Interaktiv

Im Kriegsgebiet | Tagebücher aus der Ukraine

Von Christian Wehrschütz, Olia Fedorova, Karina Beigelzimer und Zhenya Laptii

Karina Beigelzimer

Mein Handy klingelt, ich antworte kurz: „Ich habe heute die freiwillige Schicht im ‚Punkt der Unbesiegbarkeit‘ übernommen.“

„Wo hast du Schicht?“, fragt meine Freundin aus Heidelberg sehr erstaunt.

Plötzlich verstehe ich, dass sie überhaupt nicht weiß, worüber ich spreche. „Punkt der Unbesiegbarkeit“ oder „Stabilitätspunkt“ ist das Projekt der ukrainischen Behörden, das im Herbst 2022 vor dem Hintergrund massiver russischer Beschüsse der kritischen Infrastruktur initiiert wurde. „Punkte der Unbesiegbarkeit“ sind Orte, an denen ein Generator läuft und Wärme, Wasser, Strom, mobile Kommunikation und Internet verfügbar sind. Völlig kostenlos und rund um die Uhr. Sie befinden sich sowohl in den Zelten des Rettungsdienstes, als auch in vielen Schulen und Verwaltungsgebäuden.

Ich habe Glück, heute gibt es in unserer Wärmestube nicht viele Leute, weil es in diesem Viertel in den letzten zwei Stunden keinen Stromausfall gab. Sonst wären die Warteschlangen lang. Trotzdem kommen einige Menschen aus anderen Stadtteilen zu mir. Ein älterer Mann möchte sein Handy aufladen und wie er sagt, „sich bezüglich der Nachrichten auf den neuesten Stand bringen“. Eine junge Frau hat wegen der Stromausfälle keine funktionierende Heizung und sucht bei uns Wärme.

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    Während sie heißen Tee trinkt, erzählt ihr der Mann einen Witz, der in letzter Zeit in Odessa sehr beliebt ist:

    Treffen sich zwei Einwohner der Stadt Odessa. Der eine fragt: „Und, wie ist die Situation, was sagt man?“

    „Man sagt, dass Krieg ist“, sagt der andere.

    „Was für ein Krieg?“

    „Russland führt Krieg gegen die Nato.“

    „Und, wie läuft der Krieg?“

    „Na ja, die Russen haben 70 000 Truppen verloren, fast alle Raketen verbraucht, sehr viel Militärgerät ist zerstört.“

    „Und wie ist es bei der Nato?“

    „Nun, was mit der Nato ist? Die Nato ist noch nicht angekommen.“

    Ich höre auch zu und muss schmunzeln. Neben der Tür sehe ich plötzlich ein paar Schüler und Lehrer.

    Vor kurzem hat das zweite Schulsemester begonnen und nicht alle haben wegen der täglichen stundenlangen Stromausfälle die Möglichkeit, von zu Hause aus zu lernen oder zu arbeiten. Deshalb sind die „Punkte der Unbesiegbarkeit“ für viele eine Rettung. Obwohl es in der Stadt immer mehr Schulen mit einem Luftschutzkeller gibt, lernen die meisten Schüler online. Natürlich ist Online-Unterricht immer noch besser als überhaupt kein Unterricht. Nach zwei Jahren Pandemie und 11 Monaten Krieg mangelt es nicht an Möglichkeiten und Instrumenten, ihn sachgerecht durchzuführen. Es gibt unzählige Plattformen, über die man Unterricht machen kann, sowie die Möglichkeit, für diejenigen, die nach wichtigen Informationen suchen, diese herunterzuladen.

    Die 17-jährige Valeria bereitet sich im "Punkt der Unbesiegbarkeit" auf Ihre Prüfungen vor. Foto: Privat.

    Das bestätigt mir auch der 14-jährige Olexiy und zeigt etwas sehr Spannendes auf seinem Smartphone. Es geht um die mobile Anwendung für Smartphones und Tablets, mit der man auch bei Stromausfällen weiterlernen kann. Sie wurde vom ukrainischen Team der virtuellen Schule „Unicorn School“ entwickelt. Dank der intelligenten Download-Funktion wird das Unterrichtsmaterial in allen Fächern per Fernzugriff direkt auf das Gerät heruntergeladen, und das Kind kann bereits in der Anwendung lernen, auch ohne Licht und Internet, was in der letzten Zeit sehr oft passiert. Gleichzeitig hat der Schüler weiterhin Zugang zu Lehrbüchern und mehr als 17.000 anderen Unterrichtsmaterialien. Aber die Einzigartigkeit der Anwendung liegt nicht so sehr in der Autonomie. Das Lernen findet in der Einhorn-Schul-App im Format eines Computerspiels statt, bei dem der Schüler zur Hauptfigur mit einem persönlichen Avatar wird – einem Ritter oder einer Prinzessin in einem märchenhaften Online-Königreich.
    Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass viele Schüler wieder in die Schule gehen wollen. „Die Beziehung zwischen Schülern und Lehrern über den Computerbildschirm“, sagt Olexiy, „ist eine ganz andere. Ich würde sie als künstlich bezeichnen. Außerdem fehlen mir meine Schulfreunde so sehr. Wir haben vor dem Krieg so viel in der Schule zusammen gemacht.“

    Auch die 17-jährige Valeria Ruseva, die sich im Punkt der Unbesiegbarkeit auf ihre Prüfungen vorbereitet, ist der Meinung, dass nichts die reale Kommunikation ersetzen kann. Bald wird sie die Schule beenden, aber sie weiß noch nicht genau, was sie weiter machen wird. „Unser brutales Nachbarland hat unsere Pläne geklaut“, sagt Valeria, „unsere Träume sind nicht so farbig wie früher, nach so vielen Beschüssen und Fliegeralarmen sind sie eher schwarz-weiß geworden, aber sie existieren.“

    Und in diesen Träumen sieht sich das Mädchen an einer Universität in der freien Ukraine.

    Ich will die junge Frau nicht weiter beim Lernen stören und gehe zur UFO-Lampe. Mit wird angenehm warm, ich setze mich auf den Stuhl und schaue auf die Uhr. Meine Schicht dauert fast vier Stunden und ich werde bald nach Hause gehen. In diesem Moment kommen zwei Frauen mit kleinen Kindern herein. Ich denke, dass es jetzt laut sein wird. Aber die Kinder sitzen ruhig. Ich komme zu ihnen und lade sie in die Kinderecke ein. Dort liegen viele Spielzeuge. Ein Mädchen namens Anna möchte aber nicht spielen. Auf meinem Tisch liegen ein paar Bonbons, ich frage die Mutter, ob ich der Kleinen einen geben darf. Sie nickt. Anna freut sich und fragt mich: „Darf ich zwei Bonbons haben? Einen schicke ich meinem Vater, der ist an der Front.“ Ich umarme das Mädchen und wische heimlich und unauffällig meine Tränen weg. Dieses vierjährige Kind ist so stark, auch ich will stark bleiben. Und unbesiegbar, wie sie, ihr Vater und Millionen anderer Ukrainer, die mutig gegen den Feind kämpfen. Ich freue mich auf meine nächste Schicht im „Punkt der Unbesiegbarkeit“.

Zhenya Laptii

Das Phänomen der ukrainischen Freiwilligenarbeit wird zukünftig wahrscheinlich noch genauer behandelt werden müssen, da unter den derzeitigen Bedingungen eines realen Krieges wohl nur wenige Menschen „Freiwilligenarbeit“ als eine besondere oder gar herausragende Form sozialen Engagements erachten. Die Geschichte dieses Phänomens lässt sich jedenfalls bis in die Zeit der Maidan-Revolution zurückverfolgen. Damals, in den Jahren 2013 und 2014, hörten wir von Freiwilligen, die den Demonstrantinnen und Demonstranten und später auch der Armee an der Front halfen. Ich erinnere mich, dass ich Zeugin davon wurde, als die Menschen während der Maidan-Demonstrationen in Charkiw eines Tages damit begannen, sich selbst zu organisieren und Lebensmittel und andere Dinge zu sammeln, um sie danach nach Kiew zu bringen. Alle fühlten sich etwas Großem zugehörig und für die Zukunft ihres Landes verantwortlich. Neun Jahre nach dem Beginn der Demonstrationen auf dem Kiewer Maidan, in welchen wir die Annexion der Krim und den Krieg im Donbass er- und überlebten, durchleben wir nun einen allumfassenden Krieg, der jedoch der Freiwilligenarbeit keinen Abbruch tat. Ganz im Gegenteil: Das Engagement erreichte ein gänzlich neues Niveau. Jetzt kaufen Freiwillige Satelliten und Panzer, Schutzwesten und Drohnen und eifern bei ihren Beschaffungen mit dem ukrainischen Verteidigungsministerium um die Wette.

Als ich in die Ukraine zurückkehrte, war ich sehr daran interessiert, hinter die Kulissen dieses „Freiwilligenlebens“ zu blicken. Es war überaus spannend zu erfahren, wie eine Freiwilligenorganisation unter den Bedingungen realer Kriegshandlungen funktioniert.

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    Ich fand schnell Aktivistinnen und Aktivisten, die mich unter ihre Fittiche nahmen. „Gewöhnliche Menschen“ ist der Name der Freiwilligenorganisation, der ich mich angeschlossen habe. Seit den ersten Kriegstagen erweisen sie Zivilisten und Militärangehörigen Hilfe; sie reisen in abgelegene, von den ukrainischen Streitkräften zurückeroberte und völlig verwüstete Dörfer, in denen es keinen Strom, keinerlei Kommunikationsmöglichkeiten und auch keine Geschäfte mehr gibt.

    Ira, die Leiterin meiner Organisation, berichtete, wie sie mit der Freiwilligenarbeit begonnen hatte und erzählte mir eine Geschichte, die angesichts ihrer harschen Abrechnung mit den medizinischen Einrichtungen in der Ukraine verblüfft und gleichzeitig mit der von Ira an den Tag gelegten Menschlichkeit und Beharrlichkeit fasziniert.

    2018 hatte Ira keine Ahnung, dass sie eines Tages eine Freiwilligenorganisation leiten würde, doch nehmen alle großen Dinge bekanntermaßen ihren Anfang im Kleinen. Irgendjemand hatte ihr in ihrem Chatroom mitgeteilt, dass Essen für den kleinen Dmytro (Name geändert) ins Krankenhaus gebracht werden müsse (seinen Eltern war wegen Drogenmissbrauchs die Obsorge für das Kind entzogen worden). Dmytro verweigerte zum damaligen Zeitpunkt jegliche Nahrungsaufnahme. Ira hatte damals keine Ahnung, dass dieser Tag ihr Leben grundlegend verändern würde. Sie kaufte die entsprechende Nahrung und suchte den kleinen Jungen im Krankenhaus auf.

    Auf der Krankenstation lag ein kleines Kind. Dmytro weinte nicht, lachte nicht, sprach nicht – er machte überhaupt nichts und regte sich nicht, sondern lag bloß da und weigerte sich zu essen. Die Ärzte hatten ihm lebenserhaltende Infusionen gesetzt und seine Arme und Beine festgebunden, sodass er sich nicht bewegen konnte. So lag das kleine Kind ganze vier Stunden lang da, bis alle Infusionsbeutel leer waren. Ira konnte angesichts dieser unmenschlichen Behandlung des kleinen Jungen nicht gleichgültig bleiben und bat darum, Dmytro zur Erstellung einer Diagnose zu einem ihr bekannten Arzt zu bringen, um ihn schnell heilen und aus dieser einem Konzentrationslager ähnelnden medizinischen Einrichtung wegbringen zu können.

    Aber der Arzt konnte keine Diagnose stellen. Er sagte, das Kind sei körperlich vollkommen gesund, doch weigere es sich, aus psychischen Gründen zu essen, weil es einfach nicht leben wolle. Ira wurde klar, dass sie Dmytro aus den blutrünstigen Fängen des staatlichen ukrainischen Vormundschaftssystems retten müsse.

    Sie begann, nach Dmytros Angehörigen zu suchen, wobei sich herausstellte, dass er entfernte Verwandte hatte, die bereit waren, ihn zu adoptieren. Er konnte gerettet werden und ist heute ein gesunder und glücklicher Junge. Mit dieser Geschichte begann Iras Weg in die Freiwilligenarbeit.

    Eindrücke aus einem beschädigten Kinderkrankenhaus - nicht jenes, in dem die Autorin zu Gast war, sondern eines in Cherson. Foto: APA/AFP/Dimitar Dilkoff

    Als sie mir nun bei unserem Treffen anbot, einigen in einem Krankenhaus „festsitzenden“ Mädchen Sachen vorbeizubringen, stimmte ich natürlich umgehend zu. Diesbezüglich muss man wissen, dass mit Beginn des Krieges sämtliche Internate aus Charkiw in die Westukraine evakuiert worden waren. Als die Kriegshandlungen in der Stadt nachließen, wurde die Hälfte der Kinder wieder zurück nach Charkiw geschickt. Die Mädchen landeten schließlich bei einem Vormund in einem Familienheim, wobei jeder Vormund vom Staat Geld für den Unterhalt von Minderjährigen erhält. Eines Tages brachte der Vormund die Mädchen schließlich zur Untersuchung ins Krankenhaus und verschwand, ohne den Mädchen Dokumente und Habseligkeiten zurückzulassen. Eines Abends begaben wir uns sodann zu vorgerückter Stunde mit Essen und Kleidung zu diesen Mädchen.

    Sie begrüßten uns freudig, wenn auch etwas zurückhaltend. Die diensthabende Krankenschwester rief die Mädchen zu sich, woraufhin wir gemeinsam die Pakete auspackten und die Mädchen die mitgebrachten Kleidungsstücke anprobierten. Sie erzählten, dass sie bereits seit zwei Monaten im Krankenhaus seien und ihnen niemand sagen könne, wann man sie abholen würde, ob sie einen neuen Vormund bekämen, gar zurück zum alten müssten oder vielleicht sogar wieder ins Internat kämen. Als wir auf das Internat zu sprechen kamen, wurden die Mädchen plötzlich still und ließen uns wissen, dass sie uns darüber nichts sagen könnten.

    Ich verstand das nur allzu gut, denn auch ich hatte mich einmal vor längerer Zeit über die Weihnachtstage in ein Internat begeben, wo wir mit den Kindern Weihnachten feierten. Es war ein Internat für Kinder mit schweren psychoneurologischen Erkrankungen. Meine Tage in diesem Internat hinterließen in meiner Erinnerung einen derart tiefen Eindruck, den ich nur mit der Zeit der russischen Besatzung vergleichen kann. Die Kinder hatten sich nach Aufmerksamkeit und Liebe sowie einer Familie gesehnt. Ira sagte mir, dass es in solchen Einrichtungen für jedes Kind ein Kindermädchen geben sollte, doch werde aufgrund der Korruption in unserem System einer Gruppe von 15 Kindern nur ein Kindermädchen zugeteilt. Das vom Staat bereitgestellte Geld für die Gehälter der übrigen, nichtexistierenden Kindermädchen lande in den Taschen der Internatsleitung.

    Eine Person kümmert sich somit um 15 Kinder, die eines besonderen Maßes an Zuwendung und Betreuung bedürfen würden. Ich denke, Sie können sich vorstellen, dass das nicht ausreichend sein kann.

    Die Ukraine braucht eine ernsthafte Reform in Bezug auf ihre Waisenhäuser und die Kinderbetreuung. Denn an der grassierenden Korruption leiden gerade die wehrlosesten Teile der Bevölkerung am allermeisten, d. h. Kinder, die keine Eltern und auch sonst niemanden haben, der sich um sie kümmert. Diese Aufgabe wird von Menschen wie Ira wahrgenommen – von Freiwilligen, die nicht nur Flüchtlingen und Militärangehörigen, sondern auch Waisenkindern helfen. Von Menschen, denen es einfach wichtig ist, allerorts und überall, wo sie benötigt werden, Hilfe zu leisten.

Karina Beigelzimer

Gehörlosigkeit ist nach wie vor ein Thema, über das in unserer Gesellschaft nur sehr selten offen gesprochen wird. Mangelndes Wissen und unzureichendes Bewusstsein trugen noch vor dem Krieg dazu bei, dass bei gehörlosen Menschen keine vollständige Inklusion möglich war. Was aber begegnet jetzt im Krieg den Menschen, deren Welt für gewöhnlich still ist?

Ich stehe am Bahnsteig in Odessa und erwarte zwei Flüchtlinge aus einem Dorf bei Charkiw. Ihr Haus wurde zerstört, sie haben den Angriff zum Glück überlebt. Irina und Alexander sind beide von Geburt an taub. Wenn sie miteinander sprechen, benutzen sie die Gebärdensprache. Irina kann von den Lippen lesen, aber nicht alles.

Bei Wörtern, die mehr als zwei Silben haben, hat sie Probleme mit dem Verstehen. Und sie kann sogar sprechen, obwohl sie ihre eigene Stimme noch nie gehört hat.

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    Plötzlich gibt es Fliegeralarm und ich höre das laute Summen von Drohnen, aber die beiden hören es nicht. Sie sehen ratlos, wie die Menschen sich schnell verstecken. Mir ist sofort klar, die beiden brauchen dringend Hilfe und das nicht nur jetzt. Zum Glück kann man solche Hilfe in Odessa finden.

    In unserer Stadt gibt es die Gebärdenschule „Surdo School“. Es ist ein soziales Projekt, das vor vier Jahren entstand. Die junge Künstlerin Kateryna Khomenko hatte einen gehörlösen Jungen kennengelernt und verstanden, wie schwierig es für ihn war, andere zu „erreichen“ und einfach normal in unserer Gesellschaft zu leben. Sie begann die Gebärdensprache zu lernen und studierte später das Fach Surdopädagogik (Gebärdensprach- und Audiopädagogik).

    Sie ist sehr stolz, dass sich in der „Surdo School“ viele Leute mit der Gebärdensprache, die von gehörlosen Lehrern unterrichtet wird, vertraut machen konnten.

    Seit dem 24. Februar versucht die Schule einen angemessenen Beitrag zum gemeinsamen Kampf aller Ukrainer zu leisten. „Jetzt sind wir zu einem humanitären Hub, einem Koordinationsort und einer Hotline geworden, an die sich in schwierigen Zeiten eine Person mit Hörbehinderungen aus Odessa und anderen Orten wenden kann“, – erzählt Kateryna Khomenko. Die Kommunikationskoordinatorin
    Marta Smyrnova ergänzt, dass leider aber auch „viele Gehörlose und Schwerhörige durch den Krieg ihre Arbeit verloren haben und gezwungen sind, von Ersparnissen zu überleben.“ Derzeit ist es für eine Person mit einer Behinderung fast unmöglich, einen Job zu bekommen, Schwerhörige sind gezwungen, die Jobs mit gefährlichen Arbeitsbedingungen für einen sehr geringen Lohn zu machen.

    Die staatlichen Zuschüsse reichen nicht aus, um die Kosten für die benötigten Hörgeräte und/oder Ersatzteile zu decken. Da die Betroffenen sich Hörgeräte und all das, was dazu gehört, nicht leisten können, treffen sie oft die Entscheidung, stattdessen nur Lebensmittel oder andere lebenswichtige Dinge zu kaufen. Die meisten Menschen verstehen aber keine Gebärdensprache. Insofern wäre ein Hörgerät der beste Weg für ein normales Leben.

    Künstlerin Kateryna Khomenko vom inklusiven Projekt "Surdo School". Foto: Privat

    Von der Außenwelt isoliert zu sein, ist jetzt besonders gefährlich, wenn das Risiko, etwas nicht zu hören, eine direkte Bedrohung für das Leben darstellt. Das Pfeifen und Donnern von Raketen gehören zu den Schrecken des russischen Krieges in der Ukraine. Aber stellen Sie sich vor, Sie hören keine Explosionen. Stellen Sie sich vor, Sie merken, dass Sie in Gefahr sind, erst wenn die Explosionen so nah sind, dass das Haus, in dem Sie leben, wackelt.

    Kateryna und Marta von der Surdo School nennen mir viele Namen von ukrainischen und internationalen Organisationen und Stiftungen, die ihr ehrenamtliches Engagement unterstützen.

