Interaktiv

Im Kriegsgebiet | Tagebücher aus der Ukraine

Von Christian Wehrschütz, Olia Fedorova, Karina Beigelzimer und Zhenya Laptii

Karina Beigelzimer

Wenn man das Leben in Odessa und das seiner Menschen richtig kennen lernen will, geht man am besten auf den großen Markt, „Privos“ heißt er, jedes Kind kennt ihn. Hier schlägt das Herz der Stadt, manche Einwohner sind sogar der Meinung, dass Odessa erst mit dem „Privos“ richtig Odessa ist.

Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert befindet er sich hinter dem Hauptbahnhof. Der Markt bekam seinen Namen („Zufuhr“ auf Deutsch) dadurch, dass zuerst der Handel hier hauptsächlich mit importierten Waren betrieben wurde, die direkt von den Fahrzeugen verkauft wurden. Damals gab es noch keine Verkaufsstände, sie kamen erst viel später. Selbst in den 1990er Jahren wurde noch aus Lastwagen heraus verkauft, mit denen die Bauern zum Privos gefahren waren.

Das Typische des „Privos“ war aber immer, dass es eine Welt für sich ist, mit ihren eigenen Regeln, Bräuchen und Traditionen. Hier wissen Verkäufer und Kunden oft alles übereinander, einschließlich der Probleme der Großeltern, Enkel und der Katzen. Die Verkäufer halten auch gerne mal ein Schwätzchen mit Touristen und lassen sich auch ganz gerne von ihnen fotografieren. Bis zum Krieg zählte der Markt zu den Hauptattraktionen der Stadt. Ohne einen Bummel über diesen traditionsreichen bunten, lebendigen, lärmenden und umtriebigen Markt war ein Besuch in Odessa nicht vollständig.

Dieser Markt ist riesig, er erstreckt sich über mehrere Blöcke und Gebäude. Hier gibt es alles zu kaufen, was das Herz begehrt- von Obst und Gemüse bis zu Schrauben und Schuhen …

Ich war schon lange Zeit nicht mehr dort und freute mich schon sehr darauf, ihn wieder einmal zu besuchen und mich von seiner einzigartigen Atmosphäre mitnehmen zu lassen. Ich ging von Stand zu Stand. Die Menschen sind freundlich, aber sie wirken viel trauriger und zurückgezogener als vor dem Krieg. Meinen Eindruck bestätigt auch Thomas W., der mich über den Markt begleitet. „Insgesamt wirken die Leute hektischer und nervöser als vor dem Krieg. Es gibt weniger Angebote, und es sind auch viel weniger Besucher unterwegs. Freitagmittag war es sonst so voll, dass man sich kaum bewegen konnte.“

Nataliia verkauft Kürbisse am "Privos"-Markt in Odessa. Foto: Karina Beigelzimer

Trotz aller Probleme und erheblicher Preissteigerungen bleibt der Markt sehr beliebt und ist ein bunter Treffpunkt für alle Menschen, die sich hier begegnen und sich austauschen. Ich bleibe neben Nataliia stehen, die Kürbisse verkauft. Ihr Stand ist sehr schön dekoriert und sie selbst strahlt eine ansteckende Lebensfreude aus. „Wir versuchen den Leuten, die zu uns kommen, ein bisschen die Laune zu verbessern“, erzählt die Verkäuferin.

Ihre Kollegin Irina berichtet uns, dass jetzt viele Stammkunden weg sind, und sie auf ihre Rückkehr wartet. Aljona verkauft Teemischungen, besonders beliebt ist jetzt der Beruhigungstee.

Trotz des Kriegs versuchen einige Verkäuferinnen und Verkäufer zu scherzen. Wie zur Begründung sagen sie, dass der berühmte Odessitische Humor gerade hier, auf dem „Privos“, geboren wurde und dort immer noch lebendig ist. Die Menschen hier (aus allen Gesellschaftsschichten, ob jung oder alt, Kunden wie Händler) sind der unerschöpfliche Brunnen der einzigartigen Aphorismen und der ungewöhnlichsten Geschichten.

Ich gehe weiter, an den hiesigen, wahrhaft ukrainischen Lebensmitteln vorbei: Salo (gewürzter roher Speck), Hausmacherwurst, Kesselfleisch, Salziges, Milcherzeugnisse – saure Sahne, Quark, Schafskäse, Obst und Gemüse….

Früher gab es viele Fische, vor allem im Sommer. Jetzt ist die Situation anders. Das Angebot ist seit der russischen Seeblockade deutlich ausgedünnt. Heimische Fische (Seebarsch, Makrele, Flunder, Meeräsche …) aus den Gewässern vor Odessa kann man nirgends mehr finden; es gibt lediglich Flussfische oder importierte, z. B. aus dem Baltikum.

Buntes Markttreiben. Foto: Karina Beigelzimer

Auch Wassermelonen aus Cherson fehlen in diesem Jahr, weil die Region (leider immer noch) von Russen besetzt ist. „Aber im nächsten Jahr wird alles anders sein“, überzeugt mich Alexander, der frisches Obst verkauft. „Unsere Streitkräfte haben große Erfolge bei der Gegenoffensive erzielt und werden hoffentlich auch die ganze Region Cherson bald befreien.“

Während er das erzählt, erinnere ich mich an viele Videos und Fotos auf Facebook, wo Einwohner der Region Cherson den ukrainischen Soldaten Wassermelonen schenken. Diese Bilder berühren mein Herz immer so sehr, dass mir die Tränen kommen. Übrigens gibt es in Odessa viele Familien aus Cherson. Für sie und andere Flüchtlinge hat die Journalistin und Reiseleiterin Juliia Sushchenko ein tolles Projekt organisiert, das mit dem Markt „Privos“ verbunden ist: „Die Idee, Flüchtlinge an die Märkte von Odessa heranzuführen, kam von selbst“, erzählt sie. „Wenn ich in eine andere Stadt komme, gehe ich immer auf den Markt, finde heraus, welche Lebensmittel dort verkauft werden. Daher verstehe ich die Hausfrauen, die jetzt in Odessa leben und ihre Familie schmackhaft, aber gleichzeitig preisgünstig ernähren müssen. Wir beginnen unsere Ausflüge mit der Geschichte, dass unsere Stadt um das Essen herum entstanden ist. Ich spreche von der ‚gastronomischen Achse‘ Odessas, die sich vom Hafen bis zum ‚Privos‘ erstreckt.“

Juliias Kollegin Tetyana Dymnitsch lebt schon ihr ganzes Leben in der Nähe des Marktes und kennt die freundlichen Verkäuferinnen. Sie stellen gemeinsam den nach Odessa geflohenen Menschen ihre Spezialitäten vor: Schafs- und Ziegenkäse, geräuchertes Fleisch. Sie sprechen mit den Flüchtlingen über unsere Sorten von Tomaten, Gurken und Wassermelonen. Die beiden zeigen den Flüchtlingen die berühmte Galerie und die vielen Denkmäler und vergleichen den modernen Markt mit dem, der vor fünfzig Jahren existiert hat. Die Verkäuferinnen teilen ihre Rezepte und verraten einige ihrer Geheimnisse für die Zubereitung schmackhafter Gerichte. Man vergleicht, wie die Produkte und Gerichte hier und in den Heimatregionen unserer Gäste genannt werden. Die Tour durch den Markt endet mit einer Verkostung einheimischer Weine.

Juliia betont, dass sehr unterschiedliche Menschen zu dieser Führung kommen. Sie stammen unter anderem aus Mykolajiw, Cherson, Mariupol und Charkiw. Es sind Familien, Paare, junge Leute und Rentner. Manche männlichen Singles und Ehemänner kommen mit Einkaufslisten. Viele Leute sagen, dass sie nicht gedacht hätten, dass es hier auf dem Markt so interessant sei. „Ein paar Mal schon trafen wir einige unserer Gäste jetzt allein beim Einkaufen auf dem Privos“, sagt Juliia Sushchenko. Dies zeigt, dass sich die Menschen auf dem Markt wohl fühlen, und dass sie sich auf diese Weise in die Gesellschaft und in das Leben in der Stadt integrieren. Der Markt lebt – Odessa lebt auch. So soll es bleiben.

Zhenya Laptii

Die gesamte Region Charkiw ist befreit! Alle Medien berichten davon, aber das macht es für Dich selbst nur noch schwieriger. Du begreifst, dass es nicht möglich ist, dorthin zurückzukehren, denn obwohl die Region Charkiw befreit wurde, ist es dort immer noch gefährlich, da der Beschuss tagtäglich und unaufhörlich weitergeht. Du sitzt also in Graz (oder Kiew), und Deine Gedankenwelt tritt eine Reise in diese befreite, aber immer noch gefährliche Region an. Irgendwie lebst Du ein Leben zwischen zwei Welten: Tagsüber bist Du ein ganz gewöhnlicher Mensch, der in einer schönen, altehrwürdigen europäischen Stadt lebt; Du lernst eine für Dich neue Kultur und Sprache kennen, genießt den Duft und Geschmack von Kaffee, versuchst, Dir ein neues Leben aufzubauen, ehe nachts in Deinen Träumen der Krieg, die Besatzung und der stündliche Beschuss zu Dir zurückkehren. Das alte Leben hält Dich mit seinen bedrohlichen Krallen weiterhin fest im Griff. Der Krieg ist immer bei Dir, er begleitet Dich wie ein Schatten, und wenn abends das Sonnenlicht erlöscht, kriecht er in der Dunkelheit hervor. Jede Nacht habe ich denselben Traum, jede Nacht trifft eine Bombe mein Haus, jede Nacht renne ich aus meinem Heimatdorf davon.

Einer der schlimmsten Augenblicke in meinem Leben war der Tag, an dem eine Bombe in unser Haus einschlug. Es geschah vor meinen Augen. Ich erinnere mich, dass es ein frostiger, düsterer Morgen war. Ich stand um sechs Uhr auf, denn um diese Zeit machte der Beschuss normalerweise eine Pause, und man konnte sich nach einer Nacht im kalten, schmutzigen Keller waschen. Ich hatte gerade meine Haare gewaschen, mich angekleidet und wollte mich hinsetzen … Genau in diesem Moment setzte der Beschuss ein. Alles beginnt damit, dass eine Rakete abgefeuert und irgendwo in der Ferne zu vernehmen ist. Dann kommt dieses Geräusch immer näher und näher. Du hörst, wohin sie fliegt. Ich habe festgestellt, dass eine Rakete im Durchschnitt 30 Sekunden lang durch die Luft fliegt, aber wenn sie zu Dir kommt, hörst Du sie nicht. So etwas trug sich an diesem Morgen zu. Ich habe die Rakete einfach nicht bemerkt. Ein kurzer Augenblick, und alles verwandelte sich zu Asche. Alle Fenster des Hauses wurden vor meinen Augen aus ihren Verankerungen gerissen. Ich weiß nicht, was mich gerettet hat, aber jedenfalls flogen die Scherben nicht in meine Richtung – vielleicht waren es die Gesetze der Physik, vielleicht Gott, oder vielleicht war es einfach nur reines Glück.

Damals habe ich nicht verstanden, dass ich dem Tod nur knapp entronnen war, und ehrlich gesagt kann ich es auch heute noch immer nicht begreifen. Ich stand unter einem so großen Schock, der mir dabei geholfen hat, sehr rational zu handeln. Ich schnappte mir die Dokumente und rannte nach draußen, um nachzusehen, ob mein Großvater und meine Großmutter noch am Leben waren. Im Hof traf ich auf eine Wand aus Staub und Rauch. Alles war mit Erde und Schutt bedeckt. In den Wänden des Hauses befanden sich große Löcher, aus denen Licht und Rauch drang.

Ich habe meinen Großvater und meine Großmutter gerufen, und von irgendwoher konnte ich vernehmen: „Wir leben, wir sind hier!“

Ich sage ihnen, dass wir flüchten müssten, doch Großvater und Großmutter lehnen kategorisch ab: „Wir werden nirgendwohin gehen!“

Mir fehlte die Kraft zu widersprechen, aber letztendlich war mein Überlebenswille stärker. Also beschloss ich, zu meinen Verwandten zu gehen und sie zu bitten, ins russische Belgorod zu fahren.

Ich packte meine Katze in die Transportbox und ging zu meinem Onkel, um ihn zu bitten, uns an die russische Grenze zu bringen. Denn eine andere Wahl hatten wir nicht. Die Straße meiner Kindheit, auf der ich aufgewachsen war, in Pfützen gebadet, barfuß im Staub gerannt und Hühner gejagt hatte, verwandelte sich in einen glosenden Schutthaufen. Wo früher Bäume standen, taten sich kraterartige Löcher auf; der Boden rauchte, als ob Dampf aus der Hölle aufstieg.

Die Straße, die ich kannte wie meine eigene Hosentasche, glich einer schlimmen schwarzen Wunde, aus der der Eiter des Todes hervorquoll.

Die Katze kratzte an ihrer Transportbox; rundherum war es still. Sie haben aufgehört, auf uns zu schießen. Ich rannte zu meinen Verwandten, und das waren wahrscheinlich die schlimmsten 500 Meter, die ich je in meinem Leben zurückgelegt habe.

Ein nach Beschuss ausgebranntes Gebäude in Charkiw. Bild aufgenommen im Frühling. Foto: Ukrainian State Emergency Service

Überall war schwarzer Rauch zu sehen, Häuser standen in Flammen. An einem Ort erstreckt sich ein schwarzes Band zum Himmel, an einem anderen kracht und pfeift es. Unterschiedliche Häuser, unterschiedliche Arten von Rauch, unterschiedliche Menschen …

Meine Angehörige zögerten; niemand von ihnen wollte weg und alles zurücklassen. Am Abend hörte der Beschuss auf. Am Morgen wollte ich zu meinen Großeltern gehen, um den Schutt und die Glasscherben beiseitezuschaffen und ein wenig aufzuräumen.

Die Leute krochen allmählich aus ihren Häusern hervor und begannen, Gerüchte darüber zu verbreiten, wer lebte und wer in den Flammen umgekommen war. Auf dem Hof taute es, und der regenschwangere Himmel war voller Wolken, die prallen Brüsten voller Milch glichen. Schwere, dicke Wolken hingen auch über den Wipfeln der Kiefern. Es roch nach Frühling. Hinter dem Wald stieg Rauch auf; ein örtliches Café brannte.

Menschentrauben wälzten sich durch den nassen, mit Matsch vermengten Schnee. Schwarze Asche fiel vom Himmel und bedeckte die weiße Erde. Ein frostiger Wind kam auf und trieb die Menschen mitsamt ihren schweren Gedanken in ihre Häuser zurück.

Der nächste Morgen begann mit Beschuss. Ich spielte mit dem Gedanken, dass ich beim zweiten Mal nicht so viel Glück haben würde und es eine Bombe definitiv auf mich abgesehen haben könnte.

Glücklicherweise willigte Onkel Kolja ein, abzureisen, und wir fingen an, unsere Sachen zu packen. Wir nahmen zwei Katzen, drei Hunde und einige Eidechsen mit. Wir verstauten diesen ganzen Zoo in einem kleinen Auto und fuhren nach Russland. Ich glaube, dass es gerade dieser Zoo war, der uns an den Checkpoints half, denn wir wurden nicht durchsucht.

Nachdem wir auf die Hauptstraße von Charkiw in Richtung Belgorod gelangt waren, wurden wir an jedem Checkpoint angehalten. Man verlangte nach unseren Pässen, nahm eine rasche Überprüfung vor und ließ uns weiterfahren. Aber das Schlimmste war nicht das Warten, nicht das Kontrollieren des Gepäcks und auch nicht das Bemühen, mögliche Bombentreffen auf der Straße zu vermeiden – das Schlimmste war der Augenblick, als uns ein russischer Soldat bei der Rückgabe der Pässe mit den Worten „Gute Reise!“ bedachte und dabei lächelte. Wie kann es denn eine gute Reise weg vom eigenen, brennenden Haus und hinein in ein Land geben, das eben dieses Haus niedergebrannt hat? Wir begaben uns weg vom Tod und hinein in ein Gefängnis – kann denn so etwas eine gute Reise sein? Wir hatten die Wahl zwischen Tod und Gefängnis, und sie wünschten uns Glück …

Wir fuhren durch viele dieser Ortschaften, deren Namen sich jetzt ständig in Zeitungsartikeln wiederfinden. Die „Operation Charkiw“, die Gegenoffensive der Ukrainischen Streitkräfte, ist ein großer Sieg, aber der Preis dafür ist schrecklich. Die Namen kleiner Dörfer erlangen auf der ganzen Welt Bekanntheit, doch bezahlen sie dafür mit ihrer Auslöschung. Cyrkuny, Čerkasʼki Tyšky, Lypci, Hoptovka – unsere Reise glich eher einem Totentanz als einer Reise ins Glück.

Als wir die Checkpoints passierten, sahen wir zu Stapeln aufgetürmte Gerätschaften diverser Art: Waschmaschinen, Fernseher, Laptops – alles unmittelbar zuvor aus dem Leben von Menschen herausgestohlen. Jetzt lagen und standen diese Dinge entlang des Straßenrandes.

Wir erreichten die Grenze. Dort befand sich ein Checkpoint mit mehreren Soldaten, und man wies uns an, auf den Kommandanten zu warten. Irgendwo im Dickicht stand ein Raketenwerfer und feuerte stündlich in Richtung Charkiw. Unser Blick folgte den Raketen, ohne etwas tun zu können. Wir befanden uns auf einer „guten Reise“ weg vom Tod und direkt hinein in ein Gefängnis.

Übersetzung: Arno Wonisch

Karina Beigelzimer

Der Krieg in der Ukraine bringt entsetzliches Leid über die betroffenen Menschen. Dazu gehören auch Mängel bei der Versorgung der Bevölkerung mit dringend benötigten Arzneimitteln. Denn viele Apotheken in der Ukraine wurden zerstört, sind dauerhaft geschlossen, weil ihre Betreiber flüchten mussten, oder haben schlichtweg keine Medikamente mehr zum Verkauf. Die Situation mit Arzneimitteln ist je nach Region sehr unterschiedlich.

Deshalb habe ich mich mit dem Co-Founder des Netzwerks der sozialen Apotheken „Citymed“, Pavlo Schandra, getroffen, um über die Lage in Odessa zu sprechen. Ihm zufolge fehlen heute in Lagerhäusern und Apotheken im Vergleich zum Vorkriegszeitraum etwa 300 verschiedene Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel.

Davon sind 48 in der Ukraine hergestellte Medikamente des Unternehmens „Farmak Plant“, das während des Krieges schwer beschädigt wurde . Die restlichen 252 Präparate stammen aus dem Ausland.

Im Moment fehlen insbesondere Impfstoffe gegen eine Reihe von Krankheiten: Windpocken, Masern, Röteln, Rotavirus-Infektion bei Kindern, Meningitis, Sepsis, und Hepatitis B.

