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Im Kriegsgebiet | Tagebücher aus der Ukraine

Von Christian Wehrschütz, Olia Fedorova und Karina Beigelzimer

Olia Fedorova

Im Krieg gibt es keine Schattierungen und Zwischentöne, es gibt nur Schwarz und Weiß. Er verstärkt jedes Phänomen oder Gefühl, treibt es auf die Spitze, und so erleben wir auch, wenn es um Liebe oder Heldenhaftigkeit geht, diese in ihren extremen Ausprägungen. Ebenso ist es jedoch auch bei allem Bösem, Gemeinheiten und Gewalt. Und das betrifft nicht nur Menschen, sondern auch Tiere. Es bricht mir das Herz, denn ähnlich wie Kinder sind sie abhängig von uns und so verletzlich. Leider behandeln Menschen die Tiere oft nicht so, wie sie Kinder behandeln. Und manchmal werden sie nicht einmal als Lebewesen wahrgenommen, die auch Gefühle haben, Schmerz empfinden und deren Leben genauso wertvoll ist, wie das eines Menschen. Deshalb gibt es bedauerlicherweise viele traurige Geschichten über Haustiere, die unter diesem Krieg gelitten haben – nicht nur unmittelbar in Folge der Feindseligkeiten, sondern auch durch die Grausamkeit und Gleichgültigkeit von Menschen.

Dennoch bin ich mir sicher, dass es viel mehr Gutes gibt, und jeder Geschichte von Schmerz und Tod stehen viele Geschichten von Liebe, Freundschaft und Herzlichkeit gegenüber. Von Menschen, die ihre Haustiere auf dem Arm tragen, während sie Dutzende Kilometer zu Fuß aus den umkämpften Gebieten gehen. Von Freiwilligen, die ihr Leben riskieren, um Tiere aus zerstörten Häusern und geplünderten Bauernhöfen zu evakuieren. Von einem Feuerwehrmann, der eine Katze versorgt, die während eines Brandes giftige Gase eingeatmet hat. Von einem Verteidiger des belagerten Azovstal-Werks, der sein letztes Essen mit einem Hund teilt.

Ich werde nie vergessen, wie wir uns in den ersten Tagen, als Charkiw bombardiert wurde, gemeinsam mit unseren Nachbarn im Keller versteckten und fast jeder seine Haustiere dabei hatte. Es gab damals sieben Katzen, drei Hunde und einen Papagei. Keiner konnte sich auch nur vorstellen, sie zurückzulassen. Ich erinnere mich auch an die leeren Regale mit Futter und Haustierbedarf in den Supermärkten. In der ersten Zeit versuchten die Leute, so viel Vorräte wie möglich für ihre kleinen Lieblinge zu besorgen.

Katzen, um die sich Alla derzeit kümmert. Foto: Privat

Ich schätze mich glücklich, drei Menschen zu kennen, die sich wirklich heldenhaften um Tiere gekümmert haben (und es immer noch tun). Zwei sind ältere Frauen, Nachbarinnen meiner Mutter und meiner Großeltern, die in den gefährlichen Gegenden von Saltivka geblieben sind und nie sicherere Orte aufgesucht haben, weil sie sich die ganze Zeit um Hunde, Katzen und Vögel gekümmert haben. Morgens und abends kochten Nadia und Alla mengenweise Brei mit Fleisch oder Fisch, denn es war oft nicht möglich, richtiges Tierfutter zu bekommen, außerdem konnten sie sich von ihrer Pension nicht viel davon leisten. Und dann fütterten sie damit Dutzende Tiere in der Nähe ihrer Häuser. Alla kümmert sich jetzt um sechs neugeborene Kätzchen. Nadia ist mit einer einbeinigen Taube befreundet, die jeden Tag zu ihr kommt und ihr das Futter aus der Hand frisst.

Aber die heldenhafteste Person, die ich kennenlernen durfte, ist Oxana, die ein Haus im Dorf neben meinen Großeltern Iryna und Eugene hat. Ich habe sie erst vor einem Jahr kennengelernt, mit meinen Großeltern ist sie schon jahrelang befreundet. Bevor der Krieg in vollem Umfang ausbrach betrieb sie bereits eine Art privates Tierheim. Sie rettete Katzen und Hunde von der Straße, kurierte sie, ließ sie sterilisieren und versuchte, ein neues Zuhause für sie zu finden. Diejenigen, für die sie kein Zuhause finden konnte, blieben bei ihr. Letztes Jahr hatte sie etwa 30 Katzen und zehn Hunde. Da sie als Immobilienmaklerin arbeitete, konnte sie sich alle Ausgaben leisten, und ihr Haus und das angrenzende Gelände waren groß genug und umgeben von Natur. Alle Haustiere konnten ein aktives Leben in Freiheit genießen und waren dort wirklich sehr glücklich.

Nadia und die Taube, die ihr aus der Hand frisst. Foto: Privat

Nach dem Beginn der Invasion begann Oxana, Haustiere im Raum Charkiw zu retten. Das Dorf, in dem sie lebt, war vom Krieg nicht besonders betroffen, es liegt südlich von Charkiw und war nicht besetzt, nur einige Dörfer in der Nähe wurden gelegentlich beschossen. Jeden Tag fuhr sie mit ihrem Auto in die gefährlichsten Gegenden von Charkiw und Umgebung, folgte den Informationen über in Not geratene Haustiere oder fuhr einfach nur durch die Straßen, allein oder zusammen mit einer Freundin, die in einem anderen Dorf ebenfalls ein Tierheim betreibt. Ein freiwilliger Helfer dieser Freundin wurde von einer Rakete im nördlichen Saltivka getötet. Er hatte etwa zehn Katzen bei sich, daraufhin versuchte Oxana unter starkem Beschuss, in dieses Gebiet zu gelangen. Sie riskierte ihr Leben, um die Katzen zu retten.

Viele der von ihr geretteten Tiere sind in einem sehr schlechten Zustand, und es war eine echte Herausforderung, sie in den ersten Wochen richtig zu behandeln, da viele Tierärzte das Gebiet verlassen hatten und es einen großen Mangel an Medikamenten, insbesondere an Impfstoffen gab. Die Situation hat sich etwas gebessert, aber jetzt plagen sie Geldsorgen, da sie derzeit nicht arbeiten kann. Oxana bittet ihre Facebook-Freunde um Spenden und postet Berichte und Fotos aus dem Tierheim. Die meiste Zeit war sie ganz allein dort, erst vor zwei Wochen kam ein Mann aus einem besetzten Dorf in der Region Charkiw zu ihr, sie gibt ihm Unterkunft und Essen und er hilft ihr bei der Versorgung der Tiere. Bislang leben mehr als 100 Haustiere in Oxanas Heim, Katzen, Hunde, Welpen und Kätzchen. Oxana beginnt ihr Tagwerk um 4 Uhr morgens und kommt erst spät abends nach Hause, da bleibt kaum Zeit für die sozialen Medien.

Meine Mama und ich versuchen, Oxana so gut es geht zu helfen, im Moment leider nur finanziell. Und ich nutze meine Kontakte, um über ihr Tierheim zu informieren und um Spenden für sie zu sammeln. Mit dem Geld, das die Leute ihr schicken, kauft sie Futter, Medikamente und was sonst noch gebraucht wird, bezahlt die Tierarztkosten und auch das Benzin, mit dem wir in der Ukraine jetzt große Probleme haben, es ist um vieles teurer geworden und im ganzen Land herrscht ein großer Mangel. Deshalb ist es so wichtig, Oxana weiterhin zu unterstützen, denn es geht um tägliche Bedürfnisse! Wir versuchen jetzt auch, Kontakte zu internationalen Freiwilligen zu knüpfen, die dabei helfen könnten, die Tiere ins Ausland zu bringen, damit sie dort aufgenommen werden. In den vergangenen zweieinhalb Monaten war das nicht möglich, da die EU-Grenze recht weit entfernt ist und es in Charkiw ziemlich gefährlich war. Aber jetzt, da es unserer Armee gelungen ist, die Russen aus der Stadt zu vertreiben, und der schwere Beschuss endlich aufgehört hat, schaffen wir es hoffentlich, damit bald alle Tiere ein neues Zuhause finden.

Karina Beigelzimer

Vor dem Krieg hatte ich fast jede Woche einen festen Termin. Mittwochs ging ich zum „Deutschen Stammtisch“. Den gibt es schon seit mehr als 20 Jahren und niemand weiß, wessen Idee es war, ihn zu gründen. Hier versammelten sich in unserer Region lebende und/oder arbeitende Deutsche, Österreicher, Schweizer, Deutsch lernende Ukrainer, Besucher der Stadt, Menschen, die irgendeine Verbindung zur deutschen Sprache haben. Wir waren jede Woche mindestens zehn, manchmal auch 20 Personen, die sich trafen, sommers im Freien, winters im Lokal.

Den letzten Stammtisch vor dem Krieg gab es am 23. Februar.  Michael L., der als Deutscher viele Jahre in Odessa gelebt hatte, beschrieb diesen Abend so: „Nur Stunden bevor die ersten Raketen in Odessa einschlugen und die Panzer Richtung Ukraine rollten, saß ich noch mit Freunden im Stadtzentrum beim Bier am Stammtisch. Keiner der Anwesenden hatte sich wirklich vorstellen können, dass ein Angriff stattfinden würde, auch wenn die eine oder andere Vorsichtsmaßnahme für den „unwahrscheinlichen Fall der Fälle“ getroffen worden war. Putin hätte von so einem Angriff keinerlei Vorteile zu erwarten. Im Gegenteil, er hätte mit einem Abzug seiner Truppen von der Grenze die gesamte Westpresse bloßstellen und so genüsslich Moralpunkte sammeln können, nachdem sie ihn vorher als Kriegshetzer bezeichnet hatten. Am ehesten denkbar erschien noch ein Ersetzen der grünen Männchen durch reguläre Truppen im Donbass, so die Mehrheitsmeinung am Tisch. Es kam bekanntlich anders. Putin entschied sich für einen umfassenden Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine.“

Schon bald nach Beginn des Krieges haben fast alle Ausländer die Stadt verlassen. Michael befindet sich jetzt mit seiner kleinen Tochter in Bayern und träumt davon, bald wieder nach Odessa zu kommen. Sein guter Freund Phillip H., den ich vor Kurzem wieder im Stadtzentrum getroffen habe, hat sich dafür entschieden, in die Ukraine zurückzukehren.  Mit ihm zusammen entstand die Idee, den Stammtisch wieder zu beleben.  Drei Deutsche und sieben Ukrainer versammelten sich, um Neuigkeiten auszutauschen und einander zu unterstützen. Jörn R. wollte das Land nicht verlassen, weil seine Frau aus der Ukraine kommt. Oliver R. aus Köln ist zum zweiten Mal seit Kriegsbeginn wieder in Odessa. Er las meinen Artikel im Internet, fand mich und ich organisierte sein Treffen mit den Freiwilligen in der Ukraine. Viele Hilfsgüter brachte er persönlich nach Odessa, er hilft jetzt vor Ort und sammelt Spenden für weitere Transporte.

Auch Philipp findet es wichtig, weiter in der Ukraine tätig zu sein. Vor zwei Jahren kam er das erste Mal nach Odessa. Diese wunderbare Stadt mit ihrem kulturellen Reichtum und einzigartigen Flair ließ ihn danach nicht mehr los. Er kam immer wieder und errichtete hier recht schnell eine Niederlassung seines deutschen Transportunternehmens (STEX Ukraine LLC).

Als der Krieg ausbrach, stand Philipp vor der Wahl, die Niederlassung in der Ukraine zu schließen und in Ruhe in Deutschland weiterzuarbeiten oder hier weiterzumachen. „Der bequemste Weg ist nicht immer der richtige Weg“, erzählt Philipp. „Wir blieben. Solidarität darf keine leere Worthülse sein. Unter schwierigsten, durch den Krieg bedingten wirtschaftlichen Umständen machen wir weiter, ohne auch nur einen Cent Gehalt gekürzt zu haben. Denn wir wollen helfen, gerade in einer solchen Zeit, wo niemand weiß, was der nächste Tag bringen wird.“

Solche Unterstützung ist sehr wichtig für unsere Region. Die militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine hält weiter an. Raketen fliegen auf unsere Stadt. Die ganze Situation und die Lebensumstände sind sehr schwierig. Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges sind verheerend für die Ukrainer: Laut einer neuen Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind in der Ukraine seit Beginn der russischen Aggression schätzungsweise 4,8 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen. Man schätzt, wenn der Krieg länger andauert, kann die Zahl der verloren gegangenen Jobs noch auf sieben Millionen steigen. Viele Menschen stehen dann vor einem Scherbenhaufen. Das muss aber auf jeden Fall verhindert werden. Zum Glück bekommen wir aus dem Westen nicht nur militärische, sondern auch finanzielle Unterstützung für unseren Staatshaushalt. Das wird auch nötig sein für den Wiederaufbau nach dem Ende des Krieges, wenn viele Geflüchtete zurückkehren und wieder Wohnung und Arbeit brauchen.

Karina Beigelzimer

Nachrichten und Mails checken. Allen antworten, weiterleiten, sich beruhigen, sich sorgen, arbeiten und wieder … arbeiten.  Den Moment fühlen, auch wenn es schwerfällt. Sich von innen nach außen orientieren. Hürden meistern… Das sind meine kleinen Rituale in den letzten Monaten. Ich verändere mich permanent, denn neue Herausforderungen erfordern neue Wege.  Ich frage mich nicht mehr, was mir fehlt, sondern was ich habe und wie ich weiter machen kann. Ich fühle mich aber sehr müde. Die Monate des Krieges haben mich durchgeschüttelt wie die wildeste Achterbahnfahrt.  Die letzten Tage sind voller Last, und die Nächte bringen mir keine Erholung. Besonders dann, wenn sieben oder elf Mal Fliegeralarm ist und ich Explosionen und Raketenangriffe höre. Die Situation in Odessa hat sich verschlechtert. Deshalb müssen wir von Sonntagabend um 22.00 Uhr Ortszeit bis Dienstagmorgen um 5.00 Uhr Ortszeit zuhause bleiben.

Ich schließe die Augen und träume von Reisen durch Europa. Als Tourist und nicht als Flüchtling. Vor dem Krieg bin ich viel gereist. Durch das Reisen konnte ich auf mein Leben aus der Ferne blicken und das immer wieder aufs Neue. Ich fing an, mein Leben und die Freiheiten, die ich hatte, mehr zu schätzen. Das machte mich glücklich.

Übrigens war ich in der letzten Woche zweimal in Deutschland.  Leider nur online. Ich nahm an zwei Benefizabenden des Deutschen Kulturforums östliches Europa teil. „Odessas Herz muss weiterschlagen“ –   so lautete der Name beider Veranstaltungen zur Unterstützung der Ukraine. Es waren zwei Abende, die mich sehr bewegt haben. Ich konnte über die Situation in der Ukraine erzählen und mich gleichzeitig mit anderen unterhalten. Viele Spenden wurden gesammelt, ich bin sehr froh, dass auf diese Weise kranken und alten Menschen in meiner Stadt geholfen werden konnte.

Ob ich in den nächsten Jahren wieder fliegen kann? Sehr unwahrscheinlich. Die Landebahn unseres neuen modernen Flughafens ist durch russische Raketenangriffe zerstört worden. Die Einschläge haben sie unbrauchbar gemacht. Die sanierte Landebahn wurde erst 2021 in Betrieb genommen. Wir werden nach dem Krieg alles wieder aufbauen, aber wie viel Leid und Zerstörungen uns Russland  noch bringen wird ist unkalkulierbar. Es ist unfassbar…

Heute ist der 9. Mai. Wir feierten früher an diesem Tag den Sieg über Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg.  Als ich noch ein Kind war, ging ich mit meinem Opa (er war ein Kriegsveteran) auf die Straße und viele schenkten ihm Blumen. Ich war sehr stolz auf ihn.

Gleichzeitig konnte ich überhaupt nicht verstehen, wie es hatte sein können, dass sich die Menschen noch im 20. Jahrhundert bekriegten, denn mein Opa erzählte von den Verletzten, den Toten, der Gewalt und dem unendlichen Leid.  Er erzählte davon, wie grauenvoll, gnadenlos und entsetzlich der Krieg war. Nie, nie im Leben hätte ich mir denken können, dass ich im 21. Jahrhundert dasselbe erleben würde. Man kann sehr viele Bücher lesen, gebildet sein und noch so tiefe historische Kenntnisse haben – was Krieg ist, weiß nur derjenige, der ihn selbst erlebt.