    Aber die wichtigste „treibende Kraft“ sind Spenden von ganz gewöhnlichen Menschen. Dank der Aktion „Save your hearing – save your life“ wurden 245.000 Hrywnja (etwa 5925 Euro) auf der Crowdfunding-Plattform „My City Odessa“ gesammelt, und etwa 100.000 weitere wurden vom Rotary Club Odessa beigesteuert. Die Spendenaktion endete im Juli, aber man hat erst im Herbst begonnen, die Geräte an die betroffene Personengruppe zu verteilen. Soviel zur zeitlichen Umsetzung von sozialen Projekten in Kriegszeiten.

    „Irgendwo hat man auf ein Dokument gewartet, ein Monat ist vergangen – die Preise haben sich verdreifacht. Es ist notwendig, alles auf eine neue Art und Weise zu wiederholen“, erzählen Kateryna und Marta. „Wir haben einen sehr großen Zustrom von Hilfeanträgen. Die Kommunikation mit den Gehörlosen kostet viel Zeit und Energie, so war es schon zu Friedenszeiten, jetzt erst recht. Selbst wenn eine Person die Gebärdensprache beherrscht, bedeutet dies nicht, dass es keine Missverständnisse geben kann. Die werden aber meistens schnell gelöst.“

    Das Team hat bereits mehr als 30 Familien von Gehörlosen in EU-Länder evakuiert. Und seit neun Monaten sammelt es erfolgreich Spenden für spezielle Batterien und Komponenten für Hörgeräte. Sie wurden bereits an mehr als 200 Menschen aus der Region Odessa, Mykolajiw und sogar Vinyitsa und Cherkasy verteilt.

    „Surdo School“ wurde im Dezember 2022 als vorbildliches inklusives Projekt in der Ukraine ausgezeichnet.

    Und hier, in der „Surdo School“, werden die beiden Geflüchteten, die ich vom Zug abgeholt habe, bestimmt kompetente, professionelle Hilfe und freundliche Zuwendung finden.

Olia Fedorova

Die Stadt der Spanplattenfenster: Das ist derzeit der beste Ausdruck, um Charkiw zu beschreiben. Die bei den Explosionen zertrümmerten Fenster werden durch Grobspanplatten (auch als OSB-Platten bezeichnet) ersetzt. Sie haben einen charakteristischen warmen gelborangen Ton, der sich besonders gut von den weißen und grauen Wänden der Plattenbauten abhebt. Manche Leute kaufen und montieren diese Platten selbst, aber für gewöhnlich richtet man eine Anfrage an das Servicecenter seines Viertels, das dann ein Team von Fachleuten mit allen notwendigen Materialien schickt und alles wird kostenlos in der Wohnung installiert.

In Vierteln wie Saltiwka, wo meine Mutter und ich unsere Wohnung haben (in der wir allerdings in den ersten Kriegsmonaten nicht wohnten, meine Mutter zog zu mir in meine Mietwohnung im Stadtzentrum, das damals nicht so stark bombardiert wurde), sind jetzt fast alle Fenster aus Spanplatten. In unserem Haus war die Hälfte der Fenster weg, wir hatten Glück, dass in unserer Wohnung nur ein Fenster durch die Explosionswelle beschädigt wurde – mein Großvater hat es provisorisch mit einer Folie repariert. Wenn wir zurück sind, werden wir dort ein neues Fenster einbauen, ein richtiges. In den Höfen von Saltivka, die normalerweise von Kinderstimmen erfüllt sind, die auf den Spielplätzen Spass haben, und wo Erwachsene mit ihren alltäglichen Dingen beschäftigt sind, ist es jetzt still. Das einzige Geräusch in dieser Stille sind die rhythmischen Schläge der Hämmer bei der Montage der Spanplatten. Und überall riecht es nach Holz.

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    Nach und nach kehrt das Leben in die Stadtteile zurück. Obwohl es immer noch ungewöhnlich ist, so wenige Autos und Menschen – im Vergleich zu den Vorkriegszeiten – auf den Straßen von Charkiw zu sehen. Mehrere Familien aus unserer Verwandtschaft und unserem Freundeskreis sind in die Stadt zurückgekehrt, und meine Großmutter meint, dass in ihrem Wohnviertel fast alle Nachbarn zurückgekommen sind.

    In den ersten Monaten waren meine Großeltern und drei bis vier Personen, alle älter als 60, dort die einzigen Menschen. Wenn man sich in der Stadt umschaut, vor allem in den Vierteln, die weit vom Zentrum entfernt sind, und besonders in denen, die am stärksten beschädigt wurden, ist man wirklich überrascht, dass fast alle Geschäfte wieder geöffnet haben. Die Geschäftsinhaber arbeiten wieder, und ihre Kunden freuen sich, bei ihnen einzukaufen, vertraute Orte zu besuchen – es gibt ihnen das Gefühl, dass sich das Leben wieder normalisiert. Dennoch ist ihnen klar, dass nichts mehr so sein wird wie früher, und selbst Sachen aus der Vorkriegszeit haben sich für immer verändert (und damit meine ich nicht nur die Preise, die um mindestens 25 Prozent gestiegen sind).

    Supermärkte, kleine Geschäfte, Cafés und Restaurants, Apotheken, Coffee-to-go-Stände… viele sehen so aus, als wären sie nicht in Betrieb, die meisten Fenster und Vitrinen sind auch hier mit Spanplatten verkleidet und die Lichter sind ausgefallen. Aber sie haben immer ein kleines, oft handgeschriebenes Schild an der Tür: „Wir haben geöffnet“, das einem zu verstehen gibt, dass es im Inneren geschäftig ist, auch wenn es nicht danach aussieht. Und das ist ein sehr interessantes Phänomen. Charkiw lebt, eigentlich ist es noch genauso lebendig wie früher, aber alles ist hinter den Spanplattenfenstern versteckt.

    Ein Muster aus gelblichen Flecken überzieht die Fassaden von Charkiw - es sind Spanplatten, die die zertrümmerten Fenster ersetzen wurden. Foto: Privat

    Auch im Freien passiert eine Menge. Seit den häufigen Stromausfällen gehen die Menschen wieder häufiger nach draußen. Ein Barista, den ich im Park beim Fluss traf – er betreibt ein Kaffeemobil – erzählte mir, dass er während des letzten massiven Stromausfalls so viele Kunden hatte wodurch er an einem Arbeitstag den Umsatz einer ganzen Woche machte. Mir ist auch aufgefallen, dass jetzt mehr Menschen in der Stadt mit dem Rad unterwegs sind und viel weniger Autos. Ein Freund meinte im Scherz: „Endlich ist Charkiw fahrradfreundlich geworden!“

    Es gibt immer noch öffentliche Verkehrsmittel auf den Straßen, hauptsächlich Busse, da die Infrastruktur für Straßenbahnen und O-Busse stark beschädigt wurde. Und natürlich die Metro. Sie hat ihre Aufgabe als unterirdischer Schutzraum beendet und ist wieder ganz zu ihre Hauptfunktion zurückgekehrt. Wenngleich die drei letzten Stationen der blauen Linie – die im Bezirk Saltiwka – lange Zeit geschlossen blieben und viele Menschen dort unten weiter lebten. Als auch sie wieder geöffnet wurden sah man immer noch auf den Treppen zurückgelassene Matratzen und Decken.

    Es ist interessant zu beobachten, wie sich der Stadtplan von Charkiw seit dem Kriegsbeginn verändert hat. Zu den bisherigen Sehenswürdigkeiten kamen die am stärksten beschädigten Gebäude und Gebiete hinzu. Beim Erstbesuch verhalten sich die Charkiwer wie in einem Museum oder einem Park. Sie kommen auf den Hauptplatz und fotografierten das Gebäude der Regionalverwaltung, das Anfang März von einer russischen Rakete getroffen wurde, spazieren durch die beschädigten Straßenzüge des Stadtzentrums und durch die Nachbarschaft von Saltiwka.

    Gästen in der Stadt und Journalisten zeigen sie diese Orte mit einem gewissen Stolz und erzählen mit Hingabe, wo sie selbst waren, als dieser und jener Luftangriff stattfand, was sie gehört und gesehen haben und was sie empfanden. Die Menschen in Charkiw haben verstanden, dass sie durch ihre Erfahrungen Teil eines historischen Ereignisses geworden sind, von etwas, das so stark ist, dass es gerade die gesamte Realität verändert. Und sie wollen diese Erfahrung weitergeben und die Erinnerungen für die Zukunft festhalten. Aber auch, um sich für immer an all das zu erinnern, was der Feind ihren Häusern, ihrer Stadt und ihrem Leben angetan hat.

    Übersetzung: Anton Lederer

Zhenya Laptii

Im Zentrum der Stadt erwacht alles aus einem langen und schlimmen Traum. Menschen suchen Kaffeehäuser und Einkaufszentren auf oder schlendern durch die Straßen. Immer mehr Geschäfte öffnen wieder ihre Tore. Die von den Explosionen verstümmelten Gebäude tragen gut sichtbar ihre Narben, während die Bewohner und Bewohnerinnen von Charkiw stolz von durchlebtem Schrecken und Schmerz sowie von ihrer Unbeugsamkeit erzählen. Die Stadt lebt in einer neuen Realität, in der Sirenen heulen und diverse militärische Gerätschaften sowie Fahrzeuge mit der Aufschrift „Cargo 200“ (ein Codewort für Militärfahrzeuge zum Transport gefallener Soldaten) auf den Straßen unterwegs sind.

Ich denke, ein Mensch kann sich an alles gewöhnen, was wohl auch für Unterbrechungen in der Strom-, Wasser- und Wärmeversorgung gilt. Und er gewöhnt sich auch an ständigen Beschuss und einen Krieg, der zum Alltag geworden ist. Letztendlich aber wird immer der Durst nach Leben obsiegen, weshalb sich die Stadt und die in ihr lebenden Menschen trotz des Krieges auf die Feiertage vorbereiten. Niemand will auf Weihnachts- und Neujahrsfeiern verzichten.

Fast alle meine Freunde und Freundinnen, die sich derzeit in Charkiw oder anderenorts in der Ukraine aufhalten, gehen ihren Feiertagsvorbereitungen nach. Sie haben den eisernen Entschluss gefasst, dass ihnen kein Krieg das Weihnachtsfest nehmen kann. Doch ist es gleichzeitig beängstigend, daran denken zu müssen, dass uns das „Brudervolk“ jederzeit auf seine typische Art und Weise zu den Feiertagen „gratulieren“ kann, so wie es dies auch bisher schon immer tat. Denn jeder Feiertag geht in der Ukraine mit einem massiven Raketenangriff einher, wovon wir uns aber nicht einschüchtern lassen.

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    In der Ukraine ist Weihnachten in erster Linie ein Familienfest. In unserem Land ist es üblich, dass sich die Familien am Weihnachtsabend versammeln und auf den festlich gedeckten Tisch zwölf Speisen aufgetragen werden, von denen sich die süße Getreidespeise Kutja der größten Beliebtheit erfreut. In den Straßen finden Krippenspiele statt, und man singt althergebrachte, traditionelle Weihnachtslieder. So war es zumindest in meiner Kindheit. Unter der Last der postsowjetischen Vergangenheit scheinen gewisse Traditionen jedoch allmählich in Vergessenheit zu geraten. Mir scheint, dass gerade der Krieg bei vielen Menschen in der Ukraine zur Schaffung eines neuen nationalen Identitätsgefühls beigetragen hat: Er führte Menschen auf der ganzen Welt und auch vielen Landsleuten vor Augen, dass die Ukraine nicht Russland ist und Ukrainer und Ukrainerinnen keine Russen und Russinen sind, sondern es sich bei ihnen um ein stolzes und mutiges Volk handelt. Denn wer sonst, wenn nicht die Menschen in der Ukraine, käme schon auf die Idee, einen Weihnachtsbaum in der U-Bahn aufzustellen, bloß weil auf dem Hauptplatz von Charkiw aus Sicherheitsgründen jegliche Feiern verboten sind?

    Menschen passen sich sehr schnell an neue Lebensrealitäten an, aber das bedeutet nicht, dass Traditionen aussterben müssen. Weihnachten und Neujahr sind wahrscheinlich die wichtigsten ukrainischen Feiertage, die immer sehr laut und fröhlich begangen wurden und an denen sich die Menschen in Erwartung der obligatorischen Salutschüsse auf Plätzen versammelten. Dieses Jahr wird es anstelle von Salutschüssen jedoch feindliche Raketen regnen.

    Feiertage sind für viele Ukrainer und Ukrainerinnen eine Gelegenheit, ihre Verwandten zu sehen, von denen manche die Besatzung überlebt und andere die Ukraine verlassen haben; einige sind vor dem Krieg geflohen, andere waren an der Front – doch jetzt gibt es für alle die Möglichkeit, sich zu treffen, zu umarmen und Weihnachten im Kreise der Familie zu feiern. Viele Menschen, die weggegangen sind, nehmen an, dass in der Ukraine derzeit eine deprimierende und niedergeschlagene Stimmung herrschen müsste, in der man nicht Weihnachten feiern könne, was jedoch keineswegs zutreffend ist. Die Menschen in Charkiw sehnen die Feiertage herbei, kaufen Geschenke und planen Neujahrsaktivitäten unter den Bedingungen der neuen Realität: Ausgangssperre bis 23 Uhr, immer wiederkehrende Abschaltungen von Strom, Heizung und Wasser. Letztendlich aber haben derartige Einschränkungen sogar eine einende und verbindende Funktion. Denn alle unweit der Front lebenden Menschen sehnen sich nach etwas Festlichem, das ihnen den Anschein einer Rückkehr in ein normales Leben vermittelt und ihnen ein Gefühl von Behaglichkeit, Sicherheit und Glück verheißt, auch wenn diese Augenblicke meist nur von kurzer Dauer sind.

    Trotz Krieg: Auch heuer verbreitet in Kiew ein Christbaum Weihnachtsfreude - hier am Sophienplatz. Foto: APA/AFP/Sergei Supinsky

    Die bittere Realität des derzeitigen Lebens offenbart sich indes darin, dass jederzeit überall eine Rakete einschlagen und alles zerstören kann. Angesichts dessen erhält das Fest der Geburt Christi im Sinne einer „Feier des Lebens“ auch eine neue und wesentlich tiefergehende Bedeutung: Die Menschen sind sich bewusst, dass das Weihnachtsfest und die feierliche Begrüßung eines neuen Jahres die letzten festlichen Anlässe in ihrem Leben sein könnten. Daher wird jeder Augenblick so gelebt, als wäre es der letzte.

    Die Menschen in der Ukraine trauern und weinen nicht – sie leben und bereiten sich auf die Feiertage vor, und das trotz ihres „brüderlichen“ Nachbarn, der sie einschüchtern, auslöschen und versklaven will, was ihm jedoch nicht gelingen wird.

    Die Ukrainer und Ukrainerinnen wissen, dass dieses Weihnachtsfest etwas Besonderes, etwas wirklich Wichtiges und Wertvolles darstellt, da das neue Jahr fraglos neue Herausforderungen mit sich bringen wird. Alle wissen, dass das Jahr 2023 in diesem Krieg entscheidend sein wird und zur schwersten Prüfung für unsere Staatlichkeit seit der Erlangung der Unabhängigkeit werden kann. Deshalb werden auch alle Menschen in der Ukraine in den Augenblicken, in denen sich am letzten Tag des Jahres die Zeiger ihrer Uhr auf Mitternacht zubewegen, den Atem anhalten, sich den Sieg und Frieden sowie eine gesunde Heimkehr jedes einzelnen Soldaten wünschen.

Karina Beigelzimer

Die Weihnachtsstimmung in Odessa ist verloren. Es fehlen bunte Lichter, die als Schneeflocken angeordnet die Straßen der Stadt beleuchten. Keine Weihnachtsdekoration hängt aus den Fenstern der Häuser. Der Geruch gebrannter Mandeln an den Ständen des Weihnachtsmarktes fehlt, denn es gibt kein Fest in meiner Heimatstadt.

Normalerweise sollten Kinder an den Händen ihrer Eltern die Spielsachen in den Schaufenstern bestaunen. Die Einkaufsstraßen sollten sich befüllen, wenn die Menschen auf der Suche nach Geschenken für ihre Liebsten die Geschäfte durchkämmen.

In der Ukraine wird Weihnachten zweimal gefeiert. Am 25. Dezember sowie am 7. Januar. Das liegt an den verschiedenen religiösen Traditionen, die bei uns zusammenkommen.

Doch in diesem Jahr ist niemand in Feierlaune und netten Dekorationen, wie Lichterketten in den Straßen, würde sowieso niemand Aufmerksamkeit schenken. Allein schon, weil diese Dekorationen so viel Strom benötigen, der aktuell Mangelware ist.

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    Eine Freundin hat mir vor ein paar Tagen eine LED-Lichterkette geschenkt, die normalerweise für den Weihnachtsbaum ist, jetzt aber einfach als Beleuchtung dient.

    Man bekommt das Gefühl, jemand hätte den Stecker gezogen und die Weihnachtsstimmung abgestellt.

    Dabei gibt es gerade in diesem Jahr so viele Wünsche, die erfüllt werden wollen.

    Kerzen sollen in der Ukraine aktuell nicht weihnachtliche Stimmung verbreiten. Vielmehr dienen sie bei Stromausfällen der Beleuchtung, so wie hier in einer Bar in Kiew. Foto: APA/AFP/Dimitar Dilkoff

    Vergangene Woche habe ich in meiner Klasse gefragt, was sich die Kinder zu Weihnachten wünschen.

    „Kerzen“, antwortete Kristina. Damit sie am Abend in der Dunkelheit sehen kann.

    „Ich will, dass der Krieg vorbei ist“, sagte ein Junge. Ja, das wünsche ich mir auch, dachte ich.

    Die Wahrheit ist, dass es in diesem Jahr für viele Familien schwierig sein wird an Geschenke zu kommen. Die meisten Leute haben kein Geld dafür übrig. Viele haben ihre Arbeit verloren oder zahlen hohe Summen für das Nötigste zum Überleben. Dennoch wünsche ich mir, dass sich die Kinder zu Weihnachten wieder Spielsachen von ihren Eltern wünschen und nicht Kerzen oder Powerbanks, um den nächsten Stromausfall zu überstehen.

    Und es freut mich, dass viele Freiwillige in Odessa jetzt versuchen, für kleine Kinder etwas Festliches zu organisieren, sei es ein kleines Konzert, ein Backworkshop oder Geschenkausgabe für Binnenflüchtlinge. Die Solidarität der Menschen in und mit der Ukraine ist groß und dafür bin ich sehr dankbar!

Zhenya Laptii

Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Nordsaltiwka, einem Stadtteil von Charkiw, verbracht. Ich ging dort in den Kindergarten, in die Schule und in die Akademie von „Severka“, wie wir unser Stadtviertel damals nannten. Es war dies ein gänzlich autonomer Stadtteil, der alles für ein angenehmes Leben bereithielt. Früher lebten in Nordsaltiwka 600.000 Menschen, und das Viertel entwickelte sich schnell: Neue Wohnkomplexe und Supermärkte wurden errichtet; die Infrastruktur erweitert und verbessert. Nordsaltiwka begann sich allmählich von seiner sowjetischen Vergangenheit zu befreien, und es schien, als würde sich alles langsam zum Besseren wenden und uns schon bald ein schönes und komfortables Leben erwarten. Bis Russland beschlossen hat, uns zu „retten“ …

Jetzt ist in diesem riesigen Stadtviertel kein einziges Gebäude mehr heil. Mancherorts sind nur zerbrochene Fenster zu sehen, anderenorts ein Loch in einer Wand von einer nicht explodierten Granate, und irgendwo anders offenbart sich der Blick auf freiliegendes Wohnungsinventar, das mit den ganzen verbrannten Lumpen herausgerissenen Eingeweiden gleicht.

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    Wenn man durch die leeren Straßen geht, wird man das Gefühl nicht los, dass man beobachtet wird, denn die Gebäude mit ihren schwarzverbrannten Fenstern scheinen die Vorübergehenden zu beobachten …

    Sie beobachten aufmerksam und scheinen verhindern zu wollen, dass der Feind unvermittelt wieder in Charkiw eindringt und nicht plötzlich wieder Kanonendonner vernommen werden muss.