Es gibt auch große Unterbrechungen bei der Lieferung von Cremen zur Befestigung von Zahnersatz an Apothekenketten – Korega, Lakalut, Protefix. Sie erscheinen in kleinen Mengen auf dem Markt und werden schnell ausverkauft. Bisher ist die Nachfrage viel größer als das Angebot, obwohl die Repräsentanz von GlaxoSmithKline versichert hat, dass Wagen mit Korega bereits in ausreichender Menge in die Ukraine fahren und in naher Zukunft das Problem mit dem Mangel gelöst werden kann.

Im Allgemeinen spürt das Apothekengeschäft die gleichen Probleme wie andere Geschäfte des Landes im Krieg – Unterbrechungen der Lieferketten, Abwertung der ukrainischen Währung, Abwanderung der Bevölkerung ins Ausland, Besetzung von Gebieten.

Pavlo Schandra vom Apotheken-Netzwerk "Citymed" in Odessa. Foto: Privat

„Die Apotheken unseres Netzwerks“, erzählt Herr Schandra,“befanden sich in Cherson, das jetzt vorübergehend besetzt ist, und in Mykolajiw, wo die Kriegshandlungen aktiv stattfinden. Wir haben versucht unsere Mitarbeiter so gut wie möglich zu unterstützen, um die Versorgung der Bevölkerung mit lebenswichtigen Medikamenten weiterhin zu gewährleisten.“ Der nächste Satz fällt Herrn Schandra sichtlich schwer. „Aber irgendwann wurde das unmöglich. Infolgedessen haben wir nicht nur die Belieferung der umkämpften Gebiete, sondern auch rund 20 Prozent des operativen Gewinns des Unternehmens verloren.“

Neben den Lieferkettenproblemen, die das Geschäft über jede Industrie hinweg erschweren, hat der Pharmabereich auch mit branchenspezifischen Problemen zu kämpfen. So besteht ein faktisches Oligopol auf dem Importmarkt für Medikamente. Den wenigen Importeuren der lebenswichtigen Waren, ist es demnach möglich Vorauszahlungen zu verlangen, die Ausgabe von Medikamenten spontan zu stornieren und vormals abgestimmte Stundungen aufzulösen. Gemeinsam mit der wachsenden Inflation werden somit sämtliche Einkaufsrisiken auf die Schultern der Apothekenbesitzer abgewälzt.

„Aber es gibt positive Aspekte“, betont Herr Schandra, „Im Sommer haben wir eine Lizenz zum Import von Medikamenten erhalten. Das bedeutet, dass wir in der Lage sein werden, die Medikamente aus dem Ausland selbst einzukaufen. Die Ärzte, mit denen wir zusammenarbeiten, unsere Kunden mit chronischen Krankheiten und die Freiwilligen, die Einkäufe tätigen, um sie ohne Vermittler an die Front zu schicken, wird das enorm entlasten.“

In naher Zukunft erwartet man die ersten Direktlieferungen von Medikamenten aus Europa. Die Erweiterung der Importmöglichkeiten wurde durch eine neue Politik der Deregulierung ermöglicht, deren Ziel es ist, Unternehmen maximale Freiheit im Geschäftsbetrieb zu ermöglichen und somit Arbeitsplätze zu schaffen, Steuern an den Haushalt zu zahlen und die Armee zu unterstützen

Zhenya Laptii

Wenn ich an mein Leben unter der Besatzung zurückdenke, scheine ich mich an einen aufwühlenden Film zu erinnern, ganz so, als ob mich das alles nicht selbst betreffen würde. Jetzt pendle ich zwischen Kiew und dem schönen und sicheren Österreich hin und her, doch noch vor einem halben Jahr war ich in der Hölle, in irgendeinem anderen Leben. Wenn ich mich daran erinnere, bekomme ich Gänsehaut.

Ich hätte nie gedacht, dass Russland die Ukraine angreifen würde, und als meine Mutter ihre Sachen packte und sagte, dass sie und ihre Schwester nach Lemberg fahren würden, sagte ich, dass ich bleibe und all das Gerede über einen Krieg eine Wahnvorstellung sei. Wie falsch ich lag. Sie reisten am 19. Februar ab, und ich blieb allein mit meinen alten Großeltern zurück. Am 24. Februar wachte ich vom Donner der Explosionen auf und mein Leben wurde zur Hölle.

Tatsächlich befand ich mich in einer Art mittleren Hölle. Diese ist ein Mittelding zwischen einem Leben in einem Haus irgendwo in der westukrainischen Region Transkarpatien und einem Leben in Mariupol. Die Besetzung geschah sehr schnell, quasi innerhalb eines Augenblicks. Vielleicht war das auch besser so. Bei uns gab es keine Kämpfe (zumindest in jenen Tagen, als die Besatzer kamen; jetzt jedoch ist mein Dorf vollständig zerstört). Die russischen Horden trafen auf keinen Widerstand. Rasch bauten sie ihre Militärtechnik zwischen den Häusern auf und begannen auf Pivnična Saltivka, einen Stadtteil im Norden Charkiws, zu feuern. Sie hatten sogar einen Zeitplan. Jeden Morgen um neun Uhr begannen sie damit, die Stadt zu beschießen. Es hatte den Anschein, als ob der Krieg für sie einer beliebigen Arbeit gleichkäme. Bloß, dass in dieser „Arbeit“ Menschen starben. Etwas später dann eine Mittagspause und dann zurück an die Arbeit. So ging das jeden Tag.

Sie schlugen immer als Erste zu, woraufhin unsere Antwort erfolgte. Man könnte sagen, dass die Unseren „human“ und nicht aus vier Raketenwerfern hintereinander feuerten, so wie es die Russen taten. Die ukrainischen Streitkräfte schossen gezielt, aber manchmal waren die Ziele die falschen. So etwa begab sich ein Mann mittleren Alters aus der Nachbarstraße aus dem Keller, um fünf Minuten lang eine Zigarette zu rauchen, als eine Bombe sein Haus traf. Er wurde in Stücke gerissen, und seine Familie blieb ohne ihn zurück.

Wir lebten in einer mittleren Hölle. Wir hatten keinen Strom, aber es gab Wasser aus dem Brunnen. Allmählich hatten wir wieder die Möglichkeit, zu kommunizieren, und es war sogar möglich, das Internet zu empfangen, um sehen zu können, wer ringsum noch am Leben war.

In unserer mittleren Hölle gab es Regeln: Immer nur auf befestigten Wegen gehen, diese keinesfalls verlassen – anderenfalls wird man erschossen, nicht auf den Friedhof gehen, dort liegen Minen. Tragen Sie weiße Binden, bilden Sie keine Gruppen.

Die „Befreier“ sagten uns, wie man richtig zu denken hat. Jeden Tag schalteten sie den Lautsprecher ein, gingen durchs Dorf und sagten, dass wir ein Brudervolk und slawische Brüder seien. Sie sagten, sie seien gekommen, um uns zu befreien; dass der Krieg den Frieden bringe, die Freiheit Sklaverei sei und die Liebe Hass bedeute. Ich mache bloß einen Scherz, denn in Wahrheit waren sie noch perverser. Ihrer Meinung nach steht Freiheit für den Tod, weil sie gekommen sind, um uns vom Leben zu befreien. Also saßen wir als Geiseln in unseren eigenen Häusern, auf unserem eigenen Land, und lauschten der irrwitzigen Propaganda und dem Donner der Bomben.

Übersetzung: Arno Wonisch

Christian Wehrschütz

In der Ukraine haben Polizei, Justiz und Gerichtsmediziner damit begonnen, ein weiteres Massengrab zu öffnen. Es liegt in einem Waldstück vor der Stadt Isjum, die vor etwa einer Woche von ukrainischen Truppen zurückerobert werden konnte. Nach Angaben der Polizei sind dort 445 Personen behelfsmäßig beerdigt werden. Die Ukraine spricht von Kriegsverbrechen, für die Russland verantwortlich sei, das diese Vorwürfe zurückweist.

Holzkreuze im Wald hinter dem Friedhof von Isjum sind stumme Zeugen des Krieges gegen die Ukraine. Auf manchen stehen Nummern; sie hat das lokale Bestattungsinstitut geschrieben; auf Listen mit den Nummern steht der Name des Toten. Doch es gibt auch viele namenlose Opfer.

„Viele starben durch Artilleriebeschuss, viele wurden getötet; es gibt Informationen, dass Menschen vor ihrem Tod gefoltert wurden. Der erste Körper, den wir ausgegraben haben, wies Spuren am Genick auf, die darauf hindeuten, dass der Mensch erwürgt wurde“, erzählt einer der Helfer.

Wie viele Menschen hier Opfer von Kriegsverbrechen wurden, wird sich wohl erst nach der Obduktion abschätzen lassen. Isjum war mehr als fünf Monate russisch besetzt, die Kämpfe dauerten aber noch länger. Vor dem Krieg lebten hier fast 50.000 Bürger, jetzt dürften es 15.000 sein. Unklar ist die Gesamtzahl ziviler Opfer. An den Exhumierungsarbeiten und Dokumentationen sind derzeit zehn Gruppen beteiligt, es arbeiten hier Kriminalbeamte, Polizisten und Pathologen zusammen.

Die ukrainische Gegenoffensive im Nordosten des Landes im Landkreis Charkiw hat die russische Armee kalt erwischt. Teilweise in Panik verließen russische Soldaten ihre Stellungen und ließen ihre Waffen zurück. Militärisch besonders wichtig ist für die Führung in Kiew die Stadt Isjum etwa 120 Kilometer südöstlich von Charkiw, weil damit auch der militärische Druck auf den Nachbaroblast von Donezk nachgelassen hat. Vorgestern hat in Isjum Präsident Wolodymyr Selenskij bei einem Kurzbesuch demonstrativ die ukrainische Fahne gehisst. Die Befreiung von Isjum bedeutet einen spürbaren militärischen Rückschlag für die russischen Angriffspläne in der Ostukraine. Besetzt war die Stadt mehr als fünf Monate, die Rückeroberung gelang binnen einer Woche. Die Russen ließen viele Waffen zurück; beim Rückzug sprengten sie eine Brücke über den Fluss. Zurück ließen sie eine gezeichnete Stadt.

Praktisch kein Haus ist ganz, und auch der Supermarkt ist nur mehr ein Trümmerfeld. Strom, Wasser, Gas und Lebensmittel gibt es nicht; der Greißler hat praktisch keine Waren, schon gar keine verderblichen, weil eine Kühlung nicht möglich ist. Verteilt wird humanitäre Hilfe; dazu zählen auch Medikamente.

Zhenya Laptii

Am 24. Februar bin ich um fünf Uhr in der Früh von Explosionsgeräuschen aufgewacht. Ich kann mich erinnern, dass das die schrecklichsten Minuten meines Lebens waren. Später, wenn du unter Besatzung bist, gewöhnst du dich an Bomben, und die Angst weicht. Das Überlebensprogramm schaltet ein.

Es ergab sich so, dass ich kurz zuvor von Kiew, wo ich lebte, zu meinen Großeltern in die Region Charkiw zu Besuch fuhr. Unser Dorf befindet sich unweit der Grenze zu Russland. Eine Stunde nach Kriegsbeginn wurde unser Dorf besetzt.

Ich lebte 20 Tage unter russischer Besatzung. Am 15. März wurde unser Haus von einem Geschoss getroffen. Vor meinen Augen zerbarsten die Fenster, ein Teil des Hauses wurde zerstört. Daher haben wir entschieden, aus der Besatzungszone über die russische Grenze zu fliehen. Der Weg nach Charkiw wurde vom russischen Militär versperrt, alle, die versuchten, in die Stadt zu gelangen, wurden erschossen.

Daher musste ich anstatt 15 Kilometer – das ist die Entfernung von Charkiw bis zu meinem Dorf – 5454 Kilometer fahren und fünf europäische Länder durchqueren, um zurück in die Ukraine zu gelangen.

Opa und Oma wollten nicht wegfahren, daher bin ich allein geflohen. Lange Zeit hatten wir keinen Kontakt mit ihnen, aber wir wussten, dass sie am Leben sind. Mitte Mai begann die ukrainische Gegenoffensive und unser Dorf wurde von den russischen Invasoren befreit. Mein Opa und meine Oma wurden gerettet, jetzt sind sie in Charkiw bei unseren Verwandten.

Übersetzung: Mariya Donska

Zhenya Laptii

„Kiew ist die Mutter aller russischen Städte“, lautet ein Sprichwort, aber jetzt scheint es das Zentrum des Universums zu sein. Das hier ist eine Liebeserklärung an Kiew. Die Stadt ist aus einem jahrhundertelangen Schlaf aufgewacht, jetzt braust in ihr eine Kraft, die jedes Böse überwinden kann. Die Kraft einer ehrwürdigen Stadt, die die mongolische Invasion, Hunderte Schlachten, Dutzende Kriege überlebte. Und jetzt erinnert sich Kiew an all diese Narben und näht Wunden zu, die noch bluten.

Wir stellen Panzerigel an den am wenigsten geschützten Orten auf, als ob wir sie zunähen, sie beschwören wollten. Wie auf einem ukrainischen Trachtenhemd, das ohne bestickte Ränder nicht auskommt. Die Verzierung schützt wie ein Amulett vor bösen Geistern, die den Körper schädigen können. Den Stadtkörper. Kiew ist voll von Geistern – von denen, die auf dem Maidan umgekommen sind, von denen, die in Butscha, Irpin und Hostomel gefoltert und getötet worden sind. Sie gehen alle neben uns. Sind unsere Macht, unser Gedächtnis. Wo auch immer du in Kiew gehst, du spürst, dass diese Schatten mitgehen. Sie suchen nach Zufluchtsort und Ruhe, aber es gibt keine Ruhe, weder für sie noch für uns – solange der Feind auf unserer Erde geht. Wir warten, bis wir ihnen sagen können: „Ruht in Frieden, für das Leid aller Seelen wurde gezahlt.“

In Kiew steht ausgebranntes russisches Kriegsgerät herum, das als Trophäe zur Schau gestellt wird. Wie herausgerissene Innereien, stinkend und widerwärtig, erinnern die zerstörten Panzer an ein vergangenes, unnützes Leben. Überbleibsel der selbst ernannten „Retter“, die jetzt nur Abscheu erregen. Einst haben sie Angst ausgelöst, jetzt nur Ekel.

Kiew ist unglaublich, Kiew steht symbolisch für alle Städte der Ukraine. Sie ist wütend, diese Wut wächst mit jedem Raketeneinschlag, der eine friedliche Stadt trifft. Kiew wartet, bis Vergeltung kommt, und jeder in der Ukraine weiß, dass Vergeltung unausweichlich ist. Kiew wird bestehen und mit ihr jeder Ukrainer und jede Ukrainerin. Und ich werde endlich in mein Heimatdorf zurückkehren.

Übersetzung: Mariya Donska

Karina Beigelzimer

„Bildung ist die mächtigste Waffe, die du verwenden kannst, um die Welt zu verändern.“ – Nelson Mandela. Heute ist der erste September, der Tag des Wissens. Seit genau 24 Jahren arbeite ich als Lehrerin in der Ukraine. Ich mag meinen Beruf, denn er ist der Schlüssel zu den Kinderseelen, man begleitet junge Menschen durch einen sehr wichtigen Lebensabschnitt hindurch und vermittelt ihnen wichtige Werte.  Sicher, es gibt anstrengende Tage und der Lohn ist in der Ukraine für Lehrer sehr niedrig. Doch die Freude, die es bereitet, mit den Schülern zusammenzuarbeiten, überwiegt.

Der Tag des Wissens ist einer der wichtigsten Feiertage des Schuljahres. Am 1. September ertönten früher landesweit nicht die Kriegssirenen, sondern die Schulglocken, die das neue Schuljahr wortwörtlich einläuteten. Ihren ganz besonderen Auftritt hatten am Wissenstag natürlich die Erstklässler. Alle Schüler der älteren Jahrgangsstufen versammelten sich zur Begrüßung der Kleinen. Überall gab es viele Blumen, Luftballons und glückliches Lächeln.

Heute ist alles ganz anders. Mehr als 250 Kinder sind in diesem Krieg gestorben. Über 700 wurden verwundet. Viele sind vertrieben, z. T. im Ausland, oft getrennt von ihren Vätern oder überhaupt den Eltern. Viele wurden auch misshandelt und verschleppt.  Nach Angaben der ukrainischen Behörden haben die russischen Invasoren mehr als 2000  ukrainische Schulen beschädigt, 261 wurden völlig zerstört. 1300 befinden sich in den besetzten Gebieten.

Seit Beginn des russischen Einmarschs in die Ukraine vor sechs Monaten hat es im Land keinen Präsenzunterricht mehr gegeben. Schon kurz nach der russischen Invasion stellte die Ukraine auf Online-Unterricht um. Aber der Mangel an Geräten und der fehlende Zugang zu schnellem Internet sind in einigen Familien eine Hürde. Außerdem sind viele Schüler geflohen, und an Lehrpersonal mangelt es auch.

Die Stadtverwaltungen haben im Sommer die Sicherheitsvorkehrungen der Schulen überprüfen lassen. Etwas mehr als 40 Prozent der Einrichtungen in der Ukraine verfügten demnach über angemessene Sicherheitsräume oder Bunker. Trotzdem dürfen die Eltern selbst entscheiden, ob sie damit einverstanden sind, ihre Kinder wieder in die Schule zu schicken. Viele sind verständlicherweise zurückhaltend. 97 Prozent der Eltern in Odessa haben sich für das Distanzlernen entschieden.  So wird die Mehrheit der Kinder in der Ukraine dem Unterricht in Klassenzimmern fernbleiben. Wenn Eltern Offline-Unterricht (Präsenzunterricht) wünschen, wird ihnen die nächste Schule angezeigt, die einen Schutzkeller hat. Aber auch in diesen Schulen werden einige Fächer online unterrichtet. Im Präsenzunterricht verbleiben dort Mathematik, Physik, Chemie und andere Fächer, die Laborarbeit erfordern. Während eines Fliegeralarms müssen alle Lehrer und Schüler in den Schutzkeller gehen. Leider gibt es in Odessa oft mehrmals täglich Luftalarm und manchmal Raketeneinschläge. Wie lange die Kinder in den Schutzräumen verbringen müssen ist, schwer vorzustellen.