Meine Oma erzählte mir oft, dass der Tag des Sieges im Jahre 1945 der glücklichste ihres Lebens war. Ich konnte ihren Geschichten stundenlang zuhören, um mit ihr ihre Freude zu teilen. Sie hat oft gesagt: „Die Geschichte darf sich nicht wiederholen“.

Meine Großeltern leben schon lange nicht mehr. Gut, dass sie nicht wissen, dass ihre Kinder und Enkel jetzt selbst Kriegserfahrungen sammeln müssen.

Olia Fedorova

Der Krieg dauert nun schon mehr als 70 Tage, und die meiste Zeit davon lebte meine Mutter, die auch Olga heißt, bei mir. Wir haben nicht mehr so viel Zeit miteinander verbracht, seit ich vor sechs Jahren aus meinem Elternhaus ausgezogen bin, um mit Hlib zusammenzuleben. Und ich bin sehr froh, sie jetzt an meiner Seite zu haben, vor allem nachdem Hlib zur Armee gegangen ist. Ich habe begriffen, dass es während des Krieges besonders wichtig ist, nicht alleine zu bleiben, jemanden zu haben, der nicht nur den Alltag mit einem teilt, sondern auch den täglichen Kampf um das eigene Leben und um die geistige Gesundheit. Meine Mutter war immer eine große Stütze für mich, und jetzt, mitten im Krieg, habe ich das noch stärker gespürt als zuvor. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich diesen Krieg ohne sie überstehen würde.

Während ich an so vielen Fronten arbeite – ich informiere Menschen weltweit über unser Leben unter russischem Beschuss, leiste Freiwilligenarbeit, arbeite künstlerisch und gehe auch meinem Brotjob als Designerin nach – nimmt sie mir den Großteil der täglichen Erledigungen ab, wie Kochen, Einkaufen, Katzenpflege. Dank ihrer Bemühungen kann ich mich auf meine Aufgaben konzentrieren und bin mir gewiss, dass dieser Teil unseres Lebens, den sie jetzt über hat, bestens geregelt ist. Außerdem kann ich mit ihr über alles reden, wir können zusammen lachen und weinen, Neuigkeiten austauschen und erörtern, anstehende Probleme lösen, einander einfach nur an der Hand halten oder uns schweigend umarmen. Diese einfachen Sachen hat man in friedlichen Zeiten vielleicht nicht für wichtig gehalten, man hat sie als normal empfunden, jetzt merkt man, wie viel Kraft sie einem geben können. Ich denke, ich werde mich bis zu meinem Tod daran erinnern und es wertschätzen. Und ich werde meiner Mutter sehr dankbar sein, dass sie für mich da war – früher schon und ganz besonders jetzt.

Die Autorin (rechts) mit ihrer Mutter Olga. Foto: Privat

Ich bin auch sehr froh, dass meine Großeltern nicht allein sind. Sie haben einander, und sie haben uns, wir stehen täglich in Kontakt und besuchen sie mindestens einmal in der Woche. Ich weiß, dass es auch für sie schwierig ist, aber es wäre noch viel schlimmer, wenn sie nicht zusammen wären. So können sie immer irgendwie mit der Situation fertig werden, und ich bin sehr stolz auf sie, wie sie das schaffen. Meine Großmütter Vira und Iryna haben angefangen Setzlinge zu ziehen, jede in ihrem eigenen Haus: Paprika, Auberginen, Tomaten. Früher haben sie das jedes Jahr zu Frühlingsbeginn auf ihren Balkonen gemacht, um dann später alle Pflanzen in ihre Dorfgärten zu bringen. Aber in diesem Jahr können sie dort nicht hingehen, da selbst in den „sicheren“ Gebieten der Region Charkiw ständig die Gefahr besteht, beschossen zu werden. Vor einigen Wochen traf eine Rakete die Kirche im Nachbardorf von Oma Iryna, obwohl das ziemlich weit von der Frontlinie entfernt ist. Und das Dorf, in dem meine Oma Vira und mein Opa Serhiy ihr Haus und den Garten haben, ist schon seit über einem Monat von russischen Truppen besetzt. Sie wissen nicht einmal, was mit ihrem Haus ist, ob es noch unversehrt ist. Großmutter Vira weint jedes Mal, wenn sie an ihre Bäume denkt, die noch immer eingehüllt sind, um sie im Winter vor Schnee und Frost zu schützten. Sie hat Angst, dass die Bäume absterben werden, weil sie durch die Abdeckung nicht genug Luft und Wasser bekommen. Aber trotz allem verlieren die Großeltern nicht die Hoffnung und sprechen über die notwendigen Arbeiten im Garten, als ob sie schon morgen damit beginnen würden. Wir raten ihnen immer wieder, dass sie nicht rasch zurückkehren sollten, selbst dann nicht, wenn das Dorf befreit ist, denn in dieser Gegend gab es schwere Kämpfe, und viele Straßen könnten vermint sein.

Verschiedene Gemüsesetzlinge. Foto: Privat

Inzwischen sind die Balkongärten richtig schön angewachsen. Vor einer Woche hatte Oma Iryna Geburtstag und zusammen mit Mama, Oma Vira und Opa Serhiy besuchten wir sie und ihren Mann, Opa Eugene. Es war das erste Mal seit Silvester, dass sich meine Großeltern wieder sahen. Sie sind sehr gut befreundet, treffen sich normalerweise recht oft und telefonieren fast jeden Tag miteinander. Die Großmütter diskutierten stundenlang über ihre Balkongärten. Sie beschlossen, dass sie ihre Setzlinge im Garten des jeweils anderen Hauses einpflanzen möchten. Wenn sie nicht in der Lage wären, in ihre Dorfgärten zu gehen, dann würden sie sich Gärten in der Stadt anlegen.

Mir gefällt ihr Zugang, und mir gefällt ganz allgemein, dass die Ukrainer trotz des Krieges und all der Gräueltaten immer noch an die Natur und das Land denken und sich darum kümmern. Dabei geht es nicht nur um die ältere Generation und ihre Gärten, sondern um die Aussaat im ganzen Land, die sogar in den vorübergehend besetzten Gebieten begonnen hat. Auch die Parks und Gärten in den Städten, sogar die Rasenflächen entlang der Straßen werden bepflanzt. Wenn ich sehe, wie meine Heimat, meine „Mutter Ukraine“, trotz allem auflebt, wie die Natur über menschliche Zerstörungswut und Gewalt siegt, gibt mir das Hoffnung.

Übersetzung: Anton Lederer

Olia Fedorova

Jetzt scheint es so zu sein, dass eine neue Phase des Krieges begonnen hat. Wir in Charkiw haben das sehr deutlich gespürt, denn der russische Beschuss wurde in den letzten Wochen noch intensiver.

Ich weiß, dass viele Menschen außerhalb von Charkiw Angst davor haben, die Russen würden jetzt versuchen, unsere Stadt zu besetzen, aber wir hier gehen davon aus, dass es ihnen unmöglich gelingen wird. Vor allem, da sie bereits so viele Soldaten und Ausrüstung verloren haben und Charkiw zu einer echten Festung geworden ist. Russland droht uns ständig, aber nur, damit unsere Verteidiger nicht weggehen und ihren Kameraden im Donbass helfen.

Es hat sich auch angekündigt, dass die Russen so heftig auf uns schießen werden, wie noch nie zuvor. Und so war es dann auch. An einem Tag wurde der Bezirk Saltivka, in dem meine Mutter lebt, ununterbrochen beschossen, ihr Haus wurde beschädigt, das bis dahin zum Glück unversehrt geblieben war, und viele unserer Nachbarn verloren alle Fenster ihrer Wohnungen. Die Wohnung meiner Mutter blieb irgendwie heil, obwohl die Raketen direkt in ihren Hof fielen. Ich bin wirklich froh, dass wir es geschafft haben, meine Mutter in unsere Wohnung zu bringen, die vergleichsweise sicher ist. Außerdem gab es mehrere verheerende Raketenangriffe auf das Stadtzentrum, bei denen viele Menschen getötet und verletzt wurden. Wir waren in der Stadt, als eine der Raketen einschlug –wir hörten sie am Himmel über unseren Köpfen pfeifen, wie einen Rennwagen. Dann kam es zu einer gewaltigen Explosion.

Aber selbst in diesen schrecklichen Zeiten gibt es Raum für Glück und Freude. Misha, ein Kamerad meines Partners Hlib beschloss, seine Freundin Svitlana zu heiraten, und bat uns, Trauzeuge und Trauzeugin zu sein. Die Hochzeit fand am frühen Morgen statt, alle versammelten sich im Rathaus einer kleinen Vorstadt. Es gab ein weiteres Paar, das heiratete, der Bräutigam war aus dem gleichen Bataillon wie Hlib und Misha. Es waren viele Gäste da, alle Männer kamen in Militäruniform, viele von ihnen verbargen ihre Gesichter, einige Frauen trugen auch Uniform, aber die meisten hatten schöne Kleider an. Die Zeremonie fand in einem kleinen Raum statt, er war für diesen besonderen Zweck er mit Luftballons und Blumen geschmückt. Der Ablauf war viel kürzer als sonst, im Krieg geht eigentlich alles schneller. Heutzutage können Paare einfacher denn je heiraten, es geht sogar, wenn einer der Partner nicht anwesend ist, die Zeremonie kann per Videoschaltung abgehalten werden.

Die Autorin und ihr Verlobter Hlib mit dem Brautpaar (Mitte). Foto: Privat

Von allen Hochzeiten, auf denen ich gewesen bin, war diese die berührendste: Sie wirkte so echt, so ehrlich, und alle Anwesenden waren glücklich, nicht nur Bräutigame und Bräute. Ich glaube, das liegt daran, dass man inmitten all des Schrecklichen anfängt, solche Ereignisse besonders zu schätzen, und dass alle deine positiven Gefühle in ihrer Intensität verdoppelt werden. Außerdem genießt man den Augenblick – wie oft wurde uns das von Motivationstrainern aufgetragen! Hier hast du keine andere Wahl, als zu genießen. Du begreifst und fühlst, dass dein Leben jeden Moment enden kann.

Das Kommando überreichte den Frischvermählten Geschenke im Namen des Bataillons, jeweils Küchenmaschinen und für eines der Paare Pampers (sie haben ein zwei Monate altes Baby). Nach dem Ringtausch und den Unterschriften wechselten in ein nahe gelegenes Hotel zu einem kleinen Fest. Bevor wir gingen, kam der Leutnant von Hlib und Misha zu uns und gab ihnen zwei Säckchen, eines mit bunten Luftballons und eines mit Papierbändern. Wir schmückten Mishas Auto mit diesen Luftballons, es sah so lustig aus, so voller Freude und Liebe, vor allem in den leeren Straßen, zwischen Checkpoints und Menschen in Militäruniformen, in dieser Atmosphäre geprägt von Spannung und Kampfbereitschaft. Wir bemerkten, wie alle Menschen lächelten, als dieses Auto vorüberfuhr. Die Party fand im kleinen Rahmen statt, kurz gehalten aber sehr gemütlich.

Wir aßen Sandwiches und tranken Champagner, was nicht ganz legal war, da in der Region Charkiw Alkohol derzeit verboten ist. Aber irgendwie schaffte es Misha, eine Flasche zu bekommen, und ihr Kommando erlaubte ihnen etwas zu trinken und die Burschen hatten ganz offiziell frei. Misha bedauerte sehr, dass sie die Hochzeit nicht so feiern konnten, wie in seiner Heimatstadt üblich: Er kommt aus Iwano-Frankiwsk im Westen, wo es viele alte Traditionen gibt, die hochgehalten werden.

Wir haben ihm versprochen, dass wir nach dem Sieg auf jeden Fall in seine Stadt kommen und eine richtige Hochzeit feiern werden, mit vielen Gästen, einer kirchlichen Trauung und allen ukrainischen Riten, die dazugehören. Und natürlich werden wir auch kommen, wenn es gilt, ihr zukünftiges Baby zu taufen! Eigentlich sind Hlib und ich auch verlobt, ich habe ihm einen Heiratsantrag gemacht, am Tag 4, während er im Bunker Molotow-Cocktails baute. Wir haben beschlossen unsere Hochzeit auf der befreiten, ukrainischen Krim zu feiern, wir werden unsere Freunde aus der ganzen Welt einladen.

Übersetzung: Anton Lederer

Karina Beigelzimer

„Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung der Gewalt keine Grenzen.“ – Carl Philipp Gottfried von Clausewitz. Der dritte Monat seit der russischen Invasion hat angefangen. Tausende Todesopfer hat er bislang gekostet, Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Dieser Krieg erschüttert uns, dieser Krieg verändert die Welt und die Weltordnung. Und ein Ende ist leider nicht in Sicht.

Ich lebe in einem ständigen Zustand der Verwirrung, weil ich nicht weiß, was als Nächstes passieren wird. Am Samstag hatte ich Geburtstag. Eigentlich ist das ein Grund zu feiern. Doch mir war überhaupt nicht danach. 90 Prozent meiner Freunde, meiner Bekannten und Schüler sind weg. Hunderte Nachrichten, SMS und Anrufe habe ich aus verschiedenen Kontinenten bekommen, aber es wäre mir viel lieber, alle diese Menschen wieder in Odessa zu sehen. In diesen Momenten fühlt man sich trotz der Unterstützung und netter Glückwünsche ziemlich einsam. Als ob ein Teil der Seele zerrissen ist.

Dennoch darf man auch in solchen Tagen nicht mutlos werden, sondern höchstens kurz innehalten, um dann mit neuer Kraft nach vorne zu blicken. Nur so kann man die Herausforderungen, die sich stellen, gut bewältigen.

Ich setzte mich deshalb in ein kleines Café, kaufte mir einen Kaffee, beobachtete die Leute auf der Straße. Meine Universitätsfreundin kam ein bisschen später. Für kurze Zeit war der Krieg vergessen. Aber plötzlich hörten wir einen gewaltigen Lärm vom Himmel, dann Explosionen. Unter den Schockwellen bebte die halbe Stadt und die Fenster zitterten.

Russland hat unsere Stadt mit sieben Raketen angegriffen, von denen zwei abgeschossen wurden. Es wurde auch ein mehrstöckiges Wohnhaus getroffen. Acht Menschen starben, darunter eine Frau mit einer drei Monate alten Tochter und ein junges Ehepaar, das ein Kind erwartete.

Der Schock nach diesem Angriff sitzt tief. Trauer, Hilflosigkeit, aber auch Wut begleiten uns in diesen Tagen. Auch die Angst überkommt mich, besonders nachts, anfallsartig.

Dieses Wechselspiel der Gefühle gehört leider zum Krieg. Eigentlich bin ich von Charakter her nicht schwach, aber es gibt auch Tage, an denen ich weinend aufwache. Dann versuche ich zu denken, wie ich anderen Menschen, die viel mehr Unterstützung brauchen, helfen kann.

Wenn es mir gelingt, dann vergesse ich meine Sorgen und Ängste. Ich habe in diesem Krieg gelernt: Solidarität, Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme heilen seelische Wunden.

Christian Wehrschütz

Charkiw, etwa 40 Kilometer von der russischen Grenze in Nordosten der Ukraine gelegen, war nicht nur einst die erste Hauptstadt der Sowjetunion, sondern auch eine Stadt, die zutiefst von sowjetischer und russischer Kultur geprägt ist. Charkiw war und ist auch sicherlich eine Metropole nicht nur der ukrainischen, sondern auch der russischen Kultur.

Umso absurder ist der Umstand, dass diese Stadt ausgerechnet unter dem Vorwand, man müsse die Russen beziehungsweise die russische Sprache in der Ostukraine schützen, seit dem 24. Februar von russischen Truppen bombardiert wird. Das Stadtzentrum weist deutliche Schäden auf. Gezeichnet vom Krieg und der russischen Artillerie sind aber auch Randbezirke.

Charkiw gleicht einer Geisterstadt: Die Administration schätzt, dass vor dem Krieg 1,5 Millionen Menschen gelebt haben, jetzt sind es noch 500.000. Viele haben die Stadt bereits in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn verlassen, viele alte Menschen sind aber geblieben: 33.000 Alte waren vor Kriegsbeginn alleinstehend – ihre Versorgung ist nun besonders schwierig. Mitarbeiter der örtlichen Caritas versorgen Menschen in Luftschutzkellern. Geblieben sind auch Freiwillige, die täglich Tausende Mahlzeiten kochen, um Truppen zu versorgen. Charkiw ist auch militärisch bedeutsam, von hier aus fanden auch schwer erkämpfte Rückeroberungen statt.