    Währenddessen geben die entstellten Körper dieser Gebäude ein Stöhnen von sich und blähen sich ob all der unerträglichen Fäulnis auf, aber nichtsdestotrotz stehen sie noch und scheinen auf ihre Instandsetzung und die Rückkehr jener Menschen zu warten, denen sie früher eine Wohnstätte boten.

    Angestellte der kommunalen Dienste huschen durch die gefrorenen, menschenleeren Straßen auf der Suche nach Dingen, die sie reparieren oder retten könnten. Ich nähere mich einem von ihnen:

    Guten Tag.
    Er antwortet mir in gebrochenem Ukrainisch: „Guten … “
     Renovieren Sie dieses Gebäude?
    „Ja.“ Sagt er ruhig und stolz.
    Dieses hier auch? In ihm ist nichts heil geblieben!
    „Ja, sogar dieses. Wir werden alles Stück für Stück wieder aufbauen; alles Stück für Stück … nicht alles auf einmal.“

    Bilder der Zerstörung aus Nordsaltiwka. Foto: Privat

    Ich gehe weiter. Letzte Nacht ist der erste Schnee gefallen. Ein schwarzer Ast biegt sich unter dem schweren, matschigen Schnee. Ich komme am fast vollständig zerstörten Gebäude vorbei, in dem früher meine Klassenlehrerin wohnte. Ich erinnere mich, wie sie uns zu sich einlud, den Tisch deckte und wir uns bei einer Tasse Tee über das Schulleben unterhielten. All das ist so lange her und scheint sich in einem anderen Leben zugetragen zu haben. Und dieses andere Leben ist jetzt schwarzen Löchern in den Wänden gewichen. Man sieht eine verbrannte Badewanne und ein vom Feuer verzehrtes Bild. Das Leben aller Menschen wurde auf den Kopf gestellt und ähnelt nun dem einer Leiche, die man in einem Leichenschauhaus seziert, um die Todesursache zu ermitteln … Wir aber kennen den Todesgrund – es war eine von den Russen abgefeuerte Rakete. Sie tötete und riss Leben in Stücke. Neben dem Gebäude steht eine ältere Frau. Ich grüße sie und frage:

    Wohnen Sie hier?
    „Ja, ich habe hier gewohnt, jetzt komme ich her, um mich zu waschen.“
    Hierher in dieses Haus, in dem nichts heil geblieben ist?
    „Ja, hierher.“ Die Frau geht wieder ihren Geschäften nach.

    Ich kann mir nicht vorstellen, wie es möglich ist, in einem halbzerstörten Haus zu leben, das durch eine Explosion bis zur Unkenntlichkeit entstellt ist und kurz vor dem Einsturz zu stehen scheint.

    Bilder der Zerstörung aus Nordsaltiwka. Foto: Privat

    Ich überquere die kleine Brücke in Richtung der Natalija-Užvij-Straße, in der sich die vordersten Gebäudezeilen des Stadtviertels befinden, die bei der Verteidigung behilflich waren, indem sie als Schutzschilde dienten.

    Zu sagen, dass dieser ganze Anblick einem postapokalyptischen Szenario gleicht, wäre eine Untertreibung. Eine der Wände eines Gebäudes hängt nur noch an einer Armatur und droht herunterzufallen; sie knarrt bei jedem Windstoß und heult vor Schmerz. Es war die Wand eines Zimmers. Die Menschen haben Bilder und Regale an ihr befestigt. Sie schien so zuverlässig und stabil zu sein, aber jetzt hängt sie an einem einzigen eisernen Faden wie ein zitterndes Herbstblatt an seinem welken Stiel.

    Alles, was monolithisch und stabil zu sein schien, fiel in sich zusammen.

    Je weiter man zur ersten Gebäudezeile kommt, desto unerträglicher wird die Stille. Sie verdichtet sich und riecht penetrant nach Angst. Plötzlich taucht ein großer schwarzer Hund vor mir auf. Dem Leibhaftigen gleich schien er plötzlich dem Erdboden entstiegen zu sein, und jetzt steht er da, sieht mich an und beschnüffelt mich vorsichtig. Ich merke, dass er zittert, denn immerhin hätte hier sogar der Teufel Angst.

    Ich gehe weiter in das Stadtviertel hinein und stürze mich in das Dickicht des Todes, der hier regiert und sich hier wohlfühlt. Und stumme Gebäude sind die Zeugen seines blutrünstigen Tanzes. Je weiter ich gehe, desto größer wird die Zerstörung, als hätte der Tod hier all seine Macht demonstriert und all seine Wut gezeigt. Mit großen Pranken schien er auf die Gebäude losgegangen zu sein und ganze Wohnungen herausgerissen zu haben – ganz so, wie vor langer Zeit Menschen, die ihrem Kriegsgott das Herz des Feindes als Opfer darbrachten. Der zerrissene Körper wurde den Geiern zum Ausweiden überlassen.

    Bilder der Zerstörung aus Nordsaltiwka. Foto: Privat

    Es gibt Hunderte von diesen ausgeweideten Hochhäusern, deren Innerstes nach außen ragt.

    Aber der Tanz des Todes ist hier vorbei. Der Gott des Krieges ist in den Süden gezogen, wo er gegenwärtig wütet, während in Nordsaltiwka nun gespenstische Stille herrscht. In dieser Stille hört man hier und da das Klopfen eines Hammers, das Summen einer Bohrmaschine oder das Rascheln eines Besens. Die Menschen kehren in ihre entstellten Häuser zurück und glauben, dass sie ungeachtet der gewaltigen Verwüstungen alles wieder instand setzen können.

    600.000 Menschen, die dieses Stadtviertel während der grausamen Regentschaft des Kriegsgottes verlassen mussten, erfüllen diese Geisterhäuser nun allmählich wieder mit dem Licht neuen Lebens.

    Ich setze mich in einen vorbeikommenden Bus und fahre in einen anderen Teil der Stadt, in dem alles intakt ist. Es scheint hier keinen Krieg gegeben zu haben, doch der schreckliche Geruch von Verbranntem bemächtigt sich meiner Sinne, sodass ich jetzt einem dieser entstellten Gebäude gleiche und darauf warte, dass der Krieg endet und das Licht des Lebens wieder zu leuchten beginnt.

    Übersetzung: Arno Wonisch

Karina Beigelzimer

Wenn man die Wochen benennen könnte, dann hätte die letzte Woche sicher den Titel „Black Week“ bekommen, weil wir fast die ganze Zeit in der Dunkelheit verbracht haben.

Ich habe im letzten Jahr den Film „Blackout“ gesehen. Das ist ein deutscher Thriller in Form einer Miniserie und Literaturverfilmung des gleichnamigen Romans des österreichischen Autors Marc Elsberg. Im Film geht es um einen kompletten Stromausfall in Europa. In Deutschland versucht der Krisenstab, die Energieversorgung wiederherzustellen und gleichzeitig die Auswirkungen der Katastrophe so gut wie möglich einzudämmen.

Schon damals fand ich die ganze Geschichte ziemlich erschreckend und dachte, dass dieses Szenario in der heutigen Zeit niemals möglich sein würde. Noch vor ein paar Wochen war ich davon überzeugt, auch wenn wir schon damals manchmal stundenlang oder tagelang ohne Strom waren. Aber ich wusste, in der Stadt gibt es doch noch einige Orte, an denen es Strom gab und wo ich notfalls mein Handy aufladen könnte. Aber dann kam die Apokalypse und fast im ganzen Land gab es nach erneutem russischem Beschuss einen Blackout. Zudem brach die Wasserversorgung zusammen.

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    In den ersten Stunden sah ich überall viele lange Schlangen. Die Leute kauften Wasser und Kerzen. Auch an den Tankstellen standen viele Autos. Die Leute waren sehr aufgeregt und traurig, aber die Panik habe ich nicht gesehen. Alle versuchten einander zu helfen.

    Aber es gab einen Moment, wo ich sehr große Angst hatte. Als das Netz verschwand und ich fast 24 Stunden niemand anrufen konnte, kein Internet hatte, und daher nicht wusste, was in der Welt passiert.

    Dieses Gefühl der Hilflosigkeit und Ungewissheit macht einen verrückt. Zudem hat man kein Zeitgefühl mehr. Derzeit ist es in Odessa schon gegen 17 Uhr dunkel und da man ohne Licht wenig unternehmen kann, war die Langeweile erdrückend. Schon die ersten zwei Tage ohne Strom haben uns die Augen geöffnet und gezeigt, wie sehr wir von vielen Dingen abhängig sind. Für meine Arbeit als Lehrerin und Journalistin bin ich auf Strom und ein funktionierendes Internet angewiesen. Ohne diese Dinge sind mir die Hände gebunden und ich kann nichts tun, so sehr ich es möchte. Doch auch im Alltag merkt man schnell, wie abhängig man von Elektrizität ist. So musste ich die meisten Lebensmittel, die ich im Kühlschrank hatte, wegwerfen, da sie ohne Kühlung schnell verdorben sind. Da ich nicht wusste, wie lange der Stromausfall dauern würde, versuchte ich so wenig wie möglich die Kerzen und die Taschenlampe zu benutzen. Nachdem ich aber in der Dunkelheit zwei Mal mein Bein gegen etwas schlug, verstand ich, dass das unmöglich sein würde. Der Akku meines Handys war ebenfalls fast leer und auch meine Power-Bank hielt nicht ewig.

    Schülerinnen und Schüler der Autorin schreiben in Odessa die schriftlichen Prüfungen zum Deutschen Sprachdiplom. Foto: Privat

    Einen Tag später bekamen wir für ein paar Stunden Strom und ich war so glücklich, als ob ich 100.000 Euro im Lotto gewonnen hätte. Ich wusste, dass ich alles sehr schnell erledigen musste, ehe meine Welt wieder in der Dunkelheit versinkt. Da der öffentliche Verkehr lahmgelegt war, bestellte ich ein Taxi, um in ein anderes Stadtviertel zu gelangen. Während der Fahrt erzählte mir der Fahrer, dass viele Autounfälle wegen der nicht funktionierenden Ampeln passierten.

    Aber nicht nur solche negativen Erlebnisse hatte ich in dieser Woche. Es gab auch sehr positive Emotionen. Da ich in einer Schule mit Deutsch als Schwerpunkt arbeite, legen meine Schüler jedes Jahr im November bei uns und in vielen anderen Ländern ihre schriftlichen Prüfungen zum Deutschen Sprachdiplom ab. Diese sprachliche Qualifikation wird zum Studium in Deutschland anerkannt. Die Prüfung ist sehr anspruchsvoll und die Schüler bereiten sich viele Jahre darauf vor.

    In den letzten Monaten gab es wegen der Fliegeralarme und der Stromausfälle oft keinen Unterricht mehr. Viele Schüler lernten in den Schutzbunkern, fünf sind extra tausende Kilometer nach Odessa angereist, um die Prüfung abzulegen. Wie konnten meine Kollegen und ich ihnen sagen, dass aufgrund der russischen Terrorangriffe auf unsere Energieversorgung die Prüfung nicht stattfinden kann? Nach langen Überlegungen hatten wir die Idee, wie wir alles für die Schüler sicher organisieren können.

    Das Treffen mit den 11-Klässlern war sehr emotional, weil wir einander das letzte Mal im Februar gesehen haben. Vor dem Krieg …

    Pünktlich um 8.30 Uhr begann die Prüfung. Um die Schüler aufzumuntern, zeigten wir Ihnen ein kurzes Video von unserem deutschen Fachberater Herrn Jaeschke. Er sprach den Schülern Mut zu, indem er sagte, dass er großen Respekt vor ihrer Leistung habe und sicher sei, dass sie alle die Prüfung schaffen werden. Nach dieser Botschaft sah ich ein glückliches Lächeln auf den Gesichtern.

    Während die Schüler alle drei Teile der Prüfung schrieben, wünschte ich nur, dass es keinen Fliegeralarm gibt und dass die Heizung bis zum Ende funktioniert. Das Thema „Nachhaltiger Tourismus“ kam bei den meisten Prüflingen gut an. „Auch wenn wir jetzt wegen des Krieges nicht reisen können, träume ich jeden Tag davon“, erzählte mir die 16-jährige Vlada Strohanova nach der Prüfung. „Und nicht nur ins Ausland möchte ich fahren. Unsere Ukraine ist wunderschön und es gibt so viel zu entdecken. Nach dem Krieg kommen sicher viele Touristen zu uns und nachhaltiges Reisen wird auch zu 100 % boomen.“

    Ob die Schüler im Januar die Möglichkeit haben werden, noch die mündliche Prüfung unter solchen schweren Bedingungen abzulegen, ist jetzt noch unklar. Wir werden aber alles Mögliche tun, um das zu realisieren.

Karina Beigelzimer

Es ist 7.50 Uhr. Ich steige in den Bus ein, der nach Moldau fährt. Seit dem Beginn des Krieges im Februar habe ich die Ukraine nicht verlassen. Ich freue mich auf einen Tag „Abwechslung“, aber ich habe ein komisches Gefühl dabei. Sonst habe ich mir bei solchen Fahrten keine Gedanken gemacht, aber jetzt, wenn ich das Land im Krieg verlasse … Neben dem Bus sehe ich ein kleines Mädchen, es weint. Sie muss sich von ihrem Bruder und ihrem Vater verabschieden. Männer im Alter von 18 bis 60 Jahren dürfen das Land nicht verlassen. Die Mutter versucht ihre Tochter zu trösten, aber die Kleine will nicht in den Bus einsteigen „Solche tragischen Szenen sehe ich leider jeden Tag“, sagt mir unser Fahrer, der aus Chişinău (der Hauptstadt Moldaus) stammt.

Endlich sind alle da und wir fahren los. Meine Nachbarin Ilona ist aus Saporischschja, aus der Stadt, die immer wieder heftig beschossen wurde. Sie wohnt seit fünf Monaten in der Schweiz und besucht dort einen Französischkurs, um sich schneller zu integrieren. Letzte Woche war sie in der Ukraine, um ihre Eltern zu besuchen, die auf keinen Fall ihre Heimat verlassen wollen. Ilona zeigt mir Fotos. Auf einem steht sie mit ihren Eltern vor dem Haus in Saporischschja, auf dem anderen ist sie in Genf. „Ich lebe in zwei Parallelwelten und das ist sehr anstrengend“, erzählt mir die junge Frau. Auf die Frage, ob sie nach dem Krieg zurückkommen wird, will sie nicht eindeutig antworten. Das würde davon abhängen, wie lange die Kämpfe noch dauern und ob ihre Stadt danach noch existiere.

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    Der 62-Jährige Eduard dagegen ist optimistisch. Er will für zwei Wochen von Moldau aus nach Paris fliegen, um seine Tochter und die Enkelin zu sehen. Dann kehrt er zurück nach Odessa. „Ich will nicht in einem fremden Land bleiben, ich will der Ukraine nützlich sein“, betont er. „Das wollte ich auch“, sagt plötzlich die Mutter des kleinen Mädchens, das vor der Abreise geweint hat, „aber die Tochter hat große gesundheitliche Probleme und kann keine vier bis acht Stunden am Tag ohne Strom, Wasser und Heizung leben.“

    Im Bus wird es still, weil wir die erste Kontrolle passieren. Es gibt noch einige während der Fahrt. Klar, es ist Krieg und alles muss sehr genau kontrolliert werden. Der Weg von Odessa nach Chişinău ist nicht weit, etwa 180 km. Aber wegen des Krieges brauchen wir fast sechs Stunden bis Chişinău.

    Der Bus nach Chișinău. Foto: Privat

    Moldaus Hauptstadt ist kleiner als Odessa. Es gibt hier nicht so viele Sehenswürdigkeiten, viele Straßen sind im schlechten Zustand. Trotzdem ist die Stadt grün und wirkt auf mich gemütlich. Es gibt kaum eine Straße, die nicht von großen Bäumen oder breiten Büschen gesäumt ist. Wegen der hellen Steine, aus denen zahlreiche Gebäude errichtet wurden, nennt man sie seit Jahrhunderten die „weiße Stadt“.

    In den Straßen gibt es viele Cafés und Restaurants. Da ich hungrig bin, probiere ich Plăcintă. Das ist ein traditionelles moldauisches Gebäck, das einem kleinen, dünnen, und runden oder viereckigen Kuchen ähnelt. Die Füllung kann aus Kohl, Feta-Käse, Hüttenkäse mit Kräutern, süßem Hüttenkäse, Kartoffeln, Fleisch, Kürbis, Äpfeln oder anderen Früchten bestehen.

    In Moldau leben rund 2,6 Millionen Menschen. Das Land gilt als eines des ärmsten Europas und als eines der wirtschaftlich schwächsten. Doch trotz der geringen Größe und der Armut des Landes leben hier viele Menschen mit großen Herzen, die den Schmerz und die Leiden der ukrainischen Geflüchteten teilen und ihnen in dieser schweren Zeit helfen. Mehr als 80.000 Flüchtlinge aus der Ukraine befinden sich derzeit in der Republik Moldau. Einige schaffen es auch, hier Fuß zu fassen. Viele dieser Menschen fühlen sich in Moldau wohl. Hier im rumänisch-russisch bilingualen Land können Ukrainer sich sprachlich gut verständigen und da Moldau auch ehemalige Sowjetrepublik ist, ist für sie das meiste an Umgang und Infrastruktur bekannt. Moldau gewährt den Geflüchteten, bis zum Ende des Kriegszustands in der Ukraine legal im Land zu bleiben. Hier können sie einen Job finden, oder finanzielle Unterstützung von der UNO erhalten und Kinder auf eine örtliche Schule schicken.

    „Die Leute hier sind sehr freundlich und hilfsbereit“, erzählt mir die 35-Jährige Olha aus Cherson, die schon seit sieben Monaten in Moldau lebt. Nach Chişinău ist sie mit einem Rucksack gekommen. Sie musste schnell fliehen und hatte keine Zeit für lange Überlegungen. Die ersten drei Monate hat sie in einer Familie gewohnt, jetzt arbeitet sie als Dolmetscherin und mietet eine Einzimmerwohnung am Stadtrand. Ihre Tochter geht in den Kindergarten und lernt gern die neue Sprache. Obwohl die beiden sich wohl fühlen, träumen sie jeden Tag davon, in ihre Heimatstadt zurück zu kehren.

    Zelte für Flüchtlinge an der ukrainisch-moldauischen Grenze. Foto: Privat

    Es ist schon spät. Nach meinem Stadtbummel fahre ich ins Hotel und wundere mich sehr, dass noch so viele Menschen unterwegs sind. Dann erinnere ich mich daran, dass es in Moldau keine Ausgangssperre gibt. Zum ersten Mal seit acht Monaten lege ich mein Handy nicht neben das Bett. Die Alarm-App habe ich ausgeschaltet.

    Am nächsten Morgen muss ich zurückfahren, in die Ukraine. Zusammen mit meinen guten Freunden, die mich mitnehmen. Diesmal geht es mit dem Auto über den Grenzübergang Palanka. Hier liegt das östlichste Dorf der Republik Moldau. Es hat ungefähr 1.700 Einwohner. Eine Besonderheit des (ukrainischen) Grenzübergangs bei Palanka ist, dass er sich einige Kilometer innerhalb des moldauischen Staatsgebietes befindet, an der Abzweigung einer Schnellstraße. Diese Strecke ist Eigentum der Ukraine, obwohl sie über moldauisches Staatsgebiet führt.

    Hier an der Grenze habe ich ein Gespräch mit dem Freiwilligen des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR in Moldau, Georgi G. Er befragt hier Leute, die in die Ukraine zurückkehren. Die meisten Menschen kämen nur kurz zurück, um etwas abzuholen oder Verwandte zu besuchen. Dann ginge es wieder ins Ausland, meint er. Einige aber bleiben in der Ukraine und wollen nicht wieder weg.

    „Wenn die Situation sich in der Ukraine verschlechtert, dann gibt es an der Grenze viele Autos“, erzählt Georgi. Wenn es relativ ruhig ist, dann kann man relativ schnell die Grenze überqueren.