Schüler während der Wiedereröffnung einer Schule in Butscha bei Kiew am Tag vor dem Schulbeginn. Foto: APA/AFP/Vladyslav Musienko

Schüler, die den Krieg hautnah erleben, sind starkem emotionalem Stress ausgesetzt. Deshalb hat sich die Rolle der Lehrer verändert. Lehrer sind im Krieg gleichzeitig Psychologen, Seelsorger und Lebensbegleiter. Es ist sehr wichtig, den Schülern ein Angebot zum Gespräch und zum Austausch zu machen. Es geht in erster Linie um Fürsorge, dann um Wissensvermittlung. Aber auch die Wissensvermittlung muss auf hohem Niveau bleiben. Trotz des Krieges haben viele Lehrer im Sommer verschiedene Fortbildungen besucht.

Außer Online- und Offlineunterricht gibt es viele Internetplattformen, auf denen Schüler nützliche Informationen und Aufgaben finden können. In Odessa zum Beispiel wurde noch während des Lockdowns das Projekt „Odessa gibt Unterricht“ organisiert. Das sind Videostunden für alle Klassenstufen in verschiedenen Fächern. Sie stehen jetzt allen Schülern aus der ganzen Ukraine online zur Verfügung.

Außerdem hat das ukrainische Bildungsministerium schon im März einen digitalen interaktiven Kurs, den „gesamten ukrainischen Stundenplan online“, präsentiert. Eine wahre Schatzkiste mit den wichtigsten Unterrichtsmaterialien und Lehrbüchern. Der Stundenplan kann auch als mobile App genutzt werden. Das ist besonders für die Schüler aus den Regionen wichtig, in denen der normale Unterricht noch nicht wieder möglich ist.

Leider ist die Situation mit der Schulbildung in den besetzen Gebieten dramatisch. Viele Menschen, die z. B. in Mariupol geblieben sind, sind entschlossen, ihre Kinder im ukrainischen Programm online zu unterrichten. Sie erhalten jedoch eine SMS, in der ihnen gedroht wird, dass die Kinder gewaltsam aus der Familie  entfernt werden, sollten sie an diesem Unterricht teilnehmen. Auch in Cherson spricht man immer öfter darüber. Der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, Oleg Nikolenko, hat auf Twitter die Drohungen verurteilt, diese Kinder in Waisenhäuser zu schicken. „Moskau benutzt die Bildung als Instrument der Unterdrückung“, betonte er.

Gestern habe ich mit einem Binnenflüchtling in Odessa gesprochen. Pavlo ist 11 und wird hier eine Schule besuchen. Sein bester Freund Dima ist in Mariupol geblieben. Pavlo vermisst sein früheres Leben sehr. Er wünscht sich, seine Mitschüler wiederzutreffen und macht sich große Sorgen um diejenigen, die sich noch in besetzten Gebieten aufhalten.

Und bei uns gibt es heute die erste Schulstunde, die unserem Land und seinem heldenhaften Kampf gewidmet wird. Ein schönes Gefühl des Zusammenhalts liegt in der Luft. Gleichzeitig gibt es auch Tränen, weil dieser schreckliche Krieg fast jede Familie betrifft. Viele mussten fliehen, andere haben ihre Familienmitglieder verloren.  Die Kinder sind so schnell erwachsen geworden.

Kinder des Krieges. Die neue Generation mit Seelennarben und großer Hoffnung auf eine glückliche Zukunft in einem friedlichen Land.

Karina Beigelzimer

Am Anfang zählte ich Tage. Der zweite Tag des Krieges, der fünfzigste … Jetzt zähle ich Monate. Ein halbes Jahr ist vergangen und gerade heute beginnt der siebte Monat des Krieges.

Als im Sommer 1991 die Ukraine ihre Unabhängigkeit erklärte, war ich gerade 16 Jahre alt. Jung, hoffnungsvoll und voller Optimismus. Zwar konnte ich wegen meines Alters damals noch nicht an den ersten freien Präsidentschaftswahlen teilnehmen, aber mit Begeisterung verfolgte ich den Wahlkampf, vor allem im Fernsehen. Damals gewann der Ex-Kommunist Leonid Kravtschuk.

Etwas später fand das Unabhängigkeitsreferendum statt. Mein Vater sagte, das sei der glücklichste Tag in seinem Leben. Er war ein großer Gegner der Sowjetunion und des Kommunismus gewesen. Politische Gewalt und Repressionen gehörten während der Sowjetzeit zu den Erfahrungen seiner Familie. Deshalb feierten wir am 31.12.1991 zweimal – zuerst Silvester und dann das Ende der Sowjetunion. Auch wenn damals 92 Prozent der Abstimmungsberechtigten für die Unabhängigkeit gestimmt hatten, blieb die Frage offen, wohin der Weg des neuen Landes führen würde.

Die sieben Jahrzehnte der kommunistischen Epoche prägten noch sehr stark den Großteil der Menschen unseres Landes. Einige lebten in jener Vergangenheit, die der andere Teil der Bevölkerung bekämpfte.

Als junge Studentin und später Journalistin und Deutschlehrerin konnte ich ins Ausland reisen und hoffte auf ein schnelles Wirtschaftswunder. Mein Land stürzte aber in eine tiefe Krise. Während die Armut rasant stieg, sank die Lebenserwartung der Menschen. Unter diesen Umständen fiel die ukrainische Wirtschaft in eine fast vollständige Agonie: die staatlichen Betriebe machten riesige Verluste, das Bankensystem kollabierte, Strom, Gas und Öl wurden knapp.  Dazu wuchsen Arbeitslosigkeit und Hyperinflation. Ein Großteil der Bevölkerung litt unter dem maroden Sozialsystem. Trotzdem bedeuteten die 1990er-Jahre neue Rechte, Freiheiten und Möglichkeiten – das Staatsmonopol zerfiel, neue Medien und Diskussionsforen entstanden. In Odessa, meiner Heimatstadt, sah man immer mehr Cafés, Museen und Klubs. Das Kunstgeschehen erlebte eine neue Blütezeit. Viele der historischen Bauten wurden renoviert. Die Stadt, die Perle am Schwarzen Meer,  erstrahlte langsam aber sicher wieder in ihrem alten Glanz.

Im Vergleich zu den wilden 1990er-Jahren galten die 2000er als eine eher ruhige Zeit.

Und dann kam das Jahr 2004. Ich arbeitete damals als Leiterin des Nachrichtenbüros der ukrainischen Medienholding in Odessa. Das Thema „Orange Revolution“ beherrschte die Titelseiten unserer Zeitungen und Zeitschriften. Auslöser für die heftigen Proteste waren die Präsidentschaftswahlen 2004. Zahlreiche Wahlfälschungen zugunsten des offen von Russland unterstützten Kandidaten Wiktor Janukowytsch waren aufgetaucht. Tausende Menschen gingen damals auf die Straße und protestierten für freie demokratische Wahlen. Sie erreichten, dass man die erste Stichwahl für ungültig befand. Die Bewegung der „Orangen Revolution“ und die Opposition feierten ihren ersten gemeinsamen Sieg. Diese Massenproteste in der Ukraine waren deutliche Anzeichen dafür, dass der Untertanengeist, den wir aus der kommunistischen Sowjetunion geerbt hatten, besiegt werden konnte. Bei der Wiederholung der Wahlen im Dezember 2004 erhielt der ehemalige Ministerpräsident und Chef der Nationalbank, Viktor Juschtschenko, die meisten Stimmen. Er versprach umfassende Reformen, Bekämpfung der Korruption und eine westliche Orientierung der Ukraine.

Ausschnitt eines Kunstwerks, nahe des Maidan-Platzes in Kiew im Jahr 2014. Foto: APA/EPA/Robert Ghement

Die Erwartungen der Menschen waren sehr hoch, das Gleiche konnte ich auch von mir sagen. Ich fuhr sogar für Vorträge über diese Ereignisse nach Bulgarien und Polen. Es gab tatsächlich einige Verbesserungen im Land – man erhöhte Löhne und Renten, fast 18.000 Beamte wurden entlassen. Die Presse- und Meinungsfreiheit war die größte Errungenschaft der Orangen Revolution. Im Endeffekt kam aber sehr viel ganz anders, als es sich das Volk erhofft hatte, und es herrschte bald wieder politisches Chaos. Erneut brach der gesellschaftspolitische Zwiespalt zwischen dem Osten und dem Westen der Ukraine auf, die Korruption nahm weiter zu und die Wirtschaft lahmte. Der Dichter Serhiy Zhadan,  einer der Aktivisten der „Orangen Revolution“, sagte ein Jahr später enttäuscht: „Die Orange Revolution war in Wirklichkeit gar keine Revolution. Es haben sich nur die Gesichter der Politiker geändert“.

Das alles hat bei den nächsten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2010 Janukowitsch geholfen, an die Macht zu kommen. Der weigerte sich dann drei Jahre später, sicher auf Druck Moskaus, das umfangreich verhandelte und nunmehr unterschriftsreife Assoziierungs- und Freihandelsabkommen mit der EU zu unterzeichnen. Ehrlich gesagt habe ich damals einen richtigen Schock bekommen. Der Kurs der Ukraine Richtung EU gehörte viele Jahre zu meinen innersten Wünschen. Es reichte mir und Millionen anderer Ukrainer nicht mehr, dass wir zwar geografisch zur europäischen Familie gehörten, aber nicht politisch.

Damals, 2014, hielt die ganze Welt den Atem an: Mitten in Kiew begannen friedliche Proteste gegen die Politik der Regierung. Aber der Konflikt eskalierte, nachdem die Sicherheitskräfte mit Gewalt gegen die Protestierenden vorgegangen waren.

Es waren kalte, düstere Februartage – durch Kugeln der Sicherheitskräfte verloren über 100 Demonstranten auf dem Maidan ihr Leben, Tausende wurden verletzt.

Diese Revolution brachte der Ukraine zwar mehr Freiheit, nahm ihr aber den Frieden. Russland annektierte die Krim und begann seine Aggression im Osten (Donbass), was zur Entstehung der beiden Separatistengebiete Luhansk und Donezk und zu andauernden militärischen Auseinandersetzungen führte.

Putins Versuch, die ganze Ukraine in einen Bürgerkrieg zu stürzen und zu zerstückeln, wie dies von russischen Parlamentariern gefordert wurde, scheiterte. Die russische Aggression führte eher zum Gegenteil dessen, was sich die Russen erhofft hatten. Das war der Beginn eines anhaltenden Prozesses: Die bisherigen Gegensätze zwischen den Menschen des Westens und des Ostens der Ukraine verschwanden mehr und mehr. Sprach man früher fast von zwei Staaten, so hatte es Putin erreicht, dass sich die Menschen der Ukraine jetzt als Bürger einer ukrainischen Nation empfinden.

In den frühen Morgenstunden des 24. Februars 2022 begann die russische Invasion der Ukraine. Seitdem dauert der Angriffskrieg Russlands mit zunehmender Härte und Zerstörung an.  In nur wenigen Monaten hat er in der Ukraine Zehntausende Todesopfer gefordert, darunter auch viele unter der Zivilbevölkerung. Die genauen Zahlen sind unbekannt. Die Zerstörung der zivilen und industriellen Infrastruktur ist immens.

Heute ist der Unabhängigkeitstag meiner Ukraine. Das klingt fast wie ein Sarkasmus, weil wir wieder um unsere Freiheit kämpfen müssen. Und um unsere Unabhängigkeit – von einem aufdringlichen und gewaltsamen Nachbarn, der denkt, dass es im 21. Jahrhundert normal sei, fremde Territorien zu stehlen und dabei tausende Menschen zu töten.

Im Gegensatz zu uns Ukrainern wissen die Menschen in diesem Nachbarland nicht um die Bedeutung des Wortes „Freiheit“, weil sie sie bisher nicht erlebt haben. Sie leben immer noch unter den gleichen Bedingungen wie zur Zeit der sowjetischen Diktatur, in der es gefährlich war, seine Meinung zu äußern.

Hoffentlich wird irgendwann mein Traum wahr: Die Ukraine kann sich in diesem Krieg, mit Hilfe der USA und Europas, gegen den Aggressor behaupten.  Wir können wieder in Freiheit leben und mit dem Beitritt zur EU gehören wir dann endlich richtig zur europäischen Familie.

Karina Beigelzimer

„Wahre Freundschaft erkennt man erst in schlechten Zeiten.“ Diese Lebensweisheit beschreibt sehr gut, was ich in den letzten Monaten erlebt habe. In der Krise zeigt sich, wer sie mit aushält oder sich still und leise verabschiedet. Man muss lernen (es ist nicht immer einfach), das zu akzeptieren. Kriege verändern Menschen und sie zeigen ihre wahren Gesichter. Es gab einige Leute, bei denen ich am Anfang des Krieges 100-prozentig sicher war, dass ich mich auf sie verlassen kann. Und in schwieriger Zeit verschwanden sie, waren unerreichbar und schickten mir plötzlich eine SMS, dass sie schon an der deutschen Grenze sind, um ein neues Leben zu beginnen. Ich hatte damals im März dieses komische Gefühl, ich befinde mich im luftleeren Raum und kann kaum atmen. Es gab aber andere, die ihre Schulter anboten und halfen, nicht hinzufallen. Ich bin Tausende Male gefragt worden, was mir Kraft und Hoffnung gibt. Das sind Menschen. Bekannte und Unbekannte aus der ganzen Welt, die ihre Unterstützung anbieten. Leute, die sich Zeit nehmen und ihre Zuneigung schenken, damit wir uns hier in der Ukraine besser fühlen. Die Unterstützung und Rückmeldungen von ihnen sind sehr wichtig. Es reduziert Stress und macht stark – genau das, was wir gerade brauchen.

Fast alle meine Freunde sind weg. Manchmal überkommt mich die Einsamkeit. Ein paar fahren bald ins Ausland, andere würden gerne zurückkehren, sind sich aber nicht sicher, ob es das Richtige ist. Sie rufen mich an und fragen: „Karina, was meinst du, können wir zurückkommen?“ Was soll ich da antworten? „Ja, kommt nur.“ Und wenn ihnen dann etwas passiert? Ich würde es mir mein Leben lang nicht verzeihen.

Aber in den letzten Wochen kamen einige Freunde für ein paar Tage nach Odessa, um ihre Familien zu sehen oder nötige Dokumente oder Sachen zu holen. Diese kurzen Treffen waren für mich einerseits glücklich, andererseits schmerzhaft, weil man sich wieder verabschieden musste. Vielleicht für eine längere Zeit, weil niemand weiß, wie lange der Krieg noch dauert. Meine Kollegin Maryna Bilousova, die jetzt in der Slowakei lebt, meinte am ersten Tag in der Heimat, dass hier sogar die Luft besser ist und dass sie sich zu Hause so glücklich fühlt. Trotzdem, es sei hier noch zu gefährlich und sie fahre zurück nach Bratislava.

Am Freitag traf ich Jonas M. aus Dresden. Er war 2019 Freiwilliger in Odessa und kennt das Land sehr gut. Seine Entscheidung, mitten im Krieg die Ukraine zu besuchen, haben trotzdem nicht alle verstanden. Ist es ein Unding, in einen Krieg zu reisen? Dorthin, wo Menschen leiden und um ihre Existenz kämpfen? Aber Jonas musste einfach in die Ukraine fahren, um seine Freunde zu treffen, zumindest ein paar Tage und Stunden bei ihnen zu sein. Vor nicht allzu langer Zeit schrieb ihm ein Kumpel – ein Binnenvertriebener aus dem Gebiet Zaporozhia – dass es sein kann, dass er bald mobilisiert wird. „Seit dem 24. Februar habe ich eine Sache verstanden. Zeit ist kostbar und wertvoll und wir wissen nicht, wieviel wir von ihr haben. Also war der Entschluss, meinen Geburtstag auf jeden Fall mit ihm verbringen zu wollen, relativ schnell gefasst“, – erzählt Jonas. So erreichte er die Ukraine mit dem Zug.

Ein Mann - nicht Jonas - am Bahnhof von Lemberg. Foto: AP/David Goldman

Lviv (Lemberg) begrüßte ihn wie immer, wenn er am Bahnhof ankommt – mit Regen. Noch schnell die Region Lviv in der Luftalarm App eingestellt, um ja keinen Luftalarm zu verpassen. Ansonsten hatte sich nicht viel verändert, seit er das letzte Mal in Lviv war. Jonas sah in der Stadt viele Versorgungs- und Aufwärmzelte und überall waren Freiwillige, die den Flüchtenden aus dem Osten des Landes mit Rat und Tat zur Seite standen. Auch im Zentrum hatte sich nicht viel verändert. Natürlich war mehr Polizei und Militär zu sehen, aber die Cafes der Stadt waren wie immer voll.

Nach zwei Tagen Lviv ging es weiter nach Kyjiw. In Kyjiw ist die Sicherheitslage – verständlicherweise- etwas angespannter, aber dennoch ähnlich unbeschwert wie in Lviv, meint Jonas. Die Metro (U-Bahn) fährt in einem nicht so engen Takt wie früher, nicht alle Metrostationen sind geöffnet. Jonas hat auch bemerkt, dass in Kyjiw jetzt vermehrt Ukrainisch zu hören ist. Während er bei seinen früheren Besuchen einen Anteil von vielleicht 50/50 feststellen konnte, liegt der Anteil jetzt vielleicht bei 85/15 – zugunsten des Ukrainischen. Weiterhin tragen viele patriotische T-Shirts mit den Staatssymbolen der Ukraine oder mit dem berühmten Ausspruch des Gouverneurs der Region Mykolayiv, Kims, „Guten Abend, wir sind aus der Ukraine.“ Trotz Krieg verändert sich Kyjiw, neue Büros werden gebaut, es gibt einen neuen Spielplatz etc.

Dann fuhr Jonas mit dem Zug nach Odessa. „Was mir nach einigen Stunden hier auffiel,- erzählt der junge Mann,- war, dass nur wenig Menschen im Zentrum waren. Das ist für die Perle am Schwarzen Meer sehr ungewöhnlich, denn jetzt ist Hochsaison und eigentlich sollte die Stadt voller Touristen sein. Im Vorbeigehen kann ich erkennen, dass viele Cafés und Restaurants fast leer sind. Das Personal steht einfach nichts tuend herum. Und viele Menschen sehen irgendwie trostlos und depressiv aus. Logisch, bei der hohen Arbeitslosigkeit, die es aktuell gibt, weil der Hafen nur teilweise geöffnet ist. Diese Leichtigkeit, die diese wunderschöne Stadt sonst immer hatte, scheint verschwunden. Diesmal höre ich keine Witze, für die diese sogenannte Hauptstadt des Humors der Ukraine so berühmt ist. Meine Freunde freuen sich, mich wieder zu sehen, aber sie haben sich alle verändert. Sie sind gealtert, manche, so scheint es, um Jahre, dabei sind nur wenige Monate vergangen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben. Und da ist auch sie wieder, diese Hilflosigkeit, die immer dann aufkommt, wenn ich spüre, dass meine Freunde meine Hilfe und Kraft brauchen, ich aber einfach nichts für sie tun kann, weil das, was in ihrem Land passiert, nicht in meinen Händen liegt.“

Während ich diese Zeilen schreibe, befindet sich Jonas schon wieder in Deutschland. Seine Familie und Freunde sind erleichtert, dass er in Sicherheit ist und auch er schreibt mir, er merke, dass sich eine unbewusste Anspannung in ihm gelöst hat.