Für die Ukraine spricht immerhin das Wetter: Starker Regen bremst russische Panzer aus.

Karina Beigelzimer

„Das Leben aller Lebewesen, seien sie nun Menschen, Tiere oder andere, ist kostbar, und alle haben dasselbe Recht, glücklich zu sein. Alles, was unseren Planeten bevölkert, die Vögel und die wilden Tiere sind unsere Gefährten. Sie sind Teil unserer Welt, wir teilen sie mit ihnen.“- Dalai Lama

Kriege bringen unermessliches Leid: für Männer, Frauen, Kinder. Auch Tiere sind betroffen. Sie verhungern, verdursten in zerbombten Zoos, irren umher, werden von Bomben, Raketen und Gewehrkugeln verletzt oder getötet.

Von 485 Hunden haben zum Beispiel nur 150 im Tierheim Borodjanka überlebt. Seit Beginn des Krieges waren die Tiere in Käfigen eingesperrt, ohne Futter und Wasser, ohne medizinische Versorgung. Wegen der Besetzung war es sehr schwer, das Tierheim zu erreichen. Es gibt viele ähnliche Geschichten, aber es gibt auch einige, die ein glückliches Ende haben.

Seit der letzten Woche hat Odessa z.B. zwei Einwohner mehr. Ein Paar weiße Löwen aus dem Feldman EcoPark in Charkiv, ist im Zoo von Odessa angekommen. Der EcoPark liegt seit langem unter Beschuss. Dadurch wurden die Gehege zerstört. Die ganze Stadt hat sich gefreut, dass man Tiere retten konnte. Der Zoodirektor ist selbst nach Charkiv gefahren, um die Tiere zu begleiten. Sie sind sehr traumatisiert, brauchen sicher eine lange Behandlung und viel Zeit für die Rehabilitation.

Aber nicht nur Löwen haben seit dem Beginn des Krieges in unserem Zoo ein neues Zuhause gefunden. Viele Ukrainer wollen ihre Haustiere nicht im Kriegsgebiet zurücklassen und riskieren darum eine gemeinsame Flucht mit ihren Seelentröstern. Aber es gibt viele, die ihre Tiere in unseren Zoo bringen, weil sie nicht mehr für sie aufkommen können oder Angst haben, mit ihnen nicht über die Grenze zu gelangen. Mehr als 500 Tiere wurden bisher in Odessa zurückgelassen. Dem Zoodirektor ist es schon gelungen, für viele Tiere neue Besitzer zu finden. Aber einige sind im Zoo geblieben, und es gibt sogar neugeborene Babys, z.B. bei Hamstern oder Meerschweinchen. Der Zoo von Odessa ist nur 6 ha groß, liegt aber mitten in der Stadt, dem Markt gegenüber und ist bei Odessas Einwohnern sehr beliebt. Deshalb kaufen viele Einheimische Eintrittskarten, um dem Tierpark finanziell zu helfen.

Mittlerweile hat der Zoo auch viel Unterstützung aus aller Welt bekommen- Futter, Medikamente und nötige Pflegeprodukte.

Straßentieren geht es leider oft nicht so gut, wie denen, die im Zoo gepflegt werden. Einigen konnte man trotzdem helfen. Sowohl von Freiwilligen vor Ort, als auch von internationalen Hilfsorganisationen. Mitte März hat z.B. der Deutsche Tierschutzbund Tiere aus dem Tierschutzzentrum in Odessa evakuiert. Es handelt sich dabei um 44 Straßenhunde und 15 Katzen, die dort betreut wurden.

Die Freiwilligen aus Odessa und anderen ukrainischen Städten machen derzeit Futtermittel ausfindig und schicken sie an andere Freiwillige und Tierheime. Sie helfen dabei, Tiere abzutransportieren und befreien ihre Lieblinge aus den gesperrten Räumen und kümmern sich um sie.

Viele demonstrieren auf diese Weise ihre Humanität, indem sie Tieren in den kritischen Situationen helfen, ohne Lob von anderen zu erwarten. Das ist die menschlichste Seite, die man zeigen kann, denn Tiere sind auch nur emotionale Lebewesen, wie wir.

Olia Fedorova

Wie weiterleben nach Butscha, Mariupol, Irpin, Kramatorsk? Wie ist es möglich, nicht vollkommen wahnsinnig zu werden, sondern stark zu bleiben, trotz der Gräuel, die wir alle dort sehen?

Als die ersten Fotos aus Butscha veröffentlicht wurden, habe ich gespürt, was es bedeutet, wenn die gesamte Nation, jeder einzelne Mensch, in vollständige Verzweiflung und Trauer eintaucht. Allen wurde klar, dass die Russen gekommen sind, um uns alle zu vernichten – Männer, Frauen, Kinder, Ältere, Ukrainer und Russischsprachige, alle. Wir begriffen, dass die Tausenden Müllsäcke und die mobilen Krematorien, welche die Russen hierher mitgenommen hatten und von denen wir in den Nachrichten erfuhren, nicht für sie bestimmt waren, sondern für uns.

An diesem Tag weinte meine Mutter zum ersten Mal seit Kriegsbeginn. Während sie an meiner Schulter weinte, umarmte ich sie, aber selbst konnte ich nicht weinen. Ich dachte nur, wegen meiner Mutter darf ich jetzt nicht weinen, denn es würde ihr noch mehr Schmerz bereiten, mich weinen zu sehen.

Ich bin keine Psychologin und ich weiß nicht, wie man sich selbst helfen kann, mit solchen Dingen fertig zu werden. Ich weiß aber, dass jeder Mensch das auf seine eigene Art und Weise durchlebt. Weinen ist genauso normal wie nicht zu weinen. Verzweifelt zu sein ist ebenso normal, wie tapfer zu sein. Gemeinsam ist uns der Kummer, aber jeder von uns drückt ihn anders aus, je nachdem, wie der eigene Organismus auf diese Art von Stress reagiert. Ich mache niemandem einen Vorwurf wegen seiner Reaktion, und ich habe auch kein Rezept, wie man damit auf weniger schmerzhafte Weise verfahren könnte.

Nicht nur Fotos von großer Zerstörung, sondern auch von hunderten Leichen gingen von Butscha aus um die Welt. Foto: APA/Edgar Schütz

Viele fragen mich, wie ich bei all diesen schrecklichen Ereignissen so positiv bleiben kann, wie ich meine gute Laune behalten kann. Ich antworte dann immer, dass es drei Dinge sind, die mich positiv stimmen: erstens meine Wut auf die Russen, zweitens das große Verlangen, meinem Land zu helfen, und drittens unsere Streitkräfte, die jeden Tag tapfer für uns kämpfen. Aber ehrlich gesagt ist die Frage viel komplexer. Wahr ist vielmehr, dass ich eigentlich nicht weiß, was mir hilft, stark zu bleiben. Ich denke, ich habe großes Glück, denn wir befinden uns an einem mehr oder weniger sicheren Ort, ich habe immer noch ein Zuhause, meiner Familie geht es gut, und ich habe niemanden unter meinen Lieben, der getötet oder verletzt wurde. Ich habe diese Gräuel nicht mit eigenen Augen gesehen, sondern nur auf dem Display meines Smartphones, vielleicht schützt das meinen geistigen Zustand. Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wie mein Organismus versucht hätte, sich vor dem völligen Zusammenbruch zu schützen, wenn ich das alles gesehen, wenn ich es selbst erlebt hätte. Ich befürchte, dass ich wahnsinnig geworden wäre.

Unser Feind will, dass wir verzweifelt sind, dass wir Angst haben, dass wir in Panik geraten und deshalb bereit sind, um des Friedens Willen alle seine Bedingungen zu akzeptieren, der Kapitulation zuzustimmen. Wie wir aber in Butscha gesehen haben, würde eine Kapitulation immer noch den Tod für uns bedeuten, denn sie sind gekommen, um uns zu vernichten. Die Wut war also ein Mittel zum Überleben – und ist es immer noch. Wut zusammen mit einem klaren Geist. Das ist es, was auch noch nach Butscha, Irpin, Mariupol, Kramatorsk hilft. Indem sie uns all diese schrecklichen Dinge antun, gewalttätige, brutale, offensichtliche Gräueltaten, versuchen die Russen, uns einzuschüchtern, unseren Widerstand zu brechen. Aber das funktioniert bei uns nicht, denn die Ukrainerinnen und Ukrainer sind freie und mutige Menschen, wir sind keine Feiglinge oder Sklaven. Unsere Wut ist angewachsen, und mit jedem gefolterten, vergewaltigten und getöteten Ukrainer – nicht nur Menschen, sondern auch Tiere! – wird sie größer und größer.

Übersetzung: Anton Lederer

Karina Beigelzimer

„Zähle jeden Tag als ein Leben für sich“, hat Seneca einmal gesagt. Im Krieg versteht man deutlich, dass Zeit ein sehr kostbares Gut ist. Man fängt an, das Leben viel mehr zu wertschätzen als früher. Man ist dankbar selbst für die Dinge, die einem einstmals unwichtig schienen. Zum Beispiel für die Kleinigkeit eines Lächelns, für die Freundlichkeit, die einem begegnet. Das habe ich vor ein paar Tagen selbst erlebt, als ich einen kleinen Spaziergang durch die Innenstadt unternommen habe. Es war wunderschönes Wetter, und auf den Straßen hat es viel mehr Leute gegeben als noch vor zwei Wochen. Ich bin an einem Café vorbeigegangen, dort hat auf der Terrasse ein verliebtes junges Paar gesessen. Ich hatte plötzlich den Eindruck, dass alles wieder normal ist. Leben. Liebe. Glück. Dann ist der junge Mann aufgestanden und ich habe bemerkt, dass er eine Militäruniform getragen hat. Die junge Frau hat ihn gebeten, noch ein paar Minuten zu bleiben. Aber seine Antwort war: „Keine Zeit, Liebling, ich muss unser Land verteidigen“. Starke Gefühle, schwerer Abschied. Ob die beiden sich wiedersehen werden? Das weiß niemand. Und das macht dann, bei aller Freude über dieses Glück, auch gleich wieder traurig.

Ich bin weitergegangen und habe zugesehen, wie Binnenflüchtlinge Hilfe bekommen haben. In graue Gesichter habe ich geschaut. Es ist schwer vorstellbar, was diese Menschen in den letzten Tagen, Wochen erlebt haben. Ein Freiwilliger hat einem kleinen Jungen einen Teddybären geschenkt. Er hat ihn so stark umarmt, dass ich plötzlich seinen Schmerz gespürt habe. Ich bin zum Büchermarkt gegangen, das ist der Ort, wo sich viele Leute sammeln, um miteinander zu sprechen, sich auszutauschen und einander zu unterstützen. Ich habe laute Musik gehört – Lieder über den Krieg und Volkslieder. Es war ein Wohltätigkeitskonzert, an dem sowohl professionelle Musiker, als auch Laien teilgenommen haben. Musik ist wirklich ein Balsam für die Seele. Ich konnte für eine Weile alle Kriegsängste vergessen und die Kunst genießen.

Leider musste ich schon nach Hause gehen. Unterwegs habe ich starke Explosionen und den Luftalarm gehört. Ich habe auf der Straße gestanden und sehr schnell im Smartphone gesucht, wo sich der nächste Luftschutzkeller befindet. Diese unvorhersehbaren Raketenangriffe auf die Region Odessa gibt es in der letzten Zeit immer öfter. Als der Luftalarm wieder vorbei war, habe ich ein Taxi bestellt, um schnell nach Hause zu fahren. Dort waren meine alten Eltern und warteten schon unruhig auf mich. Ich wollte sie beruhigen. Dann hatten wir in Odessa eineinhalb Tage ein komplettes Ausgangsverbot. Aus Angst vor russischen Angriffen waren wir aufgerufen, bis Montagmorgen sechs Uhr nicht auf die Straße zu gehen.

Die Befürchtungen hängen mit dem Datum zusammen: Am 10. April 1944 wurde Odessa durch die sowjetische Armee von der rumänischen und deutschen Besetzung befreit. Zum Glück hatte es am Sonntag keine Angriffe auf die Stadt gegeben, nur lange Luftalarme am Tage und in der Nacht. Die neue Woche hat begonnen. Das Leben geht weiter – und die Ukraine wird gewinnen. Ich glaube fest daran.

Karina Beigelzimer

Es war eine schlaflose Nacht unter anhaltendem Luftalarm und ein schrecklicher Sonntagmorgen mit Angriffen auf meine Heimatstadt. Mein Haus zitterte, und ich auch.

Ich blieb im Flur sitzen. Ob es dort sicher ist? Auf jeden Fall sicherer als im Bett am Fenster. Ich weiß nicht genau, wie lange ich dort saß. Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Dauert der Krieg nun schon ein bisschen länger als einen Monat? Es scheint mir, als ob mindestens ein Jahr vergangen sei. Der Krieg gehört allmählich zum Alltag, an den man sich aber nicht gewöhnen kann.

Nachdem der Fliegeralarm zu Ende war, konnte ich hinaus. Der Himmel über einigen Bezirken von Odessa war feuerrot. Nach Luftangriffen auf die Stadt gab es einige starke Brände. Schwarze Rauchsäulen und Flammen waren zu sehen.

In der Nacht gab es wieder einen Raketenangriff. Das besorgt mich sehr. wie viele Angriffe gibt es noch? Wie viele Städte werden russische Invasoren zerstören? Wie viele Leute in meinem Heimatland müssen noch sterben, bis man Putins Kriegsmaschine endlich stoppt? So viele Fragen und keine Antworten.

Ich fühle mich wie im falschen Film. Aber der Krieg ist da, und ich bin mittendrin.

Manchmal denke ich, dass es sehr gut ist, dass ich im Moment so viel arbeite, als Journalistin und als Lehrerin. Ich spreche oft mit meinen Schülern. Sie sind plötzlich so erwachsen geworden. Ich sehe viel Schmerz in ihren Augen, Angst und Verwirrung. Und einen stillen Vorwurf gegenüber der gesamten Welt, die dabei zusieht, wie ein wahnsinniger Diktator ihre Kindheit völlig zerstört.

Meine Freunde aus dem Ausland sind sehr überrascht, dass die Kinder auch im Krieg die Möglichkeit haben, den Unterricht online zu besuchen. Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung vorangetrieben, und das hilft uns sehr, den Onlineunterricht jetzt weiterzuführen.

Jede Stunde dauert 35 Minuten, danach gibt es 10 Minuten Pause. Die Kinder freuen sich sehr, einander zu sehen und zu lernen. Es ist eine große Ablenkung von Krieg, es soll den Kindern ein Stück Normalität bieten.

Olia Fedorova

Es sind schon einige Tage vergangen, seit wir uns im zweiten Monat eines ausgewachsenen Krieges befinden. Es ist eigentlich nicht meine Art, ein Resümee zu ziehen oder darüber nachzudenken, was ich in einem bestimmten Zeitraum gelernt oder verstanden habe. Ich versuche erst gar nicht, mir Klarheit darüber zu verschaffen, wie sehr sich mein Leben im Vergleich zu jenem vor dem 24.2. verändert hat. Besser ich akzeptiere die Tatsache, dass es nie mehr so sein wird wie früher.

Einige Dinge, die der Krieg in unseren Alltag gebracht hat, Dinge, die vorher schrecklich und schlicht unmöglich waren, sind so normal geworden, dass ich sie gar nicht mehr wahrnehme. Zum Beispiel der Fliegeralarm oder der Explosionslärm, das Schlafen im Keller oder die Abende in fast vollständiger Dunkelheit. Dass wir von jedem unerwarteten, auch noch so leisen Geräusch aufgescheucht werden, ist für uns jetzt auch ganz normal. Schon jetzt sagen daher viele, dass nach dem Sieg Feuerwerke in der Ukraine für immer verboten werden sollten.

Die Menschen haben angefangen, nach Charkiw zurückzukehren. Es wird erzählt, dass es an den Stadteinfahrten sogar Staus gibt. Gemeindebedienstete reinigen die Straßen und richten die städtischen Parks und Gärten für die Frühlingssaison her. Täglich wird es wärmer, die Bäume werden grün, darüber freuen sich alle, aber nicht nur deshalb, weil es Frühling wird. Grüne Blätter und grünes Gras sind die beste Tarnung für unsere Soldaten und Guerilleros, ideal für Überraschungsangriffe.