    Wir warten etwa 45 Minuten in der Schlange. Ich sehe ein weißes Zelt, in dem Freiwillige ukrainischen Geflüchteten erste Hilfe leisten. Das alles macht mich sehr traurig und wieder kommt mir der Gedanke, wann dieser schreckliche Krieg endlich zu Ende sein wird. Viele Flüchtlinge sind hungrig und müde. Man gibt ihnen warme Getränke und zu essen, und wechselt ein paar Worte mit ihnen. Das Ziel dieser Anstrengungen besteht darin, trotz aller Schwierigkeiten, wieder ein „Lächeln auf die Gesichter“ zu zaubern.

    Ich bin wieder in der Ukraine und fahre nach Hause. Unterwegs genieße ich trotz des Fliegeralarms die bunte herbstliche Landschaft Bessarabiens und sehe viele tapfere, schöne, lächelnde Gesichter. Aber sie wirken auch müde. Und als ich dann endlich wieder zu Hause bin, muss ich selbst lächeln, weil ich meine Nachbarn wieder begrüßen kann. Trotz russischer Raketenangriffe bleibt mein Zuhause in Odessa mein liebster Ort.

Olia Fedorova

Ende September entschieden meine Mutter und ich, für ein oder zwei Wochen nach Charkiw zu fahren. Der Hauptgrund war, meine Großeltern zu besuchen, aber nicht allein um sie zu sehen – in unserem Auto hatten wir einen Generator zur Stromerzeugung, einen Heizkörper und mehrere Heizdecken. All das mussten wir in Graz kaufen, denn in der Ukraine war es zu diesem Zeitpunkt schon nahezu unmöglich, diese Dinge zu bekommen – alle Ukrainer bereiteten sich auf einen sehr harten Winter vor.

Die massiven russischen Luftangriffe auf die kritische Infrastruktur, die zu Stromausfällen im ganzen Land führen, hatten noch nicht begonnen. Es zeichnete sich aber bereits ab, dass es der nächste Schritt Russlands sein würde, der Ukraine mit der Aussicht auf einen totalen Stromausfall zu drohen. Der größte Teil des Landes hatte vorher nicht wirklich versucht, Energie zu sparen. In Charkiw war das anders, ich erinnere mich, dass wir die Nächte bei Kerzenlicht verbrachten und Fenster unserer Wohnung mit Decken verdunkelten, sodass man von außen nicht einmal das kleinste bisschen Licht sehen konnte. Und natürlich war die gesamte Straßenbeleuchtung ausgeschalten. Im Frühjahr war das besonders wichtig, weil sonst hätte die feindliche Luftwaffe die Lichter der Stadt ins Visier nehmen können. Es gab sogar Saboteure, die leuchtende Zielscheiben auf den Dächern anbrachten.

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    Erst Ende September, als wir unsere Großeltern in Charkiw besuchten, wurde mir klar, dass wir die Stadt seit dem 24. Februar nie mehr im Dunkeln gesehen haben – vor Mai, als wir die Ukraine verließen, begann die Ausgangssperre recht früh, um 18 Uhr, und wir versuchten immer, vor Sonnenuntergang zu Hause zu sein. Jetzt beginnt die Ausgangssperre in Charkiw um 22 Uhr, sodass man nachts durch die Stadt gehen und fahren kann, aber die Lichter der Stadt sind immer noch abgeschaltet. Und für jemanden, der es gewohnt ist, in städtischer Umgebung zu leben, ist es schwer vorstellbar, dass es an irgendeinem Ort dermaßen dunkel werden kann.

    Ein Feuerwehrmann im Dunkeln, neben einem beschädigten Gebäude nahe Kiew. Foto: APA/AFP/Genya Savilov

    Es war ziemlich unheimlich, durch Charkiw zu fahren und es in vollständiger, undurchdringlicher Dunkelheit zu erleben, in der selbst jene Orte, mit denen man am allerbesten vertraut ist, nicht wiederzuerkennen sind. Charkiw glich einem Gespenst. Und ich kam mir vor wie in einem Computerspiel, bei dem einige Teile der Umgebung noch nicht heruntergeladen sind. Wir konnten uns nur mithilfe der Autoscheinwerfer und der reflektierenden Straßenschilder zurechtfinden, und das war ziemlich gefährlich, weil man die Hindernisse vor sich kaum sehen konnte. Dabei ist zu bedenken, dass noch überall auf den Straßen Betonteile von Checkpoints herumstehen – sie erfüllen zwar keine Aufgaben mehr, aber sie wurden auch nicht entfernt. Und am gefährlichsten sind die Fußgänger, die man auch erst im letzten Moment über die Straße gehen sieht.

    Aber es gibt etwas unerwartet Schönes, wenn man seine Stadt, die vorher mit allen möglichen Beleuchtungen wie jede Millionenstadt des 21. Jahrhunderts erstrahlte, in völliger Dunkelheit sieht. Es war das erste Mal, dass ich die Milchstraße klar über meiner Stadt erkennen konnte. Um sie zu sehen, musste man sich sonst weit nach draußen wegbewegen, auf das freie Feld, wo die Lichtverschmutzung nicht so groß ist.

    Wir kehrten nach Graz zurück, noch bevor die Ukraine damit begann, den Strom abzuschalten, um die Energieinfrastruktur zu entlasten, und so kenne ich das hauptsächlich durch die Erfahrungen meiner Großeltern und von Freunden, die dortgeblieben sind. Die Stadtverwaltung von Charkiw hat einen Zeitplan veröffentlicht, aus dem hervorgeht, wann der Strom, die Heizung und die Wasserversorgung im eigenen Haus abgestellt werden. Da es in der Regel mehrere Stunden Stromausfall pro Tag gibt, legen sich die Menschen Nutzwasser- und Trinkwasserreserven, Kerzen und jede Menge Powerbanks und Batterien bereit. Wer einen Generator hat, teilt ihn mit seinen Nachbarn, wie es meine Großeltern jetzt auch tun. Um sich in den Stunden ohne Strom zu unterhalten, lesen Menschen Bücher und spielen miteinander Brettspiele.

    Ja sicher, die Angst vor dem Winter ist unter den Ukrainern groß. Es ist völlig ungewiss, wie hart er sein wird und wie die Ukraine diese frostigen Monate überstehen wird, vor allem, wenn die russischen Angriffe auf unser Energiesystem weitergehen. Aber ich sehe in den Augen und höre in den Stimmen meiner Mitbürger einzig und allein Entschlossenheit. Sie sind bereit für diesen Kampf, sie sind bereit, für den Sieg Kälte und Dunkelheit auf sich zu nehmen. Bloß nicht aufgeben. Denn der „russische Frieden“ ist für die Ukraine weitaus beängstigender – und weitaus tödlicher.

    Übersetzung: Anton Lederer

Karina Beigelzimer

Schon seit 30 Stunden habe ich keinen Strom. Wie ist es aber, ohne Strom zu leben? Eigentlich dachte ich, dass es nicht so schwierig ist, solange man eine „Powerbank“ (ein leistungsfähiger, mobiler Zusatzakku insbesondere für Mobilgeräte, Anmerkung) hat.

Ich hätte aber nicht damit gerechnet, dass Stromausfälle so lange dauern können. Wir wissen, dass Russen gezielt die Energieversorgung unseres Landes zerstören – es gibt immer wieder Stromausfälle in der Ukraine. Die humanitäre Situation ist ihnen ohnehin egal: Die Russen bombardieren weiter ukrainische Städte, die Intensität nimmt weiter zu, betroffen ist hier die Zivilbevölkerung.

Die Situation im Land ist kritisch bis katastrophal. 70 Prozent der Region Odessa hat keinen Strom – alleine die Stadt Odessa hat schon über eine Million Einwohner. Kein Strom – und bei vielen dann auch kein Wasser und keine Heizung. Nur noch Krankenhäuser haben meist Strom. Keine Elektrizität mehr, auch nicht für Kleinigkeiten wie das Kochen von Tee. Kein warmes Wasser, um sich die Haare zu waschen. Ich beschwere mich nicht, doch all das kostet Nerven.

Wie sich die Situation weiter entwickelt, ist unvorhersehbar. Die Russen hören nicht auf, unser Land zu attackieren. Sie versuchen, uns zu vernichten – aber sie werden keinen Erfolg haben: Je brutaler der Krieg ist, desto entschlossener sind die Ukrainer. Es gibt keine Verhandlungen mit Russland – nicht, bevor wir gewonnen haben. Erst dann gibt es Verhandlungen. Man darf nicht mit Terroristen und Mördern verhandeln.

Zhenya Laptii

Als ich vor der Besatzung floh, wusste ich, dass mein Haus zerstört war, aber ich habe die Zerstörungen nicht selbst gesehen. Der Grund dafür war der erste Schock nach der Explosion, bei dem Du nichts siehst, sondern einfach nur rennst, um Dein nacktes Leben zu retten.

Das, was in meiner Erinnerung verblieben ist, war ein ganzes, unversehrtes Haus – das Haus der Kindheit, freudiger Tage und von Erinnerungen ans Glück. Diese Erinnerungen waren mit Träumen von einer Rückkehr dorthin verwoben, ehe man mir gestern Fotos des Hauses schickte. Es war wie ein kleiner Tod. Ganz so, als ob etwas in Dir stirbt, als ob Dein Herz stehen bleibt und Du vergeblich versuchst, nach Luft zu schnappen. Aber da ist keine Luft mehr; unser Haus liegt in Trümmern. Die Fenster sind zerbrochen, es gibt keine Wände, und in der Decke klafft ein großes Loch. Alles ist durch Projektilsplitter zerstört und gleicht eitrigen Wunden. Es ist grauenhaft und unmöglich zugleich, dieses Gefühl weiterzuvermitteln.

Das Haus ähnelt einem in zwei Hälften zerteilten Körper, aus dem die Eingeweide herausragen. So sehen die Überreste eines vergangenen Lebens aus, und Du fühlst Dich, als hätte man Deinen eigenen Körper auseinandergerissen und die Gedärme freigelegt.

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    Es ist dies das Haus meines Urgroßvaters; er hat es gebaut, nachdem er von der Front zurückgekommen war und den Zweiten Weltkrieg überlebt hatte. Vier Generationen unserer Familie haben in diesem Haus gelebt. Jetzt denke ich mir, dass es gut ist, dass mein Urgroßvater bereits verstorben ist und ihm dieser Anblick erspart bleibt.

    Großvater und Großmutter nahmen sich ein Taxi und fuhren auf eigene Gefahr und eigenes Risiko in die „Grauzone“. Sie wollten endlich wieder ihr Zuhause sehen, wo sie seit Mai nicht mehr gewesen waren. Ich war bereits seit März fort. Sie warteten darauf, nachhause zurückkehren, mit dem Wiederaufbau des Hauses beginnen, den Garten bestellen und wieder ihr Leben leben zu können. Aber das, was sie sahen, riss sie aus allen Träumen, denn es gab weder etwas wiederaufzubauen noch einen Ort, um einen Garten anlegen zu können.

    Ein zerstörtes Haus in der Region Charkiw - nicht das Haus der Autorin. Foto: APA/AFP/Dimitar Dilkoff

    Vor meinen Augen erscheint die erschreckende Zahl 30, denn das ist genau die Anzahl von Kilometern bis zur russischen Grenze. Wir werden nie mehr in Frieden leben und nie mehr das Glück von Sicherheit erfahren können. Unser Leben ist sehr zerbrechlich geworden.

    Meine Großmutter hatte ihr ganzes Leben lang davon geträumt, auf ihrem eigenen Land alt zu wer-den, einen Garten anzulegen (früher hatte sie einen) und Gemüse anzupflanzen. Sie wollte zu den Beeten hinausgehen, um frische Gurken und Tomaten zu ernten und einen Strauß duftender, weißer Lilien abzuschneiden. Ja, das konnten wir früher ganz normal tun! Aber nun war alles auf grausame Art und Weise zerstört. Die Barbaren hatten meiner Großmutter einen glücklichen Lebensabend genommen und einen Garten mit weißen Lilien dem Erdboden gleichgemacht.

    Großmutter erzählte, dass russische Soldaten die Sachen ihrer Mutter gestohlen und das Badezimmer verwüstet hätten. Ich hatte gedacht, dass diese Geschichten über gestohlene Damenunterwäsche erfunden seien, um den Feind zu beschämen, aber nein – der Feind ist wirklich ein moralischer Bastard. Lächerlich und fürchterlich zugleich.

    Fast alle Häuser im Dorf waren zerstört, wobei das, was nicht durch Bombentreffer vernichtet, von Soldaten geplündert worden war. Als wir unter der Besatzung lebten, begannen sie damit, auf der Suche nach Beute kurzerhand in die Häuser einzubrechen. Sie suchten nach möglichst wertvollen und schönen Dingen, und nahmen alles mit, was sie finden konnten und was ihnen gefiel. Die Menschen konnten nur ohnmächtig zusehen, wie sie ausgeraubt wurden, denn wie soll man sich schon gegen eine Herde bewaffneter Hyänen wehren?

    Das geplünderte, zerstörte Dorf ähnelt einem Gespenst mit einem nach außen gekehrten Innenleben. Manchmal kommen Leute vorbei und nehmen ihre übriggebliebenen Habseligkeiten mit. Sie blicken auf ihre Häuser und erinnern sich an ihr Leben: an den Christbaum, an Kinderlachen, den morgendlichen Kaffee und an ihre Lieblingsserie, die sie gemütlich auf ihrer Couch angeschaut haben. Sie blicken auf ihr Haus, doch vor ihnen liegt bloß Asche und Tod. Wut braut sich in ihnen zusammen. Kein Verzeihen, kein Vergessen.

    Übersetzung: Arno Wonisch

Karina Beigelzimer

Unser Hof ist alt, er hat so viel erlebt – Revolutionen und Kriege, Geburten und Tode, Hochzeiten und Scheidungen. Verschiedene Generationen, die immer wussten, dass es in unserem Haus sehr familiär zuging. Die Bewohner kannten sich und achteten aufeinander. Der Hof war eine kleine Gemeinschaft, in der gespielt und gestritten, gelacht und getratscht wurde. Früher, als die Welt noch in Ordnung war, feierten wir gemeinsame jahreszeitliche Feste oder Geburtstagsfeiern. Die Nachbarn, neben denen man aufgewachsen ist, saßen dabei ebenso selbstverständlich am gedeckten Tisch wie auch die eigenen Verwandten und Freunde. Denn der Hof war eine eigene Familie.

Jetzt ist alles anders. Am Anfang des Krieges war der Hof fast leer- einige hatten Angst, in Odessa zu bleiben und verließen die Stadt. Einige gingen an die Front.

Immer wenn ich der Mutter von Andrey begegnete, fürchtete ich mich zu fragen, wie es ihr und ihrem Sohn geht. Glücklich war ich, wenn ich hörte, dass er lebt und nicht verletzt ist. Heute sehe ich ihn neben dem Tor. Er hat Fronturlaub und geht mit seinem kleinen Sohn Fahrrad fahren.

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    Ein anderer Nachbar wird gerade einberufen. Er kommt zu mir mit der Bitte, seine Frau zu unterstützen. Sie ist Vollwaise und hat keine Verwandten hier. Ich verspreche, ihr zu helfen. „Kommt er zurück?“, fragt mich seine Frau, nachdem sie ihn verabschiedet hat. „Selbstverständlich“, antworte ich und senke den Blick. Ich will darauf hoffen, aber welche Sicherheit gibt es im Krieg? Keine.

    Meine Nachbarin aus dem zweiten Stock Yana ist in Wien und beginnt ihren Vorbereitungskurs an der Uni. Vor kurzem haben wir gechattet, Österreich gefällt ihr sehr, aber sie vermisst Odessa und ihre Familie, die in der Ukraine geblieben ist.

    Ich treffe heute im Hof noch ein paar Nachbarn. Svitlana freut sich sehr, weil ihre Schwiegertochter und ihr Enkel aus Rumänien zurückgekehrt sind. Fünf Monate hat sie die beiden nicht gesehen. Natalia dagegen hat die Entscheidung getroffen, nach Polen zu gehen. Wegen des Krieges hat sie ihre Arbeit verloren und kann außerdem wegen der Luftalarme und Explosionen nicht schlafen. Ihr Mann und ihr erwachsener Sohn unterstützen sie aus der Ferne, dennoch hoffen sie, dass sie nicht zu lange fortbleibt. Während wir uns unterhalten, kommt die Briefträgerin. Sie bringt Zeitungen für meinen Vater. Nur leider wird die Post den Empfänger nie erreichen. Mein Vater ist im August unerwartet verstorben. Sein Herz hat das alles nicht ertragen. Das war ein tiefer Schock für mich.

    Kamikaze-Drohne über Kiew, fotografiert am 17. Oktober 2022. Foto: APA/AFP/Sergei Supinsky

    „Die Zahl der Herzinfarkte und Schlaganfälle ist in den letzten Monaten rasant gestiegen“, erzählt mir meine Nachbarin Tetyana aus dem ersten Stock, sie ist Ärztin. Besonders nach Raketenangriffen oder Explosionen gibt es viel mehr Patienten als früher. Wir sprechen nur wenige Minuten, sie beeilt sich zur Arbeit, in ihrem Spital gibt es viele Menschen, die ihre Hilfe brauchen, unter ihnen auch schwer verletzte Soldaten. Sie gehört zu den mutigen Ärzten und Ärztinnen, die das Land aufgrund ihrer wichtigen Arbeit nicht verlassen.

    Ich bleibe stehen. An der Wand hängen Nebenkostenabrechnungen für unser Haus. Ich lese, dass wir gebeten werden, falls unsere finanziellen Möglichkeiten es unter diesen Umständen erlauben, die Rechnungen zu begleichen. Das können in unserem Haus nicht alle. Besonders Rentner oder Arbeitslose treffen die steigenden Preise, wie auch im Rest von Europa, schwer. Alle verstehen, dass dieser Winter hart sein wird. Ob wir in ein paar Monaten überhaupt noch Strom, Wasser und Heizung haben werden?

    Im Hof spielen zwei Kinder – vier und sieben Jahre alt. „Wir basteln ein supergenaues Gerät“, verrät mir der ältere Bruder, „das alle iranischen Drohnen abfangen kann“. Wie schrecklich, denke ich, dass kleine Kinder den Krieg erleben müssen und die Namen von Waffen lernen, statt neue Spiele für sich zu entdecken. Diese Kamikaze-Drohnen, über die die Kinder sprechen, sind eine Mischung aus Marschflugkörper und unbemanntem Flugzeug. Ihr maximales Startgewicht beträgt 200 Kilogramm und der Sprengkopf kann 50 bis 60 Kilogramm wiegen. Diese Drohnen sind sehr laut und gefährlich. Außerdem dienen sie seit Wochen zur Terrorisierung der Bevölkerung und versetzen die Bewohner von Odessa in Angst und Schrecken.

    Es wird dunkel. Bald beginnt die Ausgangsperre. Ich gehe nach Hause. Im Treppenhaus treffe ich meinen jungen Nachbarn, der sehr aufgeregt ist. Er ist Vater geworden, das Mädchen ist gesund. Ich gratuliere ihm herzlich und denke, dass diese Geburt während des Krieges ein Zeichen des Neuanfangs ist.

    Unser altes Haus schläft ein und in unseren Träumen ist es wieder voll und glücklich. Mit vielen fröhlichen Kinderstimmen, die ihre Hoffnungen in die Zukunft tragen.

Karina Beigelzimer

Es ist 7 Uhr. Die Sirenen heulen, ich wache auf. Mein Herz rast und ich denke sofort an meine Mutter, sie braucht einen sicheren Ort. Ich nehme Baldriantropfen für sie und laufe zu ihr. Sie ist erschrocken und wir suchen beide Schutz im Flur. Ein bisschen später rufe ich meine Freunde aus anderen Regionen an. Schlechte Nachrichten höre ich von ihnen. In Saporischschja wurde in der Nacht die Infrastruktur der Stadt beschädigt, ein Teil eines mehrstöckigen Gebäudes stützte ein. Dann erfahre ich von schweren Explosionen in Kyjiw (Kiew). Über Telegram fordert der Bürgermeister der Stadt die Bewohner auf, Schutz zu suchen. Es gab mehrere Einschläge, berichtet Vitali Klitschko. Zum Teil sei „kritische Infrastruktur“ getroffen worden. Auf den Fotos, die mir meine Freunde aus der Hauptstadt schicken, sind Straßen im Zentrum zu sehen, an denen Autos brennen und Gebäude teilweise zerstört sind. Es gibt Tote und Verletzte.