Zhenya Laptii

Was macht die Angst aus uns? Welche Kräfte setzt sie in uns Ukrainern frei?

Fünfzehn Kilometer hätte ich zurücklegen können, um nach Charkiw zu gelangen. Benötigt habe ich 5454 Kilometer, um wieder in die Ukraine zu kommen. Durch fünf Länder – eines davon Russland – bin ich gefahren, um in mein Heimatland zurückzukommen. Und ich hätte 15 Kilometer fahren können. Aber da war die Frontlinie, die feindlichen Truppen.

Als ich aus den besetzten Gebieten flüchtete, hatte ich nicht das Gefühl, mein Zuhause für immer zu verlassen. Ich wollte nur weg, mich endlich sicher fühlen. Schließlich bin ich in das märchenhafte Österreich gekommen. Ein Land, wie versunken im Gebirge. Die Gipfel wiegen dich, und du tauchst ins Unterbewusstsein ein, versinkst in Märchenträumen.

Ein schönes Land, mit Komfort, Stabilität und Sicherheit. Es trägt dazu bei, dass du quasi schlaftrunken umherstreifst. Du fließt im Fluss, und dieser Fluss wird dich sicher zur richtigen Stelle treiben.

Als ich zurück in die Ukraine kam, habe ich gespürt, wie der Schlaf weicht. Die Liebe zum Leben kehrte in mir zurück. Außerdem habe ich den kollektiven Schmerz gespürt, von dem die Kiewer Luft durchzogen ist. Die Menschen sind fröhlich, lebendig, trotzdem steht in der Tiefe ihrer Augen der Schmerz: „Ich weiß, wie es dir weh tut. Mir tut es genau so weh.“ „Wofür? Warum uns? Wozu?“. Ich denke, wir werden die Antworten auf diese Fragen niemals begreifen können. Aber wir werden weiterleben und uns an diesen Schmerz erinnern. Wir werden der ganzen Welt trotzen, die uns sagt: „Warum kapituliert ihr nicht, warum gebt ihr nicht auf?“

Kiew lebt und atmet in vollen Zügen. Jedes Luftholen erinnert an Tausende Tote. Die Lungen dieser Stadt werden jede Sekunde mit Luft gefüllt, weil die Stadt weiß, was es heißt, aus Todesangst zu erstarren, nicht mehr atmen zu können. Jeder nächste Atemzug ist daher noch kräftiger, noch tiefer. Wir werden allen Toten und aller Zerstörung zum Trotz leben. Wir werden uns dem Terror und der Angst widersetzen. Denn wir kennen den Wert des Lebens und niemand nimmt uns diesen weg.

Übersetzung: Mariya Donska

Karina Beigelzimer

Seit der Krieg begonnen hat, versuche ich, einige meiner Mitmenschen zu unterstützen, die meine Hilfe brauchen. Unter ihnen ist eine Frau, deren tragische Geschichte ich im Internet gelesen habe. Sie ist sehr alt, krank und wohnt im Donbass.

Früher habe ich ihr Geld überwiesen, aber jetzt habe ich erfahren, dass die Lebensmittelversorgung in ihrer Region sehr schlecht ist. Ich habe die Stadtverwaltung angerufen. Dort wurde dazu geraten, möglichst schnell zu flüchten. Doch die alte Dame kann fast nicht mehr laufen und weigert sich, ihr Haus zu verlassen.

Ich habe Lebensmittel und Hygieneartikel gekauft und ihr mit dem privaten Paketdienst Nova POSHTA geschickt. Da es im Donbass harte Kämpfe gibt, hatte ich große Zweifel, ob das Paket überhaupt ankommt. Ich war daher gestern sehr überrascht und hocherfreut, als ich die Meldung von der Post bekommen habe, dass mein Päckchen zugestellt wurde. Nur 30 Stunden, nachdem ich das Paket abgegeben hatte, hielt die alte Frau sicher ebenso glücklich wie ich alles in Händen, was ich ihr geschickt habe.

Die staatliche Postgesellschaft der Ukraine ist nicht so schnell wie dieser private Anbieter, aber auch die funktioniert angesichts der Situation, in der wir uns befinden, ziemlich gut. Man muss bedenken, dass die Infrastruktur in vielen Gebieten mehr oder weniger stark zerstört ist und es sehr gefährlich ist, sich in diese Region zu begeben.

Dennoch: wo es möglich war, also in den nicht umkämpften Regionen, hat die Post schon am fünften Tag des Krieges den Betrieb wieder aufgenommen. Zu Beginn des Krieges herrschte im ganzen Land Angst und Chaos und ein paar Wochen war mein Briefkasten leer.

Das Verfassen handschriftlicher Briefe wirkt heute oftmals sehr veraltet. Unser Kommunikationsverhalten hat sich komplett verändert und wir interagieren vorwiegend digital. Eine meiner größten Sorgen war es, dass das Internet ausfällt, das meine wichtigste Verbindung zur Welt und meinen Freunden in aller Welt ist.

Umso größer war dann meine Freude, als ich eines Tages in meinem Briefkasten eine Zeitung und zwei Briefe aus Deutschland fand. Ich war plötzlich so glücklich, diese handschriftlichen Briefe zu bekommen. Briefe können so viel mehr ausdrücken als ein Emoji bei WhatsApp.

Ein Freund aus Deutschland hatte mir gleich in den ersten Kriegstagen einen Brief mit einem Büchlein mit Sprüchen geschickt, um mir Kraft und Hoffnung in den schweren Zeiten zu geben. Die Post in Deutschland wollte den Brief erst gar nicht annehmen – es sei derzeit sinnlos, Post in die Ukraine zu schicken, denn sie würde wohl nicht ankommen. Doch mein Bekannter wollte die Hoffnung nicht aufgeben. Man solle es zumindest versuchen. Nach einigem hin und her wurde der Brief dann doch angenommen – aber ohne jegliche Garantie, dass dieser mich jemals erreichen würde.

Einen Monat später bekam ich auch Päckchen aus Luxemburg, Deutschland und Österreich. Etwa drei bis vier Wochen waren sie unterwegs.

Ukrainischer Postkasten. Foto: Privat

Übrigens kann man aus einigen Ländern kostenlos Pakete in die Ukraine schicken. Z.B aus Österreich. „Die adressierten Pakete – etwa an Freunde, Verwandte, aber auch an soziale Einrichtungen – müssen die deutlich sichtbare Aufschrift „HUMANITARIAN AID UKRAINE“ tragen und können in haushaltsüblichen Mengen in allen Postfilialen und bei Post Partnern abgegeben werden“. So steht es auf der Webseite der Österreichischen Post. Dank dieser Initiative wurde von privater Seite schon sehr vielen Ukrainern in diesen schweren Zeiten geholfen.

In Deutschland wird dieser kostenloser Service für Pakete an Privatpersonen leider (noch) nicht angeboten. Doch es besteht die Möglichkeit, Pakete an Hilfsorganisationen zu versenden.

Aber zurück zur ukrainischen Post.

Vor ein paar Tagen ging ich an der Post vorbei und sah eine sehr lange Schlange. Ich erfuhr, dass „Ukrposhta“ unter dem Motto „Guten Abend, wir sind aus der Ukraine!“ eine Sonderbriefmarke herausgebracht hatte. Das Bild eines mit Ukraine-Flagge bestückten Traktors, der mit einem Seil einen auf ihn gerichteten zerstörten russischen Panzer entführt, ist zum Symbol des Widerstands der ukrainischen Zivilbevölkerung gegen die russischen Invasoren geworden und wurde nun als Briefmarke verewigt. Jeder Ukrainer konnte über das Motiv im Internet abstimmen. Mehr als 300.000 Bürger haben sich beteiligt. Fünf Bilder standen zur Auswahl, gewonnen hat aber der Trecker-Widerstand der ukrainischen Bauern. Das Gewinnerdesign ist in den Farben des Landes gehalten. Der Himmel ist gelb, darunter ist eine blaue Landschaft zu sehen.

Dies ist nicht die erste Briefmarke der Ukraine zum Thema. Bereits Mitte April wurde eine Briefmarke herausgegeben, die das russische Kriegsschiff „Moskwa“ und einen ukrainischen Soldaten zeigt. Nur zwei Tage nachdem die Briefmarke vorgestellt wurde, hat die ukrainische Armee das Schiff versenkt, was dazu geführt hat, dass diese Marke, die nun auch ein historisches Dokument war, in aller Welt gefragt und schnell ausverkauft war.

„Ukrposhta“ eröffnete außerdem einen Shop auf Amazon und ist damit das erste Postunternehmen der Welt, das dies tut, sagte CEO Ihor Smilyansky. In dem Online-Shop kann man neben Briefmarken auch andere Dinge wie Kleidung und Mützen kaufen.

Vor kurzem erfuhr ich auch, dass die Ukrainer Arsenyi Matvijchuk und Rostislav Broslavskiy einen Dienst zum Versenden von E-Mails eingerichtet haben. Nachrichten werden in einer sicheren Datenbank gespeichert, und nach Kriegsende werden die Entwickler ein Skript ausführen, das sie automatisch an ihre Empfänger sendet.

Ich habe schon so einen digitalen Brief geschrieben. An meine Eltern, mit der Hoffnung, dass sie ihn bald in ihrer unzerstörten Wohnung in Odessa und nicht auf der Flucht lesen können.

Karina Beigelzimer

Alle Menschen – so auch ich – definieren sich über ihre Sprache. Sie beeinflusst und spiegelt die Mentalität des Menschen und sein Denken.

Derzeit findet in meinem Land nicht nur ein Kampf auf dem Schlachtfeld, sondern gewissermaßen auch ein „Kampf der Kulturen“ statt. Dies reicht von der Zerstörung von Gebäuden und Kulturdenkmälern, dem Entfernen ukrainischer Literatur aus den Bibliotheken bis zum Raub einmaliger Kunstschätze. Die Russen drängen der Bevölkerung in den besetzten Gebieten ihre Sprache und ihre Kultur auf. Alles Ukrainische soll ausradiert werden. Beispielsweise werden Schüler dort gegen die Ukraine aufgehetzt. Grundsätzlich behauptet die russische Seite, die Ukraine habe gar keine eigene Kultur und das Ukrainische sei nur ein russischer Dialekt, womit die ukrainische Sprache als „zweitklassig“ und „minderwertig“ dargestellt wird. Dabei ist die Ukraine eine Nation mit einer mehr als tausendjährigen Geschichte. Kyiv war bereits eine große Metropole, als Moskau noch nicht einmal ein Dorf war.

Von ukrainischer Seite gibt es aus Protest eine Gegenbewegung: Alles Russische wird kategorisch abgelehnt. Doch dies führt zu einigen Herausforderungen.

Besonders sichtbar werden diese im Bereich der Sprachen, denn die Muttersprache vieler Ukrainer ist aus historischen Gründen Russisch, auch meine. Gleichzeitig ist Ukrainisch die alleinige Amtssprache meines Landes. Selbstverständlich beherrsche ich sie neben drei weiteren Sprachen. Ebenso wie die meisten Ukrainer bin ich mit dem Russischen wie mit dem Ukrainischen gleich vertraut.

Gleichzeitig fällt mir in den vergangenen Monaten auf, dass sehr viele – insbesondere auch jüngere Menschen – sich jetzt bewusst auf Ukrainisch unterhalten und man diese Sprache nun viel öfter hört. Dieser Trend wird aus Streaming-Plattformen und YouTube deutlich, auf denen das Interesse an ukrainischsprachigen Inhalten wächst.

Schäden an einer Schule in der Region Odessa nach einem russischen Luftangriff. Foto: APA/AFP/Oleksandr Gimanov

Seit dem 24. Februar wird die russische Sprache zunehmend in der Öffentlichkeit abgelehnt. Es gibt beispielsweise Forderungen, in der Schule kein Russisch mehr zu unterrichten. In vielen Städten hat man diese Entscheidung schon getroffen, in Odessa wird diese Frage erst im August diskutiert. Und so mancher möchte am liebsten die gesamte russische Kultur aus der Ukraine verbannen.

Viele Menschen in Odessa waren früher positiv gegenüber Russland eingestellt. Erst nachdem Putin 2014 die Krim annektierte, begann sich diese Stimmung zu verändern. Seit diesem Jahr hat sich die Lage radikal gewandelt. Nicht einmal fünf Prozent der Bewohner der Stadt sind noch prorussisch. Odessa war immer ein Zusammenspiel aus verschiedenen Kulturen, ein Mosaik unterschiedlicher Mentalitäten. Künftig wird ein Teil, die russische Sprache, vielleicht fehlen.

Putin sagt, er wolle uns „beschützen“. Beschützen – wovor? Meine Freunde und ich wurden nie wegen der russischen Sprache diskriminiert. Die Ukraine ist ein demokratisches und tolerantes Land, in dem viele Nationen friedlich miteinander leben.

Und dennoch schämen sich viele Ukrainer jetzt, wenn sie Russisch sprechen, weil sie nicht für Russen gehalten werden wollen. Ich kann es auch nachvollziehen, wenn es jetzt in der Ukraine Menschen gibt, die für sich entscheiden, nichts mehr mit der russischen Sprache zu tun haben zu wollen, weil die Wunden, die der Krieg verursacht, einfach zu tief sind.

Über Anne Frank weiß man, dass sie ihre Muttersprache Deutsch im Exil in Amsterdam ablegte und ihr berühmtes Tagebuch auf Niederländisch schrieb. Viele russischsprachige Ukrainer, lehnen es jetzt aus ähnlichen Motiven ab, Russisch zu sprechen: Dadurch wollen sie sich abgrenzen von der Sprache der russischen Invasoren, die ihre Wohnungen zerstören, sie aus ihrer Heimat vertreiben und durch die sie vielleicht sogar Nachbarn, Bekannte, Freunde und Familienangehörige verlieren. Diese Entscheidung muss aber jeder für sich selbst treffen.

Sollte man keine Symphonien von Tschaikowski mehr anhören und keine Bücher von Tolstoi mehr lesen, nur weil Putin einen barbarischen Vernichtungskrieg gegen die Ukraine führt? Ich stelle mir immer wieder diese Fragen und kann keine Antwort finden. Ein Teil meiner Seele weigert sich, dies zu verbieten, ein anderer lehnt aber alles ab, was mit Russland zu tun hat.

Obwohl ich jetzt jeden Tag Ukrainisch spreche, wird meine russische Sprache, die nun mal meine Muttersprache ist, durch diesen Krieg nicht einfach verschwinden, sie ist Teil von mir. Warum sollte ich meine Muttersprache wegen des Krieges verleugnen? Würde ich dies tun, so würde ich einen Teil meiner Identität aufgeben und Putin hätte genau das erreicht, was er wollte. Für mich ist es kein Widerspruch, wenn ich im Alltag Russisch und Ukrainisch spreche, mich aber zu hundert Prozent als Ukrainerin fühle und unsere Kultur gegen die zerstörerische, hasserfüllte Ideologie des Kremls verteidige. Wir wollen von Russland nicht beschützt, sondern von seinem Terror befreit werden.

In meiner Familie gab es schon immer ein großes Interesse an verschiedenen Sprachen und Kulturen – und ich habe diese Begeisterung geerbt. Meine Großmutter war Ukrainischlehrerin und hat meiner Mutter und mir die Liebe zu dieser schönen Sprache weitergegeben. Mein Urgroßvater Koppel Lyubarskiy war Professor für Germanistik und leitete bis zu seinem Tod 1972 die Abteilung für Fremdsprachen des Staatlichen Pädagogischen Instituts in Odessa. Er starb vor meiner Geburt. Aus den Erzählungen meiner Mutter erfuhr ich von seiner interessanten Biografie. Er war während des Ersten Weltkriegs in Kriegsgefangenschaft geraten, aus der er bald freikam, um anschließend in Brüssel zu studieren.

Mich hat es immer fasziniert, warum er sich, vor allem als Jude, auch nach dem Zweiten Weltkrieg mit der deutschen Sprache beschäftigte. Wir hatten zu Hause viele Bücher auf Deutsch. Es waren diese geheimnisumwitterten antiquarischen Raritäten, die das Faszinosum einer Terra incognita in sich bargen. Das wollte ich unbedingt entschlüsseln. So begann ich, in Odessa Germanistik zu studieren und später Deutsch als Fremdsprache zu unterrichten.

Es macht mich glücklich, wenn ich junge Menschen in deutscher Sprache unterrichte und ihnen Werte wie Toleranz und Weltoffenheit vermitteln kann. Ich möchte mit meinen Schülerinnen und Schülern die Neugierde auf andere Länder und Kulturen teilen. Ihnen beibringen, dass sie Mosaikstücke anderer Kulturen in sich aufnehmen können, ohne dabei die eigene Identität aufzugeben. Im Gegenteil: dass die eigene Identität sogar geweitet wird durch einen zusätzlichen Reichtum an Sprachen und Kulturen. Ich vermittle somit gerade das Gegenteil des nationalistischen und egozentrischen Weltbilds Putins, das alles Fremde bekämpfen und ausrotten möchte.

Für mich blüht ein Land im friedlichen Austausch mit anderen Nationen auf, wenn sie sich gegenseitig achten und voneinander lernen wollen. Ich betrachte die Ukraine als Teil der großen europäischen Familie mit einem gleichberechtigten Platz innerhalb der Weltgemeinschaft – eine Ukraine, die vielfältig ist mit all den Kulturen und Sprachen, die sie vereint.

Karina Beigelzimer

Als ich 21 war, veröffentlichte ich meine ersten Gedichte in den Zeitungen und besuchte jede Woche einen Literaturverein in Odessa. Dort trafen sich junge Leute, lasen einander ihre Werke vor und diskutierten darüber.

„Kolo“ hieß der Verein, was auf Deutsch Kreis bedeutet. Ein Kreis von Menschen, für die Literatur, Kunst und Kreativität von großer Bedeutung waren. Einmal las uns ein junger Mann Gedichte von seinem guten Freund vor und da hörte ich zum ersten Mal den Namen Ilya Kaminsky. Er wurde, wie wir, in Odessa geboren, wanderte aber 1993 mit seiner Familie in die USA aus. Obwohl Ilya schwerhörig war, wurde er dort zu einem hervorragenden Dichter.