Obwohl der Beschuss andauert und in einigen Bezirken immer noch recht intensiv ist, wird den Menschen geraten, zu ihrem „normalen Leben“ zurückzukehren, zu ihrer Arbeit, ihren Familien, ihrem Alltag. Aber diese alte „Normalität“ gibt es nicht mehr, und die neue ist noch nicht erfunden worden. Viele Menschen verharren in einem Zwischenzustand, unfähig, sich in irgendeine Richtung zu bewegen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie sich Menschen fühlen, die etwas oder jemanden (oder sogar alles und jeden) verloren haben. „Versucht weiterzuleben“, rät man ihnen, und sie wissen, dass sie das müssen. Aber wie ist das möglich nach dem, was geschehen ist, und wie kann man sich das zutrauen?

Ein ukrainischer Soldat steigt aus einem Schützengraben an der Front, östlich von Charkiw. Foto: APA/AFP/Fadel Senna

Früher oder später werden wir alle diese Erstarrung abschütteln müssen, um Kraft zu finden, um unser Leben und unseren Kampf fortzusetzen, um für unser Land zu arbeiten, um die Städte instand zu setzen und wieder aufzubauen. Wir alle werden zeitlebens mit dem Trauma zurechtkommen müssen, und wir alle werden unter dem Überlebenden-Syndrom leiden.

Nun ja, ich habe im vergangenen Monat tatsächlich etwas gelernt, über die Menschen um mich herum und über mich selbst. Ich habe gelernt, dass wir Ukrainerinnen und Ukrainer wirklich eine geeinte Nation geworden sind, und ich habe das starke Gefühl, dass wir es schaffen werden, unser Land rasch wieder aufzubauen. Es heißt, dass mehr als Prozent der Ukrainer, die das Land verlassen haben, sofort zurückkehren werden, sobald es möglich ist. Und in diesen Tagen gehen wir, die Ukrainerinnen und Ukrainer, auf die Straße und helfen schon jetzt aus eigener Initiative bei der Reinigung der Straßen. Wir teilen, wir unterstützen uns gegenseitig, wir arbeiten ehrenamtlich, wir bieten kostenlose Dienste an, wir sind bereit, Fremden in Not jederzeit zu helfen, koste es was es wolle. Wir spenden unser letztes Geld für die Armee und für humanitäre Zwecke. In nur wenigen Tagen bringen wir Hunderttausende Dollar auf, um nicht nur Menschen, sondern auch Tieren zu helfen. Wir können uns rasch selbst organisieren und effektiver handeln als die größten Institutionen oder Stiftungen. Es gibt einen Witz über ukrainische Freiwillige, die alles finden können, selbst das Horn eines Einhorns – man muss dazu nur eine Anfrage auf Facebook posten. Es ist aber nicht so, dass der Krieg uns verändert hat. Er hat bloß deutlich gemacht, wie die Ukrainerinnen und Ukrainer schon immer waren.

In mir selbst konnte ich erkennen, dass ich wirklich Kraft habe, obwohl ich immer dachte, eher eine Denkerin zu sein als eine Kämpferin. Jetzt habe ich begriffen, dass auch Gedanken und Worte eine wirksame Waffe sein können. Und jetzt ist mir auch klar geworden, dass ich meine Stadt, mein Land nie verlassen werde. Es ist schwer zu erklären, es ist etwas, das man tief in sich trägt. Etwas, das der Liebe sehr ähnlich ist, die auch immer mit einem starken Verantwortungsgefühl in Verbindung steht. Ich glaube, diese Verantwortung spüren wir jetzt alle. Deshalb kann ich mein Charkiw nicht verlassen, wenngleich es möglich wäre und ich gefühlt für jedes Land und jeden Ort der Welt eine herzliche Einladung bekommen habe. Aber ich will nicht gehen. In Charkiw zu bleiben und unseren Sieg hier zu feiern, zu Hause, das ist zurzeit mein größter Wunsch.

Übersetzung: Anton Lederer

Karina Beigelzimer

„Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg“, schrieb Sigmund Freud 1932 in einem Brief. Und das stimmt. Kunst kann emotionale Wunden heilen.

Die ganze Welt hat diese Bilder gesehen. Die Barrikaden vor dem Opernhaus in Odessa. Heute öffnet das Theater wieder seine Türen. Die Schauspieler trotzen auf ihre Weise dem Krieg. Sie setzen ein kulturelles Zeichen und geben Hoffnung.

Das Opernhaus ist eine wahre Stadtkrone, auf die alle Einwohner sehr stolz sind. Das Theaterleben von Odessa zählt ebenso viele Jahre wie die Stadt selbst. Schon Ende des 18. Jahrhunderts wurden auf Ödplätzen, Märkten und in Getreidespeichern Stücke vorgeführt.

Am 10.02.1810 wurde das erste Theater feierlich eröffnet Es war ein schöner Bau, der einem antiken griechischen Tempel ähnelte. Aber 1873 fiel das Theater einem Brand zum Opfer.

Das neue Gebäude wurde von dem Wiener Architektenteam Ferdinand Fellner und Hermann Helmer entworfen. Das Opernhaus war zur Zeit seiner Eröffnung am 1. Oktober 1887 die zweitgrößte der Welt, gleich nach der Mailänder Scala. Es hat die 73 Tage der Belagerung durch die rumänische Faschistenarmee und den Zweiten Weltkrieg überstanden. Hoffentlich wird dieses wunderschöne Gebäude auch in diesem brutalen Krieg nicht zerstört werden.

Olia Fedorova

Ich werde oft gefragt, ob ich die Russen jetzt hasse. Ich sehe das so: Der Krieg unterteilt die Welt in Schwarz und Weiß, ganz ohne Grautöne – die Nuancen gehören zu den friedlichen Zeiten. Eine klare Grenze zwischen dir und dem Feind ist überlebenswichtig. Wir können in denen, die uns gerade umbringen, keine Zwischentöne erkennen. Wenn ich also gefragt werde, ob ich die Russen hasse, bin ich irritiert und wütend, weil mir klar ist, wenn ich (klarerweise) mit „Ja“ antworte, bekomme ich sofort etwas zu hören wie: „Warum? Nicht alle Russen unterstützen den Krieg!“ Ich habe jegliche Berechtigung zum Hass auf Russen. Denn ich bin es, die im Keller sitzt, während russische Bomben auf meine Stadt fallen, während meine Familie und meine Freunde in Gefahr sind oder fliehen mussten, um nicht getötet zu werden. Und ich sage „Russen“ und nicht bloß „Putin“, denn sie sind es, die Menschen in Russland, die normalen Bürger von Moskau, St. Petersburg, Wladiwostok et cetera, die Putin und seine imperialistischen Ambitionen und den gesamten kolonialistischen Diskurs des heutigen Russlands all die Jahre hindurch unterstützt haben.

Es gibt also Umstände, warum wir hier in Charkiw nichts Gutes an den Russen finden können, wie es Menschen anderswo vielleicht vermögen. Dabei geht es nicht nur um all die Lügen und die ungeheuerliche Propaganda, die in Russland verbreitet werden, und die wir unmittelbarer miterleben als Menschen anderswo, weil wir die Sprache verstehen und Zugang zu zahlreichen russischsprachigen Quellen haben. Nicht nur, weil wir hören, was sie ständig im Fernsehen über uns erzählen, uns als Nazis bezeichnen und uns die Identität und unser Recht auf ein unabhängiges Leben absprechen. Es geht nicht nur um all ihre Verbrechen am ukrainischen Volk, die von der russischen Propagandamaschinerie totgeschwiegen und verdreht werden.

Zum Beispiel behaupten sie, dass wir selbst es sind, die auf uns schießen, während die Russen gekommen sind, um uns zu retten – wahrscheinlich vor uns selbst. Es geht vielmehr auch darum, was wir von den Russinnen und Russen zu hören bekommen, die wir kennen und mit denen wir befreundet oder sogar selbst verwandt sind. Hier in Charkiw und im gesamten Osten der Ukraine, den sie derzeit dermaßen brutal zerstören, kann man kaum einen Menschen finden, der keine Verbindungen nach Russland hat.

Ein Mann fährt in Charkiw mit seinem Rad an einer gespenstischen Szenarie vorbei: Feuer und Rauch, nach einem russischen Angriff. Foto: AP/Felipe Dana

Im Jahr 2014, als der Krieg genau genommen schon losging, konnte ich selbst keinen Hass gegenüber der normalen russischen Bevölkerung empfinden. Viele Menschen in der Ostukraine hatten bis zuletzt die Illusion, dass die Russen Putin nicht unterstützen würden und dass sie Widerstand leisten würden, wenn er einen Krieg vom Zaun brechen würde.

Sie haben keine Vorstellung davon, wie viele Nachrichten meine Familie und meine Nachbarn von ihren Verwandten und Freunden aus Russland in diesen Tagen, seit dem Tag 1, erhalten, in denen diese uns, die wir uns gerade vor den russischen Raketen verstecken, unterstellen, dass wir alle lügen, dass niemand uns bombardiert, dass alle Fotos der zerstörten Stadt, die wir direkt von unseren Fenstern aus machen, gefälscht sind. Sie haben auch keine Vorstellung davon, wie viele Familien und Freundschaften durch diese Invasion zerbrochen sind, weil die Russen lieber ihrer Propaganda glauben als den denjenigen, die ihnen nahestehen (natürlich dann, wenn diese Nahestehenden Ukrainer sind).

Mein Partner Hlib hat mit seinen beiden Freunden in Russland gebrochen, zu denen er jahrelang ein sehr gutes Verhältnis hatte. Oder besser gesagt, sie haben mit ihm gebrochen, weil sie die Umtriebe ihres Präsidenten unterstützten und Hlib ihnen das einfach nicht verzeihen konnte. Ich wage auch zu behaupten, dass Hlib fast seine gesamte Familie verloren hat – Vater, Mutter, Großvater, Großmutter und die jüngste Schwester – denn obwohl sie alle in Charkiw leben, wurden sie von der russischen Propaganda, die leider in jedem Land in die Köpfe der Menschen eindringen kann, einer derartigen Gehirnwäsche unterzogen, dass sie selbst dann, als sie unter Beschuss kamen und die Explosionen rundum hörten, weiterhin leugneten, dass es Russen waren, die da auf sie schossen, Und nicht sahen, dass es Putin war, der den Befehl dazu gegeben hatte.

Beinahe hätte der Vater von Hlib die Evakuierung seiner älteren Schwester verhindert, weil er nicht wollte, dass sie in die westlichen Gebiete gelangt, die „von ukrainischen Nazis besetzt“ sind. Schließlich haben wir es geschafft, sie nach Lemberg zu bringen, sie ist in Sicherheit. Und Hlib halten sie jetzt natürlich für einen Verräter, weil er sich der ukrainischen Armee angeschlossen hat. Vor ein paar Tagen erfuhr Hlib, dass sein Vater den Rest der Familie nach Russland evakuieren will. Sie glauben immer noch, dass Russland die „Rettung“ verheißt und dass man sie dort gut behandeln wird. Seitdem haben sie nicht mehr miteinander gesprochen.

Meine Großmutter glaubt immer noch nicht, dass Russland bei uns einmarschiert ist. Sie hört die Explosionen, hat schon seit einer Woche keinen Strom mehr, weil die Leitung von einer Rakete zerstört wurde, aber als wir ihr von den russischen Truppen erzählten, fragte sie erstaunt: „Russen? Welche Russen?“ Meine Tante aus Moskau hat sich bei mir gemeldet, um mir zu sagen, wie leid ihr alles tut. Mein Vater ist auch noch immer dort. Ich mache mir Sorgen um sie, um ihre dortige Sicherheit.

Karina Beigelzimer

Karina Beigelzimer, freie Journalistin in Odessa, berichtet von ihrem Leben, das von Furcht vor dem großen Angriff der Russen geprägt ist:

Heute ist Sonntag, eigentlich ein ruhiger Tag in Odessa. Er könnte ruhig sein, ist er aber nicht, weil wir in der Nacht wieder die Luftabwehr hörten und nicht schlafen konnten. Eigentlich kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal ruhig geschlafen habe.  Auch diese Woche war es wieder unruhig. Am 21. März wurde die Stadt beschossen. Einige Häuser wurden zerstört. Fast jeden Tag kreuzen russische Schiffe vor der Küste und versuchen ab und zu die Stadt zu beschießen. Das macht Angst. Gut, dass wir bisher vor größeren Angriffen verschont wurden, aber niemand weiß, wie es weitergeht. Trotzdem herrscht wunderschönes Frühlingswetter und die Stadt erwacht. Man sieht mehr Leute auf den Straßen, aber nicht so viele Kinder. Viele Kinder haben die Ukraine verlassen. Hoffentlich kommen sie nach dem Krieg wieder zurück  –  in eine friedliche Zukunft.

Viele Geschäfte machen wieder auf, auch einige Dienstleister. Die Stadt versucht ein normales Leben zu leben. Aber ein normales Leben gibt es nicht, das hat man uns geklaut.

Ich habe das Gefühl, wir haben zwei Fronten: die erste, wo unsere mutigen Soldaten kämpfen und die zweite, das sind Menschen, die geblieben sind, weil jeder ein Kämpfer ist. Es gibt viele Freiwillige, einige sammeln zum Beispiel Sand für Sandsäcke, für die Barrikaden. Andere spenden Blut oder Geld.

Christian Wehrschütz

In Kiew ist es den Verteidigern der Stadt offenbar nicht nur gelungen, die russischen Angreifer im Norden etwas zurückzudrängen, sondern auch die Versorgungslage zu stabilisieren. Das ist daran zu erkennen, dass im Stadtzentrum zwar weiterhin alle Geschäfte geschlossen sind, dass auf der anderen Seite die Stadtverwaltung aber vier zentrale Versorgungspunkte eingerichtet hat. Diese werden auch dazu genutzt, um über freiwillige Helfer jene Menschen zu versorgen, die selbst nicht mehr einkaufen gehen können beziehungsweise bettlägrig sind.

Zweitens: Ich habe auch den Eindruck, dass bei der Versorgung mit Benzin und Treibstoff die Situation etwas besser geworden ist. Außerdem ist folgendes interessant: Am Beginn der Krise, als die zahlreichen Kontrollposten errichtet wurden und zur gleichen Zeit viele Menschen aus der Stadt geflohen sind, gab es eigentlich kaum Probleme auf den Straßen. Jetzt dagegen sieht man in der Früh oder während des Tages vor den zentralen Einfahrts- und Ausfahrtsstraßen enorme Staus – sie entstehen durch die vielen Kontrollposten. Die Stadtverwaltung sowie die Militär- und Zivilverwaltung von Kiew wollen daher, wie es heißt, diese Sperren „optimieren“. Das wäre auch wichtig – sonst ist das für die Bevölkerung ein kaum haltbarer Zustand.

Das Stadtzentrum selbst ist zu späterer Stunde praktisch leer. Ganz wenige Personen sind überhaupt auf den Straßen zu sehen. Aber an sich ist hier in Kiew die Situation eher stabil. Die Ausfahrtsstraße nach Süden ist nach wie vor offen. Die Stadtverwaltung schätzt, dass von den mehr als 3,5 bis vier Millionen Einwohnern, die vor Beginn des russischen Großangriffs in der Stadt und deren unmittelbaren Umgebung waren, noch etwa 1,8 Millionen geblieben sind. Das ist ein massiver Aderlass, der andererseits aber natürlich die Versorgungsherausforderung leichter macht. Gemessen wird die Zahl der Einwohner derzeit auf indirektem Weg, durch die Nutzung von Mobiltelefonen.

Christian Wehrschütz

Christian Wehrschütz ist wieder in die Ukraine zurückgekehrt, nachdem er in der Vorwoche über Ungarn nach Serbien ausgereist war, wo Bundeskanzler Karl Nehammer in Belgrad die serbische Staatsspitze getroffen hatte:

Wir sind wir wieder in der Ukraine angekommen. Genauer gesagt in Uschhorod, im Dreiländereck zwischen der Ukraine, Ungarn und der Slowakei. Interessant ist ein Vergleich der Grenzübergänge. Bei der Ausreise vor ein paar Tagen nach Ungarn haben wir einige Autobusse und Pkws gesehen, aber keine großen Warteschlangen. Was nicht zu bemerken war, waren größere Zeltstädte oder Auffanglager für Flüchtlinge. Dieser Grenzübergang wird von Personen genutzt, die mit dem Auto aus- und weiterreisen.

