. Überm Polarkreis sind Schneeflocken im Juni ganz normal, dafür gibt’s Sonne um Mitternacht. Nur heuer nicht. Da pausiert das Zugvogeldasein und man stellt fest, dass es am Schwarzensee in der Kleinsölk auch nicht anders aussieht als im norwegischen Fjord. Und daheim am Hof gibt’s auch noch genug zu erforschen: Auf zur Ackerdemie der Wiesenschaften! Ulrich Dunst


#25 Der Köpfler

Das Schwimmbad zwischen Mühlgang und Fröbelschule in Graz ist seit vielen Jahren planiert (dort ist jetzt der Friedenspark), die Erinnerung daran ist frisch wie das 16 Grad kalte Wasser an jedem Saisonbeginn. Viel altes Holz (immer ein Spal als Souvenir), ein Betonbecken und ein Bademeister, der auch den hitzigeren Gemütern unter den Nachbarskindern Respekt einzuflößen wusste.

Von den Größeren habe ich mir dort das Köpfeln abgeschaut. Das sah so aus: Ich ging in die Hocke, streckte die Arme nach vorn und rollte im Zeitlupentempo vom Beckenrand ins Wasser. Plumps. Was für ein Fortschritt, ja ein Adrenalinkick – einmal nicht mit den Fußsohlen voraus. Okay, bis der Kopfsprung als solcher von den Großen anerkannt war, fielen schon Blätter von den Bäumen.

Als heuer nach dem Lockdown das Ragnitzbad endlich wieder öffnete, tauchte die Anekdote in meinem Kopf auf. Ende Mai, das Wasser 16 Grad. Aber kein Köpfler. Die Erinnerung hatte sich doch wärmer angefühlt. Hannes Gaisch-Faustmann

#26 Unter Stock und Stein

Es war Juli oder August, doch die Sonne hatte uns für einige Tage die Gefolgschaft versagt. Es war stockdunkel, aber deshalb hatten wir schließlich unsere Karbidlampen. Bei sommerlichen Temperaturen um die zehn Grad zwängten wir uns durch enge Gänge über scharfkantige Felsbrocken und Lehmbecken. Vom Rot meines „Schlaz“ – meines Overalls – war nichts mehr zu sehen. Und als wir uns im Biwak nach stundenlangen Entbehrungen völlig erschöpft in unsere Schlafsäcke wickelten, folgte ein tiefer, traumloser Schlaf. Sobald ich das Erwachen in völliger Finsternis und die damit verbundene aufkeimende Panik überwunden hatte, gab es ein karges Frühstück, bevor wir unseren Abstieg fortsetzten – immer tiefer in den Berg. Bald hatte ich jedes Zeitgefühl verloren.

Doch als wir am Ziel waren, in einem steinernen Dom mit funkelnden Sinterwänden und Tropfsteinen, mit dem Wissen, dass nur eine Handvoll Menschen vor uns hier war, waren alle Strapazen vergessen. Bis wir den Rückweg antraten. Matthias Reif

#27 Verkehrte Welt

Der große Umberto Eco hat einmal in einem kleinen Essay Sehnsuchtsorte des postmodernen Menschen entzaubert. Der geniale Semiotiker warf einen Blick hinter die Kulissen von Disneyland, das von Menschen am Laufen gehalten wird, die alles andere als märchenhafte Arbeitsbedingungen vorfinden. So ließe sich auch so manche heimatliche Idylle, wo dem gehetzten Städter das Herz aufgeht, dechiffrieren.

Mit bewundernswerter Beharrlichkeit hat Martin Eberle über Jahre hinweg ein altes Herrenhaus mit angrenzendem Park im provenzalischen Uzès in ein Kleinod der Entschleunigung verwandelt. Im 21. Jahrhundert bestimmen hoffentlich nicht mehr Landesgrenzen, was als Sommerfrische gerade noch durchgeht. Da genügt ein Buch, um im Liegestuhl am Naturteich in Südfrankreich in eine weitere Gegenwelt abzutauchen, während der Hausherr die Zimmer aufräumt.

Übrigens: Ganz oben auf der Liste der Sehnsuchtsorte unseres lieben Freundes Martin steht Graz. Was sonst? Michael Jungwirth

#28 Fremd in den Alpen

Das Comeback auf den Bergen erfolgte spät. Das hatte Gründe, die nicht unmittelbar mit einem fiesen Virus zu tun haben. Als (sehr) junger Wanderer wurden die heimischen Alpen noch unter der elterlichen Obhut erkundet. Davon übrig geblieben sind eine Diddl-Maus und die Erinnerung an einen inflationär nach außen dringenden Mageninhalt auf der Zahnradbahn in Kaprun.

Sommerfrische schmeckt anders. Zur berechtigten Ehrenrettung meiner Eltern: Da sind auch noch Bilder und Gerüche von Almwiesen, kristallklaren Bergseen sowie grasenden Kühen abgespeichert. Jahre nach dem Bahn-Vorfall werden diese wieder aufgesucht, wenn die eigene Festplatte voll ist. Die Alpen mit ihren felsigen Klettersteigen und den Bergmassive empormäandernden Wegen sind nicht mehr fremd. Das Comeback ist geglückt. Mitte August steht deshalb eine zehntägige Wanderung vom Dachstein nach Murau an. Einziges Kriterium dafür war, dass die Route eh ohne Zahnradbahnen auskommt. Kirin Kohlhauser