Bora Cosic_picturedesk_freistller

Von Bora Ćosić

Schriftsteller, 89. Früher Serbien, heute Berlin.

N

icht jeder, der das Ereignis auf dem Foto betrachtet, muss es auf Anhieb verstehen. Eine Gruppe von Bürgern und Bürgerinnen verabschiedet mit Begeisterung eine Panzerkolonne, obwohl die jungen Männer auf den Panzern in den Krieg ziehen. Die Zuschauer bleiben indes, als wären sie im Theater oder Fußballstadion, dort, in Sicherheit, aber wie es den Soldaten auf den Panzern ergehen wird, ist die Frage. Dann ist unklar, wo dies geschieht und wann. Weil wie im Theater an ein und demselben Ort ganz unterschiedliche Inhalte veranstaltet werden können.

Es gibt ein Filmdokument, das einen Platz in einer großen Stadt zeigt: Die Menge begrüßt in einer Version den Einzug von Okkupanten, in der anderen den Marsch der Befreier. Vielleicht handelt es sich bei den gleichermaßen Begeisterten nicht um dieselben Leute, aber vielleicht doch. Deswegen glaube ich nicht an große Menschenansammlungen und ihre Absichten. Seit meiner frühesten Kindheit sah ich viele ähnliche Vorfälle, Menschenmassen auf Plätzen und Straßen, die Forderungen schreien, fast brüllen. Meist sind es Szenen des Protestes und Hasses, große Bevölkerungsgruppen sind über etwas verbittert und brüllen. Dann gibt es auch diese andere Version von Demonstrationen, von Leuten, die von etwas, was sich vor ihren Augen abspielt, bezaubert sind.

Einerlei, die große Frage ist, ob ihre Teilnehmer verstehen, wo sie hineingeraten sind. So ein Fall ist der, den wir gerade betrachten, denn da, im Jahre 1991, verabschieden die Bürger des freiheitlichen Belgrad ihre Armee auf dem Weg, eine Stadt des gemeinsamen Landes, Vukovar, zu vernichten. Ich bin nicht sicher, ob jeder von ihnen verstanden hat, worum es geht. Weil der Einzelne, wenn er sich in die Gruppenformation begibt, die sich Volk nennt, viel von seiner Identität einbüßt, da er sein eigenes Bewusstsein meist hintanstellt. Deshalb, ich wiederhole es, glaube ich nicht an große Gruppierungen Einzelner, die, sobald sie in dieser Gruppe sind, aufhören, Einzelne zu sein.

Ich weiß nicht, ob in der langen Geschichte der Spezies Mensch der Umstand einkalkuliert ist, dass man diese Spezies nur in der Gruppe sein kann. Weil es natürlich war, dass die Horde unserer halbwilden Vorfahren gemeinschaftlich daranging, den Bison zu bezwingen, später jedoch hatten, wie wir wissen, viele die Gelegenheit, sich in die Einsamkeit zurückzuziehen, wo man ebenfalls zur allgemeinen Vermenschlichung beitragen kann. Gerade wegen der Begeisterung meiner Mitbürger verließ ich damals diese Stadt, dieses Land.

Aus dem Serbischen von
Katharina Wolf-Grießhaber
Fotos: KK, Picturedesk.

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