Bei der Einreise in die Ukraine über die Slowakei war die Situation anders. Auf der slowakischen Seite sahen wir aufgebaute Zeltlager. Als wir wegen bürokratischer Hürden eine Stunde an der Grenze verbrachten, sahen wir 30 bis 40 Menschen ankommen – natürlich hauptsächlich Frauen und Kinder. Männer waren nicht dabei. Im wehrfähigen Alter dürfen sie die Ukraine derzeit nicht verlassen.

Uschhorod selbst ist eine Drehscheibe für humanitäre Hilfe. Die österreichische Botschaft hat dort nach wie vor eine Außenstelle mit Vertretern des Innenministeriums und des Bundesheers. Sie haben die Aufgabe Österreicher, die noch hier sind, sicher über die Grenze zu bringen und Evakuierungsrouten zu planen. Die Stadt ist voll belegt, die Hotels haben keine freien Betten. Auf 115.000 Einwohner kommen 30.000 Flüchtlinge. Von hier aus werden Hilfsgüter in andere Landesteile verteilt – auch für Vierbeiner. Wir waren in einem Tierasyl, dort stapelt sich Trockennahrung. In den ersten 20 Kriegstagen wurden insgesamt schon fast 20 Tonnen an Hilfsgütern für Tiere weitergeleitet in andere Landesteile.

Insgesamt ist es den Russen bisher nicht gelungen die ukrainischen Truppen im Osten einzukesseln. Es gab vermehrt Angriffe auf zivile Ziele in Kiew, die als Druckmittel gegen Präsident Selenksyj gesehen werden können. Ein Brennpunkt bleibt weiterhin Mariupol. Die Stadt ist wichtig, weil man durch die Eroberung einen weiteren Seehafen hätte und weil man Kräfte freibekommen würde.

Olia Fedorova

Vor etwa zwei Wochen hat sich Hlib, mein Freund, den Truppen der Territorialverteidigung angeschlossen. Seitdem habe ich ihn nur zwei Mal gesehen, jeweils nur für ein paar Minuten, wenn meine Mutter und ich hinfuhren, um ihm und seinen Kameraden Verschiedenes zu bringen und Hlib es entgegennahm. Derzeit ist er auf dem Militärstützpunkt und absolviert eine Ausbildung bei einer neu gebildeten Einheit.

Er darf natürlich keine Angaben über ihren Aufenthaltsort machen oder Details ihrer Aufgaben verraten. Ich selbst weiß nur so viel, dass er zum Hilfsgrenadier ernannt wurde und dass die Hauptaufgabe seiner Einheit höchstwahrscheinlich darin besteht, in der Stadt zu patrouillieren und feindliche Fahrzeuge auszuschalten, falls sie es abermals wagen sollten, in die Stadt einzudringen, so wie am 4. Tag. Außerdem wechseln sie alle fünf bis sieben Tage ihren Standort, um nicht aufgespürt zu werden. Sollte ihr Standort bekannt werden, könnte der Feind sie nachts beschießen, das ist bei anderen Militärstützpunkten schon passiert, und viele Soldaten wurden dadurch im Schlaf verletzt oder gar getötet.

Ein ukrainischer Soldat - nicht Hlib - auf seinem Posten in Charkiw. Foto: AP/Andrew Marienko

Hlib wusste seit November, dass er sich den Truppen anschließen würde. Für den Kriegsfall hatten wir einen Plan gefasst, den wir aber dann nicht umsetzten konnten. Demnach würde er mich, meine Mutter, meine Katzen und die wichtigsten Dinge nach Westen bringen, dann würde er zurückkommen und kämpfen. Als der Krieg am 24. Februar mit voller Wucht ausbrach, war ihm klar, dass er eigentlich sofort losfahren sollte, aber in der ersten Woche mussten wir im Keller bleiben, weil der Beschuss zu heftig war. Am Wichtigsten war ihm natürlich, dass ich, meine Mutter und seine Schwester in Sicherheit waren. Jeden Tag rief er nun im Büro der Territorialverteidigung an, und jeden Tag bekam er zu hören, dass keine Plätze mehr frei sind. Das stimmte tatsächlich, in der ersten Woche gab es lange Schlangen von Freiwilligen, die bereit waren, für ihre Heimat zu kämpfen. Ich glaube ohne weiteres, dass sich der Territorialverteidigung inzwischen 150.000 bis 200.000 Freiwillige angeschlossen haben. In Charkiw mussten sogar Leute zurückgewiesen werden, weil die Stützpunkte nicht genug Waffen für alle hatten. Aber schließlich konnte Hlib dann doch der zusätzlich gebildeten Einheit beitreten. Er ist sehr stolz darauf, dass er dazu beitragen kann, die Ukraine zu schützen, seine Familie zu schützen und seine eigene Identität und Freiheit zu schützen, die Russland uns allen nehmen will. Und ich bin auch sehr stolz auf ihn.

Natürlich habe ich Angst, dass er dort ums Leben kommen könnte. Davor habe ich jeden Tag Angst. Aber die Sache ist so, dass man hier in Charkiw nirgendwo sicher sein kann, egal wo man ist. Ich selbst, meine Mutter und unsere Nachbarn können jeden Moment durch eine Rakete sterben, die auf unser Haus abgefeuert wird. Hlib kann durch eine feindliche Kugel sterben oder auch, wenn jemand den Standort der Einheit verrät und die Russen sie beschießen. Mir scheint, wir sind an einem Punkt angelangt, an dem der Tod nicht mehr etwas Ungewöhnliches oder Unbekanntes ist, vor dem man sich fürchten müsste – er ist allgegenwärtig, schleicht herum, nähert sich für eine Weile und entfernt sich dann wieder.

Früher hatte ich Angst vor dem Tod, und ich hatte Angst davor, dass meine Liebsten sterben könnten. Und ich kann nicht behaupten, dass ich keine Angst mehr habe, die habe ich immer noch. Aber ich denke, wir haben hier mittlerweile gelernt, mit dieser Angst umzugehen. Wir haben uns mit ihr angefreundet.

Übersetzung: Anton Lederer

Karina Beigelzimer

Karina Beigelzimer, freie Journalistin in Odessa, erzählt, wie die Bewohner der Hafenstadt im Süden der Ukraine sich auf den russischen Angriff vorbereiten:

Der Luftalarm wird immer länger. Sehr, sehr oft in der Nacht. Gestern erreichten die Sirenen mit fünf Stunden den bisherigen traurigen Rekord. Es ist grauenhaft, wenn man von diesen geweckt wird und losrennen muss. Dazwischen Schüsse und Explosionen. Ich hasse Panik. Aber oft kommt sie trotzdem.

Es mag sein, dass es in unserer Stadt früher einige gegeben hat, die mit Putin sympathisierten. Das ist jetzt vorbei. Es war nicht sein Ziel – aber wir sind nach diesen Angriffen jetzt als Ukrainer geeint und werden unsere Stadt verteidigen – alle packen mit an.

Olia Fedorova

Als die dritte Kriegswoche anbrach, stellte ich fest, dass wir in eine neue psychologische Phase eingetreten sind. Ich habe dazu ein wenig nachgelesen, demnach ist es normal, dass die psychische Gesundheit bei einem derart großen und lange anhaltenden Stress verschiedene Höhen und Tiefen durchläuft. Und genau das ist es, was wir jetzt fühlen. Nach der Euphorie und dem Adrenalinschub der ersten Wochen, als sich die Ereignisse überschlugen und jeder weitere große Erfolg unserer Armee eine riesige Überraschung und Freude für uns war, sind wir nun vor allem eines, sehr erschöpft. Und selbst die Siege, die unsere Soldaten immer wieder erkämpfen, wurden ein wenig zur Routine. Nein, wir sind immer noch stolz und glücklich über jeden Erfolg, von dem wir hören. Aber wir erwarten das Eintreten eines großes Ereignisses, etwas, das in der Lage ist, diesen Krieg zu beenden, oder uns zumindest ein Zeichen gibt, wann er zu Ende gehen wird.

Währenddessen hat unser Feind nicht aufgehört, uns zu bombardieren, und so schmerzt uns jede weitere Nachricht über ein zerstörtes Gebäude oder getötete Menschen immer wieder aufs Neue. Wir sind es leid, all die Todesfälle und Zerstörungen zu sehen, auch wenn selbst wir sie nur auf den Bildschirmen unserer Geräte wahrnehmen. Je länger dieser Krieg dauert, je heftiger die russische Artillerie und die Luftwaffe ihre Angriffe fortsetzen, desto mehr wächst in uns die Angst, dass es uns eines Tages erwischt – eine quälende und hartnäckige Angst. Ich merke es am Verhalten unserer Nachbarn, sie reagieren jetzt auf manche Dinge viel emotionaler als noch zu Beginn der Invasion. Wir versuchen, nicht darüber nachzudenken, was wir tun werden, wenn das nächste Gebäude, das von einer Rakete getroffen wird, unser eigenes Haus sein sollte.

Rettungskräfte versuchen in Charkiw einen Körper - unklar, ob tot oder lebendig - aus den Trümmern zu bergen. Foto: AP/Pavel Dorogoy

In den letzten zwei oder drei Tagen hat der Beschuss an Intensität zugenommen. Es scheint so, dass das auf gewisse Weise mit den Verhandlungen zusammenhängt, die gerade stattfinden. Ähnliches ist auch schon zuvor passiert, gerade an den Verhandlungstagen ist die Zahl der Raketen, die aus heiterem Himmel auf uns niedergingen, ziemlich angewachsen. Und vor zwei Tagen, gerade als wir uns im Keller zum Schlafen bereitmachten, hörten wir sehr laute Explosionen in kurzer Folge. Das war gefühlt direkt über uns, selbst die Wände unseres Bunkers wackelten. Wir schnellten von unseren Matratzen hoch und rannten in die unterste Etage des Kellers. Dort verharrten wir, erstarrt vor Schreck, und blickten gebannt nach oben. Wir waren sicher, dass es diesmal in unserem Haus eingeschlagen hatte.

Alle waren absolut still und warteten auf etwas, egal was. Nachdem von draußen nichts mehr zu hören war, kehrten wir langsam und vorsichtig in den oberen Teil des Kellers zurück, um im Internet Nachschau zu halten und die Neuigkeiten in den lokalen Telegram-Gruppen zu verfolgen. Wir stellten fest, dass der große historische Markt, der nur 100 Meter von unserem Haus entfernt liegt, getroffen worden war und das dort Feuer ausgebrochen war. Unsere Nachbarn trauten sich nachzusehen, ob ihre Fenster im 3. Stock noch vorhanden waren. Sie erzählten dann, dass der Rauch des Feuers über dem gesamten Viertel lag. Eine Frau versuchte verzweifelt, ihren Großvater zu erreichen, der in dieser Gegend wohnte, aber er meldete sich nicht. Sie brach in Tränen aus und wurde dann regelrecht hysterisch, als er endlich ans Telefon ging und sagte, er sei nur eine rauchen gegangen und habe sein Handy nicht mitgenommen. Ich nahm auch wahr, wie die Schultern und Hände meiner Mutter danach zitterten. Da begriff ich, wie nahe wir alle dem Zustand der totalen Panik waren.

Und dann gab es keinen Strom mehr. Wir fanden heraus, dass es mit Reparaturarbeiten zusammenhing. Die Rakete hatte auch die Leitungen beschädigt. Die Stadtverwaltung teilte uns mit, dass wir zwei Tage lang keinen Strom und keine Heizung haben würden. Das war ein Moment, in dem ich selbst Panik verspürte, denn keinen Strom zu haben bedeutet auch, kein Internet und keine Handyverbindung zu haben. Von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, nicht in der Lage zu sein, meine Liebsten anzurufen und herauszufinden, ob sie noch am Leben sind, und ihnen zu sagen, dass ich selbst noch am Leben bin – wie das 300.000 Menschen in der Stadt Mariupol gerade durchmachen! – ich glaube, davor fürchte ich mich am meisten. Zum Glück war der Strom schon früher wieder hergestellt. Ich war noch nie so glücklich, dass ich mein Handy aufladen konnte. Wenn der Krieg vorbei ist, werde ich unseren kommunalen Diensten niemals wieder vorwerfen, etwas falsch gemacht zu haben.

Übersetzung: Anton Lederer

Christian Wehrschütz

Die Geburtsklinik in Uschhorod im Westen der Ukraine ist ein Ort, an der sich die Folgen des Krieges festmachen lassen. In einem Raum liegen drei Frühgeburten, ein Baby wiegt nur 650 Gramm. Die Mutter des Kindes ist aus Kiew geflüchtet. Stepan Bogdan, der diensthabende Arzt sieht nun öfters Frühgeburten: „Bei den Frauen haben sich gewisse Vorbedingungen verändert. Dazu zählen die extragenitale Pathologie, die Fähigkeit, das Kind auszutragen, sowie Probleme beim Gebärmutterhals. Das gab es früher nicht“, erzählt er.

Uschhorod zählt 115.000 Einwohner; hinzukommen nun 30.000 Flüchtlinge. Der Ort liegt im Dreiländereck in der Nähe von Ungarn und der Slowakei. Viele Flüchtlinge sind privat untergebracht oder wohnen in Hotels, einige auch in Aufnahmezentren, wie etwa in der Sporthalle. In zwei Sälen sind mehr als 300 Personen untergebracht, darunter 30 Kinder. Andere wiederum Schafen in den Schulen. „Unsere Schulen und Kindergärten sind derzeit zu, weil wir kommende Woche zum Fernunterricht übergehen werden. In diesen Unterricht sollen auch alle Kinder eingebunden werden, die zu uns geflohen sind“, erzählt Andrij Boghdan, der Bürgermeister von Uschhorod.

Hilfe leistet auch das Rote Kreuz, das hier Kleiderspenden verteilt. Die Sachen stammen zum einen Teil aus Spenden von Bewohnern der Stadt, aber auch von privaten ausländischen Helfern und internationalen Organisationen. Doch was wird eigentlich am dringendsten benötigt? „Medikamente und Bettzeug, vor allem Matratzen und Kopfpolster“, meint Valentina vom Roten Kreuz.

Viele Flüchtlinge in Uschgorod hoffen, dass der Krieg nicht bis in den äußersten Westen der Ukraine vordringt. Sie wollen den Konflikt aussitzen: „Wir hoffen auf Rückkehr, wenn sich die Lage beruhigt hat“, sagt Viktoria. Sie ist aus dem Landkreis Donezk geflohen. Zwei Tage lang war sie mit zwei Freundinnen und den Kindern unterwegs. Mitnehmen konnte Sie nur das Nötigste: Schuhe und warme Kleidung. Ihr Mann ist Bergarbeiter, ihn musste sie zurücklassen.

Christian Wehrschütz

Die Situation der Journalisten ist schwierig – und zwar aus mehreren Gründen. Einerseits ist ein Vordringen in die Kriegsgebiete extrem risikoreich. Das hat man auch am Tod des US-Journalisten gesehen, der auch auf Leichtsinn zurückzuführen ist. Denn, wer ohne irgendwelche Regeln zu beachten auf einen russischen Kontrollpunkt zufährt, und sich auch nicht als Presse ausweist, der muss damit rechnen beschossen zu werden. Die Nervosität auf der ukrainischen Seite wird zudem immer größer. Auch wenn das Interesse hier größer ist, zu berichten. Das Misstrauen, die Angst, die Vorbehalte gegenüber Journalisten sind auch hier groß. Wenn man etwa zu drehen beginn, kommt bestimmt rasch eine Kontrolle. Meistens läuft das höflich ab und wenn man Glück hat, trifft man auf Polizisten, die auch ausgebildet sind. Aber ganz generell sieht man, unter welch enormer Spannung das Land steht und das schlägt sich natürlich auch auf die Arbeit von Journalisten nieder.

Anderseits ist dieser Konflikt auch ein Krieg, der medialen Charakter hat. Das haben wir in dieser Form noch nie so gesehen. Das betrifft den Kampf um die Beeinflussung der öffentlichen Meinung und auch die Flut an Meldungen, die etwa auf Telegram-Kanälen ausgespielt wird. Der US-Journalist war noch keine Stunde tot, da hatten wir schon Videos mit Stellungnahmen von Polizisten vor Ort und seinem verletzten Kollegen. Das sind die Schattenseiten des heutigen Journalismus. Doch noch nie haben wir so viel in Echtzeit erfahren.