Am Anfang schrieb Ilya Kaminsky auf Russisch und Ukrainisch. 2002 folgte seine erste Sammlung von Gedichten auf Englisch. Für den Gedichtband „Dancing in Odessa“ (2004) bekam er sehr viele Auszeichnungen. Auch das folgende Buch „Deaf Republic “ wurde mehrfach ausgezeichnet. Die BBC ernannte Ilya Kaminsky sogar zu einem der zwölf Künstler, die mit ihrer Arbeit die Welt verändert hätten. Sein Werk wurde bislang in über zwanzig Sprachen übersetzt. 2019 erschien das Buch in den USA, im Sommer 2022 auf Deutsch („Republik der Taubheit“).

Alltag im Krieg: Fußgänger spazieren an einem Café in Odessa vorbei. Foto: APA/AFP/Oleksandr Gimanov

15 Jahre schrieb er an diesem Werk, das eine zeitlose Parabel von Krieg und Widerstand darstellt. Kaminsky erzählt in seinen Gedichten, wie Gewalt und Liebe unsere Welt prägen. In diesem Werk schreibt er von Vasenka, einem fiktiven Ort unter feindlicher Besatzung. Im Prolog lesen wir:

“Wir lebten glücklich während des Krieges. Und als sie die Häuser der anderen zerbombten protestierten wir, aber nicht genug, wir waren dagegen, aber nicht genug.“

Aber dann erfahren wir, dass in Vasenka Soldaten auf den Marktplatz kommen, wo die Puppenspieler für die Nachbarn ein Stück aufführen. Ein tauber Junge, der dort steht und Befehle nicht hören kann, wird auf offener Straße erschossen. Die gesamte Stadt stellt sich taub, alle verständigen sich jetzt nur in Gebärdensprache und leisten in dieser Form Widerstand, aus Protest über den Mord an dem Jungen.

„Unser Land erwachte am nächsten Morgen und weigerte sich, die Soldaten zu hören. Im Namen Petyas verweigern wir uns.“ Dieser Protest erweist sich leider als untauglich. Aber Kaminsky findet bei allem Schrecken auch schöne Momente in der besetzten Stadt. Er beschreibt die Liebe von Sonya und Alfonso, die ein Kind bekommen. So entsteht ein neues Leben inmitten von Tod und Zerstörung.

Für Kaminsky ist Lyrik kein Klang, sondern ein Bild. Deshalb ist die ganze Geschichte wie ein Roman in Kurzform, ein Kaleidoskop verschiedener Bilder und Szenen.

Der brutale Krieg in unserem Land lässt das Buch des ukrainisch-amerikanischen Autors Ilya Kaminsky in neuem Licht erscheinen. Mit der bitteren Ironie bemerkt der Dichter, dass während anderswo Raketen fliegen und gemordet wird, genießen die nicht direkt von dem Kriegsgeschehen Betroffenen weiter ihr schönes Leben.

Die Geschichte über eine belagerte Stadt erinnert sehr an die aktuellen Bilder aus der Ukraine, sie berührt uns tief und macht nachdenklich.

Man sollte dieses Buch, das aktuell und gleichzeitig zeitlos ist, unbedingt lesen. Gerade jetzt, im Juli des Krieges.

Karina Beigelzimer

Früher ging ich gern zum Hafen. Dort lassen sich Schiffe und Boote aus der Nähe beobachten. Ein tolles Erlebnis für alle Meeresliebhaber. Außerdem gilt der Hafen von Odessa als der größte ukrainische Seehafen und einer der größten am Schwarzen Meer. Für die Ukraine war unsere Stadt seit der Annexion der Krim durch Russland vor acht Jahren der wichtigste Zugang zum Seehandel.

Man darf auch nicht vergessen, dass die Ukraine ein Fünftel ihrer Weizen- und Maiserzeugung exportierte. Nicht umsonst wurde sie als „Kornkammer Europas“ bezeichnet. Bis zum Kriegsbeginn wurden aus der Ukraine über den Seeweg monatlich etwa 5 bis 6 Millionen Tonnen landwirtschaftlicher Erzeugnisse verschifft. Seit dem Überfall auf die Ukraine blockiert Russland den wichtigen Hafen von Odessa.

Durch die russische Blockade liegen derzeit bis zu 25 Millionen Tonnen Getreide auf Halde. Im Herbst könnte die Zahl demnach auf 75 Millionen Tonnen steigen. Getreide kann nicht exportiert werden – das ist ein großes Problem für die globale Nahrungsmittelversorgung. Russland setzt die Hungersnot als Waffe ein und das kann zu schrecklichen Folgen führen. Das Getreide wird dringend benötigt – in mehreren Ländern Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens werden Brot und Weizen bereits knapp. Die Ukraine selbst ist dringend auf die Einnahmen aus dem Getreideexport angewiesen.

Russlands Außenminister Sergej Lawrow hält den Export von ukrainischem Getreide auf dem Seeweg für möglich. Die Russen geben die Schuld an der Situation den Ukrainern. Die Argumentation lautet, dass es die Verminung des Hafens von Odessa den Transportschiffen unmöglich mache, das dringend benötigte Getreide zu exportieren.

Daher fordert Lawrow, dass die Ukraine die Zugänge zu ihren Häfen von Minen befreien solle.

Doch wie kann die Sicherheit der Ukraine vor russischen Angriffen sichergestellt werden, wenn die Ukraine Seeminen zum Schutz seiner Häfen räumt?

Nach allen erlittenen Angriffen, Zerstörungen und Gräueltaten, die durch die russische Armee in den vergangenen Monaten verübt wurden, nach all den gebrochenen Versprechen und Beteuerungen der russischen Seite, herrscht bei den allermeisten Ukrainern ein tiefes Misstrauen gegenüber den russischen Äußerungen.

Oleh Nikolenko, der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums, ist der Ansicht, dass man den Worten der russischen Seite nicht trauen dürfe. Die Russen führen gegen die gesamte Ukraine Krieg und das Ziel der Angreifer ist es, möglichst große Teile von der Ukraine zu erobern.

Es wird befürchtet, dass Russland zugesagte Getreidekorridore nutzen würde, um Odessa anzugreifen.

Russische Soldaten neben einem Weizenfeld in der Region Saporischschja. Foto: AP

Die Stadt Odessa ist von sehr großer strategischer Bedeutung und der Verlust der letzten großen Hafenstadt wäre ein herber Schlag für die Ukraine. Denn nicht nur der Hafen bildet ein Tor zur Welt, auch viele Bahnlinien laufen in Odessa zusammen. Nicht umsonst wird Odessa, die drittgrößte Stadt der Ukraine, auch als „Seele der Ukraine“ bezeichnet.

Die Bewohner Odessas wissen: Putin würde liebend gern die Stadt in seine Kontrolle bekommen, um die Ukraine komplett vom Meer abschneiden und zugleich einen Landkorridor zum mehrheitlich von Russen bewohnten Transnistrien zu schaffen.

Zum Weiterlesen: Alles zu Weizen, einem der ältesten Getreide der Welt

Auch die Vertreter der G7-Staaten sind sich darin einig, dass nicht die Ukraine, sondern Russland schuld an der aktuellen Lage ist. Durch die Blockade des Schwarzen Meeres, die Bombardierung von Getreidesilos und Häfen und die Beschädigung der landwirtschaftlichen Infrastruktur der Ukraine trage Russland die Schuld an der Nahrungsmittelkrise. Auch die Sanktionen gegen Russland seien nicht Ursache der Krise, denn russische Lebensmittel und landwirtschaftliche Erzeugnisse seien von den Sanktionen nicht betroffen.

Einige Experten sind der Meinung, dass es einen Ausweg aus dieser Situation gibt: man braucht dringend, die Infrastruktur dahingehend auszubauen, dass man zusätzliche Getreidesilos bauen und Transportmöglichkeiten auf dem Landweg einrichten müsse. Frankreichs Präsident Macron sagte vor kurzem, es gäbe Gespräche über die Wiederherstellung von Eisenbahnstrecken, die Odessa mit der Donau in Rumänien verbinden. Dies könnte eine alternative Transportroute darstellen. Eine Alternative, die leider das Problem aber nur zum Teil lösen würde, weil für den Landweg die Mengen zu groß sind.

Ich glaube, alle haben inzwischen begriffen, das neue Lösungen gefunden werden müssen.

Karina Beigelzimer

Es ist Nacht. Die Sirenen kündigen den Luftalarm an und entreißen mich ein weiteres Mal einem ruhelosen Schlaf. Rastlos trage ich meinen Computer an einen sicheren Ort und schreibe diese Zeilen. In letzter Zeit, wenn ich an meinen Berichten aus der Ukraine arbeite, habe ich Angst, dass sie niemand mehr lesen wird. Weil die Welt müde ist. Müde vom Krieg. Müde vom unaufhaltsamen Strom an schlechten Nachrichten. Müde von endlosen Diskussionen um Waffenlieferungen, Flüchtlingshilfen und politisiertem menschlichen Leid.

Mein Land ist jetzt sehr abhängig von schnellen Waffen- und Munitionslieferungen aus dem Westen. Jeden Tag sterben weitere meiner Landsleute, Männer, Frauen und Kinder. Das Leid der Menschen in der Ukraine wächst, das Interesse in Europa aber lässt nach. Menschen wollen traurige Dinge einfach nicht mehr konsumieren – es ist zu viel, es ist zu schwer.

Das ist kein Vorwurf. Das kann ich gut verstehen, ich bin selbst müde. Nur kann ich den Krieg leider nicht ausschalten, wie den Computer, wenn man etwas Unangenehmes nicht lesen oder sehen will. Der Krieg ist wie ein Tumor, der sich im Körper des Landes verbreitet und die Leben der Menschen zerstört. Aber Hoffnung auf Heilung gibt es auf jeden Fall.

Es darf nicht passieren, dass mein Land in dieser schweren Zeit vergessen wird. An mehreren Fronten versuchen wir Ukrainer entschlossen im Kampf um unsere Heimat nicht aufzugeben. Deshalb sammle ich Kraft und schreibe weiter.

In Odessa ist es in den letzten Tagen wieder unruhig. Es läuten viele Fliegeralarme und Explosionen. Neulich wurden zwei russische Raketen über dem Meer vor unserer Region abgeschossen. Diesmal hat die ukrainische Luftabwehr viele Leben gerettet. Aber das ist leider nicht immer möglich.

Hier in Odessa haben wir viele Binnenflüchtlinge aus Mariupol, Butscha, Charkiw, Cherson und all den anderen Orten, die von der russischen Armee terrorisiert werden. Dem zuzuhören, was sie erlebt und gesehen haben, ist fast unmöglich. Gefangen in meinem eigenen unlösbaren Dilemma frage ich mich, ob es für diese traumatisierten Menschen, die unendliches Leid gesehen und erlitten haben und davon gebrandmarkt sind, der richtige Entschluss war, nach Odessa zu kommen, statt sich im Westen der Ukraine oder im Ausland in Sicherheit zu bringen.

Panzerigel in einem Weizenfeld im Süden der Region Mykolajiw. Foto: APA/AFP/Genya Savilov

Viele Flüchtlinge kommen aus Mykolajiw. Odessa liegt nur 100 km westlich von dieser Stadt. Mykolajiw kämpft sehr mutig, hält durch und lässt die Feinde nicht zu uns durchkommen. Aber die Situation dort ist sehr angespannt. Seit Beginn des Krieges liegt die Stadt unter Dauerbeschuss. Seit mehr als 2 Monaten gibt es dort Probleme mit der Trinkwasserversorgung. Am 12. April wurde das Wasserwerk infolge heftiger Raketenangriffe beschädigt, obwohl Angriffe auf die zivile Wasserinfrastruktur gegen internationale Konventionen verstoßen. Inzwischen gibt es wieder technisches Wasser, aber trinkbar ist es nicht. In Odessa gibt es immer wieder Sammelaktionen, um unserer Nachbarstadt zu helfen.

Ein sehr guter Freund von mir, Volodymyr Zayats, ist Schulleiter in Mykolajiw. Er bleibt in der Stadt und engagiert sich neben seiner Lehrertätigkeit auch sehr viel ehrenamtlich. Obwohl er in einer viel schwierigeren Lage ist als ich, bleibt er optimistisch und unterstützt mich immer, wenn ich traurig bin. “Ich möchte nicht gehen – ich werde hier gebraucht“, – wiederholt er oft. Ich kann ihn verstehen. Ich will mein Land auch nicht verlassen und hier bleiben, solange es möglich ist.

Doch ich kann auch die Leute verstehen, die fliehen mussten. Es gibt keine richtige Entscheidung. Egal, welche Entscheidung man fällt, sie wird immer mit viel Angst und Leid verbunden sein. Die, die geblieben sind, haben eine ungewisse Zukunft vor sich und wissen eigentlich nicht, ob sie diesen Krieg überleben werden. Die, die weggegangen sind, mussten alles hier lassen und in einem fremden Land bei null anfangen. Sehr viele Familien wurden getrennt. Ob sie sich wiedersehen werden? Die meisten schon.

Aber einige werden ihre Hoffnung auf Rückkehr mit der Zeit begraben müssen, wenn der Krieg zu lange andauert und sie sich in eine andere Gesellschaft integriert haben werden.

Jeder Tag dieses Krieges ist einer zu viel. Während ich in den letzten Monaten zwischen bodenlosem Horror, leiser Hoffnung und Resignation schwanke, bleibt meine größte Angst, dass mein Land im Kampf gegen das Unrecht allein gelassen wird.

Christian Wehrschütz

Kriegsbedingt lag das Kulturleben in der Ukraine danieder. Nun haben viele Opernhäuser und Konzertsäle wieder geöffnet, zwangsweise vor allem in den Städten, die vom Kriegsgeschehen nicht direkt betroffen sind: Dazu zählt Lemberg. Hier trat der junge österreichische Organist Lukas Hasler im Konzertsaal auf – die Anreise erfolgte mit dem Zug über Polen bis zur Grenzstadt Przemyśl und von dort dann weiter nach Lemberg. Dabei gab es Wartezeiten wegen eines Fliegeralarms, der in der Ukraine geografisch aber nicht sehr genau eingeschränkt ertönt.

Mit Bachs Toccata und Fuge in D-Moll eröffnet Lukas Hasler in Lemberg sein einstündiges Konzert. Der 26-jährige Steirer ist der erste Ausländer, der nach Kriegsbeginn wieder in diesem Konzertsaal spielt. Geplant war das Konzert schon vor Kriegsbeginn, sagt Hasler: „Jetzt war es mit vertretbarem Risiko möglich, hierherzukommen.“

Der Künstler lebt in Gaishorn und spielt schon seit 17 Jahren Orgel: „Das könnte man fast als Integrationsmaßnahme betrachten, als ich in die Obersteiermark gezogen bin: Dort war es möglich, einerseits in den Fußballklub zu gehen, oder als Ministrant zu beginnen – und da bin ich zum ersten Mal mit der Orgel in Kontakt gekommen. Es hat mich schon immer fasziniert, und so bin ich bis heute dabeigeblieben.“

Lukas Hasler bei seinem Auftritt im Konzertsaal von Lemberg. Foto: Wehrschütz

Zeit für einen kurzen Stadtbummel blieb zwischen den Konzerten und den Proben. Lemberg gehörte fast 150 Jahre zu Österreich. Es war eine der größten Städte der Monarchie, die Architektur im Zentrum ist durch diese Zeit geprägt, Hasler fühlt sich heimisch in Lemberg: „Für mich ist das ganz wie in Österreich. Wunderschöne Barockbauten, die man sieht, die ganzen Kirchen, eine wirklich wunderbare, prächtige Stadt. Man geht durch und sieht wirklich die Geschichte, das könnte Salzburg sein, Graz oder Wien.“

Auf der Flaniermeile im Zentrum steht das Denkmal des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko. Davor geben sich Jugendliche und Lehrer ein Stelldichein, die eine Schule dahinter besuchen. Gefeiert wurde der Ferienbeginn – wegen des Krieges bescheidener, aber doch, wie die Lehrerin sagt, die den patriotischen Geist aller betont. Lemberg ist als Stadt selbst kein militärisch wichtiges Ziel. Das wissen die Bewohner, deren Kinder Abkühlung in den Fontänen vor der Oper suchen, die auf einer rechteckigen Fläche Wasser in der Höhe spritzen. Doch ganz überzeugt das friedliche Bild auch unseren Besucher aus der Steiermark nicht: „Ich glaube, man kann wirklich sagen, dass die Menschen Widerstandskraft entwickelt haben. Das ist ziemlich schwierig, ich habe schon mehrere Raketenalarme erlebt. Es ist nicht so, dass wir jetzt wieder in der Normalität wären. Man versucht aber, das Beste daraus zu machen.“

Lukas Hasler im Gespräch mit unserem Korrespondenten Christian Wehrschütz. Foto: Wehrschütz

Und dazu zählt die Kultur, die Zerstreuung und Ablenkung bietet. Daher wird die Oper wieder bespielt. Über dem Haupteingang hängen Plakate, die den Durchhaltewillen der Ukrainer stärken und auf die Leistungen ihrer Soldaten im Krieg verweisen. Doch der Krieg überschattet auch die Aufführungen: Von 1000 Plätzen dürfen nur 300 verkauft werden, weil der Luftschutzkeller nicht mehr Personen fasst.

„Im Orgel-Saal atmen wir wirklich Musik. In einer derart schwierigen Zeit, in der Zeit des Krieges, ist es außerordentlich wichtig, sein Leben mit Kultur anzureichern. Klassische Musik beruhigt und hilft, sich etwas von den aktuellen Problemen der Ukraine zu entfernen.“

Mit einem ehrgeizigen Online-Projekt sammeln Taras Demko, der Direktor des Konzertsaales, und seine Mitarbeiter ukrainische Komponisten, um sie, Auszüge ihrer Werke und Noten der Welt zugänglich zu machen: Diese soll die Kultur der Ukraine besser kennenlernen. Auf Hasler aufmerksam wurde der Konzertdirektor über Instagram, wo der Steirer aktiv ist und über eine große Anhängerschaft verfügt.

Beim Konzert spielte Hasler auch Sonaten von Mozart und Beethoven, die er selbst für die Orgel arrangiert hat. Der Künstler trat an zwei Abenden auf – das Publikum war begeistert.

Olia Fedorova

Die ganze Zeit hatte ich gehofft, bis zum Schluss in Charkiw bleiben zu können, bis zu unserem Sieg. Mein größter Wunsch war es, meine Freunde, die aus dem Ausland und aus den anderen Städten der Ukraine nach Hause zurückkehren, auf dem zentralen Platz unserer Stadt zu begrüßen, wo wir dann gemeinsam diesen Sieg feiern würden. Aber im Krieg sollte man keine Pläne machen, alles kann sich im Handumdrehen ändern -selbst die Dinge, von denen man dachte, dass sie sich nie ändern.