Solche Bilder versetzen mich immer wieder in einen Zustand völliger Rat- und Hilflosigkeit. Es ist unfassbar, was da an Zerstörung angerichtet wurde und wieviel Leid russische Invasoren uns bringen.

Über Einschläge berichten auch die Behörden von Chmelnyzkyj , Schytomyr, Dnipropetrovsk … Lwiw (Lemberg) bleibt nach Angriff ohne Warmwasser und teilweise ohne Stromversorgung.

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    Meine Mutter meint, wir sollen auch Wasservorräte anlegen und heute noch Powerbanks kaufen. Die Idee finde ich sinnvoll. Um 10.30 Uhr höre ich Explosionen in Odessa. Es ist sehr laut und ich habe große Angst. Im Chat lese ich später, dass unsere Flugabwehr drei Raketen und vier Drohnen abgefangen hat.

    11.10 Uhr. Ich sitze vor dem Computer und höre die Rede von Selenskyj . „Wir haben es mit Terroristen zu tun“, betont der Präsident. Und ich bin mit ihm völlig einverstanden. Diese sadistischen Massenmörder im Kreml sind zu allen Schandtaten bereit, gnadenlos, ohne Gewissen, ohne Mitleid.

    Ein Man in einem beschädigten Wohngebäude nach den Raketenangriffen in Dnipro. Foto: APA/AFP/Dimitar Dilkoff

    12.08 Uhr. Entwarnung in Odessa. Ich trinke schnell meinen Tee und logge mich bei Zoom ein, um den Unterricht mit der neunten Klasse zu beginnen. Meine Schüler sind von den Ereignissen immer noch erschüttert. Wie schon in den vergangenen 7 Monaten versuchen wir uns auszutauschen und einander Trost zu spenden. Max erzählt, dass er am Morgen den Flug einer Rakete aus unmittelbarer Nähe beobachten konnte. Die darauffolgende Explosion hat ihm große Angst bereitet.

    Vika fühlt sich an den Anfang des Krieges zurückversetzt. Der weitläufige Angriff vieler ukrainischer Städte erinnert sie an den 24. Februar. Valeriia hat die überfüllten Tankstellen gesehen, viele Menschen verlassen die Stadt.

    Wir beginnen mit dem geplanten Unterrichtsthema. Während wir über Freundschaft in den sozialen Netzwerken sprechen, verschwindet die Angst allmählich aus den Gesichtern der Kinder. Trotz der unberechenbaren Lage ist der Onlineunterricht eine verlässliche Konstante für die Schüler.

    16 Uhr. Nach dem Unterricht lese ich weiter die Nachrichten und behalte die Meldungen über Raketenangriffe im Auge. Womöglich erwarten uns in der Nacht weitere Angriffe, die mitunter wieder die Infrastruktur beschädigen könnten. Doch auch wenn wir in Odessa dazu aufgerufen sind Strom zu sparen, freue ich mich meine Schüler morgen über Zoom wiederzusehen und auch neue Artikel zu schreiben.

Karina Beigelzimer

Wenn man das Leben in Odessa und das seiner Menschen richtig kennen lernen will, geht man am besten auf den großen Markt, „Privos“ heißt er, jedes Kind kennt ihn. Hier schlägt das Herz der Stadt, manche Einwohner sind sogar der Meinung, dass Odessa erst mit dem „Privos“ richtig Odessa ist.

Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert befindet er sich hinter dem Hauptbahnhof. Der Markt bekam seinen Namen („Zufuhr“ auf Deutsch) dadurch, dass zuerst der Handel hier hauptsächlich mit importierten Waren betrieben wurde, die direkt von den Fahrzeugen verkauft wurden. Damals gab es noch keine Verkaufsstände, sie kamen erst viel später. Selbst in den 1990er Jahren wurde noch aus Lastwagen heraus verkauft, mit denen die Bauern zum Privos gefahren waren.

Das Typische des „Privos“ war aber immer, dass es eine Welt für sich ist, mit ihren eigenen Regeln, Bräuchen und Traditionen. Hier wissen Verkäufer und Kunden oft alles übereinander, einschließlich der Probleme der Großeltern, Enkel und der Katzen. Die Verkäufer halten auch gerne mal ein Schwätzchen mit Touristen und lassen sich auch ganz gerne von ihnen fotografieren. Bis zum Krieg zählte der Markt zu den Hauptattraktionen der Stadt. Ohne einen Bummel über diesen traditionsreichen bunten, lebendigen, lärmenden und umtriebigen Markt war ein Besuch in Odessa nicht vollständig.

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    Dieser Markt ist riesig, er erstreckt sich über mehrere Blöcke und Gebäude. Hier gibt es alles zu kaufen, was das Herz begehrt- von Obst und Gemüse bis zu Schrauben und Schuhen …

    Ich war schon lange Zeit nicht mehr dort und freute mich schon sehr darauf, ihn wieder einmal zu besuchen und mich von seiner einzigartigen Atmosphäre mitnehmen zu lassen. Ich ging von Stand zu Stand. Die Menschen sind freundlich, aber sie wirken viel trauriger und zurückgezogener als vor dem Krieg. Meinen Eindruck bestätigt auch Thomas W., der mich über den Markt begleitet. „Insgesamt wirken die Leute hektischer und nervöser als vor dem Krieg. Es gibt weniger Angebote, und es sind auch viel weniger Besucher unterwegs. Freitagmittag war es sonst so voll, dass man sich kaum bewegen konnte.“

    Nataliia verkauft Kürbisse am "Privos"-Markt in Odessa. Foto: Karina Beigelzimer

    Trotz aller Probleme und erheblicher Preissteigerungen bleibt der Markt sehr beliebt und ist ein bunter Treffpunkt für alle Menschen, die sich hier begegnen und sich austauschen. Ich bleibe neben Nataliia stehen, die Kürbisse verkauft. Ihr Stand ist sehr schön dekoriert und sie selbst strahlt eine ansteckende Lebensfreude aus. „Wir versuchen den Leuten, die zu uns kommen, ein bisschen die Laune zu verbessern“, erzählt die Verkäuferin.

    Ihre Kollegin Irina berichtet uns, dass jetzt viele Stammkunden weg sind, und sie auf ihre Rückkehr wartet. Aljona verkauft Teemischungen, besonders beliebt ist jetzt der Beruhigungstee.

    Trotz des Kriegs versuchen einige Verkäuferinnen und Verkäufer zu scherzen. Wie zur Begründung sagen sie, dass der berühmte Odessitische Humor gerade hier, auf dem „Privos“, geboren wurde und dort immer noch lebendig ist. Die Menschen hier (aus allen Gesellschaftsschichten, ob jung oder alt, Kunden wie Händler) sind der unerschöpfliche Brunnen der einzigartigen Aphorismen und der ungewöhnlichsten Geschichten.

    Ich gehe weiter, an den hiesigen, wahrhaft ukrainischen Lebensmitteln vorbei: Salo (gewürzter roher Speck), Hausmacherwurst, Kesselfleisch, Salziges, Milcherzeugnisse – saure Sahne, Quark, Schafskäse, Obst und Gemüse….

    Früher gab es viele Fische, vor allem im Sommer. Jetzt ist die Situation anders. Das Angebot ist seit der russischen Seeblockade deutlich ausgedünnt. Heimische Fische (Seebarsch, Makrele, Flunder, Meeräsche …) aus den Gewässern vor Odessa kann man nirgends mehr finden; es gibt lediglich Flussfische oder importierte, z. B. aus dem Baltikum.

    Buntes Markttreiben. Foto: Karina Beigelzimer

    Auch Wassermelonen aus Cherson fehlen in diesem Jahr, weil die Region (leider immer noch) von Russen besetzt ist. „Aber im nächsten Jahr wird alles anders sein“, überzeugt mich Alexander, der frisches Obst verkauft. „Unsere Streitkräfte haben große Erfolge bei der Gegenoffensive erzielt und werden hoffentlich auch die ganze Region Cherson bald befreien.“

    Während er das erzählt, erinnere ich mich an viele Videos und Fotos auf Facebook, wo Einwohner der Region Cherson den ukrainischen Soldaten Wassermelonen schenken. Diese Bilder berühren mein Herz immer so sehr, dass mir die Tränen kommen. Übrigens gibt es in Odessa viele Familien aus Cherson. Für sie und andere Flüchtlinge hat die Journalistin und Reiseleiterin Juliia Sushchenko ein tolles Projekt organisiert, das mit dem Markt „Privos“ verbunden ist: „Die Idee, Flüchtlinge an die Märkte von Odessa heranzuführen, kam von selbst“, erzählt sie. „Wenn ich in eine andere Stadt komme, gehe ich immer auf den Markt, finde heraus, welche Lebensmittel dort verkauft werden. Daher verstehe ich die Hausfrauen, die jetzt in Odessa leben und ihre Familie schmackhaft, aber gleichzeitig preisgünstig ernähren müssen. Wir beginnen unsere Ausflüge mit der Geschichte, dass unsere Stadt um das Essen herum entstanden ist. Ich spreche von der ‚gastronomischen Achse‘ Odessas, die sich vom Hafen bis zum ‚Privos‘ erstreckt.“

    Juliias Kollegin Tetyana Dymnitsch lebt schon ihr ganzes Leben in der Nähe des Marktes und kennt die freundlichen Verkäuferinnen. Sie stellen gemeinsam den nach Odessa geflohenen Menschen ihre Spezialitäten vor: Schafs- und Ziegenkäse, geräuchertes Fleisch. Sie sprechen mit den Flüchtlingen über unsere Sorten von Tomaten, Gurken und Wassermelonen. Die beiden zeigen den Flüchtlingen die berühmte Galerie und die vielen Denkmäler und vergleichen den modernen Markt mit dem, der vor fünfzig Jahren existiert hat. Die Verkäuferinnen teilen ihre Rezepte und verraten einige ihrer Geheimnisse für die Zubereitung schmackhafter Gerichte. Man vergleicht, wie die Produkte und Gerichte hier und in den Heimatregionen unserer Gäste genannt werden. Die Tour durch den Markt endet mit einer Verkostung einheimischer Weine.

    Juliia betont, dass sehr unterschiedliche Menschen zu dieser Führung kommen. Sie stammen unter anderem aus Mykolajiw, Cherson, Mariupol und Charkiw. Es sind Familien, Paare, junge Leute und Rentner. Manche männlichen Singles und Ehemänner kommen mit Einkaufslisten. Viele Leute sagen, dass sie nicht gedacht hätten, dass es hier auf dem Markt so interessant sei. „Ein paar Mal schon trafen wir einige unserer Gäste jetzt allein beim Einkaufen auf dem Privos“, sagt Juliia Sushchenko. Dies zeigt, dass sich die Menschen auf dem Markt wohl fühlen, und dass sie sich auf diese Weise in die Gesellschaft und in das Leben in der Stadt integrieren. Der Markt lebt – Odessa lebt auch. So soll es bleiben.

Zhenya Laptii

Die gesamte Region Charkiw ist befreit! Alle Medien berichten davon, aber das macht es für Dich selbst nur noch schwieriger. Du begreifst, dass es nicht möglich ist, dorthin zurückzukehren, denn obwohl die Region Charkiw befreit wurde, ist es dort immer noch gefährlich, da der Beschuss tagtäglich und unaufhörlich weitergeht. Du sitzt also in Graz (oder Kiew), und Deine Gedankenwelt tritt eine Reise in diese befreite, aber immer noch gefährliche Region an. Irgendwie lebst Du ein Leben zwischen zwei Welten: Tagsüber bist Du ein ganz gewöhnlicher Mensch, der in einer schönen, altehrwürdigen europäischen Stadt lebt; Du lernst eine für Dich neue Kultur und Sprache kennen, genießt den Duft und Geschmack von Kaffee, versuchst, Dir ein neues Leben aufzubauen, ehe nachts in Deinen Träumen der Krieg, die Besatzung und der stündliche Beschuss zu Dir zurückkehren. Das alte Leben hält Dich mit seinen bedrohlichen Krallen weiterhin fest im Griff. Der Krieg ist immer bei Dir, er begleitet Dich wie ein Schatten, und wenn abends das Sonnenlicht erlöscht, kriecht er in der Dunkelheit hervor. Jede Nacht habe ich denselben Traum, jede Nacht trifft eine Bombe mein Haus, jede Nacht renne ich aus meinem Heimatdorf davon.

Einer der schlimmsten Augenblicke in meinem Leben war der Tag, an dem eine Bombe in unser Haus einschlug. Es geschah vor meinen Augen. Ich erinnere mich, dass es ein frostiger, düsterer Morgen war. Ich stand um sechs Uhr auf, denn um diese Zeit machte der Beschuss normalerweise eine Pause, und man konnte sich nach einer Nacht im kalten, schmutzigen Keller waschen. Ich hatte gerade meine Haare gewaschen, mich angekleidet und wollte mich hinsetzen … Genau in diesem Moment setzte der Beschuss ein. Alles beginnt damit, dass eine Rakete abgefeuert und irgendwo in der Ferne zu vernehmen ist. Dann kommt dieses Geräusch immer näher und näher. Du hörst, wohin sie fliegt. Ich habe festgestellt, dass eine Rakete im Durchschnitt 30 Sekunden lang durch die Luft fliegt, aber wenn sie zu Dir kommt, hörst Du sie nicht. So etwas trug sich an diesem Morgen zu. Ich habe die Rakete einfach nicht bemerkt. Ein kurzer Augenblick, und alles verwandelte sich zu Asche. Alle Fenster des Hauses wurden vor meinen Augen aus ihren Verankerungen gerissen. Ich weiß nicht, was mich gerettet hat, aber jedenfalls flogen die Scherben nicht in meine Richtung – vielleicht waren es die Gesetze der Physik, vielleicht Gott, oder vielleicht war es einfach nur reines Glück.

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    Damals habe ich nicht verstanden, dass ich dem Tod nur knapp entronnen war, und ehrlich gesagt kann ich es auch heute noch immer nicht begreifen. Ich stand unter einem so großen Schock, der mir dabei geholfen hat, sehr rational zu handeln. Ich schnappte mir die Dokumente und rannte nach draußen, um nachzusehen, ob mein Großvater und meine Großmutter noch am Leben waren. Im Hof traf ich auf eine Wand aus Staub und Rauch. Alles war mit Erde und Schutt bedeckt. In den Wänden des Hauses befanden sich große Löcher, aus denen Licht und Rauch drang.

    Ich habe meinen Großvater und meine Großmutter gerufen, und von irgendwoher konnte ich vernehmen: „Wir leben, wir sind hier!“

    Ich sage ihnen, dass wir flüchten müssten, doch Großvater und Großmutter lehnen kategorisch ab: „Wir werden nirgendwohin gehen!“

    Mir fehlte die Kraft zu widersprechen, aber letztendlich war mein Überlebenswille stärker. Also beschloss ich, zu meinen Verwandten zu gehen und sie zu bitten, ins russische Belgorod zu fahren.

    Ich packte meine Katze in die Transportbox und ging zu meinem Onkel, um ihn zu bitten, uns an die russische Grenze zu bringen. Denn eine andere Wahl hatten wir nicht. Die Straße meiner Kindheit, auf der ich aufgewachsen war, in Pfützen gebadet, barfuß im Staub gerannt und Hühner gejagt hatte, verwandelte sich in einen glosenden Schutthaufen. Wo früher Bäume standen, taten sich kraterartige Löcher auf; der Boden rauchte, als ob Dampf aus der Hölle aufstieg.

    Die Straße, die ich kannte wie meine eigene Hosentasche, glich einer schlimmen schwarzen Wunde, aus der der Eiter des Todes hervorquoll.

    Die Katze kratzte an ihrer Transportbox; rundherum war es still. Sie haben aufgehört, auf uns zu schießen. Ich rannte zu meinen Verwandten, und das waren wahrscheinlich die schlimmsten 500 Meter, die ich je in meinem Leben zurückgelegt habe.

    Ein nach Beschuss ausgebranntes Gebäude in Charkiw. Bild aufgenommen im Frühling. Foto: Ukrainian State Emergency Service

    Überall war schwarzer Rauch zu sehen, Häuser standen in Flammen. An einem Ort erstreckt sich ein schwarzes Band zum Himmel, an einem anderen kracht und pfeift es. Unterschiedliche Häuser, unterschiedliche Arten von Rauch, unterschiedliche Menschen …

    Meine Angehörige zögerten; niemand von ihnen wollte weg und alles zurücklassen. Am Abend hörte der Beschuss auf. Am Morgen wollte ich zu meinen Großeltern gehen, um den Schutt und die Glasscherben beiseitezuschaffen und ein wenig aufzuräumen.

    Die Leute krochen allmählich aus ihren Häusern hervor und begannen, Gerüchte darüber zu verbreiten, wer lebte und wer in den Flammen umgekommen war. Auf dem Hof taute es, und der regenschwangere Himmel war voller Wolken, die prallen Brüsten voller Milch glichen. Schwere, dicke Wolken hingen auch über den Wipfeln der Kiefern. Es roch nach Frühling. Hinter dem Wald stieg Rauch auf; ein örtliches Café brannte.

    Menschentrauben wälzten sich durch den nassen, mit Matsch vermengten Schnee. Schwarze Asche fiel vom Himmel und bedeckte die weiße Erde. Ein frostiger Wind kam auf und trieb die Menschen mitsamt ihren schweren Gedanken in ihre Häuser zurück.

    Der nächste Morgen begann mit Beschuss. Ich spielte mit dem Gedanken, dass ich beim zweiten Mal nicht so viel Glück haben würde und es eine Bombe definitiv auf mich abgesehen haben könnte.

    Glücklicherweise willigte Onkel Kolja ein, abzureisen, und wir fingen an, unsere Sachen zu packen. Wir nahmen zwei Katzen, drei Hunde und einige Eidechsen mit. Wir verstauten diesen ganzen Zoo in einem kleinen Auto und fuhren nach Russland. Ich glaube, dass es gerade dieser Zoo war, der uns an den Checkpoints half, denn wir wurden nicht durchsucht.

    Nachdem wir auf die Hauptstraße von Charkiw in Richtung Belgorod gelangt waren, wurden wir an jedem Checkpoint angehalten. Man verlangte nach unseren Pässen, nahm eine rasche Überprüfung vor und ließ uns weiterfahren. Aber das Schlimmste war nicht das Warten, nicht das Kontrollieren des Gepäcks und auch nicht das Bemühen, mögliche Bombentreffen auf der Straße zu vermeiden – das Schlimmste war der Augenblick, als uns ein russischer Soldat bei der Rückgabe der Pässe mit den Worten „Gute Reise!“ bedachte und dabei lächelte. Wie kann es denn eine gute Reise weg vom eigenen, brennenden Haus und hinein in ein Land geben, das eben dieses Haus niedergebrannt hat? Wir begaben uns weg vom Tod und hinein in ein Gefängnis – kann denn so etwas eine gute Reise sein? Wir hatten die Wahl zwischen Tod und Gefängnis, und sie wünschten uns Glück …

    Wir fuhren durch viele dieser Ortschaften, deren Namen sich jetzt ständig in Zeitungsartikeln wiederfinden. Die „Operation Charkiw“, die Gegenoffensive der Ukrainischen Streitkräfte, ist ein großer Sieg, aber der Preis dafür ist schrecklich. Die Namen kleiner Dörfer erlangen auf der ganzen Welt Bekanntheit, doch bezahlen sie dafür mit ihrer Auslöschung. Cyrkuny, Čerkasʼki Tyšky, Lypci, Hoptovka – unsere Reise glich eher einem Totentanz als einer Reise ins Glück.

    Als wir die Checkpoints passierten, sahen wir zu Stapeln aufgetürmte Gerätschaften diverser Art: Waschmaschinen, Fernseher, Laptops – alles unmittelbar zuvor aus dem Leben von Menschen herausgestohlen. Jetzt lagen und standen diese Dinge entlang des Straßenrandes.