Zerstörte Brücke in Irpin. In dieser Stadt nordwestlich von Kiew wurde US-Journalist Brent Renaud erschossen. Foto: AFP/Dimitar Dilkoff

Im Ö1-Morgenjournal spricht Christian Wehrschütz heute über den Angriff eines militärischen Ausbildungszentrums am Wochenende knapp an der Grenze zu Polen:

Der Angriff war natürlich auch eine Warnung an die NATO, aber man darf nicht vergessen, dass die Waffen aus dem Westen über dieses Ausbildungszentrum führen. Das war ein klarer Schlag gegen die Söldnerbewegung und den Waffennachschub für die Ukraine.“ Für Zivilisten in der Stadt Mariupol ist die Lage katastrophal – nach wie vor. Der ukrainische Präsident steckt in einem Dilemma: Gibt er die Stadt auf kann er womöglich Menschenleben retten, dies würde aber ein Vorrücken der Russen beschleunigen.

Olia Fedorova

Viele Leute fragen mich, wie wir hier überleben, ob wir genug Essen, Wasser und andere notwendige Dinge haben. Und es ist ein bisschen seltsam für mich, wenn ich antworte, dass wir eigentlich alles haben. Ich wette, die Leute glauben mir nicht. Und es gibt einen Grund dafür, dass sie mir nicht glauben, denn ja, es stimmt, für Tausende meiner ukrainischen Landsleute in verschiedenen Städten ist die Situation im Moment wirklich extrem schwierig. Vor allem in jenen Städten, die von russischen Truppen blockiert werden, wo niemand hinein- und niemand hinausgelassen wird, wie in Mariupol und Wolnowacha.

Auch in meiner Heimatstadt Charkiw gibt es viele Stadtteile, in denen durch den Beschuss die Infrastruktur unterbrochen wurden, sodass die Menschen ohne Wasser und Strom auskommen mussten. Ich betrachte mich und meine Nachbarn als Glückspilze, denn in unserer Gegend haben wir so etwas noch nie erlebt. Und ich hoffe, wir werden es auch nie erleben.

Das Erstaunliche ist, dass die kommunalen Dienstleistungen unserer Stadt unter diesen schwierigen Bedingungen immer noch funktionieren, und zwar rund um die Uhr, selbst während russische Raketen niedergehen. Alle geben ihr Bestes, um die Schäden an der Infrastruktur so schnell wie möglich zu beheben. Meine Großmutter zum Beispiel, die im Stadtteil Saltivka wohnt, einem sehr bevölkerungsreichen und im Moment am stärksten bombardierten Stadtteil, hatte drei Tage lang keinen Strom, aber heute ist alles wieder repariert worden. Wir sehen auch häufig Arbeiter der städtischen Betriebe, die Straßen reinigen, und vor ein paar Tagen haben wir Schneefräsen gesehen.

Sogar unser Müll wird wie üblich abgeholt. Das alles überrascht uns sehr und macht uns sehr stolz auf unsere Stadt. Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung sagen, wenn Russland ihnen nicht erlaubt, Charkiw sauber zu halten, werden sie nach Moskau gehen und ihnen dort in den Hintern treten. Ein interessanter Ansatz.

Auch die Supermärkte haben offen, zwar nicht den ganzen Tag, aber Lebensmittel und alles Wesentliche sind erhältlich. Morgens wird frisch geliefert, also muss man wirklich früh hingehen und sich anstellen, denn wenn man zu spät kommt, besteht die Gefahr, dass nichts mehr da ist. Wir sind mehrmals zusammen mit Nachbarn einkaufen gegangen und haben Lebensmittel für alle besorgt, um sie anschließend zu verteilen. Meine Mutter ist fleißig am Kochen und versorgt uns mit Gerichten, die ich seit meiner Kindheit – oder zumindest seit ich zu meinem Freund gezogen bin – nicht mehr gegessen habe. Und das macht mich dann richtig glücklich.

Durch russischen Beschuss schwer beschädigtes Wohnhaus in Charkiw. Foto: AFP/Sergey Bobok

Leider können wir einige Stadtteile und die dortigen Supermärkte nicht mit dem Auto erreichen, weil wir auf der anderen Seite des Flusses wohnen und auf vielen wichtigen Brücken Barrikaden errichtet wurden, um eine feindliche Invasion zu verhindern. Aus diesem Grund ist es besser, sich in einigen Teilen der Stadt zu Fuß fortzubewegen. Aber wir sind recht zufrieden mit dem, was wir in der Nähe unseres Hauses haben. Etwas, das ich wirklich vermisse, ist, dass wir nicht in den Botanischen Garten gehen können, wo es eine Quelle mit sehr sauberem Wasser gibt. Wir wollten dort viele Flaschen abfüllen, um hier bei uns alle über einen längeren Zeitraum versorgen zu können. Aber wir können immer noch Wasser aus dem Supermarkt holen, und wir haben auch einen kleinen Wasserfilter in unserer Wohnung. Den hat unser Freund Andriy mitgebracht, der die ersten sieben Tage bei uns im Keller gewohnt hat und dann mit seiner Freundin nach Lemberg geflüchtet ist.

Außerdem gibt es noch die humanitäre Hilfe, die recht gut in der Stadt verteilt ist. Man bekommt dort Brot, frisches Wasser und verschiedene Lebensmittel. Am einfachsten ist es, zu einer U-Bahn-Station zu gehen, aber auch in Schulen, Postämtern und einigen Verwaltungsgebäuden wird diese Hilfe verteilt. Meine Großeltern gehen oft in die nächstgelegenen Schulen, um Hilfe in Empfang zu nehmen, beim letzten Mal bekamen sie Packungen mit tiefgefrorenen Knödeln und sogar Fleischpalatschinken (in der Ukraine Nalysnyky oder auch Mlyntsi genannt). Brot bäckt meine Großmutter selbst, sie hat ein kleines Backrohr. Meine Mutter hat sie vor zwei Tagen besucht, und Oma hat uns mehrere selbst gebackene Brote mitgegeben.

Ich habe zwei Omas und zwei Opas, sie alle leben in dem Viertel, das seit Beginn der Invasion so stark bombardiert wird, aber keiner von ihnen will weg. Sie haben Autos und meine beiden Großväter können Auto fahren. Sie sind alle gesund und bei vollem Verstand, dennoch haben sie beschlossen zu bleiben. Wir können uns ihre Entscheidung nicht ganz erklären, aber wir haben aufgegeben, sie zu überreden. In gewisser Weise ist es durchaus verständlich, warum jemand in seinem eigenen Haus, auf seinem eigenen Stück Land bleiben will und warum man Angst davor hat, woanders hinzugehen. Mein Freund, meine Mutter und ich, wir haben unsere eigenen Gründe, warum wir nicht weggehen. In diesen Tagen erfordern beide Entscheidungen viel Kraft und Mut: zu bleiben oder zu flüchten.

Übersetzung: Anton Lederer

Christian Wehrschütz

In Bila Zerkwa gibt es noch eine intakte Fleisch- und Wurstfabrik: Die übrigen Fabriken des Unternehmens sind nicht mehr in Betrieb. Hören Sie im Audio, unter welchem Umständen in der Ukraine noch gearbeitet werden kann um die Versorgung sicherzustellen.

Christian Wehrschütz gibt im Ö1-Morgenjournal ein Update aus der Krisenregion:

In der Ukraine ist der zynische Vorschlags Putins, die Flüchtlinge über Korridore nach Russland oder Belarus aus der Gefahrenzone zu bringen, negativ aufgenommen worden. Man befürchtet, dass es für antiukrainische Propaganda in Weißrussland und in Russland verwendet werden könnte – im Sinne von „Seht, die Ukrainer fliehen zu uns nach Weißrussland und Russland und nicht auf ihr eigenes Territorium“. Die Hoffnung der Ukrainer ist unterdessen sehr gering, den Präsidenten auf diplomatischem Wege zum Einlenken zu bewegen und hier etwas Tiefgreifendes zu erreichen. Die russische Seite wäre ja nur zu einem Waffenstillstand bereit, wenn der Verlust der Krim sowie die Unabhängigkeit der Separatistengebiete von Donezk und Luhansk anerkannt würden und es zu eine Entmilitarisierung der Ukraine käme.  Die nächste Frage wäre: Was ist mit Kriegsentschädigungen? Russland hat Milliardenschäden in der Ukraine mit dem Bombardement angerichtet. Da muss man sich schon fragen, wie das weitergehen soll.

Das hochrangige Treffen zwischen dem ukrainischen Außenminister Kuleba und dem russischen Außenminister Lawrow, das für den 10. März unter der Vermittlung der Türkei geplant ist, ist natürlich ein gutes Zeichen. Das wäre ein Hoffnungsschimmer im Vergleich zu den Gesprächen, die wir bisher hatten.

Christian Wehrschütz

Christian Wehrschütz berichtet im Ö1-Morgenjournal von der aktuellen Lage vor Ort:

Es war eigentlich nicht schwer, in die Stadt Kiew hineinzukommen. Wir hatten nur wahnsinnig viele Straßensperren und Kontrollposten, die Dokumente kontrolliert und Akkreditierungen überprüft haben. Rein- und Rauskommen in die Stadt war derzeit also nicht schwierig, wohlwissend, dass die russischen Truppen auch der südlichen Hauptverbindungslinie von Kiew immer näher kommen. Wer für das Scheitern der humanitären Korridore am Wochenende verantwortlich ist, ist unterdessen schwer zu beantworten. Ich habe nur meine Zweifel, ob ein großes Interesse an einem derartigen humanitären Korridor insgesamt besteht, weil das bedeutet, dass ich Staatsbürger verliere, wenn die Städte erobert sind. Und wenn auf der anderen Seite in den Städten nur mehr die bleiben, die kämpfen wollen, dann würde das auch dem Angreifer die Lage erleichtern.

Wehrschütz zur Lieferung von Kriegsgerät in die Ukraine:

Die Lieferung an sich ist nicht so schwierig, was panzerbrechende Waffen und Luftabwehrraketen betrifft. Aber es ist etwas anderes, mit Flugzeugen zu operieren, die ja von irgendwo starten müssen. In dem Augenblick, wo ein solches Kampfflugzeug mit einem ukrainischen Piloten zum Beispiel in Polen startet, bedeutet das eine klare Teilnahme am kriegerischen Konflikt. Das wäre eine massive Bedrohung für Polen, daher schreckt das Land davor auch zurück. Aber das große Problem der ukrainischen Verteidiger ist die klare Unterlegenheit in der Luft.

Christian Wehrschütz

Kiew bereitet sich immer mehr auf den russischen Angriff vor, das ist klar sichtbar, wenn man in die Stadt hineinfährt, so wie wir das heute getan haben. An den Einfahrtsrouten gibt es überall Straßensperren, Panzerigel, Sandsäcke, Betonblöcke – man kann nur sehr langsam fahren.

Am zentralen Platz von Kiew, dem Maidan, befüllen Freiwillige Sandsäcke, um die Eingänge in die U-Bahn-Schächte damit zu sperren. Ansonsten ist die Gegend weitgehend menschenleer, Geschäfte verwaist, Banken geschlossen, die Atmosphäre ist gespenstisch.

Kiew, die Hauptstadt der Ukraine, riegelt sich ab. Foto: AFP/Genya Savilov

Wir haben mit Leuten gesprochen, die hier bleiben. Das sind unter anderen jene, die damit rechnen, dass die ukrainische Armee diesen Kampf gewinnen wird, aber auch Personen, die einfach nicht rauskomme, der Sohn oder die Tochter behindert sind oder Verwandte alt sind. Manche leben in Tiefgaragen im zweiten Untergeschoss. Dort sind ein paar Sessel und Heizstrahler aufgestellt, man hat sich einigermaßen eingerichtet und kann hier sicher noch eine Zeit lang aushalten.

Generell ist klar, die Stadt bereitet sich auf den Kampf vor. Ob, wann und wie der stattfindet, ist derzeit offen. Besonders schwierig ist die Versorgungslage mit Medikamenten, vor allem Menschen mit chronischen Erkrankungen.

Olia Fedorova

Der zehnte Tag des Krieges neigt sich dem Ende zu. Eigentlich habe ich schon aufgehört, die Tage zu zählen, ich weiß kaum noch, welchen Wochentag wir haben. Zum Glück war dieser Tag und der vorherige etwas ruhiger als sonst. Wir verbrachten sogar die meiste Zeit in unserer Wohnung und nicht im Schutzraum. Und wenn wir die nahen Explosionen hörten, rannten wir nur selten die Treppe hinunter, sondern bloß in den Gemeinschaftsflur unseres Hauses. Die Wände dieses Gebäudes sind ziemlich dick, und wir fühlen uns auf eine Art geschützt. Wir erinnern uns jedoch immer an die „Zwei-Wände-Regel“, die heutzutage alle Ukrainer im Schlaf können. Sie besagt, dass man mindestens zwei Wände zwischen sich und der Rakete haben muss, wenn das Haus getroffen wird.

In der Nacht des neunten Tages beschlossen wir, zu Hause zu bleiben und in unseren Betten zu schlafen, aber um 2 Uhr nachts wurden wir von sehr lauten Explosionen geweckt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich meine Schuhe angezogen habe, meine Sachen genommen habe und in den Schutzraum gerannt bin, ich weiß nur, dass ich dort sofort wieder eingeschlafen bin. In diesen Nächten habe ich keine Träume, weder gute Träume noch Albträume.

Ich vermisse die Stille, und zwar diese tiefe Ruhe, bei der man nicht erwartet, dass etwas Schreckliches geschieht. Hier trauen wir der Stille nicht mehr. Kaum hören wir dann Explosionen, fragen wir uns sofort, ob alles in Ordnung ist oder eben nicht. Ich höre die Geräusche der Explosionen und die Geräusche eines herannahenden Kampfflugzeugs in jedem anderen Geräusch, in einer eingeschalteten Klimaanlage, im Wasser, das aus dem Hahn fließt, in den Geräuschen unserer Nachbarn, die wir in den Fluren oder auf dem Hof hören. Manchmal hört sich mein eigenes Blut, das in meinem Kopf pulsiert, wie ein entferntes Bombardement an.

Eine Frau im Innenhof eines zerbombten Gebäudes. Foto: AP/Andrew Marienko

Aber auch in unserem Keller ist es still. Viele Nachbarn sind weggegangen, mit Autos, mit Zügen, mit Bussen. Einige sind zum Bahnhof gefahren und dann wieder zurückgekommen, weil sie es nicht in den Zug geschafft haben und sich nach dem Albtraum der erdrückenden Menschenmenge weigerten, es noch einmal zu versuchen. Anstelle derjenigen, die weggegangen sind, kamen einige neue Leute an, Verwandte und Freunde unserer Nachbarn, die aus noch gefährlicheren Gebieten geflohen sind. Sie verbringen einige Zeit bei uns und setzen dann ihre traurige Reise in den Westen fort. Sie alle sagen, dass wir in unserem Keller luxuriöse Bedingungen haben, im Vergleich zu dem, was sie in ihren früheren Unterkünften erlebt hatten.

Mir ist aufgefallen, dass diese Menschen nicht einfach auf unseren Decken liegen, sie bleiben sitzen, auch wenn viel Platz vorhanden ist, obwohl ich sehe, wie müde sie sind. Ich sah ein Kind, das auf dem Schoß seiner Mutter schlief, die beiden wagten nicht, sich auf unsere Decken zu legen, obwohl wir sie allen gleichermaßen anboten. Ich weiß nicht, warum das so ist. Vielleicht können sie immer noch nicht glauben, dass sie jetzt in Sicherheit sind. Ich frage mich, ob sie dazu jemals in der Lage sein werden. Und ich weiß auch nicht, ob ich dazu in der Lage sein werde. Ich fühle mich so ungeschützt, so nackt in meinem eigenen Haus.

Ich ziehe mich vor dem Schlafengehen nicht einmal aus, ich ziehe nur meine Schuhe aus. Ich habe Angst, mit meinen Kopfhörern Musik zu hören, einen Film anzuschauen, Angst zu duschen oder mir einfach nur das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen. Weil ich Angst habe, die Geräusche eines herannahenden Kampfflugzeugs oder die Geräusche der näher kommenden Explosionen zu verpassen. Ich bevorzuge jetzt die Stille – aber wenn sie zu lange andauert, macht mir das noch mehr Angst.