Hlib und ich haben uns getrennt, das hat mich aus der Bahn geworfen. Dafür gab es vielerlei Gründe und zugleich keinen eindeutigen. Ich denke, der Krieg verändert die Menschen so sehr, er kehrt ihre besten wie ihre schlechtesten Eigenschaften hervor. Der Krieg treibt alles auf die Spitze. Diesen Moment empfand ich wie einen mächtigen Schlag in die Magengrube, er raubte mir alle lebenswichtigen Kräfte. Mir wurde klar, dass ich die Umgebung ändern musste, um meine Kräfte wiederzuerlangen und meinen Kampf fortzusetzen. Daher beschloss ich, Charkiw und die Ukraine zu verlassen und nach Österreich zu gehen.

Seltsam war, dass wir während der gefährlichsten Tage in Charkiw geblieben waren, dann aber abreisten, als die Gefahr vorüber zu sein schien. Doch schon bald stellten wir fest, dass es nicht weniger gefährlich wurde, denn die Russen beschossen unsere Stadt weiterhin, nun unter Einsatz von Artillerie mit größerer Reichweite.

Die Behörden warnen vor der noch immer bestehenden Gefahr. Aber ich vermute, die Menschen wollen einfach nach Hause zurückkehren, sie wollen auch nicht mehr länger Flüchtlinge sein, und so sind sie bereit, dieses Risiko einzugehen.

Ich allerdings kam zu der Auffassung, dass es meiner angeschlagenen mentalen Verfassung nicht guttun würde, dem ständigen Beschuss ausgesetzt zu sein, zumal ich lebend und gesund für mein Land nützlicher sein kann. Was mich ein wenig aufrichtete war die Erkenntnis, dass ich bereits einiges erreicht hatte, um Menschen aus erster Hand über den Krieg in meiner Stadt und in meinem Land zu informieren.

Olia Fedorova ist in Graz angekommen - hier im Newsroom der Kleinen Zeitung. Foto: KLZ/Christof Hütter

Ich habe mich für Graz entschieden, weil ich wusste, dass es dort Menschen gibt, die seit Ausbruch des Krieges für mich da waren. Meine Mutter war bereit mich zu begleiten. Sie hat nie aufgehört, mich zu unterstützen, in diesen schwierigen Zeiten habe ich immer wieder gespürt, wie wichtig ihre Unterstützung ist.

Unsere Fahrt von Charkiw nach Graz dauerte vier Tage, mit Zwischenstopps in Kiew, Lemberg und Krakau. An einem Ort anzukommen, wo nicht ständig die Gefahr besteht, aus der Luft getötet zu werden, fühlt sich ungewohnt an. Mir wurde bewusst, dass ich mich nicht mehr daran erinnerte, wie das Leben vor dem Krieg war.

An unserem ersten Tag in Graz hörten wir Sirenen. Es war ein Feueralarm, aber meine ersten Gedanken waren „lauf in den Schutzraum“ und „wir können dem Ganzen einfach nicht entkommen,“. Nachts habe ich Albträume, in denen ich immer wieder wegrenne und mich verstecke. Wenn ich aufwache, muss ich mir in Erinnerung rufen, dass ich jetzt an einem sicheren Ort bin und dass die Russen mich hier nicht erwischen.

Ich bin noch immer angespannt, wenn ich durch die Straßen gehe. Ich achte auf Geräusche und checke unbewusst dauernd die Nachrichten auf meinem Handy. „Entspann dich, hier fliegt nichts durch die Gegend“, sage ich mir immer wieder. Es wird einige Zeit dauern, diese Auswirkungen des Krieges loszuwerden.

Übersetzung: Anton Lederer

Christian Wehrschütz

Der Kessel der Verteidiger rund um Sjewjerodonezk wird täglich kleiner. 90 Prozent von Luhansk sind bereits von Russland besetzt.

Das Schicksal des Donbass im Osten der Ukraine entscheidet sich nach den Worten von Präsident Wolodymyr Selenskyj mit der Schlacht um Sjewjerodonezk. Die ukrainischen Streitkräfte haben zwar den Straßenkämpfen in und um die Stadt, aber auch nordöstlich davon weitgehend standgehalten; trotzdem wird deutlich, dass der Druck Russlands von allen Seiten auf diesen kleinen Kessel – der immerhin eine Größe des Wiener Beckens hat – von Tag zu Tag zunimmt. Durchaus langsam, aber stetig.
Mehr als 90 Prozent des Luhansker Gebiets, in dem Sjewjerodonezk liegt, sind von Russland bereits besetzt. Eine Evakuierung der Stadt ist nach Angaben des Bürgermeisters nicht mehr möglich.

Bei unseren Besuchen in der Gegend von Kramatorsk und in der Stadt Slowjansk, die ja bereits 2014 schon umkämpft war und nun nur noch 20 Kilometer von der Frontline im Norden entfernt ist, war ganz deutlich sichtbar, dass Russland neben der enormen Vorherrschaft im Bereich der Artillerie auch eine eindeutige Luftüberlegenheit hat. MIG-Kampfflugzeuge sind tief über uns hinweggeflogen, ohne von irgendeiner Luftabwehr oder einer Luftwaffe der Ukraine behindert worden zu sein. Die Ukrainer bekommen zwar immer wieder Verstärkung – sowohl gepanzerte Fahrzeuge und Waffen, als auch Soldaten – doch wie hoch die Zahl der Verletzten sein dürfte, haben wir auf der Gegenfahrbahn Richtung Dnipro gesehen. Denn während einer Fahrtzeit von vier Stunden von Kramatorsk sind uns mehr als 40 Rettungsfahrzeuge entgegengekommen – die Hälfte davon mit Blaulicht. Die Erstversorgung findet direkt an der Front statt, von dort werden die Verletzten dann weiter zur Behandlung in die größeren Städte gebracht. Der Chefchirurg des ukrainischen Militärs meinte, dass 80 Prozent aller Verletzungen auf Granatsplitter und Schrapnelle zurückzuführen seien. Das hat damit zu tun, dass dieser Krieg den Charakter eines Artillerie- und Drohnenkriegs hat. Diese Verletzungen führen zu einem enormen Anstieg an Invaliden. All das wird sich auf die Ukraine auch in den kommenden Jahren auswirken.

Dieses Satellitenbild von Artilleriekratern nahe Slowjansk zeigt das Ausmaß des russischen Beschusses. Foto: APA/AFP/Maxar Technologies

Im Raum Kramatorsk haben wir keine Auffangstellungen mit massiver Befestigung gesehen, sondern ausgehobene Schützengräben, wo aber nicht klar ist, wie gut und wie tauglich diese wirklich sind, weil keine tieferen Befestigungsanlagen erkennbar waren.

Die Frage ist, wie sinnvoll ist dieser Kampf? Wie wichtig ist Sjewjerodonezk wirklich? Entscheidend, wie Selenskyj sagt? Militärexperten schütteln da teilweise den Kopf. Im Gegensatz zu Mariupol, das eine klare strategische Bedeutung als Hafenstadt und Verbindung zur Krim hat, ist sie eher unbedeutend. Und ganz generell werden die Städte im Umkreis immer mehr zu Geisterstädten. In Slowjansk sind Schätzungen zufolge von mehr als 100.000 nur mehr 30.000 Einwohner dort. Es gibt kein Wasser, weil die Leitung durch die Kämpfe beschädigt wurde. Es ist eine bittere Situation für die Ukraine. Kiew verzeichnet in den Kämpfen mit der russischen Armee Tag für Tag „bis zu hundert getötete Soldaten und bis zu 500 Verwundete“. Der ukrainische Verteidigungsminister Oleksij Resnikow erklärte gestern, die Lage an den Frontlinien in der östlichen Donbass-Region sei schwierig. Daher stellt sich die Frage, lohnt sich der Kampf im Donbass unter diesen Umständen noch und welche Konsequenzen hat er? Jedenfalls ist es ein hoher Blutzoll, den das Land dafür zahlt.

Auf der anderen Seite bindet Russland die eroberten Gebiete immer stärker an sich. Die Regierenden der sogenannten Volksrepubliken wurden durch Russen ersetzt. Die Gebiete sollen eingliedert werden. Russland ist dort gekommen, um zu bleiben.

Karina Beigelzimer

„Ich sehne mich nach dem Meer“, sage ich meiner Freundin aus Wien. Sie kann das nicht verstehen und erwidert mir: „Du wohnst doch in Odessa und die Stadt liegt am Schwarzen Meer“.  Sicher hat sie recht. Odessa verfügt über eine 30 Kilometer lange Küste mit Strandabschnitten aus Sand, Stein und Kies.

Früher habe ich den gesamten Sommer am Strand verbracht. Jeden Morgen der Sommerferien habe ich die schäumenden Wellen begrüßt wie einen alten Freund. Doch momentan ist mein Verhältnis zum Meer eher eine Fernbeziehung. Du kannst es sehen und riechen, aber du darfst den Sand und das Wasser nicht berühren. Das gesamte Ufer ist nämlich vermint.

Heute stehe ich oben und sehe, wie die Wellen rauschen. Die Sonne spiegelt sich auf dem Wasser, der Blick geht zum fernen Horizont. Mediziner haben festgestellt, dass Menschen, die sich in der Nähe von Wasser befinden, weniger Stress und Ängste verspüren und einen ruhigeren Puls und Herzschlag haben.

Früher war das so; jetzt habe ich aber Angst hier lange zu verweilen, mein Herz rast.

Die Strände von Odessa sind leider vermint. Foto: Privat

Jeden Tag lesen wir, dass im Schwarzen Meer russische Kriegsschiffe stehen und die Gefahr von Raketenangriffen hoch ist. Ich fühle mich im Moment am Meer so ungeschützt wie noch nie. Ich bemerke diese Gegensätze: die enorme Kraft des Meeres einerseits und die tödliche Gefahr andererseits.

Odessa ist ein großes Tourismuszentrum. Vor dem Krieg schuf die Kombination von wunderschöner Architektur, warmem Meer und schönen Stränden ideale Bedingungen für Erholung und menschliche Gesundheit. Im Jänner wurde Odessa sogar von der englischen Zeitschrift „The Independent“ zu einem der Top-Reiseziele 2022 gekürt. Aber der Angriffskrieg hat alle Pläne der Stadt auf die weitere Entwicklung zerstört.

Jetzt sind unsere Strände leer. Ab und zu versuchen einige den Sand zu betreten, um ins Wasser zu gehen. Dann kommt die Polizei. Strafen gibt es noch keine, nur Warnungen.

Doch die Odessiten behalten auch in schwierigen Zeiten ihren berühmten Humor. Nachdem einige Einwohner trotz der Minenwarnung den Strand betreten wollten, kamen online einige Vorschläge für neue Warnschilder am Strand auf.

Vorschlag für ein neues Warnschild: „Ausleihe von Strandzubehör:

Sonnenschirm – 100 Hrywnja (so heißt unsere Währung)
Sonnenliege – 200 Hrywna
Minensucher- 500 Hrywna
Bombenentschärfer- 1000  Hrywna“

Das ist lustig und traurig zugleich.

Ein junger Mann hat gestern gezeigt, wie man offiziell baden gehen kann, ohne gegen das Gesetz zu verstoßen.  Er hat eine Schüssel, ein Seil und einen Eimer mitgebracht. Von oben hat er den Eimer ins Meerwasser abgeseilt, den Eimer dann hochgeholt, das Wasser in die Schüssel gegossen und schließlich das Baden „im Meerwasser“ genossen.

Ich hoffe, dass all diese Tricks bald nicht mehr nötig sein werden und das Meer uns wieder freundlich und friedlich begrüßen wird. Dann kann ich statt eines Minensuchers ein kaltes Eis bezahlen und mein geliebtes Meer wieder aus der Nähe genießen.

Karina Beigelzimer

Heute ist der letzte Schultag. Wegen des Krieges hat man die Dauer des Schuljahres gekürzt. In sieben Regionen des Landes gab es in den vergangenen Monaten überhaupt keinen Schulunterricht. In Odessa hatten wir Onlineunterricht und trotz aller Schwierigkeiten des Krieges haben wir es geschafft, das Schuljahr abzuschließen. Manchmal war ich verzweifelt, aber immer, wenn ich die Augen meiner Schüler sah, bekam ich meine Energie und die Lebenslust zurück.

Jetzt kann ich wieder die Schule betreten, wo ich vor dem Krieg vier Mal pro Woche Deutsch als Fremdsprache unterrichtet habe. Am Eingang werde ich von fremden Leuten kontrolliert. Im Gebäude befindet sich seit Beginn des Krieges ein großes Freiwilligenzentrum. Ich gehe rein und bleibe vor Erstaunen stehen. Da, wo sonst die Kinder gelernt und gespielt haben, stehen Regale voll mit Kartons, in denen Hilfsgüter lagern. Lebensmittel, Medikamente, Kleidung, Betten. Draußen ist es sehr warm, aber im Gebäude ist noch der 24. Februar. Sogar im Lehrerzimmer finde ich im Klassenbuch der siebten Klasse einen Zettel mit Anweisungen für diesen Tag. Ich freue mich aber sehr, ein paar Kollegen zu treffen, die genauso wie ich auch die nötige Schuldokumentation ausfüllen wollen. Wir besprechen die aktuellen Nachrichten. Von mehr als 900 Schülern sind nur etwa 300 in Odessa geblieben (die Zahl ändert sich jeden Tag). Auch viele Kollegen sind weg und wann sie zurückkommen, weiß niemand. Einige haben schon gekündigt. Wie das Schuljahr im September beginnen soll, ist auch unklar. Unser Schulleiter ist an der Front und wir machen uns große Sorgen um ihn.

Karina Beigelzimer mit einigen ihrer Schülerinnen und Schüler. Foto: Privat

Ich gehe raus. Auf dem großen Schulhof ist es ruhig. Hier sollten heute eigentlich die Abiturienten ihren letzten Schulwalzer tanzen. Aber sie sind jetzt in verschiedenen Städten und Ländern zerstreut. Ich unterrichte in zwei Abiturklassen (in einer 2 und in anderer …11 Jahre). Deshalb fällt es mir sehr schwer, die letzte Stunde mit ihnen durchzuführen. Die ganze Nacht habe ich Fotos gesammelt, um ein Video zu montieren. Hier begrüße ich sie in der ersten Klasse, auf dem anderen Foto bereiten wir uns auf den Besuch des deutschen Botschafters in der Ukraine vor. Und diese Aufnahmen haben wir während der Klassenfahrten nach Berlin und Wien aufgenommen. So viele Eindrücke. Aber mit jedem nächsten Foto, das ich finde, wächst mein Schmerz, weil der Krieg mir die Möglichkeit genommen hat, sie zu sehen und mich zu verabschieden.

Aber in der letzten Stunde erscheinen fast alle online. Einige habe ich lange nicht gesehen, weil sie Schulen im Ausland besuchen. Wir erinnern uns an die vergangenen Jahre. Wir träumen von der Zukunft. Wir tun so, als ob die Gegenwart, diese große Wunde, uns nicht getrennt hätte. Plötzlich klingelt es an der Tür. Ich entschuldige mich und gehe in den Flur. Ich öffne die Tür und dort steht der Kurier mit einem riesigen Rosenstrauß. Er weiß nicht, wer sie gesendet hat. Ich komme ins Zimmer zurück und sehe auf dem Bildschirm, dass alle meine Schüler glücklich lächeln. Und plötzlich verstehe ich, dass genau sie diese schönen Blumen bestellt haben. Noch fünf Minuten dauert die letzte Stunde. Wir wünschen einander noch alles erdenklich Gute und versprechen, uns alle nach dem Krieg zu sehen.

Ich schalte den Computer aus und beginne zu weinen, ich kann nicht aufhören. So sehr blutet mein Herz. Meine Mutter kommt und tröstet mich mit den Worten, dass ich ihnen so gut Deutsch beigebracht habe, dass sie jetzt die Chance haben werden, in deutschsprachigen Ländern zu studieren. Sie sagt auch, dass diese Rosen ein Symbol der Hoffnung sind. Der Hoffnung, dass der schreckliche Krieg die guten Seelen der jungen Leute nicht kaputt macht.

Olia Fedorova

Im Krieg gibt es keine Schattierungen und Zwischentöne, es gibt nur Schwarz und Weiß. Er verstärkt jedes Phänomen oder Gefühl, treibt es auf die Spitze, und so erleben wir auch, wenn es um Liebe oder Heldenhaftigkeit geht, diese in ihren extremen Ausprägungen. Ebenso ist es jedoch auch bei allem Bösem, Gemeinheiten und Gewalt. Und das betrifft nicht nur Menschen, sondern auch Tiere. Es bricht mir das Herz, denn ähnlich wie Kinder sind sie abhängig von uns und so verletzlich. Leider behandeln Menschen die Tiere oft nicht so, wie sie Kinder behandeln. Und manchmal werden sie nicht einmal als Lebewesen wahrgenommen, die auch Gefühle haben, Schmerz empfinden und deren Leben genauso wertvoll ist, wie das eines Menschen. Deshalb gibt es bedauerlicherweise viele traurige Geschichten über Haustiere, die unter diesem Krieg gelitten haben – nicht nur unmittelbar in Folge der Feindseligkeiten, sondern auch durch die Grausamkeit und Gleichgültigkeit von Menschen.

Dennoch bin ich mir sicher, dass es viel mehr Gutes gibt, und jeder Geschichte von Schmerz und Tod stehen viele Geschichten von Liebe, Freundschaft und Herzlichkeit gegenüber. Von Menschen, die ihre Haustiere auf dem Arm tragen, während sie Dutzende Kilometer zu Fuß aus den umkämpften Gebieten gehen. Von Freiwilligen, die ihr Leben riskieren, um Tiere aus zerstörten Häusern und geplünderten Bauernhöfen zu evakuieren. Von einem Feuerwehrmann, der eine Katze versorgt, die während eines Brandes giftige Gase eingeatmet hat. Von einem Verteidiger des belagerten Azovstal-Werks, der sein letztes Essen mit einem Hund teilt.

Ich werde nie vergessen, wie wir uns in den ersten Tagen, als Charkiw bombardiert wurde, gemeinsam mit unseren Nachbarn im Keller versteckten und fast jeder seine Haustiere dabei hatte. Es gab damals sieben Katzen, drei Hunde und einen Papagei. Keiner konnte sich auch nur vorstellen, sie zurückzulassen. Ich erinnere mich auch an die leeren Regale mit Futter und Haustierbedarf in den Supermärkten. In der ersten Zeit versuchten die Leute, so viel Vorräte wie möglich für ihre kleinen Lieblinge zu besorgen.