    Wir erreichten die Grenze. Dort befand sich ein Checkpoint mit mehreren Soldaten, und man wies uns an, auf den Kommandanten zu warten. Irgendwo im Dickicht stand ein Raketenwerfer und feuerte stündlich in Richtung Charkiw. Unser Blick folgte den Raketen, ohne etwas tun zu können. Wir befanden uns auf einer „guten Reise“ weg vom Tod und direkt hinein in ein Gefängnis.

    Übersetzung: Arno Wonisch

Karina Beigelzimer

Der Krieg in der Ukraine bringt entsetzliches Leid über die betroffenen Menschen. Dazu gehören auch Mängel bei der Versorgung der Bevölkerung mit dringend benötigten Arzneimitteln. Denn viele Apotheken in der Ukraine wurden zerstört, sind dauerhaft geschlossen, weil ihre Betreiber flüchten mussten, oder haben schlichtweg keine Medikamente mehr zum Verkauf. Die Situation mit Arzneimitteln ist je nach Region sehr unterschiedlich.

Deshalb habe ich mich mit dem Co-Founder des Netzwerks der sozialen Apotheken „Citymed“, Pavlo Schandra, getroffen, um über die Lage in Odessa zu sprechen. Ihm zufolge fehlen heute in Lagerhäusern und Apotheken im Vergleich zum Vorkriegszeitraum etwa 300 verschiedene Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel.

Davon sind 48 in der Ukraine hergestellte Medikamente des Unternehmens „Farmak Plant“, das während des Krieges schwer beschädigt wurde . Die restlichen 252 Präparate stammen aus dem Ausland.

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    Im Moment fehlen insbesondere Impfstoffe gegen eine Reihe von Krankheiten: Windpocken, Masern, Röteln, Rotavirus-Infektion bei Kindern, Meningitis, Sepsis, und Hepatitis B.

    Es gibt auch große Unterbrechungen bei der Lieferung von Cremen zur Befestigung von Zahnersatz an Apothekenketten – Korega, Lakalut, Protefix. Sie erscheinen in kleinen Mengen auf dem Markt und werden schnell ausverkauft. Bisher ist die Nachfrage viel größer als das Angebot, obwohl die Repräsentanz von GlaxoSmithKline versichert hat, dass Wagen mit Korega bereits in ausreichender Menge in die Ukraine fahren und in naher Zukunft das Problem mit dem Mangel gelöst werden kann.

    Im Allgemeinen spürt das Apothekengeschäft die gleichen Probleme wie andere Geschäfte des Landes im Krieg – Unterbrechungen der Lieferketten, Abwertung der ukrainischen Währung, Abwanderung der Bevölkerung ins Ausland, Besetzung von Gebieten.

    Pavlo Schandra vom Apotheken-Netzwerk "Citymed" in Odessa. Foto: Privat

    „Die Apotheken unseres Netzwerks“, erzählt Herr Schandra,“befanden sich in Cherson, das jetzt vorübergehend besetzt ist, und in Mykolajiw, wo die Kriegshandlungen aktiv stattfinden. Wir haben versucht unsere Mitarbeiter so gut wie möglich zu unterstützen, um die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Medikamenten weiterhin zu gewährleisten.“ Der nächste Satz fällt Herrn Schandra sichtlich schwer. „Aber irgendwann wurde das unmöglich. Infolgedessen haben wir nicht nur die Belieferung der umkämpften Gebiete, sondern auch rund 20 Prozent des operativen Gewinns des Unternehmens verloren.“

    Neben den Lieferkettenproblemen, die das Geschäft über jede Industrie hinweg erschweren, hat der Pharmabereich auch mit branchenspezifischen Problemen zu kämpfen. So besteht ein faktisches Oligopol auf dem Importmarkt für Medikamente. Den wenigen Importeuren der lebenswichtigen Waren, ist es demnach möglich Vorauszahlungen zu verlangen, die Ausgabe von Medikamenten spontan zu stornieren und vormals abgestimmte Stundungen aufzulösen. Gemeinsam mit der wachsenden Inflation werden somit sämtliche Einkaufsrisiken auf die Schultern der Apothekenbesitzer abgewälzt.

    „Aber es gibt positive Aspekte“, betont Herr Schandra, „Im Sommer haben wir eine Lizenz zum Import von Medikamenten erhalten. Das bedeutet, dass wir in der Lage sein werden, die Medikamente aus dem Ausland selbst einzukaufen. Die Ärzte, mit denen wir zusammenarbeiten, unsere Kunden mit chronischen Krankheiten und die Freiwilligen, die Einkäufe tätigen, um sie ohne Vermittler an die Front zu schicken, wird das enorm entlasten.“

    In naher Zukunft erwartet man die ersten Direktlieferungen von Medikamenten aus Europa. Die Erweiterung der Importmöglichkeiten wurde durch eine neue Politik der Deregulierung ermöglicht, deren Ziel es ist, Unternehmen maximale Freiheit im Geschäftsbetrieb zu ermöglichen und somit Arbeitsplätze zu schaffen, Steuern an den Haushalt zu zahlen und die Armee zu unterstützen

Zhenya Laptii

Wenn ich an mein Leben unter der Besatzung zurückdenke, scheine ich mich an einen aufwühlenden Film zu erinnern, ganz so, als ob mich das alles nicht selbst betreffen würde. Jetzt pendle ich zwischen Kiew und dem schönen und sicheren Österreich hin und her, doch noch vor einem halben Jahr war ich in der Hölle, in irgendeinem anderen Leben. Wenn ich mich daran erinnere, bekomme ich Gänsehaut.

Ich hätte nie gedacht, dass Russland die Ukraine angreifen würde, und als meine Mutter ihre Sachen packte und sagte, dass sie und ihre Schwester nach Lemberg fahren würden, sagte ich, dass ich bleibe und all das Gerede über einen Krieg eine Wahnvorstellung sei. Wie falsch ich lag. Sie reisten am 19. Februar ab, und ich blieb allein mit meinen alten Großeltern zurück. Am 24. Februar wachte ich vom Donner der Explosionen auf und mein Leben wurde zur Hölle.

Tatsächlich befand ich mich in einer Art mittleren Hölle. Diese ist ein Mittelding zwischen einem Leben in einem Haus irgendwo in der westukrainischen Region Transkarpatien und einem Leben in Mariupol. Die Besetzung geschah sehr schnell, quasi innerhalb eines Augenblicks. Vielleicht war das auch besser so. Bei uns gab es keine Kämpfe (zumindest in jenen Tagen, als die Besatzer kamen; jetzt jedoch ist mein Dorf vollständig zerstört). Die russischen Horden trafen auf keinen Widerstand. Rasch bauten sie ihre Militärtechnik zwischen den Häusern auf und begannen auf Pivnična Saltivka, einen Stadtteil im Norden Charkiws, zu feuern. Sie hatten sogar einen Zeitplan. Jeden Morgen um neun Uhr begannen sie damit, die Stadt zu beschießen. Es hatte den Anschein, als ob der Krieg für sie einer beliebigen Arbeit gleichkäme. Bloß, dass in dieser „Arbeit“ Menschen starben. Etwas später dann eine Mittagspause und dann zurück an die Arbeit. So ging das jeden Tag.

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    Sie schlugen immer als Erste zu, woraufhin unsere Antwort erfolgte. Man könnte sagen, dass die Unseren „human“ und nicht aus vier Raketenwerfern hintereinander feuerten, so wie es die Russen taten. Die ukrainischen Streitkräfte schossen gezielt, aber manchmal waren die Ziele die falschen. So etwa begab sich ein Mann mittleren Alters aus der Nachbarstraße aus dem Keller, um fünf Minuten lang eine Zigarette zu rauchen, als eine Bombe sein Haus traf. Er wurde in Stücke gerissen, und seine Familie blieb ohne ihn zurück.

    Wir lebten in einer mittleren Hölle. Wir hatten keinen Strom, aber es gab Wasser aus dem Brunnen. Allmählich hatten wir wieder die Möglichkeit, zu kommunizieren, und es war sogar möglich, das Internet zu empfangen, um sehen zu können, wer ringsum noch am Leben war.

    In unserer mittleren Hölle gab es Regeln: Immer nur auf befestigten Wegen gehen, diese keinesfalls verlassen – anderenfalls wird man erschossen, nicht auf den Friedhof gehen, dort liegen Minen. Tragen Sie weiße Binden, bilden Sie keine Gruppen.

    Die „Befreier“ sagten uns, wie man richtig zu denken hat. Jeden Tag schalteten sie den Lautsprecher ein, gingen durchs Dorf und sagten, dass wir ein Brudervolk und slawische Brüder seien. Sie sagten, sie seien gekommen, um uns zu befreien; dass der Krieg den Frieden bringe, die Freiheit Sklaverei sei und die Liebe Hass bedeute. Ich mache bloß einen Scherz, denn in Wahrheit waren sie noch perverser. Ihrer Meinung nach steht Freiheit für den Tod, weil sie gekommen sind, um uns vom Leben zu befreien. Also saßen wir als Geiseln in unseren eigenen Häusern, auf unserem eigenen Land, und lauschten der irrwitzigen Propaganda und dem Donner der Bomben.

    Übersetzung: Arno Wonisch

Christian Wehrschütz

In der Ukraine haben Polizei, Justiz und Gerichtsmediziner damit begonnen, ein weiteres Massengrab zu öffnen. Es liegt in einem Waldstück vor der Stadt Isjum, die vor etwa einer Woche von ukrainischen Truppen zurückerobert werden konnte. Nach Angaben der Polizei sind dort 445 Personen behelfsmäßig beerdigt werden. Die Ukraine spricht von Kriegsverbrechen, für die Russland verantwortlich sei, das diese Vorwürfe zurückweist.

Holzkreuze im Wald hinter dem Friedhof von Isjum sind stumme Zeugen des Krieges gegen die Ukraine. Auf manchen stehen Nummern; sie hat das lokale Bestattungsinstitut geschrieben; auf Listen mit den Nummern steht der Name des Toten. Doch es gibt auch viele namenlose Opfer.

„Viele starben durch Artilleriebeschuss, viele wurden getötet; es gibt Informationen, dass Menschen vor ihrem Tod gefoltert wurden. Der erste Körper, den wir ausgegraben haben, wies Spuren am Genick auf, die darauf hindeuten, dass der Mensch erwürgt wurde“, erzählt einer der Helfer.

Wie viele Menschen hier Opfer von Kriegsverbrechen wurden, wird sich wohl erst nach der Obduktion abschätzen lassen. Isjum war mehr als fünf Monate russisch besetzt, die Kämpfe dauerten aber noch länger. Vor dem Krieg lebten hier fast 50.000 Bürger, jetzt dürften es 15.000 sein. Unklar ist die Gesamtzahl ziviler Opfer. An den Exhumierungsarbeiten und Dokumentationen sind derzeit zehn Gruppen beteiligt, es arbeiten hier Kriminalbeamte, Polizisten und Pathologen zusammen.

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    Die ukrainische Gegenoffensive im Nordosten des Landes im Landkreis Charkiw hat die russische Armee kalt erwischt. Teilweise in Panik verließen russische Soldaten ihre Stellungen und ließen ihre Waffen zurück. Militärisch besonders wichtig ist für die Führung in Kiew die Stadt Isjum etwa 120 Kilometer südöstlich von Charkiw, weil damit auch der militärische Druck auf den Nachbaroblast von Donezk nachgelassen hat. Vorgestern hat in Isjum Präsident Wolodymyr Selenskij bei einem Kurzbesuch demonstrativ die ukrainische Fahne gehisst. Die Befreiung von Isjum bedeutet einen spürbaren militärischen Rückschlag für die russischen Angriffspläne in der Ostukraine. Besetzt war die Stadt mehr als fünf Monate, die Rückeroberung gelang binnen einer Woche. Die Russen ließen viele Waffen zurück; beim Rückzug sprengten sie eine Brücke über den Fluss. Zurück ließen sie eine gezeichnete Stadt.

    Praktisch kein Haus ist ganz, und auch der Supermarkt ist nur mehr ein Trümmerfeld. Strom, Wasser, Gas und Lebensmittel gibt es nicht; der Greißler hat praktisch keine Waren, schon gar keine verderblichen, weil eine Kühlung nicht möglich ist. Verteilt wird humanitäre Hilfe; dazu zählen auch Medikamente.

Zhenya Laptii

Am 24. Februar bin ich um fünf Uhr in der Früh von Explosionsgeräuschen aufgewacht. Ich kann mich erinnern, dass das die schrecklichsten Minuten meines Lebens waren. Später, wenn du unter Besatzung bist, gewöhnst du dich an Bomben, und die Angst weicht. Das Überlebensprogramm schaltet ein.

Es ergab sich so, dass ich kurz zuvor von Kiew, wo ich lebte, zu meinen Großeltern in die Region Charkiw zu Besuch fuhr. Unser Dorf befindet sich unweit der Grenze zu Russland. Eine Stunde nach Kriegsbeginn wurde unser Dorf besetzt.

Ich lebte 20 Tage unter russischer Besatzung. Am 15. März wurde unser Haus von einem Geschoss getroffen. Vor meinen Augen zerbarsten die Fenster, ein Teil des Hauses wurde zerstört. Daher haben wir entschieden, aus der Besatzungszone über die russische Grenze zu fliehen. Der Weg nach Charkiw wurde vom russischen Militär versperrt, alle, die versuchten, in die Stadt zu gelangen, wurden erschossen.

Daher musste ich anstatt 15 Kilometer – das ist die Entfernung von Charkiw bis zu meinem Dorf – 5454 Kilometer fahren und fünf europäische Länder durchqueren, um zurück in die Ukraine zu gelangen.

Opa und Oma wollten nicht wegfahren, daher bin ich allein geflohen. Lange Zeit hatten wir keinen Kontakt mit ihnen, aber wir wussten, dass sie am Leben sind. Mitte Mai begann die ukrainische Gegenoffensive und unser Dorf wurde von den russischen Invasoren befreit. Mein Opa und meine Oma wurden gerettet, jetzt sind sie in Charkiw bei unseren Verwandten.

Übersetzung: Mariya Donska

Zhenya Laptii

„Kiew ist die Mutter aller russischen Städte“, lautet ein Sprichwort, aber jetzt scheint es das Zentrum des Universums zu sein. Das hier ist eine Liebeserklärung an Kiew. Die Stadt ist aus einem jahrhundertelangen Schlaf aufgewacht, jetzt braust in ihr eine Kraft, die jedes Böse überwinden kann. Die Kraft einer ehrwürdigen Stadt, die die mongolische Invasion, Hunderte Schlachten, Dutzende Kriege überlebte. Und jetzt erinnert sich Kiew an all diese Narben und näht Wunden zu, die noch bluten.

Wir stellen Panzerigel an den am wenigsten geschützten Orten auf, als ob wir sie zunähen, sie beschwören wollten. Wie auf einem ukrainischen Trachtenhemd, das ohne bestickte Ränder nicht auskommt. Die Verzierung schützt wie ein Amulett vor bösen Geistern, die den Körper schädigen können. Den Stadtkörper. Kiew ist voll von Geistern – von denen, die auf dem Maidan umgekommen sind, von denen, die in Butscha, Irpin und Hostomel gefoltert und getötet worden sind. Sie gehen alle neben uns. Sind unsere Macht, unser Gedächtnis. Wo auch immer du in Kiew gehst, du spürst, dass diese Schatten mitgehen. Sie suchen nach Zufluchtsort und Ruhe, aber es gibt keine Ruhe, weder für sie noch für uns – solange der Feind auf unserer Erde geht. Wir warten, bis wir ihnen sagen können: „Ruht in Frieden, für das Leid aller Seelen wurde gezahlt.“

In Kiew steht ausgebranntes russisches Kriegsgerät herum, das als Trophäe zur Schau gestellt wird. Wie herausgerissene Innereien, stinkend und widerwärtig, erinnern die zerstörten Panzer an ein vergangenes, unnützes Leben. Überbleibsel der selbst ernannten „Retter“, die jetzt nur Abscheu erregen. Einst haben sie Angst ausgelöst, jetzt nur Ekel.

Kiew ist unglaublich, Kiew steht symbolisch für alle Städte der Ukraine. Sie ist wütend, diese Wut wächst mit jedem Raketeneinschlag, der eine friedliche Stadt trifft. Kiew wartet, bis Vergeltung kommt, und jeder in der Ukraine weiß, dass Vergeltung unausweichlich ist. Kiew wird bestehen und mit ihr jeder Ukrainer und jede Ukrainerin. Und ich werde endlich in mein Heimatdorf zurückkehren.

Übersetzung: Mariya Donska

Karina Beigelzimer

„Bildung ist die mächtigste Waffe, die du verwenden kannst, um die Welt zu verändern.“ – Nelson Mandela. Heute ist der erste September, der Tag des Wissens. Seit genau 24 Jahren arbeite ich als Lehrerin in der Ukraine. Ich mag meinen Beruf, denn er ist der Schlüssel zu den Kinderseelen, man begleitet junge Menschen durch einen sehr wichtigen Lebensabschnitt hindurch und vermittelt ihnen wichtige Werte.  Sicher, es gibt anstrengende Tage und der Lohn ist in der Ukraine für Lehrer sehr niedrig. Doch die Freude, die es bereitet, mit den Schülern zusammenzuarbeiten, überwiegt.

Der Tag des Wissens ist einer der wichtigsten Feiertage des Schuljahres. Am 1. September ertönten früher landesweit nicht die Kriegssirenen, sondern die Schulglocken, die das neue Schuljahr wortwörtlich einläuteten. Ihren ganz besonderen Auftritt hatten am Wissenstag natürlich die Erstklässler. Alle Schüler der älteren Jahrgangsstufen versammelten sich zur Begrüßung der Kleinen. Überall gab es viele Blumen, Luftballons und glückliches Lächeln.

Heute ist alles ganz anders. Mehr als 250 Kinder sind in diesem Krieg gestorben. Über 700 wurden verwundet. Viele sind vertrieben, z. T. im Ausland, oft getrennt von ihren Vätern oder überhaupt den Eltern. Viele wurden auch misshandelt und verschleppt.  Nach Angaben der ukrainischen Behörden haben die russischen Invasoren mehr als 2000  ukrainische Schulen beschädigt, 261 wurden völlig zerstört. 1300 befinden sich in den besetzten Gebieten.

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    Seit Beginn des russischen Einmarschs in die Ukraine vor sechs Monaten hat es im Land keinen Präsenzunterricht mehr gegeben. Schon kurz nach der russischen Invasion stellte die Ukraine auf Online-Unterricht um. Aber der Mangel an Geräten und der fehlende Zugang zu schnellem Internet sind in einigen Familien eine Hürde. Außerdem sind viele Schüler geflohen, und an Lehrpersonal mangelt es auch.

    Die Stadtverwaltungen haben im Sommer die Sicherheitsvorkehrungen der Schulen überprüfen lassen. Etwas mehr als 40 Prozent der Einrichtungen in der Ukraine verfügten demnach über angemessene Sicherheitsräume oder Bunker. Trotzdem dürfen die Eltern selbst entscheiden, ob sie damit einverstanden sind, ihre Kinder wieder in die Schule zu schicken. Viele sind verständlicherweise zurückhaltend. 97 Prozent der Eltern in Odessa haben sich für das Distanzlernen entschieden.  So wird die Mehrheit der Kinder in der Ukraine dem Unterricht in Klassenzimmern fernbleiben. Wenn Eltern Offline-Unterricht (Präsenzunterricht) wünschen, wird ihnen die nächste Schule angezeigt, die einen Schutzkeller hat. Aber auch in diesen Schulen werden einige Fächer online unterrichtet. Im Präsenzunterricht verbleiben dort Mathematik, Physik, Chemie und andere Fächer, die Laborarbeit erfordern. Während eines Fliegeralarms müssen alle Lehrer und Schüler in den Schutzkeller gehen. Leider gibt es in Odessa oft mehrmals täglich Luftalarm und manchmal Raketeneinschläge. Wie lange die Kinder in den Schutzräumen verbringen müssen ist, schwer vorzustellen.