Übersetzung: Anton Lederer

Christian Wehrschütz

In der Ukraine nehmen die Flüchtlingsströme immer weiter zu, je näher die Front Richtung Kiew rückt. Wir sind heute von Bila Zerkwa nach Süden gefahren, weil wir ein Auto treffen wollten, das uns von Wien Ausrüstung des ORFs mitgebracht hat. Wir haben unzählige Autos gesehen, mit der Aufschrift „Kinder“ – eine Bitte nicht angegriffen zu werden. Ganze Familien fliehen, wir haben endlose Kolonnen gesehen.

Christian Wehrschütz

Die Kämpfe gehen auch am Tag neun weiter – besonders in Mariupol. Dort haben die prorussischen Separatisten und die russischen Truppen die größten Erfolge erzielt, weil man eine Linie herstellen konnte, von der Halbinsel Krim bis zu ehemaligen Kontaktlinie.

Derzeit bleiben wir auf jeden Fall in der Ukraine und auch an unserem Standort in Bila Zerkwa, zu Deutsch Weißkirchen. Wir sehen keinen Grund, den Ort zu verlassen. Man hat zwar den Eindruck, dass die russischen Streitkräfte auch in Richtung Süden abzielen. Es könnte sehr bald sein, dass Odessa ein richtiger Kriegsschauplatz wird. Im Norden wird versucht, von Charkiw aus weiter vorzudringen, um den Druck auf Kiew zu erhöhen. Was nicht wirklich gelungen ist, ist näher an die Hauptstadt heranzurücken. Auch der Konvoi scheint noch nicht weitergekommen zu sein. Es gibt offenbar die Bereitschaft, nach Süden hin einen Korridor offenzulassen, damit die Menschen fliehen können. Aber irgendwann wird auch dieser Korridor zugehen und dann wird ein großer Angriff erfolgen.

Ich bin natürlich nicht in Saporischschja, aber die Vorfälle dort waren auch für uns erschreckend. Ob das ein gezielter Angriff war, bleibt fraglich. Aber ich glaube nicht, dass die russische Artillerie so präzise ist. Außerdem glaube ich noch weniger, dass russische Kompanie-Kommandanten Selbstmörder sind. Wenn Strahlung austritt, würde es die russischen Truppen sogar in ihrem Vormarsch behindern. Was hätte also Russland davon? Der Horror ist eigentlich, dass bei den Kämpfen derartige Kraftwerke getroffen werden können. Laut der ukrainischen Atombehörde sei die Gefahr, einen Reaktor durch Artillerie-Beschuss zu zerstören, gering. Aber wer von uns kann das wirklich überprüfen?

In der Ukraine hofft man weiterhin auf Unterstützung aus dem Westen. Aber ich kenne keinen Nato-Staat, in dem eine Mutter bereit wäre, dass ihr Sohn für diese Sache fällt. Abgesehen von allen Konsequenzen, die eine direkte Beteiligung mit sich bringen würde, weil dann wären wir an der Schwelle zu einem Konflikt zwischen Russland und den USA.

Satellitenbild des AKW Saporischschja, aufgenommen im September 2019. Foto: AP/Planet Labs PBC

Im Ö1-Morgenjournal berichtet Christian Wehrschütz über die Lage in der Nacht:

Bei uns war die Lage in der Nacht ruhig, es gab einmal Fliegeralarm. Bila Zerkwa ist derzeit nicht direkt im Fokus der Kämpfe und des Vormarsches. In der Stadt selbst herrschte eine Ausgangssperre und es ist mucksmäuschenstill. Da gibt es kein irgendwie geartetes Leben mehr. Aber das kann sich hier rasch ändern, wenn die russischen Angreifer tatsächlich Kiew einschließen werden, müssen sie den Sack auch im Süden zumachen und da ist Bila Zerkwa ein Vorposten auf dem Weg nach Kiew und man sagt von militärischer Seite immer, hier könnte dann der Ort eine Luftlandung sein. Strom, Wasser, Internet gibt es, es gibt auch Essen. Kritischer ist die Versorgungslage bei Medikamenten, aber die Basisversorgung ist hier noch gegeben.

Wir haben gute Bekannte in Mariupol, dort hast du einfach keinen direkten Kontakt mehr, weil keine Kommunikation funktioniert. Die letzte Information, die ich habe, ist von gestern, etwa 17 Uhr. Da ist es noch gegangen. Die sitzen so weit es geht alle in den Luftschutzkellern, es gibt kein Wasser mehr, keinen Strom mehr, man kann praktisch nicht mehr das Haus verlassen, der Beschuss soll massiv sein und es ist ein riesiges Problem beispielsweise auch Verwundete rauszubringen. Gerade deswegen wäre auch der Wunsch nach diesem humanitären Korridor so stark, damit man wenigstens irgendetwas tun kann für die Zivilbevölkerung, die zwischen den Fronten ist.

Beim AKW Saporischschja bin ich der Meinung, dass das wirklich ein Unglücksfall war. Das macht die Bedrohungslage nicht besser. Aber kein Angreifer ist so dumm, dass er sein eigenes Territorium, dass er besetzen und durch das er durchmarschieren will, verseucht und dann deshalb ein AKW beschießt. Generell ist es zweifellos so, dass die russische Seite, je schwieriger der Vormarsch ist, umso weniger Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt. Man hat auch hier teilweise das Gefühl, da geht es gar nicht mehr nur um eine Eroberung, sondern um eine Kriegsführung, die mit Emotionen, mit Hass teilweise geführt wird. Weil, warum schieße ich Schulen zusammen? Warum schieße ich so viel Infrastruktur zusammen? Eigentlich muss ich das irgendwann wieder aufbauen. Will ich hier nur verbrannte Erde erzeugen oder was ist eigentlich jetzt, nachdem der erste Angriffsplan Putins gescheitert ist, rasch Kiew und die Umgebung zu erobern, der Plan?

Olia Fedorova

Wir haben nun den siebenten Kriegstag in der Ukraine hinter uns. Meine Heimatstadt, mein wunderschönes Charkiw, wird bereits seit vier, fünf Tagen hintereinander schwer bombardiert, ich habe keine Ahnung, wie lange das noch so weitergeht.

Ich höre Kampfflugzeuge über unsere Köpfe fliegen. Einige Male waren die Explosionen so nah, dass unsere Fenster zitterten und die Alarmanlagen der Autos draußen zu schrillen begannen. Einige waren so laut, dass wir kaum bekleidet und ohne Schuhe aus unserer Wohnung rannten.

Einiges ist für uns zur Gewohnheit geworden. Zum Beispiel, wenn wir oben in unserer Wohnung bleiben und in der Ferne Explosionen hören, dann bewegen wir uns nicht einmal, rennen nicht in den Keller, weil wir wissen, dass sie die Häuser von anderen bombardieren, nicht unsere Häuser.

Wir haben uns auch an die Dunkelheit gewöhnt – wir haben das Glück, dass in unserem Haus die gesamte Infrastruktur funktioniert: Strom, Wasser, Heizung. In anderen Bezirken fällt das eine oder andere zwischendurch aus, aber nach Sonnenuntergang schalten wir in unseren Wohnungen kein Licht mehr ein, denn das könnte die Aufmerksamkeit des Feindes oder von Plünderern oder von Saboteuren erregen. Wir haben angefangen, in der Dunkelheit perfekt zu sehen. Denn man kann nicht einmal das Licht am Handy einschalten, weil man durch die Fenster, wenn die Nacht hereinbricht und es draußen ganz, ganz dunkel ist, selbst dieses Licht ganz deutlich sehen kann.

Zerstörtes Auto am Freiheitsplatz in Charkiw nach einem Raketenbeschuss. Foto: AP/Pavel Dorogoy

Abgesehen von der völligen Dunkelheit ist es draußen so still – natürlich nur, wenn es keinen Beschuss gibt. Unsere Stadt war noch nie so leer und still. Obwohl ich das gar nicht genau sagen kann – das letzte Mal war ich am ersten Tag des Krieges draußen.

Oder nein, heute war ich einmal an der frischen Luft, nur für einige Minuten, als ich meiner Mutter half, die aus ihrem Viertel geflohen war und die es geschafft hatte, zu uns zu kommen, ihre Sachen aus dem Auto zu holen. Dann hörte ich diese sehr lauten Explosionen. Heute waren sie wirklich sehr nahe.

Jetzt habe ich meine Mutter hier, wir sind endlich zusammen! Die letzten sechs Tage hat sie mit ihren Freunden in einem Keller in der Nähe ihres Hauses im Bezirk Saltivka verbracht, dem zweitgrößten Wohnbezirk der Ukraine mit fast einer halben Million Einwohnern. Der Bezirk besteht hauptsächlich aus neunstöckigen Plattenbauten. Zielen die russische Artillerie und die Kampfflugzeuge speziell auf solche Gebiete, weil sie dort viel mehr Zivilisten töten können?

Das russische Kommando zeigt seine Wut. Seine Wut auf Charkiw und andere ostukrainische Städte wie Mariupol, und sie bombardieren uns buchstäblich mit ihrer Wut.

Wagen sie es nicht einmal mehr, sich vom Boden aus zu nähern, weil ihre Bodentruppen so demoralisiert und demotiviert sind, dass sie kapitulieren, sobald sie unsere ukrainischen Kämpfer am Horizont sehen? Oder weshalb sonst beschießen sie uns mit den Raketen, die von den Kampfflugzeugen vier bis fünf Mal am Tag abgefeuert werden. Sie schießen auch Raketen von ihrem eigenen Territorium aus ab, von den Stützpunkten in der Nähe der Stadt Belgorod, die unweit der Grenze liegt.

Warum tun sie uns das an? Weil sie davon ausgingen, dass sich Charkiw ohne einen einzigen Schuss ergeben würde? Das dachten sie wohl, weil Charkiw geografisch und historisch nahe an Russland liegt, weil die Menschen Wurzeln oder Familien oder viele Verwandte in Russland haben, weil wir eine zweisprachige Region sind, in der die Menschen Ukrainisch und Russisch sprechen.

Sie dachten, dass wir sie mit Blumen empfangen werden, wenn sie in unsere Stadt kommen, als „Befreier“, als „Retter“. Aber die einzigen Blumen, die wir für sie haben, sind zwei Nelken. Diese Blumen, eine gerade Anzahl, legen wir in der Ukraine normalerweise auf die Gräber. Aber wir werden sie nicht auf die Gräber der russischen Soldaten legen können. Denn sie haben hier nicht einmal Gräber.

Übersetzung: Anton Lederer

Christian Wehrschütz

In Bila Zerkwa in der Region Kiew, wo wir nun stationiert sind, dient das Gelände einer alten Fabrik den Freiwilligen der Stadt als Übungsplatz. Hier testet Mikola ein neues Rezept für Molotow-Cocktails, mit dem russische Panzer bekämpft werden sollen. Während die zwei Männer die Sprengsätze werfen, sind im Hintergrund Salven von Kalaschnikows zu hören. Sie stammen von der Schießausbildung der Territorialverteidigung, die jedoch nicht gefilmt werden darf.

Die Halle einer anderen verfallenen Fabrik wird ebenfalls genutzt, um die Verteidiger von Bila Zerkwa besser auszurüsten: Gebaut werden hier Katapulte, die Molotow-Cocktails bis zu 50 Meter weit schleudern sollen. Außerdem schweißt ein weiterer Ukrainer kleine Panzerigel zusammen, die rasch über die Straße gezogen werden können und Fahrzeuge aufhalten sollen. Die Einsatzbereitschaft der Freiwilligen ist enorm. Das zeigt sich im Stadtzentrum, wo die Molotow-Cocktails gebastelt werden. Der Name Molotow stammt vom sowjetischen Außenminister – Mikola bevorzugt eine andere Bezeichnung: „Das sind ‚Bandera-Smoothies‘, benannt nach dem Kämpfer gegen die Sowjets im Zweiten Weltkrieg. 1200 bis 1500 Stück stellen wir hier pro Tag her und verteilen sie an die Straßensperren.“ Ein Teil der Produktion erfolgt im Keller, wo auch Frauen Hand anlegen. Dieser diente ursprünglich als Raum für die Requisiten des Stadttheaters, nun dient er auch als Luftschutzkeller, Küche und Raum für die Versorgung der Freiwilligen.

Olexander führt uns durch seine Zentrale: In einem Raum erhalten neue Freiwillige einen Schnellsiedekurs bei Feuerwaffen. In einem anderen Raum packen zwei Irina und Svetlana die kärglichen Medikamente zusammen, die vor allem die Männer verteilt werden, die an den Straßensperren stehen: „Das ist ein sehr wichtiger südlicher Vorposten von Kiew. Darin liegt seine Bedeutung. Daher organisieren wir hier die Verteidigung, die natürlich vor allem von den Streitkräften und der Polizei geführt wird, und an der verschiedenen Freiwilligenverbänden teilnehmen. Wir haben viel zu wenige Waffen, doch wir nützen die Möglichkeiten, die wir haben.

Freiwillige stellen überall in der Ukraine Molotow-Cocktails her. Foto: AFP/Daniel Leal

Wehrschütz hat die ukrainische Hauptstadt Kiew gestern verlassen und befindet sich derzeit in Bila Zerkwa, etwa 70 Kilometer südlich von Kiew und berichtet davon im Ö1-Morgenjournal.

Es ist ein interessanter Ort, einerseits, wenn es darum ginge sich abzusetzen, zweitens sollten die Russen hier im Raum eine Luftlandung durchführen wollen, drittens weil wir nicht weit weg von Kiew sind und wieder schnell zurückkönnen.

Zum weiteren Vorgehen der Russen:

Entweder es gibt eine Verhandlungslösung oder Russland wird versuchen Kiew einzunehmen, Kiew ist ein Symbol des Widerstandes, so können sie versuchen den Geist der Ukrainer zu brechen.

Olia Fedorova

„Es tut mir leid, dass sich die Texte verzögern, es war ziemlich hart hier zuletzt. Ich versuche gerade, meine Mutter aus dem gefährlicheren Bezirk hierher zu holen, also sind meine Gedanken mehr bei diesem Thema. Ich werde versuchen, die Texte heute oder innerhalb der nächsten zwei Tage zu liefern, wenn es okay ist. Ich kann aber einen sehr kurzen Text weitergeben, der in etwa beschreibt, wie wir uns hier fühlen: Bald werde ich mein LinkedIn-Profil mit den folgenden Fähigkeiten aktualisieren können:

-die ‚Grads‘ und die Flugzeuge am Ton erkennen, und wie weit entfernt die Rakete eingeschlagen ist
-sich innerhalb von 30 Sekunden anziehen (wenn man sich überhaupt ausgezogen hat)
-verängstigte Katzen schnell einfangen und in die Tasche stecken
-in weniger als 5 Minuten alles einsammeln und zum Bunker hinuntergehen
-Barrikaden bauen
-Molotow-Cocktails herstellen
-in der Dunkelheit sehen
-Hunderten Menschen, die mir schreiben, ihre Unterstützung ausdrücken und fragen, wie sie helfen können, in kürzester Zeit antworten
-für gute Laune und Stimmung sorgen und Menschen trösten, die in Panik oder nervös sind.

Ich habe das nie gewollt, aber jetzt bin ich eine verdammte Kampfmaschine und habe Eier aus Stahl.“

Übersetzung: Anton Lederer

Christian Wehrschütz

Es ist eine absurde und fast gespenstische Situation: In Kiew und bei der Ausfahrt in Richtung Süden findet sich eine Straßensperre nach der anderen. Hier stehen Männer mit Kalaschnikows, bei deinen man nicht weiß, ob sie überhaupt eine militärische Ausbildung haben. Wir selbst haben in Kiew erlebt, wie groß die Nervosität der vermeintlichen Soldaten an den Checkpoints ist. Oft weiß die linke Hand nicht, was die rechte macht, wer welchen Rang oder Ausbildung hat.

In der Stadt selbst hatten wir den Eindruck, jeder der kann, rettet sich nach draußen.