Katzen, um die sich Alla derzeit kümmert. Foto: Privat

Ich schätze mich glücklich, drei Menschen zu kennen, die sich wirklich heldenhaften um Tiere gekümmert haben (und es immer noch tun). Zwei sind ältere Frauen, Nachbarinnen meiner Mutter und meiner Großeltern, die in den gefährlichen Gegenden von Saltivka geblieben sind und nie sicherere Orte aufgesucht haben, weil sie sich die ganze Zeit um Hunde, Katzen und Vögel gekümmert haben. Morgens und abends kochten Nadia und Alla mengenweise Brei mit Fleisch oder Fisch, denn es war oft nicht möglich, richtiges Tierfutter zu bekommen, außerdem konnten sie sich von ihrer Pension nicht viel davon leisten. Und dann fütterten sie damit Dutzende Tiere in der Nähe ihrer Häuser. Alla kümmert sich jetzt um sechs neugeborene Kätzchen. Nadia ist mit einer einbeinigen Taube befreundet, die jeden Tag zu ihr kommt und ihr das Futter aus der Hand frisst.

Aber die heldenhafteste Person, die ich kennenlernen durfte, ist Oxana, die ein Haus im Dorf neben meinen Großeltern Iryna und Eugene hat. Ich habe sie erst vor einem Jahr kennengelernt, mit meinen Großeltern ist sie schon jahrelang befreundet. Bevor der Krieg in vollem Umfang ausbrach betrieb sie bereits eine Art privates Tierheim. Sie rettete Katzen und Hunde von der Straße, kurierte sie, ließ sie sterilisieren und versuchte, ein neues Zuhause für sie zu finden. Diejenigen, für die sie kein Zuhause finden konnte, blieben bei ihr. Letztes Jahr hatte sie etwa 30 Katzen und zehn Hunde. Da sie als Immobilienmaklerin arbeitete, konnte sie sich alle Ausgaben leisten, und ihr Haus und das angrenzende Gelände waren groß genug und umgeben von Natur. Alle Haustiere konnten ein aktives Leben in Freiheit genießen und waren dort wirklich sehr glücklich.

Nadia und die Taube, die ihr aus der Hand frisst. Foto: Privat

Nach dem Beginn der Invasion begann Oxana, Haustiere im Raum Charkiw zu retten. Das Dorf, in dem sie lebt, war vom Krieg nicht besonders betroffen, es liegt südlich von Charkiw und war nicht besetzt, nur einige Dörfer in der Nähe wurden gelegentlich beschossen. Jeden Tag fuhr sie mit ihrem Auto in die gefährlichsten Gegenden von Charkiw und Umgebung, folgte den Informationen über in Not geratene Haustiere oder fuhr einfach nur durch die Straßen, allein oder zusammen mit einer Freundin, die in einem anderen Dorf ebenfalls ein Tierheim betreibt. Ein freiwilliger Helfer dieser Freundin wurde von einer Rakete im nördlichen Saltivka getötet. Er hatte etwa zehn Katzen bei sich, daraufhin versuchte Oxana unter starkem Beschuss, in dieses Gebiet zu gelangen. Sie riskierte ihr Leben, um die Katzen zu retten.

Viele der von ihr geretteten Tiere sind in einem sehr schlechten Zustand, und es war eine echte Herausforderung, sie in den ersten Wochen richtig zu behandeln, da viele Tierärzte das Gebiet verlassen hatten und es einen großen Mangel an Medikamenten, insbesondere an Impfstoffen gab. Die Situation hat sich etwas gebessert, aber jetzt plagen sie Geldsorgen, da sie derzeit nicht arbeiten kann. Oxana bittet ihre Facebook-Freunde um Spenden und postet Berichte und Fotos aus dem Tierheim. Die meiste Zeit war sie ganz allein dort, erst vor zwei Wochen kam ein Mann aus einem besetzten Dorf in der Region Charkiw zu ihr, sie gibt ihm Unterkunft und Essen und er hilft ihr bei der Versorgung der Tiere. Bislang leben mehr als 100 Haustiere in Oxanas Heim, Katzen, Hunde, Welpen und Kätzchen. Oxana beginnt ihr Tagwerk um 4 Uhr morgens und kommt erst spät abends nach Hause, da bleibt kaum Zeit für die sozialen Medien.

Meine Mama und ich versuchen, Oxana so gut es geht zu helfen, im Moment leider nur finanziell. Und ich nutze meine Kontakte, um über ihr Tierheim zu informieren und um Spenden für sie zu sammeln. Mit dem Geld, das die Leute ihr schicken, kauft sie Futter, Medikamente und was sonst noch gebraucht wird, bezahlt die Tierarztkosten und auch das Benzin, mit dem wir in der Ukraine jetzt große Probleme haben, es ist um vieles teurer geworden und im ganzen Land herrscht ein großer Mangel. Deshalb ist es so wichtig, Oxana weiterhin zu unterstützen, denn es geht um tägliche Bedürfnisse! Wir versuchen jetzt auch, Kontakte zu internationalen Freiwilligen zu knüpfen, die dabei helfen könnten, die Tiere ins Ausland zu bringen, damit sie dort aufgenommen werden. In den vergangenen zweieinhalb Monaten war das nicht möglich, da die EU-Grenze recht weit entfernt ist und es in Charkiw ziemlich gefährlich war. Aber jetzt, da es unserer Armee gelungen ist, die Russen aus der Stadt zu vertreiben, und der schwere Beschuss endlich aufgehört hat, schaffen wir es hoffentlich, damit bald alle Tiere ein neues Zuhause finden.

Karina Beigelzimer

Vor dem Krieg hatte ich fast jede Woche einen festen Termin. Mittwochs ging ich zum „Deutschen Stammtisch“. Den gibt es schon seit mehr als 20 Jahren und niemand weiß, wessen Idee es war, ihn zu gründen. Hier versammelten sich in unserer Region lebende und/oder arbeitende Deutsche, Österreicher, Schweizer, Deutsch lernende Ukrainer, Besucher der Stadt, Menschen, die irgendeine Verbindung zur deutschen Sprache haben. Wir waren jede Woche mindestens zehn, manchmal auch 20 Personen, die sich trafen, sommers im Freien, winters im Lokal.

Den letzten Stammtisch vor dem Krieg gab es am 23. Februar.  Michael L., der als Deutscher viele Jahre in Odessa gelebt hatte, beschrieb diesen Abend so: „Nur Stunden bevor die ersten Raketen in Odessa einschlugen und die Panzer Richtung Ukraine rollten, saß ich noch mit Freunden im Stadtzentrum beim Bier am Stammtisch. Keiner der Anwesenden hatte sich wirklich vorstellen können, dass ein Angriff stattfinden würde, auch wenn die eine oder andere Vorsichtsmaßnahme für den „unwahrscheinlichen Fall der Fälle“ getroffen worden war. Putin hätte von so einem Angriff keinerlei Vorteile zu erwarten. Im Gegenteil, er hätte mit einem Abzug seiner Truppen von der Grenze die gesamte Westpresse bloßstellen und so genüsslich Moralpunkte sammeln können, nachdem sie ihn vorher als Kriegshetzer bezeichnet hatten. Am ehesten denkbar erschien noch ein Ersetzen der grünen Männchen durch reguläre Truppen im Donbass, so die Mehrheitsmeinung am Tisch. Es kam bekanntlich anders. Putin entschied sich für einen umfassenden Angriffskrieg gegen die gesamte Ukraine.“

Schon bald nach Beginn des Krieges haben fast alle Ausländer die Stadt verlassen. Michael befindet sich jetzt mit seiner kleinen Tochter in Bayern und träumt davon, bald wieder nach Odessa zu kommen. Sein guter Freund Phillip H., den ich vor Kurzem wieder im Stadtzentrum getroffen habe, hat sich dafür entschieden, in die Ukraine zurückzukehren.  Mit ihm zusammen entstand die Idee, den Stammtisch wieder zu beleben.  Drei Deutsche und sieben Ukrainer versammelten sich, um Neuigkeiten auszutauschen und einander zu unterstützen. Jörn R. wollte das Land nicht verlassen, weil seine Frau aus der Ukraine kommt. Oliver R. aus Köln ist zum zweiten Mal seit Kriegsbeginn wieder in Odessa. Er las meinen Artikel im Internet, fand mich und ich organisierte sein Treffen mit den Freiwilligen in der Ukraine. Viele Hilfsgüter brachte er persönlich nach Odessa, er hilft jetzt vor Ort und sammelt Spenden für weitere Transporte.

Auch Philipp findet es wichtig, weiter in der Ukraine tätig zu sein. Vor zwei Jahren kam er das erste Mal nach Odessa. Diese wunderbare Stadt mit ihrem kulturellen Reichtum und einzigartigen Flair ließ ihn danach nicht mehr los. Er kam immer wieder und errichtete hier recht schnell eine Niederlassung seines deutschen Transportunternehmens (STEX Ukraine LLC).

Als der Krieg ausbrach, stand Philipp vor der Wahl, die Niederlassung in der Ukraine zu schließen und in Ruhe in Deutschland weiterzuarbeiten oder hier weiterzumachen. „Der bequemste Weg ist nicht immer der richtige Weg“, erzählt Philipp. „Wir blieben. Solidarität darf keine leere Worthülse sein. Unter schwierigsten, durch den Krieg bedingten wirtschaftlichen Umständen machen wir weiter, ohne auch nur einen Cent Gehalt gekürzt zu haben. Denn wir wollen helfen, gerade in einer solchen Zeit, wo niemand weiß, was der nächste Tag bringen wird.“

Solche Unterstützung ist sehr wichtig für unsere Region. Die militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und der Ukraine hält weiter an. Raketen fliegen auf unsere Stadt. Die ganze Situation und die Lebensumstände sind sehr schwierig. Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges sind verheerend für die Ukrainer: Laut einer neuen Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) sind in der Ukraine seit Beginn der russischen Aggression schätzungsweise 4,8 Millionen Arbeitsplätze verloren gegangen. Man schätzt, wenn der Krieg länger andauert, kann die Zahl der verloren gegangenen Jobs noch auf sieben Millionen steigen. Viele Menschen stehen dann vor einem Scherbenhaufen. Das muss aber auf jeden Fall verhindert werden. Zum Glück bekommen wir aus dem Westen nicht nur militärische, sondern auch finanzielle Unterstützung für unseren Staatshaushalt. Das wird auch nötig sein für den Wiederaufbau nach dem Ende des Krieges, wenn viele Geflüchtete zurückkehren und wieder Wohnung und Arbeit brauchen.

Karina Beigelzimer

Nachrichten und Mails checken. Allen antworten, weiterleiten, sich beruhigen, sich sorgen, arbeiten und wieder … arbeiten.  Den Moment fühlen, auch wenn es schwerfällt. Sich von innen nach außen orientieren. Hürden meistern… Das sind meine kleinen Rituale in den letzten Monaten. Ich verändere mich permanent, denn neue Herausforderungen erfordern neue Wege.  Ich frage mich nicht mehr, was mir fehlt, sondern was ich habe und wie ich weiter machen kann. Ich fühle mich aber sehr müde. Die Monate des Krieges haben mich durchgeschüttelt wie die wildeste Achterbahnfahrt.  Die letzten Tage sind voller Last, und die Nächte bringen mir keine Erholung. Besonders dann, wenn sieben oder elf Mal Fliegeralarm ist und ich Explosionen und Raketenangriffe höre. Die Situation in Odessa hat sich verschlechtert. Deshalb müssen wir von Sonntagabend um 22.00 Uhr Ortszeit bis Dienstagmorgen um 5.00 Uhr Ortszeit zuhause bleiben.

Ich schließe die Augen und träume von Reisen durch Europa. Als Tourist und nicht als Flüchtling. Vor dem Krieg bin ich viel gereist. Durch das Reisen konnte ich auf mein Leben aus der Ferne blicken und das immer wieder aufs Neue. Ich fing an, mein Leben und die Freiheiten, die ich hatte, mehr zu schätzen. Das machte mich glücklich.

Übrigens war ich in der letzten Woche zweimal in Deutschland.  Leider nur online. Ich nahm an zwei Benefizabenden des Deutschen Kulturforums östliches Europa teil. „Odessas Herz muss weiterschlagen“ –   so lautete der Name beider Veranstaltungen zur Unterstützung der Ukraine. Es waren zwei Abende, die mich sehr bewegt haben. Ich konnte über die Situation in der Ukraine erzählen und mich gleichzeitig mit anderen unterhalten. Viele Spenden wurden gesammelt, ich bin sehr froh, dass auf diese Weise kranken und alten Menschen in meiner Stadt geholfen werden konnte.

Ob ich in den nächsten Jahren wieder fliegen kann? Sehr unwahrscheinlich. Die Landebahn unseres neuen modernen Flughafens ist durch russische Raketenangriffe zerstört worden. Die Einschläge haben sie unbrauchbar gemacht. Die sanierte Landebahn wurde erst 2021 in Betrieb genommen. Wir werden nach dem Krieg alles wieder aufbauen, aber wie viel Leid und Zerstörungen uns Russland  noch bringen wird ist unkalkulierbar. Es ist unfassbar…

Heute ist der 9. Mai. Wir feierten früher an diesem Tag den Sieg über Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg.  Als ich noch ein Kind war, ging ich mit meinem Opa (er war ein Kriegsveteran) auf die Straße und viele schenkten ihm Blumen. Ich war sehr stolz auf ihn.

Gleichzeitig konnte ich überhaupt nicht verstehen, wie es hatte sein können, dass sich die Menschen noch im 20. Jahrhundert bekriegten, denn mein Opa erzählte von den Verletzten, den Toten, der Gewalt und dem unendlichen Leid.  Er erzählte davon, wie grauenvoll, gnadenlos und entsetzlich der Krieg war. Nie, nie im Leben hätte ich mir denken können, dass ich im 21. Jahrhundert dasselbe erleben würde. Man kann sehr viele Bücher lesen, gebildet sein und noch so tiefe historische Kenntnisse haben – was Krieg ist, weiß nur derjenige, der ihn selbst erlebt.

Meine Oma erzählte mir oft, dass der Tag des Sieges im Jahre 1945 der glücklichste ihres Lebens war. Ich konnte ihren Geschichten stundenlang zuhören, um mit ihr ihre Freude zu teilen. Sie hat oft gesagt: „Die Geschichte darf sich nicht wiederholen“.

Meine Großeltern leben schon lange nicht mehr. Gut, dass sie nicht wissen, dass ihre Kinder und Enkel jetzt selbst Kriegserfahrungen sammeln müssen.

Olia Fedorova

Der Krieg dauert nun schon mehr als 70 Tage, und die meiste Zeit davon lebte meine Mutter, die auch Olga heißt, bei mir. Wir haben nicht mehr so viel Zeit miteinander verbracht, seit ich vor sechs Jahren aus meinem Elternhaus ausgezogen bin, um mit Hlib zusammenzuleben. Und ich bin sehr froh, sie jetzt an meiner Seite zu haben, vor allem nachdem Hlib zur Armee gegangen ist. Ich habe begriffen, dass es während des Krieges besonders wichtig ist, nicht alleine zu bleiben, jemanden zu haben, der nicht nur den Alltag mit einem teilt, sondern auch den täglichen Kampf um das eigene Leben und um die geistige Gesundheit. Meine Mutter war immer eine große Stütze für mich, und jetzt, mitten im Krieg, habe ich das noch stärker gespürt als zuvor. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ich diesen Krieg ohne sie überstehen würde.

Während ich an so vielen Fronten arbeite – ich informiere Menschen weltweit über unser Leben unter russischem Beschuss, leiste Freiwilligenarbeit, arbeite künstlerisch und gehe auch meinem Brotjob als Designerin nach – nimmt sie mir den Großteil der täglichen Erledigungen ab, wie Kochen, Einkaufen, Katzenpflege. Dank ihrer Bemühungen kann ich mich auf meine Aufgaben konzentrieren und bin mir gewiss, dass dieser Teil unseres Lebens, den sie jetzt über hat, bestens geregelt ist. Außerdem kann ich mit ihr über alles reden, wir können zusammen lachen und weinen, Neuigkeiten austauschen und erörtern, anstehende Probleme lösen, einander einfach nur an der Hand halten oder uns schweigend umarmen. Diese einfachen Sachen hat man in friedlichen Zeiten vielleicht nicht für wichtig gehalten, man hat sie als normal empfunden, jetzt merkt man, wie viel Kraft sie einem geben können. Ich denke, ich werde mich bis zu meinem Tod daran erinnern und es wertschätzen. Und ich werde meiner Mutter sehr dankbar sein, dass sie für mich da war – früher schon und ganz besonders jetzt.

Die Autorin (rechts) mit ihrer Mutter Olga. Foto: Privat

Ich bin auch sehr froh, dass meine Großeltern nicht allein sind. Sie haben einander, und sie haben uns, wir stehen täglich in Kontakt und besuchen sie mindestens einmal in der Woche. Ich weiß, dass es auch für sie schwierig ist, aber es wäre noch viel schlimmer, wenn sie nicht zusammen wären. So können sie immer irgendwie mit der Situation fertig werden, und ich bin sehr stolz auf sie, wie sie das schaffen. Meine Großmütter Vira und Iryna haben angefangen Setzlinge zu ziehen, jede in ihrem eigenen Haus: Paprika, Auberginen, Tomaten. Früher haben sie das jedes Jahr zu Frühlingsbeginn auf ihren Balkonen gemacht, um dann später alle Pflanzen in ihre Dorfgärten zu bringen. Aber in diesem Jahr können sie dort nicht hingehen, da selbst in den „sicheren“ Gebieten der Region Charkiw ständig die Gefahr besteht, beschossen zu werden. Vor einigen Wochen traf eine Rakete die Kirche im Nachbardorf von Oma Iryna, obwohl das ziemlich weit von der Frontlinie entfernt ist. Und das Dorf, in dem meine Oma Vira und mein Opa Serhiy ihr Haus und den Garten haben, ist schon seit über einem Monat von russischen Truppen besetzt. Sie wissen nicht einmal, was mit ihrem Haus ist, ob es noch unversehrt ist. Großmutter Vira weint jedes Mal, wenn sie an ihre Bäume denkt, die noch immer eingehüllt sind, um sie im Winter vor Schnee und Frost zu schützten. Sie hat Angst, dass die Bäume absterben werden, weil sie durch die Abdeckung nicht genug Luft und Wasser bekommen. Aber trotz allem verlieren die Großeltern nicht die Hoffnung und sprechen über die notwendigen Arbeiten im Garten, als ob sie schon morgen damit beginnen würden. Wir raten ihnen immer wieder, dass sie nicht rasch zurückkehren sollten, selbst dann nicht, wenn das Dorf befreit ist, denn in dieser Gegend gab es schwere Kämpfe, und viele Straßen könnten vermint sein.