    Schüler während der Wiedereröffnung einer Schule in Butscha bei Kiew am Tag vor dem Schulbeginn. Foto: APA/AFP/Vladyslav Musienko

    Schüler, die den Krieg hautnah erleben, sind starkem emotionalem Stress ausgesetzt. Deshalb hat sich die Rolle der Lehrer verändert. Lehrer sind im Krieg gleichzeitig Psychologen, Seelsorger und Lebensbegleiter. Es ist sehr wichtig, den Schülern ein Angebot zum Gespräch und zum Austausch zu machen. Es geht in erster Linie um Fürsorge, dann um Wissensvermittlung. Aber auch die Wissensvermittlung muss auf hohem Niveau bleiben. Trotz des Krieges haben viele Lehrer im Sommer verschiedene Fortbildungen besucht.

    Außer Online- und Offlineunterricht gibt es viele Internetplattformen, auf denen Schüler nützliche Informationen und Aufgaben finden können. In Odessa zum Beispiel wurde noch während des Lockdowns das Projekt „Odessa gibt Unterricht“ organisiert. Das sind Videostunden für alle Klassenstufen in verschiedenen Fächern. Sie stehen jetzt allen Schülern aus der ganzen Ukraine online zur Verfügung.

    Außerdem hat das ukrainische Bildungsministerium schon im März einen digitalen interaktiven Kurs, den „gesamten ukrainischen Stundenplan online“, präsentiert. Eine wahre Schatzkiste mit den wichtigsten Unterrichtsmaterialien und Lehrbüchern. Der Stundenplan kann auch als mobile App genutzt werden. Das ist besonders für die Schüler aus den Regionen wichtig, in denen der normale Unterricht noch nicht wieder möglich ist.

    Leider ist die Situation mit der Schulbildung in den besetzen Gebieten dramatisch. Viele Menschen, die z. B. in Mariupol geblieben sind, sind entschlossen, ihre Kinder im ukrainischen Programm online zu unterrichten. Sie erhalten jedoch eine SMS, in der ihnen gedroht wird, dass die Kinder gewaltsam aus der Familie  entfernt werden, sollten sie an diesem Unterricht teilnehmen. Auch in Cherson spricht man immer öfter darüber. Der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Oleg Nikolenko, hat auf Twitter die Drohungen verurteilt, diese Kinder in Waisenhäuser zu schicken. „Moskau benutzt die Bildung als Instrument der Unterdrückung“, betonte er.

    Gestern habe ich mit einem Binnenflüchtling in Odessa gesprochen. Pavlo ist 11 und wird hier eine Schule besuchen. Sein bester Freund Dima ist in Mariupol geblieben. Pavlo vermisst sein früheres Leben sehr. Er wünscht sich, seine Mitschüler wiederzutreffen und macht sich große Sorgen um diejenigen, die sich noch in besetzten Gebieten aufhalten.

    Und bei uns gibt es heute die erste Schulstunde, die unserem Land und seinem heldenhaften Kampf gewidmet wird. Ein schönes Gefühl des Zusammenhalts liegt in der Luft. Gleichzeitig gibt es auch Tränen, weil dieser schreckliche Krieg fast jede Familie betrifft. Viele mussten fliehen, andere haben ihre Familienmitglieder verloren.  Die Kinder sind so schnell erwachsen geworden.

    Kinder des Krieges. Die neue Generation mit Seelennarben und großer Hoffnung auf eine glückliche Zukunft in einem friedlichen Land.

Karina Beigelzimer

Am Anfang zählte ich Tage. Der zweite Tag des Krieges, der fünfzigste … Jetzt zähle ich Monate. Ein halbes Jahr ist vergangen und gerade heute beginnt der siebte Monat des Krieges.

Als im Sommer 1991 die Ukraine ihre Unabhängigkeit erklärte, war ich gerade 16 Jahre alt. Jung, hoffnungsvoll und voller Optimismus. Zwar konnte ich wegen meines Alters damals noch nicht an den ersten freien Präsidentschaftswahlen teilnehmen, aber mit Begeisterung verfolgte ich den Wahlkampf, vor allem im Fernsehen. Damals gewann der Ex-Kommunist Leonid Kravtschuk.

Etwas später fand das Unabhängigkeitsreferendum statt. Mein Vater sagte, das sei der glücklichste Tag in seinem Leben. Er war ein großer Gegner der Sowjetunion und des Kommunismus gewesen. Politische Gewalt und Repressionen gehörten während der Sowjetzeit zu den Erfahrungen seiner Familie. Deshalb feierten wir am 31.12.1991 zweimal – zuerst Silvester und dann das Ende der Sowjetunion. Auch wenn damals 92 Prozent der Abstimmungsberechtigten für die Unabhängigkeit gestimmt hatten, blieb die Frage offen, wohin der Weg des neuen Landes führen würde.

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    Die sieben Jahrzehnte der kommunistischen Epoche prägten noch sehr stark den Großteil der Menschen unseres Landes. Einige lebten in jener Vergangenheit, die der andere Teil der Bevölkerung bekämpfte.

    Als junge Studentin und später Journalistin und Deutschlehrerin konnte ich ins Ausland reisen und hoffte auf ein schnelles Wirtschaftswunder. Mein Land stürzte aber in eine tiefe Krise. Während die Armut rasant stieg, sank die Lebenserwartung der Menschen. Unter diesen Umständen fiel die ukrainische Wirtschaft in eine fast vollständige Agonie: die staatlichen Betriebe machten riesige Verluste, das Bankensystem kollabierte, Strom, Gas und Öl wurden knapp.  Dazu wuchsen Arbeitslosigkeit und Hyperinflation. Ein Großteil der Bevölkerung litt unter dem maroden Sozialsystem. Trotzdem bedeuteten die 1990er-Jahre neue Rechte, Freiheiten und Möglichkeiten – das Staatsmonopol zerfiel, neue Medien und Diskussionsforen entstanden. In Odessa, meiner Heimatstadt, sah man immer mehr Cafés, Museen und Klubs. Das Kunstgeschehen erlebte eine neue Blütezeit. Viele der historischen Bauten wurden renoviert. Die Stadt, die Perle am Schwarzen Meer,  erstrahlte langsam aber sicher wieder in ihrem alten Glanz.

    Im Vergleich zu den wilden 1990er-Jahren galten die 2000er als eine eher ruhige Zeit.

    Und dann kam das Jahr 2004. Ich arbeitete damals als Leiterin des Nachrichtenbüros der ukrainischen Medienholding in Odessa. Das Thema „Orange Revolution“ beherrschte die Titelseiten unserer Zeitungen und Zeitschriften. Auslöser für die heftigen Proteste waren die Präsidentschaftswahlen 2004. Zahlreiche Wahlfälschungen zugunsten des offen von Russland unterstützten Kandidaten Wiktor Janukowytsch waren aufgetaucht. Tausende Menschen gingen damals auf die Straße und protestierten für freie demokratische Wahlen. Sie erreichten, dass man die erste Stichwahl für ungültig befand. Die Bewegung der „Orangen Revolution“ und die Opposition feierten ihren ersten gemeinsamen Sieg. Diese Massenproteste in der Ukraine waren deutliche Anzeichen dafür, dass der Untertanengeist, den wir aus der kommunistischen Sowjetunion geerbt hatten, besiegt werden konnte. Bei der Wiederholung der Wahlen im Dezember 2004 erhielt der ehemalige Ministerpräsident und Chef der Nationalbank, Viktor Juschtschenko, die meisten Stimmen. Er versprach umfassende Reformen, Bekämpfung der Korruption und eine westliche Orientierung der Ukraine.

    Ausschnitt eines Kunstwerks, nahe des Maidan-Platzes in Kiew im Jahr 2014. Foto: APA/EPA/Robert Ghement

    Die Erwartungen der Menschen waren sehr hoch, das Gleiche konnte ich auch von mir sagen. Ich fuhr sogar für Vorträge über diese Ereignisse nach Bulgarien und Polen. Es gab tatsächlich einige Verbesserungen im Land – man erhöhte Löhne und Renten, fast 18.000 Beamte wurden entlassen. Die Presse- und Meinungsfreiheit war die größte Errungenschaft der Orangen Revolution. Im Endeffekt kam aber sehr viel ganz anders, als es sich das Volk erhofft hatte, und es herrschte bald wieder politisches Chaos. Erneut brach der gesellschaftspolitische Zwiespalt zwischen dem Osten und dem Westen der Ukraine auf, die Korruption nahm weiter zu und die Wirtschaft lahmte. Der Dichter Serhiy Zhadan,  einer der Aktivisten der „Orangen Revolution“, sagte ein Jahr später enttäuscht: „Die Orange Revolution war in Wirklichkeit gar keine Revolution. Es haben sich nur die Gesichter der Politiker geändert“.

    Das alles hat bei den nächsten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2010 Janukowitsch geholfen, an die Macht zu kommen. Der weigerte sich dann drei Jahre später, sicher auf Druck Moskaus, das umfangreich verhandelte und nunmehr unterschriftsreife Assoziierungs- und Freihandelsabkommen mit der EU zu unterzeichnen. Ehrlich gesagt habe ich damals einen richtigen Schock bekommen. Der Kurs der Ukraine Richtung EU gehörte viele Jahre zu meinen innersten Wünschen. Es reichte mir und Millionen anderer Ukrainer nicht mehr, dass wir zwar geografisch zur europäischen Familie gehörten, aber nicht politisch.

    Damals, 2014, hielt die ganze Welt den Atem an: Mitten in Kiew begannen friedliche Proteste gegen die Politik der Regierung. Aber der Konflikt eskalierte, nachdem die Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen die Protestierenden vorgegangen waren.

    Es waren kalte, düstere Februartage – durch Kugeln der Sicherheitskräfte verloren über 100 Demonstranten auf dem Maidan ihr Leben, Tausende wurden verletzt.

    Diese Revolution brachte der Ukraine zwar mehr Freiheit, nahm ihr aber den Frieden. Russland annektierte die Krim und begann seine Aggression im Osten (Donbass), was zur Entstehung der beiden Separatistengebiete Luhansk und Donezk und zu andauernden militärischen Auseinandersetzungen führte.

    Putins Versuch, die ganze Ukraine in einen Bürgerkrieg zu stürzen und zu zerstückeln, wie dies von russischen Parlamentariern gefordert wurde, scheiterte. Die russische Aggression führte eher zum Gegenteil dessen, was sich die Russen erhofft hatten. Das war der Beginn eines anhaltenden Prozesses: Die bisherigen Gegensätze zwischen den Menschen des Westens und des Ostens der Ukraine verschwanden mehr und mehr. Sprach man früher fast von zwei Staaten, so hatte es Putin erreicht, dass sich die Menschen der Ukraine jetzt als Bürger einer ukrainischen Nation empfinden.

    In den frühen Morgenstunden des 24. Februars 2022 begann die russische Invasion der Ukraine. Seitdem dauert der Angriffskrieg Russlands mit zunehmender Härte und Zerstörung an.  In nur wenigen Monaten hat er in der Ukraine Zehntausende Todesopfer gefordert, darunter auch viele unter der Zivilbevölkerung. Die genauen Zahlen sind unbekannt. Die Zerstörung der zivilen und industriellen Infrastruktur ist immens.

    Heute ist der Unabhängigkeitstag meiner Ukraine. Das klingt fast wie ein Sarkasmus, weil wir wieder um unsere Freiheit kämpfen müssen. Und um unsere Unabhängigkeit – von einem aufdringlichen und gewaltsamen Nachbarn, der denkt, dass es im 21. Jahrhundert normal sei, fremde Territorien zu stehlen und dabei tausende Menschen zu töten.

    Im Gegensatz zu uns Ukrainern wissen die Menschen in diesem Nachbarland nicht um die Bedeutung des Wortes „Freiheit“, weil sie sie bisher nicht erlebt haben. Sie leben immer noch unter den gleichen Bedingungen wie zur Zeit der sowjetischen Diktatur, in der es gefährlich war, seine Meinung zu äußern.

    Hoffentlich wird irgendwann mein Traum wahr: Die Ukraine kann sich in diesem Krieg, mit Hilfe der USA und Europas, gegen den Aggressor behaupten.  Wir können wieder in Freiheit leben und mit dem Beitritt zur EU gehören wir dann endlich richtig zur europäischen Familie.

Karina Beigelzimer

„Wahre Freundschaft erkennt man erst in schlechten Zeiten.“ Diese Lebensweisheit beschreibt sehr gut, was ich in den letzten Monaten erlebt habe. In der Krise zeigt sich, wer sie mit aushält oder sich still und leise verabschiedet. Man muss lernen (es ist nicht immer einfach), das zu akzeptieren. Kriege verändern Menschen und sie zeigen ihre wahren Gesichter. Es gab einige Leute, bei denen ich am Anfang des Krieges 100-prozentig sicher war, dass ich mich auf sie verlassen kann. Und in schwieriger Zeit verschwanden sie, waren unerreichbar und schickten mir plötzlich eine SMS, dass sie schon an der deutschen Grenze sind, um ein neues Leben zu beginnen. Ich hatte damals im März dieses komische Gefühl, ich befinde mich im luftleeren Raum und kann kaum atmen. Es gab aber andere, die ihre Schulter anboten und halfen, nicht hinzufallen. Ich bin Tausende Male gefragt worden, was mir Kraft und Hoffnung gibt. Das sind Menschen. Bekannte und Unbekannte aus der ganzen Welt, die ihre Unterstützung anbieten. Leute, die sich Zeit nehmen und ihre Zuneigung schenken, damit wir uns hier in der Ukraine besser fühlen. Die Unterstützung und Rückmeldungen von ihnen sind sehr wichtig. Es reduziert Stress und macht stark – genau das, was wir gerade brauchen.

Fast alle meine Freunde sind weg. Manchmal überkommt mich die Einsamkeit. Ein paar fahren bald ins Ausland, andere würden gerne zurückkehren, sind sich aber nicht sicher, ob es das Richtige ist. Sie rufen mich an und fragen: „Karina, was meinst du, können wir zurückkommen?“ Was soll ich da antworten? „Ja, kommt nur.“ Und wenn ihnen dann etwas passiert? Ich würde es mir mein Leben lang nicht verzeihen.

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    Aber in den letzten Wochen kamen einige Freunde für ein paar Tage nach Odessa, um ihre Familien zu sehen oder nötige Dokumente oder Sachen zu holen. Diese kurzen Treffen waren für mich einerseits glücklich, andererseits schmerzhaft, weil man sich wieder verabschieden musste. Vielleicht für eine längere Zeit, weil niemand weiß, wie lange der Krieg noch dauert. Meine Kollegin Maryna Bilousova, die jetzt in der Slowakei lebt, meinte am ersten Tag in der Heimat, dass hier sogar die Luft besser ist und dass sie sich zu Hause so glücklich fühlt. Trotzdem, es sei hier noch zu gefährlich und sie fahre zurück nach Bratislava.

    Am Freitag traf ich Jonas M. aus Dresden. Er war 2019 Freiwilliger in Odessa und kennt das Land sehr gut. Seine Entscheidung, mitten im Krieg die Ukraine zu besuchen, haben trotzdem nicht alle verstanden. Ist es ein Unding, in einen Krieg zu reisen? Dorthin, wo Menschen leiden und um ihre Existenz kämpfen? Aber Jonas musste einfach in die Ukraine fahren, um seine Freunde zu treffen, zumindest ein paar Tage und Stunden bei ihnen zu sein. Vor nicht allzu langer Zeit schrieb ihm ein Kumpel – ein Binnenvertriebener aus dem Gebiet Zaporozhia – dass es sein kann, dass er bald mobilisiert wird. „Seit dem 24. Februar habe ich eine Sache verstanden. Zeit ist kostbar und wertvoll und wir wissen nicht, wieviel wir von ihr haben. Also war der Entschluss, meinen Geburtstag auf jeden Fall mit ihm verbringen zu wollen, relativ schnell gefasst“, – erzählt Jonas. So erreichte er die Ukraine mit dem Zug.

    Ein Mann - nicht Jonas - am Bahnhof von Lemberg. Foto: AP/David Goldman

    Lviv (Lemberg) begrüßte ihn wie immer, wenn er am Bahnhof ankommt – mit Regen. Noch schnell die Region Lviv in der Luftalarm App eingestellt, um ja keinen Luftalarm zu verpassen. Ansonsten hatte sich nicht viel verändert, seit er das letzte Mal in Lviv war. Jonas sah in der Stadt viele Versorgungs- und Aufwärmzelte und überall waren Freiwillige, die den Flüchtenden aus dem Osten des Landes mit Rat und Tat zur Seite standen. Auch im Zentrum hatte sich nicht viel verändert. Natürlich war mehr Polizei und Militär zu sehen, aber die Cafes der Stadt waren wie immer voll.

    Nach zwei Tagen Lviv ging es weiter nach Kyjiw. In Kyjiw ist die Sicherheitslage – verständlicherweise- etwas angespannter, aber dennoch ähnlich unbeschwert wie in Lviv, meint Jonas. Die Metro (U-Bahn) fährt in einem nicht so engen Takt wie früher, nicht alle Metrostationen sind geöffnet. Jonas hat auch bemerkt, dass in Kyjiw jetzt vermehrt Ukrainisch zu hören ist. Während er bei seinen früheren Besuchen einen Anteil von vielleicht 50/50 feststellen konnte, liegt der Anteil jetzt vielleicht bei 85/15 – zugunsten des Ukrainischen. Weiterhin tragen viele patriotische T-Shirts mit den Staatssymbolen der Ukraine oder mit dem berühmten Ausspruch des Gouverneurs der Region Mykolayiv, Kims, „Guten Abend, wir sind aus der Ukraine.“ Trotz Krieg verändert sich Kyjiw, neue Büros werden gebaut, es gibt einen neuen Spielplatz etc.

    Dann fuhr Jonas mit dem Zug nach Odessa. „Was mir nach einigen Stunden hier auffiel,- erzählt der junge Mann,- war, dass nur wenig Menschen im Zentrum waren. Das ist für die Perle am Schwarzen Meer sehr ungewöhnlich, denn jetzt ist Hochsaison und eigentlich sollte die Stadt voller Touristen sein. Im Vorbeigehen kann ich erkennen, dass viele Cafés und Restaurants fast leer sind. Das Personal steht einfach nichts tuend herum. Und viele Menschen sehen irgendwie trostlos und depressiv aus. Logisch, bei der hohen Arbeitslosigkeit, die es aktuell gibt, weil der Hafen nur teilweise geöffnet ist. Diese Leichtigkeit, die diese wunderschöne Stadt sonst immer hatte, scheint verschwunden. Diesmal höre ich keine Witze, für die diese sogenannte Hauptstadt des Humors der Ukraine so berühmt ist. Meine Freunde freuen sich, mich wieder zu sehen, aber sie haben sich alle verändert. Sie sind gealtert, manche, so scheint es, um Jahre, dabei sind nur wenige Monate vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Und da ist auch sie wieder, diese Hilflosigkeit, die immer dann aufkommt, wenn ich spüre, dass meine Freunde meine Hilfe und Kraft brauchen, ich aber einfach nichts für sie tun kann, weil das, was in ihrem Land passiert, nicht in meinen Händen liegt.“

    Während ich diese Zeilen schreibe, befindet sich Jonas schon wieder in Deutschland. Seine Familie und Freunde sind erleichtert, dass er in Sicherheit ist und auch er schreibt mir, er merke, dass sich eine unbewusste Anspannung in ihm gelöst hat.

Zhenya Laptii

Was macht die Angst aus uns? Welche Kräfte setzt sie in uns Ukrainern frei?

Fünfzehn Kilometer hätte ich zurücklegen können, um nach Charkiw zu gelangen. Benötigt habe ich 5454 Kilometer, um wieder in die Ukraine zu kommen. Durch fünf Länder – eines davon Russland – bin ich gefahren, um in mein Heimatland zurückzukommen. Und ich hätte 15 Kilometer fahren können. Aber da war die Frontlinie, die feindlichen Truppen.