Korrespondent Christian Wehrschütz heute zur Lage im Ö1-Morgenjournal:

Die Nacht in Kiew war völlig ruhig, aber das Bombardement des Fernsehturms war eine klare Drohgebärde. Russland will zeigen, was passiert, wenn die Kiewer nicht einlenken. Zudem gibt es neuerlich viele verzweifelte Versuche, die Stadt zu verlassen. Heute zum Beispiel gibt es einen von der deutschen Botschaft organisierten sicheren Korridor aus der Stadt. An dem kann aber nur teilnehmen, wer ein eigenes Auto und genug Benzin hat – ein schwieriges Unterfangen, denn gerade dieses ist in der Stadt kaum mehr zu bekommen. Wir werden die Stadt heute übrigens wirklich verlassen, die Sicherheitsbedenken sind zu groß und außerdem wird auch das Internet wohl bald nicht mehr funktionieren.

Christian Wehrschütz

Korrespondent Christian Wehrschütz ist zurück in Kiew:

Das war keine leichte Entscheidung und wahrscheinlich bleiben wir nur noch eine Nacht. Wir haben entschieden zu bleiben, weil wir nicht all unsere Arbeit aufgeben wollen. Da geht man nicht so einfach. Aber es gibt mittlerweile auch Warnungen des russischen Verteidigungsministeriums. Das kann man nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Korrespondent Christian Wehrschütz hat sich am Dienstag in einer ZiB Spezial neuerlich aus Kiew gemeldet, live aus seinem Auto:

Es war die schwerste Entscheidung meines journalistischen Lebens, aber ich habe sie mit meinem Team und meiner Familie getroffen. Mein Team hat gesagt: „Wir wollen bleiben.“ Und meine Frau hat das akzeptiert. Wir sind am Weg zurück nach Kiew. Wir werden sehen, was die nächsten Tage bringen.

Menschen, die Kiew verlassen wollen, warten auf den Zug nach Lemberg. Foto: AP/Emilio Morenatti

Christian Wehrschütz berichtet von der totalen Absetzbewegung aus Kiew:

Ein humanitärer Konvoi evakuiert Menschen Richtung Süden. Auch die Österreicher, die in der Botschaft noch verharrten, wurden aus der Stadt gebracht. Zwei Brigaden der Russen rücken von Süden her an, wann ein Angriff stattfinden wird, ist nicht abzusehen. Es gibt noch immer Österreicher in der Ukraine, im Raum Kiew, die jetzt festsitzen und nicht wegkommen. Angriffe gibt es derzeit nur in den Außenbezirken zu sehen, es gab noch immer keine größeren Detonationen in der Stadt selbst. Die Straßen sind weitgehend leer, es gibt kaum mehr Geschäfte, die geöffnet haben.

Auch Wehrschütz wird die Stadt nun verlassen:

Das ist schon ein innerer Zwiespalt, die Berichterstattung in Kiew aus Sicherheitsgründen aufzugeben. Aber Bundesheer und Botschaft meinten, man solle sich absetzen, so lange es noch geht. Daher werden wir das jetzt tun.

Christian Wehrschütz analysiert die Lage im Ö1-Morgenjournal:

Die Kriegsnacht war auch dieses Mal irgendwie erstaunlich ruhig. Im Zentrum ist die Lage nach wie vor gespenstisch ruhig. Wir hatten wieder eine Ausgangssperre von 20 Uhr bis jetzt in der Früh. Aber noch hat dieser Großangriff zur Eroberung Kiews auf das Zentrum mit massiven Luftangriffen und Artilleriebeschuss nicht stattgefunden.“

Wenn diese Schlacht einsetzt, dann nicht nur von einer Seite, sondern von drei Seiten, die es gibt. Angeblich gibt es heute in der Früh noch einen humanitären Konvoi, der (um 9 Uhr MEZ) von einem Hotel wegfahren soll. Aber viel Zeit bleibt nicht mehr, denn wenn die Opferzahlen auch bei den Russen steigen, wird der russische Präsident irgendwann raschere Erfolge vorweisen müssen und das wird dann wohl ein Angriff auf Kiew sein.

Olia Fedorova

Ich bin eine ukrai­ni­sche Künst­le­rin aus Char­kiw – einer wun­der­schö­nen Stadt mit über 1,5 Mil­lio­nen Ein­woh­nern, einem gro­ßen Zen­trum für Wis­sen­schaft, Kul­tur, Kunst, Bil­dung, Tech­no­lo­gie, die das Pech hat, we­ni­ger als 40 Ki­lo­me­ter von der rus­si­schen Gren­ze ent­fernt zu lie­gen.

Und das ist mein heu­ti­ger Ar­beits­all­tag als ukrai­ni­sche Künst­le­rin in Char­kiw. Ich bin in einem Kel­ler auf­ge­wacht. Ich habe seit fünf Uhr mor­gens des Vor­ta­ges kaum drei Stun­den ge­schla­fen. Da­nach haben mein Part­ner, unser Freund und ich un­se­re Sa­chen und un­se­re Kat­zen ge­packt und sind in un­se­re Woh­nung zu­rück­ge­kehrt, da es drau­ßen ruhig und kein Be­schuss zu er­war­ten war… Nach­dem wir uns etwas aus­ge­ruht hat­ten, woll­ten wir uns mit mei­ner Mut­ter in ihr Auto set­zen und zum Blut­spen­de­zen­trum fah­ren. Aber das haben wir nicht ge­schafft, weil wir laute Ex­plo­sio­nen hör­ten, die aus der Nähe zu kom­men schie­nen. Dann er­hiel­ten wir die Nach­richt über den Luft­alarm. Wir pack­ten alles zu­sam­men und rann­ten wie­der in den Kel­ler hin­un­ter.

Wäh­rend wir dort waren, be­schos­sen rus­si­sche Trup­pen un­se­re Stadt mit Grad-, Ura­gan- und Smerch-Ra­ke­ten, Kampf­ge­schos­se fie­len in den Be­zir­ken von Char­kiw – alle in der Nähe des Zen­trums und auf zi­vi­le Wohn­be­zir­ke. Ein Ge­schoss traf die Woh­nung mei­nes Freun­des. Zum Glück war nie­mand dort.

Als sich alles etwas be­ru­higt hatte, woll­ten wir zu­rück nach oben und etwas schla­fen. Wir hör­ten immer noch Ex­plo­sio­nen, aber sehr weit weg. Trotz­dem schaff­ten wir es wie­der nicht zu schla­fen. Als ich ge­ra­de ein­schla­fen woll­te, bekam ich eine Warn­mel­dung. Bom­ben­flug­zeu­ge wur­den in der Nähe un­se­rer Stadt ge­sich­tet. Wir pack­ten wie­der alles zu­sam­men, dies­mal brauch­ten wir nicht län­ger als fünf Mi­nu­ten. Sogar die Kat­zen waren dies­mal sehr leicht zu fan­gen. Zu­rück im Kel­ler hör­ten wir be­reits Ex­plo­sio­nen. Da die Kel­ler­wän­de einen Meter dick sind, be­grif­fen wir: Diese Ex­plo­sio­nen sind zu laut, um von uns weit ent­fernt zu sein.

Dann las ich in den Nach­rich­ten, dass Russ­land Mehr­fach­ra­ke­ten auf ver­schie­de­ne Be­zir­ke, auf Häu­ser der Zi­vil­be­völ­ke­rung ab­feu­ert.

Bür­ger be­rich­ten von Schie­ße­rei­en und Kriegs­ma­schi­nen an der Stadt­gren­ze. Dank un­se­rer Kämp­fer waren sie rasch aus­ge­schal­tet. Aber es geht immer noch wei­ter. Über­all Ex­plo­sio­nen. Und wäh­rend wir im Kel­ler sit­zen und die Ex­plo­sio­nen hören, lesen wir den Text der Pu­tin-Re­de, in der er unser Land als „von dro­gen­süch­ti­gen Neo­na­zi-Kräf­ten er­obert“ nennt und be­haup­tet, dass un­se­re Armee Frau­en und Kin­der als le­ben­de Schutz­schil­de be­nutzt, so­dass wir froh sein soll­ten, von Russ­land „ge­ret­tet“ zu wer­den. Das ist es, was ich als ukrai­ni­sche Künst­le­rin aus Char­kiw in mei­ner Hei­mat­stadt, in mei­nem Hei­mat­land, im Zen­trum Eu­ro­pas, im Jahr 2022, er­le­be.

Übersetzung: Anton Lederer

Ein zerstörter russischer Mehrfach-Raketenwerfer am Stadtrand von Charkiw. Foto: AP Photo/Vadim Ghirda

Christian Wehrschütz

Die humanitäre Lage in der Ukraine wird zunehmend schwieriger. Vor den Supermärkten steht man teilweise zwei Stunden in der Schlange, die Ausgabe von Brot wurde auf zwei Wecken pro Person rationiert – denn die Regale werde immer leerer.

In Kiew gab es heute früh wiederum Fliegeralarm. Nächtliche russische Angriffsversuche rund um die Hauptstadt konnten aber abgewehrt werden.

Christian Wehrschütz meldete sich im Ö1Morgenjournal mit einem Update aus Kiew:

Was sich in den vergangenen 36 Stunden direkt in der Stadt abgespielt hat, das wissen wir nicht wirklich, weil wir unser Versteck ja nicht verlassen konnten. Es gibt aber immer noch starke Versuche der Zivilisten, die Stadt zu verlassen. Internet, Strom und Wasser funktionieren noch, es gibt aber in der ganzen Stadt keine Kerzen und Taschenlampen mehr zu kaufen. Es hat aber bis jetzt auch noch kein Großangriff auf die zivile Infrastruktur stattgefunden. Für die große Masse an Menschen gibt es keine Alternative, als in der Wohnung zu bleiben und zu warten, es gibt in den U-Bahnschächten nicht genug Platz für alle.

Christian Wehrschütz

In Kiew ist die Wasserversorgung zusammengebrochen. Wir versuchen nun, zu abgefülltem Wasser zu kommen und uns ein Depot anzulegen.

Die russischen Truppen rücken immer näher heran. Die Rede ist von etwa drei bis vier Kilometern, die die Kämpfe derzeit noch entfernt seien.

Christian Wehrschütz

Christian Wehrschütz berichtet in der ZiB 1:

Wir hatten um 19 Uhr wieder Fliegeralarm, im Grunde genommen war der heutige Tag aber ein Erfolg für die ukrainischen Verteidiger. Die russischen Angreifer sind nicht weitergekommen, wir konnten am Nachmittag problemlos durch die Stadt fahren. Das Lagebild ist sehr zugunsten der Ukrainer, angeblich sollen 300 russische Soldaten festgenommen worden sein. Die Zahl der gefallenen Russen wird auf 3000 Personen geschätzt, das wird ein Wettlauf mit der Zeit, die schnellen Siege sind nicht da und vielleicht gibt es auch Proteste in Russland, wenn Kiew und die Ukraine länger durchhalten.

Die Lage ist zunehmend unübersichtlicher, die Schlinge um Kiew zieht sich zu. Es wird nun eine Ausgangssperre bis morgen früh um acht Uhr geben. Die nächsten Tage werden schwer für die Ukraine.

Christian Wehrschütz berichtet gegenüber Ö1:

Ich glaube, dass die ukrainische Armee bei aller Tapferkeit nur noch ein paar Tage hat, um durchzuhalten. Es geht nicht nur um das Kämpfen: Ein Panzer braucht Hunderte Liter Sprit, es geht um den Nachschub und die gesamte logistische Herausforderung. Da wirkt sich die Lufthoheit der Russen aus. Im Grund genommen zieht sich die Schlinge zu.

Zerstörte ukrainische Luftabwehr in Mariupol. Foto: AP/Evgeniy Maloletka

Wir gehen in den vierten Kampftag und die Nacht war deutlich unruhig. Wir haben bei den Einfahrtsstraßen von Westen her offensichtlich ein deutliches Vorrücken der russischen Kräfte gesehen. Dort kommt ihnen auch entgegen, dass die Straße relativ breit ist. Hier soll man noch etwa drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt sein. Wir hatten jetzt in der Früh vor einer dreiviertel Stunde wieder Fliegeralarm. Von Norden und Osten ist der Vorstoß offensichtlich geringer. Möglicherweise wurde versucht, im Osten eine Luftlandung durchzuführen, aber da sind zwei Transportflugzeuge mit vermutlich Luftlandungskräften drinnen abgeschossen worden. In jedem dieser Flugzeuge saßen etwa 180 Leute. Das zeigt, dass natürlich auch die russische Seite deutliche Verluste hat. In den Außenbezirken von Kiew hat eine Rakete ein Hochhaus getroffen und der Teil dieses Hochhauses brennt ganz deutlich. Das hat man durch die verschiedenen Bilder, die man bekommt, gesehen. Und auch in anderen Gebieten gibt es Kämpfe, die schwersten waren gestern und noch in der Nacht im Raum Charkiw, bei Mariupol soll es eine Landung der Marineinfanterie gegeben haben und von Norden wird mit Kräften von Weißrussland her nach wie vor weiter auf Kiew angedrückt. Da sollen die Kämpfe etwa 80 Kilometer von Kiew entfernt sein.

Ich sehe aber weiterhin keine Kämpfe im Zentrum von Kiew, wenn man darunter den Raum Maidan, Regierungsviertel, Parlament und so weiter versteht.

Von drei Seiten versuchen derzeit russische Truppen, in die Stadt einzudringen und bis ins Zentrum vorzudringen. Aus dem Norden und dem Osten offensichtlich mit größeren Problemen, aus dem Westen aber mit stärkerem Vordringen, dort ist auch die Zufahrtsstraße größer. Wir haben verstärkt Beschuss ziviler Objekte, wir haben verstärkt Beschuss ziviler Gebäude und ziviler Infrastruktur und damit steigen auch die Schäden. Wie genau die Kampftätigkeit jetzt im Moment abläuft, ist schwer zu sagen, was wir aber wissen ist, dass Einheiten der Russen noch etwa drei Kilometer vom direkten Stadtzentrum entfernt sein sollen.

Christian Wehrschütz

Am zweiten Kampftag ist der Krieg näher an die ukrainische Hauptstadt herangerückt. So auch wir. In den Morgenstunden haben wir Kiew erreicht. Auf der Außenringautobahn um Kiew waren russische Panzer zu sehen. Im Zentrum der Stadt kam es immer wieder zu Artilleriebeschuss. Die Sirenen heulten und die Menschen sind besorgt. Im Zentrum gleicht Kiew wirklich einer Geisterstadt, die Geschäfte und Restaurants sind geschlossen. Man muss schon genau suchen, um noch etwas einkaufen zu können. In dem einen Geschäft, in dem wir waren, gab es kein Brot mehr. Aber von Versorgungsengpässen kann man noch nicht reden. Viele haben sich in Luftschutzkeller geflüchtet oder haben Schutz in den U-Bahn-Stationen gesucht. Die Menschen sind kreativ, wo sie Unterschlupf finden können.

Was die Lage an der Front betrifft, muss man davon ausgehen, dass der Druck auf die ukrainischen Truppen immer größer wird. Wobei wir noch nicht wissen, was das für die Städte bedeuten wird. In Mariupol sind die prorussischen Separatisten und russische Truppen von der Krim her immer näher gerückt und dürften bald die Stadt umzingelt haben. Auch in Charkiw wird heftig gekämpft. Im Norden ist unklar, wie weit die Erfolge der russischen Truppen reichen, oder ob sie zurückgeschlagen wurden.

Dieser Krieg ist auch ein Propagandakrieg. Präsident Selenskyj hat noch einmal an den Durchhaltewillen appelliert, um sich dann bereit zu erklären, Verhandlungen aufzunehmen. Minsk, der Ort der Verhandlungen, ist ein Affront, weil auch von Belarus aus angegriffen wird. Dass es tatsächlich zu Verhandlungen kommt, halte ich für unwahrscheinlich. Denn Putin hat Selenskyj und seine Truppe als Drogensüchtige und Neonazis bezeichnet. Und auch die Bedingungen, die Russland fordert, sind für die Ukraine kaum zu akzeptieren.

Christian Wehrschütz

Zuletzt befand sich Korrespondent Christian Wehrschütz in der Hafenstadt Mariupol, der die Einkesselung droht. Deshalb reist er nach Kiew und berichtet während eines Stopps an einer Tankstelle:

Den Wagen haben wir zwar schon gestern vollgetankt, aber hier ist nicht so ein großer Andrang wie anders wo. Wir haben gehört, dass man bis zum Fluss Dnepr vordringen will. Da wollen wir es noch schaffen, rüber zu kommen. Schon bevor wir in den Osten aufgebrochen sind, haben wir auch eine Basis in der österreichischen Botschaft eingerichtet. Um auch im Notfall noch arbeiten zu können.