Als ich aus den besetzten Gebieten flüchtete, hatte ich nicht das Gefühl, mein Zuhause für immer zu verlassen. Ich wollte nur weg, mich endlich sicher fühlen. Schließlich bin ich in das märchenhafte Österreich gekommen. Ein Land, wie versunken im Gebirge. Die Gipfel wiegen dich, und du tauchst ins Unterbewusstsein ein, versinkst in Märchenträumen.

Ein schönes Land, mit Komfort, Stabilität und Sicherheit. Es trägt dazu bei, dass du quasi schlaftrunken umherstreifst. Du fließt im Fluss, und dieser Fluss wird dich sicher zur richtigen Stelle treiben.

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    Als ich zurück in die Ukraine kam, habe ich gespürt, wie der Schlaf weicht. Die Liebe zum Leben kehrte in mir zurück. Außerdem habe ich den kollektiven Schmerz gespürt, von dem die Kiewer Luft durchzogen ist. Die Menschen sind fröhlich, lebendig, trotzdem steht in der Tiefe ihrer Augen der Schmerz: „Ich weiß, wie es dir weh tut. Mir tut es genau so weh.“ „Wofür? Warum uns? Wozu?“. Ich denke, wir werden die Antworten auf diese Fragen niemals begreifen können. Aber wir werden weiterleben und uns an diesen Schmerz erinnern. Wir werden der ganzen Welt trotzen, die uns sagt: „Warum kapituliert ihr nicht, warum gebt ihr nicht auf?“

    Kiew lebt und atmet in vollen Zügen. Jedes Luftholen erinnert an Tausende Tote. Die Lungen dieser Stadt werden jede Sekunde mit Luft gefüllt, weil die Stadt weiß, was es heißt, aus Todesangst zu erstarren, nicht mehr atmen zu können. Jeder nächste Atemzug ist daher noch kräftiger, noch tiefer. Wir werden allen Toten und aller Zerstörung zum Trotz leben. Wir werden uns dem Terror und der Angst widersetzen. Denn wir kennen den Wert des Lebens und niemand nimmt uns diesen weg.

    Übersetzung: Mariya Donska

Karina Beigelzimer

Seit der Krieg begonnen hat, versuche ich, einige meiner Mitmenschen zu unterstützen, die meine Hilfe brauchen. Unter ihnen ist eine Frau, deren tragische Geschichte ich im Internet gelesen habe. Sie ist sehr alt, krank und wohnt im Donbass.

Früher habe ich ihr Geld überwiesen, aber jetzt habe ich erfahren, dass die Lebensmittelversorgung in ihrer Region sehr schlecht ist. Ich habe die Stadtverwaltung angerufen. Dort wurde dazu geraten, möglichst schnell zu flüchten. Doch die alte Dame kann fast nicht mehr laufen und weigert sich, ihr Haus zu verlassen.

Ich habe Lebensmittel und Hygieneartikel gekauft und ihr mit dem privaten Paketdienst Nova POSHTA geschickt. Da es im Donbass harte Kämpfe gibt, hatte ich große Zweifel, ob das Paket überhaupt ankommt. Ich war daher gestern sehr überrascht und hocherfreut, als ich die Meldung von der Post bekommen habe, dass mein Päckchen zugestellt wurde. Nur 30 Stunden, nachdem ich das Paket abgegeben hatte, hielt die alte Frau sicher ebenso glücklich wie ich alles in Händen, was ich ihr geschickt habe.

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    Die staatliche Postgesellschaft der Ukraine ist nicht so schnell wie dieser private Anbieter, aber auch die funktioniert angesichts der Situation, in der wir uns befinden, ziemlich gut. Man muss bedenken, dass die Infrastruktur in vielen Gebieten mehr oder weniger stark zerstört ist und es sehr gefährlich ist, sich in diese Region zu begeben.

    Dennoch: wo es möglich war, also in den nicht umkämpften Regionen, hat die Post schon am fünften Tag des Krieges den Betrieb wieder aufgenommen. Zu Beginn des Krieges herrschte im ganzen Land Angst und Chaos und ein paar Wochen war mein Briefkasten leer.

    Das Verfassen handschriftlicher Briefe wirkt heute oftmals sehr veraltet. Unser Kommunikationsverhalten hat sich komplett verändert und wir interagieren vorwiegend digital. Eine meiner größten Sorgen war es, dass das Internet ausfällt, das meine wichtigste Verbindung zur Welt und meinen Freunden in aller Welt ist.

    Umso größer war dann meine Freude, als ich eines Tages in meinem Briefkasten eine Zeitung und zwei Briefe aus Deutschland fand. Ich war plötzlich so glücklich, diese handschriftlichen Briefe zu bekommen. Briefe können so viel mehr ausdrücken als ein Emoji bei WhatsApp.

    Ein Freund aus Deutschland hatte mir gleich in den ersten Kriegstagen einen Brief mit einem Büchlein mit Sprüchen geschickt, um mir Kraft und Hoffnung in den schweren Zeiten zu geben. Die Post in Deutschland wollte den Brief erst gar nicht annehmen – es sei derzeit sinnlos, Post in die Ukraine zu schicken, denn sie würde wohl nicht ankommen. Doch mein Bekannter wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Man solle es zumindest versuchen. Nach einigem hin und her wurde der Brief dann doch angenommen – aber ohne jegliche Garantie, dass dieser mich jemals erreichen würde.

    Einen Monat später bekam ich auch Päckchen aus Luxemburg, Deutschland und Österreich. Etwa drei bis vier Wochen waren sie unterwegs.

    Ukrainischer Postkasten. Foto: Privat

    Übrigens kann man aus einigen Ländern kostenlos Pakete in die Ukraine schicken. Z.B aus Österreich. „Die adressierten Pakete – etwa an Freunde, Verwandte, aber auch an soziale Einrichtungen – müssen die deutlich sichtbare Aufschrift „HUMANITARIAN AID UKRAINE“ tragen und können in haushaltsüblichen Mengen in allen Postfilialen und bei Post Partnern abgegeben werden“. So steht es auf der Webseite der Österreichischen Post. Dank dieser Initiative wurde von privater Seite schon sehr vielen Ukrainern in diesen schweren Zeiten geholfen.

    In Deutschland wird dieser kostenloser Service für Pakete an Privatpersonen leider (noch) nicht angeboten. Doch es besteht die Möglichkeit, Pakete an Hilfsorganisationen zu versenden.

    Aber zurück zur ukrainischen Post.

    Vor ein paar Tagen ging ich an der Post vorbei und sah eine sehr lange Schlange. Ich erfuhr, dass „Ukrposhta“ unter dem Motto „Guten Abend, wir sind aus der Ukraine!“ eine Sonderbriefmarke herausgebracht hatte. Das Bild eines mit Ukraine-Flagge bestückten Traktors, der mit einem Seil einen auf ihn gerichteten zerstörten russischen Panzer entführt, ist zum Symbol des Widerstands der ukrainischen Zivilbevölkerung gegen die russischen Invasoren geworden und wurde nun als Briefmarke verewigt. Jeder Ukrainer konnte über das Motiv im Internet abstimmen. Mehr als 300.000 Bürger haben sich beteiligt. Fünf Bilder standen zur Auswahl, gewonnen hat aber der Trecker-Widerstand der ukrainischen Bauern. Das Gewinnerdesign ist in den Farben des Landes gehalten. Der Himmel ist gelb, darunter ist eine blaue Landschaft zu sehen.

    Dies ist nicht die erste Briefmarke der Ukraine zum Thema. Bereits Mitte April wurde eine Briefmarke herausgegeben, die das russische Kriegsschiff „Moskwa“ und einen ukrainischen Soldaten zeigt. Nur zwei Tage nachdem die Briefmarke vorgestellt wurde, hat die ukrainische Armee das Schiff versenkt, was dazu geführt hat, dass diese Marke, die nun auch ein historisches Dokument war, in aller Welt gefragt und schnell ausverkauft war.

    „Ukrposhta“ eröffnete außerdem einen Shop auf Amazon und ist damit das erste Postunternehmen der Welt, das dies tut, sagte CEO Ihor Smilyansky. In dem Online-Shop kann man neben Briefmarken auch andere Dinge wie Kleidung und Mützen kaufen.

    Vor kurzem erfuhr ich auch, dass die Ukrainer Arsenyi Matvijchuk und Rostislav Broslavskiy einen Dienst zum Versenden von E-Mails eingerichtet haben. Nachrichten werden in einer sicheren Datenbank gespeichert, und nach Kriegsende werden die Entwickler ein Skript ausführen, das sie automatisch an ihre Empfänger sendet.

    Ich habe schon so einen digitalen Brief geschrieben. An meine Eltern, mit der Hoffnung, dass sie ihn bald in ihrer unzerstörten Wohnung in Odessa und nicht auf der Flucht lesen können.

Karina Beigelzimer

Alle Menschen – so auch ich – definieren sich über ihre Sprache. Sie beeinflusst und spiegelt die Mentalität des Menschen und sein Denken.

Derzeit findet in meinem Land nicht nur ein Kampf auf dem Schlachtfeld, sondern gewissermaßen auch ein „Kampf der Kulturen“ statt. Dies reicht von der Zerstörung von Gebäuden und Kulturdenkmälern, dem Entfernen ukrainischer Literatur aus den Bibliotheken bis zum Raub einmaliger Kunstschätze. Die Russen drängen der Bevölkerung in den besetzten Gebieten ihre Sprache und ihre Kultur auf. Alles Ukrainische soll ausradiert werden. Beispielsweise werden Schüler dort gegen die Ukraine aufgehetzt. Grundsätzlich behauptet die russische Seite, die Ukraine habe gar keine eigene Kultur und das Ukrainische sei nur ein russischer Dialekt, womit die ukrainische Sprache als „zweitklassig“ und „minderwertig“ dargestellt wird. Dabei ist die Ukraine eine Nation mit einer mehr als tausendjährigen Geschichte. Kyiv war bereits eine große Metropole, als Moskau noch nicht einmal ein Dorf war.

Von ukrainischer Seite gibt es aus Protest eine Gegenbewegung: Alles Russische wird kategorisch abgelehnt. Doch dies führt zu einigen Herausforderungen.

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    Gleichzeitig fällt mir in den vergangenen Monaten auf, dass sehr viele – insbesondere auch jüngere Menschen – sich jetzt bewusst auf Ukrainisch unterhalten und man diese Sprache nun viel öfter hört. Dieser Trend wird aus Streaming-Plattformen und YouTube deutlich, auf denen das Interesse an ukrainischsprachigen Inhalten wächst.

    Schäden an einer Schule in der Region Odessa nach einem russischen Luftangriff. Foto: APA/AFP/Oleksandr Gimanov

    Seit dem 24. Februar wird die russische Sprache zunehmend in der Öffentlichkeit abgelehnt. Es gibt beispielsweise Forderungen, in der Schule kein Russisch mehr zu unterrichten. In vielen Städten hat man diese Entscheidung schon getroffen, in Odessa wird diese Frage erst im August diskutiert. Und so mancher möchte am liebsten die gesamte russische Kultur aus der Ukraine verbannen.

    Viele Menschen in Odessa waren früher positiv gegenüber Russland eingestellt. Erst nachdem Putin 2014 die Krim annektierte, begann sich diese Stimmung zu verändern. Seit diesem Jahr hat sich die Lage radikal gewandelt. Nicht einmal fünf Prozent der Bewohner der Stadt sind noch prorussisch. Odessa war immer ein Zusammenspiel aus verschiedenen Kulturen, ein Mosaik unterschiedlicher Mentalitäten. Künftig wird ein Teil, die russische Sprache, vielleicht fehlen.

    Putin sagt, er wolle uns „beschützen“. Beschützen – wovor? Meine Freunde und ich wurden nie wegen der russischen Sprache diskriminiert. Die Ukraine ist ein demokratisches und tolerantes Land, in dem viele Nationen friedlich miteinander leben.

    Und dennoch schämen sich viele Ukrainer jetzt, wenn sie Russisch sprechen, weil sie nicht für Russen gehalten werden wollen. Ich kann es auch nachvollziehen, wenn es jetzt in der Ukraine Menschen gibt, die für sich entscheiden, nichts mehr mit der russischen Sprache zu tun haben zu wollen, weil die Wunden, die der Krieg verursacht, einfach zu tief sind.

    Über Anne Frank weiß man, dass sie ihre Muttersprache Deutsch im Exil in Amsterdam ablegte und ihr berühmtes Tagebuch auf Niederländisch schrieb. Viele russischsprachige Ukrainer, lehnen es jetzt aus ähnlichen Motiven ab, Russisch zu sprechen: Dadurch wollen sie sich abgrenzen von der Sprache der russischen Invasoren, die ihre Wohnungen zerstören, sie aus ihrer Heimat vertreiben und durch die sie vielleicht sogar Nachbarn, Bekannte, Freunde und Familienangehörige verlieren. Diese Entscheidung muss aber jeder für sich selbst treffen.

    Sollte man keine Symphonien von Tschaikowski mehr anhören und keine Bücher von Tolstoi mehr lesen, nur weil Putin einen barbarischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine führt? Ich stelle mir immer wieder diese Fragen und kann keine Antwort finden. Ein Teil meiner Seele weigert sich, dies zu verbieten, ein anderer lehnt aber alles ab, was mit Russland zu tun hat.

    Obwohl ich jetzt jeden Tag Ukrainisch spreche, wird meine russische Sprache, die nun mal meine Muttersprache ist, durch diesen Krieg nicht einfach verschwinden, sie ist Teil von mir. Warum sollte ich meine Muttersprache wegen des Krieges verleugnen? Würde ich dies tun, so würde ich einen Teil meiner Identität aufgeben und Putin hätte genau das erreicht, was er wollte. Für mich ist es kein Widerspruch, wenn ich im Alltag Russisch und Ukrainisch spreche, mich aber zu hundert Prozent als Ukrainerin fühle und unsere Kultur gegen die zerstörerische, hasserfüllte Ideologie des Kremls verteidige. Wir wollen von Russland nicht beschützt, sondern von seinem Terror befreit werden.

    In meiner Familie gab es schon immer ein großes Interesse an verschiedenen Sprachen und Kulturen – und ich habe diese Begeisterung geerbt. Meine Großmutter war Ukrainischlehrerin und hat meiner Mutter und mir die Liebe zu dieser schönen Sprache weitergegeben. Mein Urgroßvater Koppel Lyubarskiy war Professor für Germanistik und leitete bis zu seinem Tod 1972 die Abteilung für Fremdsprachen des Staatlichen Pädagogischen Instituts in Odessa. Er starb vor meiner Geburt. Aus den Erzählungen meiner Mutter erfuhr ich von seiner interessanten Biografie. Er war während des Ersten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft geraten, aus der er bald freikam, um anschließend in Brüssel zu studieren.

    Mich hat es immer fasziniert, warum er sich, vor allem als Jude, auch nach dem Zweiten Weltkrieg mit der deutschen Sprache beschäftigte. Wir hatten zu Hause viele Bücher auf Deutsch. Es waren diese geheimnisumwitterten antiquarischen Raritäten, die das Faszinosum einer Terra incognita in sich bargen. Das wollte ich unbedingt entschlüsseln. So begann ich, in Odessa Germanistik zu studieren und später Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten.

    Es macht mich glücklich, wenn ich junge Menschen in deutscher Sprache unterrichte und ihnen Werte wie Toleranz und Weltoffenheit vermitteln kann. Ich möchte mit meinen Schülerinnen und Schülern die Neugierde auf andere Länder und Kulturen teilen. Ihnen beibringen, dass sie Mosaikstücke anderer Kulturen in sich aufnehmen können, ohne dabei die eigene Identität aufzugeben. Im Gegenteil: dass die eigene Identität sogar geweitet wird durch einen zusätzlichen Reichtum an Sprachen und Kulturen. Ich vermittle somit gerade das Gegenteil des nationalistischen und egozentrischen Weltbilds Putins, das alles Fremde bekämpfen und ausrotten möchte.

    Für mich blüht ein Land im friedlichen Austausch mit anderen Nationen auf, wenn sie sich gegenseitig achten und voneinander lernen wollen. Ich betrachte die Ukraine als Teil der großen europäischen Familie mit einem gleichberechtigten Platz innerhalb der Weltgemeinschaft – eine Ukraine, die vielfältig ist mit all den Kulturen und Sprachen, die sie vereint.

Karina Beigelzimer

Als ich 21 war, veröffentlichte ich meine ersten Gedichte in den Zeitungen und besuchte jede Woche einen Literaturverein in Odessa. Dort trafen sich junge Leute, lasen einander ihre Werke vor und diskutierten darüber.

„Kolo“ hieß der Verein, was auf Deutsch Kreis bedeutet. Ein Kreis von Menschen, für die Literatur, Kunst und Kreativität von großer Bedeutung waren. Einmal las uns ein junger Mann Gedichte von seinem guten Freund vor und da hörte ich zum ersten Mal den Namen Ilya Kaminsky. Er wurde, wie wir, in Odessa geboren, wanderte aber 1993 mit seiner Familie in die USA aus. Obwohl Ilya schwerhörig war, wurde er dort zu einem hervorragenden Dichter.

Am Anfang schrieb Ilya Kaminsky auf Russisch und Ukrainisch. 2002 folgte seine erste Sammlung von Gedichten auf Englisch. Für den Gedichtband „Dancing in Odessa“ (2004) bekam er sehr viele Auszeichnungen. Auch das folgende Buch „Deaf Republic “ wurde mehrfach ausgezeichnet. Die BBC ernannte Ilya Kaminsky sogar zu einem der zwölf Künstler, die mit ihrer Arbeit die Welt verändert hätten. Sein Werk wurde bislang in über zwanzig Sprachen übersetzt. 2019 erschien das Buch in den USA, im Sommer 2022 auf Deutsch („Republik der Taubheit“).

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    Alltag im Krieg: Fußgänger spazieren an einem Café in Odessa vorbei. Foto: APA/AFP/Oleksandr Gimanov

    15 Jahre schrieb er an diesem Werk, das eine zeitlose Parabel von Krieg und Widerstand darstellt. Kaminsky erzählt in seinen Gedichten, wie Gewalt und Liebe unsere Welt prägen. In diesem Werk schreibt er von Vasenka, einem fiktiven Ort unter feindlicher Besatzung. Im Prolog lesen wir:

    “Wir lebten glücklich während des Krieges. Und als sie die Häuser der anderen zerbombten protestierten wir, aber nicht genug, wir waren dagegen, aber nicht genug.“

    Aber dann erfahren wir, dass in Vasenka Soldaten auf den Marktplatz kommen, wo die Puppenspieler für die Nachbarn ein Stück aufführen. Ein tauber Junge, der dort steht und Befehle nicht hören kann, wird auf offener Straße erschossen. Die gesamte Stadt stellt sich taub, alle verständigen sich jetzt nur in Gebärdensprache und leisten in dieser Form Widerstand, aus Protest über den Mord an dem Jungen.

    „Unser Land erwachte am nächsten Morgen und weigerte sich, die Soldaten zu hören. Im Namen Petyas verweigern wir uns.“ Dieser Protest erweist sich leider als untauglich. Aber Kaminsky findet bei allem Schrecken auch schöne Momente in der besetzten Stadt. Er beschreibt die Liebe von Sonya und Alfonso, die ein Kind bekommen. So entsteht ein neues Leben inmitten von Tod und Zerstörung.

    Für Kaminsky ist Lyrik kein Klang, sondern ein Bild. Deshalb ist die ganze Geschichte wie ein Roman in Kurzform, ein Kaleidoskop verschiedener Bilder und Szenen.

    Der brutale Krieg in unserem Land lässt das Buch des ukrainisch-amerikanischen Autors Ilya Kaminsky in neuem Licht erscheinen. Mit der bitteren Ironie bemerkt der Dichter, dass während anderswo Raketen fliegen und gemordet wird, genießen die nicht direkt von dem Kriegsgeschehen Betroffenen weiter ihr schönes Leben.

    Die Geschichte über eine belagerte Stadt erinnert sehr an die aktuellen Bilder aus der Ukraine, sie berührt uns tief und macht nachdenklich.

    Man sollte dieses Buch, das aktuell und gleichzeitig zeitlos ist, unbedingt lesen. Gerade jetzt, im Juli des Krieges.