Verschiedene Gemüsesetzlinge. Foto: Privat

Inzwischen sind die Balkongärten richtig schön angewachsen. Vor einer Woche hatte Oma Iryna Geburtstag und zusammen mit Mama, Oma Vira und Opa Serhiy besuchten wir sie und ihren Mann, Opa Eugene. Es war das erste Mal seit Silvester, dass sich meine Großeltern wieder sahen. Sie sind sehr gut befreundet, treffen sich normalerweise recht oft und telefonieren fast jeden Tag miteinander. Die Großmütter diskutierten stundenlang über ihre Balkongärten. Sie beschlossen, dass sie ihre Setzlinge im Garten des jeweils anderen Hauses einpflanzen möchten. Wenn sie nicht in der Lage wären, in ihre Dorfgärten zu gehen, dann würden sie sich Gärten in der Stadt anlegen.

Mir gefällt ihr Zugang, und mir gefällt ganz allgemein, dass die Ukrainer trotz des Krieges und all der Gräueltaten immer noch an die Natur und das Land denken und sich darum kümmern. Dabei geht es nicht nur um die ältere Generation und ihre Gärten, sondern um die Aussaat im ganzen Land, die sogar in den vorübergehend besetzten Gebieten begonnen hat. Auch die Parks und Gärten in den Städten, sogar die Rasenflächen entlang der Straßen werden bepflanzt. Wenn ich sehe, wie meine Heimat, meine „Mutter Ukraine“, trotz allem auflebt, wie die Natur über menschliche Zerstörungswut und Gewalt siegt, gibt mir das Hoffnung.

Übersetzung: Anton Lederer

Olia Fedorova

Jetzt scheint es so zu sein, dass eine neue Phase des Krieges begonnen hat. Wir in Charkiw haben das sehr deutlich gespürt, denn der russische Beschuss wurde in den letzten Wochen noch intensiver.

Ich weiß, dass viele Menschen außerhalb von Charkiw Angst davor haben, die Russen würden jetzt versuchen, unsere Stadt zu besetzen, aber wir hier gehen davon aus, dass es ihnen unmöglich gelingen wird. Vor allem, da sie bereits so viele Soldaten und Ausrüstung verloren haben und Charkiw zu einer echten Festung geworden ist. Russland droht uns ständig, aber nur, damit unsere Verteidiger nicht weggehen und ihren Kameraden im Donbass helfen.

Es hat sich auch angekündigt, dass die Russen so heftig auf uns schießen werden, wie noch nie zuvor. Und so war es dann auch. An einem Tag wurde der Bezirk Saltivka, in dem meine Mutter lebt, ununterbrochen beschossen, ihr Haus wurde beschädigt, das bis dahin zum Glück unversehrt geblieben war, und viele unserer Nachbarn verloren alle Fenster ihrer Wohnungen. Die Wohnung meiner Mutter blieb irgendwie heil, obwohl die Raketen direkt in ihren Hof fielen. Ich bin wirklich froh, dass wir es geschafft haben, meine Mutter in unsere Wohnung zu bringen, die vergleichsweise sicher ist. Außerdem gab es mehrere verheerende Raketenangriffe auf das Stadtzentrum, bei denen viele Menschen getötet und verletzt wurden. Wir waren in der Stadt, als eine der Raketen einschlug –wir hörten sie am Himmel über unseren Köpfen pfeifen, wie einen Rennwagen. Dann kam es zu einer gewaltigen Explosion.

Aber selbst in diesen schrecklichen Zeiten gibt es Raum für Glück und Freude. Misha, ein Kamerad meines Partners Hlib beschloss, seine Freundin Svitlana zu heiraten, und bat uns, Trauzeuge und Trauzeugin zu sein. Die Hochzeit fand am frühen Morgen statt, alle versammelten sich im Rathaus einer kleinen Vorstadt. Es gab ein weiteres Paar, das heiratete, der Bräutigam war aus dem gleichen Bataillon wie Hlib und Misha. Es waren viele Gäste da, alle Männer kamen in Militäruniform, viele von ihnen verbargen ihre Gesichter, einige Frauen trugen auch Uniform, aber die meisten hatten schöne Kleider an. Die Zeremonie fand in einem kleinen Raum statt, er war für diesen besonderen Zweck er mit Luftballons und Blumen geschmückt. Der Ablauf war viel kürzer als sonst, im Krieg geht eigentlich alles schneller. Heutzutage können Paare einfacher denn je heiraten, es geht sogar, wenn einer der Partner nicht anwesend ist, die Zeremonie kann per Videoschaltung abgehalten werden.

Die Autorin und ihr Verlobter Hlib mit dem Brautpaar (Mitte). Foto: Privat

Von allen Hochzeiten, auf denen ich gewesen bin, war diese die berührendste: Sie wirkte so echt, so ehrlich, und alle Anwesenden waren glücklich, nicht nur Bräutigame und Bräute. Ich glaube, das liegt daran, dass man inmitten all des Schrecklichen anfängt, solche Ereignisse besonders zu schätzen, und dass alle deine positiven Gefühle in ihrer Intensität verdoppelt werden. Außerdem genießt man den Augenblick – wie oft wurde uns das von Motivationstrainern aufgetragen! Hier hast du keine andere Wahl, als zu genießen. Du begreifst und fühlst, dass dein Leben jeden Moment enden kann.

Das Kommando überreichte den Frischvermählten Geschenke im Namen des Bataillons, jeweils Küchenmaschinen und für eines der Paare Pampers (sie haben ein zwei Monate altes Baby). Nach dem Ringtausch und den Unterschriften wechselten in ein nahe gelegenes Hotel zu einem kleinen Fest. Bevor wir gingen, kam der Leutnant von Hlib und Misha zu uns und gab ihnen zwei Säckchen, eines mit bunten Luftballons und eines mit Papierbändern. Wir schmückten Mishas Auto mit diesen Luftballons, es sah so lustig aus, so voller Freude und Liebe, vor allem in den leeren Straßen, zwischen Checkpoints und Menschen in Militäruniformen, in dieser Atmosphäre geprägt von Spannung und Kampfbereitschaft. Wir bemerkten, wie alle Menschen lächelten, als dieses Auto vorüberfuhr. Die Party fand im kleinen Rahmen statt, kurz gehalten aber sehr gemütlich.

Wir aßen Sandwiches und tranken Champagner, was nicht ganz legal war, da in der Region Charkiw Alkohol derzeit verboten ist. Aber irgendwie schaffte es Misha, eine Flasche zu bekommen, und ihr Kommando erlaubte ihnen etwas zu trinken und die Burschen hatten ganz offiziell frei. Misha bedauerte sehr, dass sie die Hochzeit nicht so feiern konnten, wie in seiner Heimatstadt üblich: Er kommt aus Iwano-Frankiwsk im Westen, wo es viele alte Traditionen gibt, die hochgehalten werden.

Wir haben ihm versprochen, dass wir nach dem Sieg auf jeden Fall in seine Stadt kommen und eine richtige Hochzeit feiern werden, mit vielen Gästen, einer kirchlichen Trauung und allen ukrainischen Riten, die dazugehören. Und natürlich werden wir auch kommen, wenn es gilt, ihr zukünftiges Baby zu taufen! Eigentlich sind Hlib und ich auch verlobt, ich habe ihm einen Heiratsantrag gemacht, am Tag 4, während er im Bunker Molotow-Cocktails baute. Wir haben beschlossen unsere Hochzeit auf der befreiten, ukrainischen Krim zu feiern, wir werden unsere Freunde aus der ganzen Welt einladen.

Übersetzung: Anton Lederer

Karina Beigelzimer

„Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung der Gewalt keine Grenzen.“ – Carl Philipp Gottfried von Clausewitz. Der dritte Monat seit der russischen Invasion hat angefangen. Tausende Todesopfer hat er bislang gekostet, Millionen Menschen zur Flucht gezwungen. Dieser Krieg erschüttert uns, dieser Krieg verändert die Welt und die Weltordnung. Und ein Ende ist leider nicht in Sicht.

Ich lebe in einem ständigen Zustand der Verwirrung, weil ich nicht weiß, was als Nächstes passieren wird. Am Samstag hatte ich Geburtstag. Eigentlich ist das ein Grund zu feiern. Doch mir war überhaupt nicht danach. 90 Prozent meiner Freunde, meiner Bekannten und Schüler sind weg. Hunderte Nachrichten, SMS und Anrufe habe ich aus verschiedenen Kontinenten bekommen, aber es wäre mir viel lieber, alle diese Menschen wieder in Odessa zu sehen. In diesen Momenten fühlt man sich trotz der Unterstützung und netter Glückwünsche ziemlich einsam. Als ob ein Teil der Seele zerrissen ist.

Dennoch darf man auch in solchen Tagen nicht mutlos werden, sondern höchstens kurz innehalten, um dann mit neuer Kraft nach vorne zu blicken. Nur so kann man die Herausforderungen, die sich stellen, gut bewältigen.

Ich setzte mich deshalb in ein kleines Café, kaufte mir einen Kaffee, beobachtete die Leute auf der Straße. Meine Universitätsfreundin kam ein bisschen später. Für kurze Zeit war der Krieg vergessen. Aber plötzlich hörten wir einen gewaltigen Lärm vom Himmel, dann Explosionen. Unter den Schockwellen bebte die halbe Stadt und die Fenster zitterten.

Russland hat unsere Stadt mit sieben Raketen angegriffen, von denen zwei abgeschossen wurden. Es wurde auch ein mehrstöckiges Wohnhaus getroffen. Acht Menschen starben, darunter eine Frau mit einer drei Monate alten Tochter und ein junges Ehepaar, das ein Kind erwartete.

Der Schock nach diesem Angriff sitzt tief. Trauer, Hilflosigkeit, aber auch Wut begleiten uns in diesen Tagen. Auch die Angst überkommt mich, besonders nachts, anfallsartig.

Dieses Wechselspiel der Gefühle gehört leider zum Krieg. Eigentlich bin ich von Charakter her nicht schwach, aber es gibt auch Tage, an denen ich weinend aufwache. Dann versuche ich zu denken, wie ich anderen Menschen, die viel mehr Unterstützung brauchen, helfen kann.

Wenn es mir gelingt, dann vergesse ich meine Sorgen und Ängste. Ich habe in diesem Krieg gelernt: Solidarität, Hilfsbereitschaft und Rücksichtnahme heilen seelische Wunden.

Christian Wehrschütz

Charkiw, etwa 40 Kilometer von der russischen Grenze in Nordosten der Ukraine gelegen, war nicht nur einst die erste Hauptstadt der Sowjetunion, sondern auch eine Stadt, die zutiefst von sowjetischer und russischer Kultur geprägt ist. Charkiw war und ist auch sicherlich eine Metropole nicht nur der ukrainischen, sondern auch der russischen Kultur.

Umso absurder ist der Umstand, dass diese Stadt ausgerechnet unter dem Vorwand, man müsse die Russen beziehungsweise die russische Sprache in der Ostukraine schützen, seit dem 24. Februar von russischen Truppen bombardiert wird. Das Stadtzentrum weist deutliche Schäden auf. Gezeichnet vom Krieg und der russischen Artillerie sind aber auch Randbezirke.

Charkiw gleicht einer Geisterstadt: Die Administration schätzt, dass vor dem Krieg 1,5 Millionen Menschen gelebt haben, jetzt sind es noch 500.000. Viele haben die Stadt bereits in den ersten Tagen nach Kriegsbeginn verlassen, viele alte Menschen sind aber geblieben: 33.000 Alte waren vor Kriegsbeginn alleinstehend – ihre Versorgung ist nun besonders schwierig. Mitarbeiter der örtlichen Caritas versorgen Menschen in Luftschutzkellern. Geblieben sind auch Freiwillige, die täglich Tausende Mahlzeiten kochen, um Truppen zu versorgen. Charkiw ist auch militärisch bedeutsam, von hier aus fanden auch schwer erkämpfte Rückeroberungen statt.

Für die Ukraine spricht immerhin das Wetter: Starker Regen bremst russische Panzer aus.

Karina Beigelzimer

„Das Leben aller Lebewesen, seien sie nun Menschen, Tiere oder andere, ist kostbar, und alle haben dasselbe Recht, glücklich zu sein. Alles, was unseren Planeten bevölkert, die Vögel und die wilden Tiere sind unsere Gefährten. Sie sind Teil unserer Welt, wir teilen sie mit ihnen.“- Dalai Lama

Kriege bringen unermessliches Leid: für Männer, Frauen, Kinder. Auch Tiere sind betroffen. Sie verhungern, verdursten in zerbombten Zoos, irren umher, werden von Bomben, Raketen und Gewehrkugeln verletzt oder getötet.

Von 485 Hunden haben zum Beispiel nur 150 im Tierheim Borodjanka überlebt. Seit Beginn des Krieges waren die Tiere in Käfigen eingesperrt, ohne Futter und Wasser, ohne medizinische Versorgung. Wegen der Besetzung war es sehr schwer, das Tierheim zu erreichen. Es gibt viele ähnliche Geschichten, aber es gibt auch einige, die ein glückliches Ende haben.

Seit der letzten Woche hat Odessa z.B. zwei Einwohner mehr. Ein Paar weiße Löwen aus dem Feldman EcoPark in Charkiv, ist im Zoo von Odessa angekommen. Der EcoPark liegt seit langem unter Beschuss. Dadurch wurden die Gehege zerstört. Die ganze Stadt hat sich gefreut, dass man Tiere retten konnte. Der Zoodirektor ist selbst nach Charkiv gefahren, um die Tiere zu begleiten. Sie sind sehr traumatisiert, brauchen sicher eine lange Behandlung und viel Zeit für die Rehabilitation.

Aber nicht nur Löwen haben seit dem Beginn des Krieges in unserem Zoo ein neues Zuhause gefunden. Viele Ukrainer wollen ihre Haustiere nicht im Kriegsgebiet zurücklassen und riskieren darum eine gemeinsame Flucht mit ihren Seelentröstern. Aber es gibt viele, die ihre Tiere in unseren Zoo bringen, weil sie nicht mehr für sie aufkommen können oder Angst haben, mit ihnen nicht über die Grenze zu gelangen. Mehr als 500 Tiere wurden bisher in Odessa zurückgelassen. Dem Zoodirektor ist es schon gelungen, für viele Tiere neue Besitzer zu finden. Aber einige sind im Zoo geblieben, und es gibt sogar neugeborene Babys, z.B. bei Hamstern oder Meerschweinchen. Der Zoo von Odessa ist nur 6 ha groß, liegt aber mitten in der Stadt, dem Markt gegenüber und ist bei Odessas Einwohnern sehr beliebt. Deshalb kaufen viele Einheimische Eintrittskarten, um dem Tierpark finanziell zu helfen.

Mittlerweile hat der Zoo auch viel Unterstützung aus aller Welt bekommen- Futter, Medikamente und nötige Pflegeprodukte.

Straßentieren geht es leider oft nicht so gut, wie denen, die im Zoo gepflegt werden. Einigen konnte man trotzdem helfen. Sowohl von Freiwilligen vor Ort, als auch von internationalen Hilfsorganisationen. Mitte März hat z.B. der Deutsche Tierschutzbund Tiere aus dem Tierschutzzentrum in Odessa evakuiert. Es handelt sich dabei um 44 Straßenhunde und 15 Katzen, die dort betreut wurden.

Die Freiwilligen aus Odessa und anderen ukrainischen Städten machen derzeit Futtermittel ausfindig und schicken sie an andere Freiwillige und Tierheime. Sie helfen dabei, Tiere abzutransportieren und befreien ihre Lieblinge aus den gesperrten Räumen und kümmern sich um sie.

Viele demonstrieren auf diese Weise ihre Humanität, indem sie Tieren in den kritischen Situationen helfen, ohne Lob von anderen zu erwarten. Das ist die menschlichste Seite, die man zeigen kann, denn Tiere sind auch nur emotionale Lebewesen, wie wir.

Olia Fedorova

Wie weiterleben nach Butscha, Mariupol, Irpin, Kramatorsk? Wie ist es möglich, nicht vollkommen wahnsinnig zu werden, sondern stark zu bleiben, trotz der Gräuel, die wir alle dort sehen?

Als die ersten Fotos aus Butscha veröffentlicht wurden, habe ich gespürt, was es bedeutet, wenn die gesamte Nation, jeder einzelne Mensch, in vollständige Verzweiflung und Trauer eintaucht. Allen wurde klar, dass die Russen gekommen sind, um uns alle zu vernichten – Männer, Frauen, Kinder, Ältere, Ukrainer und Russischsprachige, alle. Wir begriffen, dass die Tausenden Müllsäcke und die mobilen Krematorien, welche die Russen hierher mitgenommen hatten und von denen wir in den Nachrichten erfuhren, nicht für sie bestimmt waren, sondern für uns.

An diesem Tag weinte meine Mutter zum ersten Mal seit Kriegsbeginn. Während sie an meiner Schulter weinte, umarmte ich sie, aber selbst konnte ich nicht weinen. Ich dachte nur, wegen meiner Mutter darf ich jetzt nicht weinen, denn es würde ihr noch mehr Schmerz bereiten, mich weinen zu sehen.

Ich bin keine Psychologin und ich weiß nicht, wie man sich selbst helfen kann, mit solchen Dingen fertig zu werden. Ich weiß aber, dass jeder Mensch das auf seine eigene Art und Weise durchlebt. Weinen ist genauso normal wie nicht zu weinen. Verzweifelt zu sein ist ebenso normal, wie tapfer zu sein. Gemeinsam ist uns der Kummer, aber jeder von uns drückt ihn anders aus, je nachdem, wie der eigene Organismus auf diese Art von Stress reagiert. Ich mache niemandem einen Vorwurf wegen seiner Reaktion, und ich habe auch kein Rezept, wie man damit auf weniger schmerzhafte Weise verfahren könnte.

Nicht nur Fotos von großer Zerstörung, sondern auch von hunderten Leichen gingen von Butscha aus um die Welt. Foto: APA/Edgar Schütz

Viele fragen mich, wie ich bei all diesen schrecklichen Ereignissen so positiv bleiben kann, wie ich meine gute Laune behalten kann. Ich antworte dann immer, dass es drei Dinge sind, die mich positiv stimmen: erstens meine Wut auf die Russen, zweitens das große Verlangen, meinem Land zu helfen, und drittens unsere Streitkräfte, die jeden Tag tapfer für uns kämpfen. Aber ehrlich gesagt ist die Frage viel komplexer. Wahr ist vielmehr, dass ich eigentlich nicht weiß, was mir hilft, stark zu bleiben. Ich denke, ich habe großes Glück, denn wir befinden uns an einem mehr oder weniger sicheren Ort, ich habe immer noch ein Zuhause, meiner Familie geht es gut, und ich habe niemanden unter meinen Lieben, der getötet oder verletzt wurde. Ich habe diese Gräuel nicht mit eigenen Augen gesehen, sondern nur auf dem Display meines Smartphones, vielleicht schützt das meinen geistigen Zustand. Ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte, wie mein Organismus versucht hätte, sich vor dem völligen Zusammenbruch zu schützen, wenn ich das alles gesehen, wenn ich es selbst erlebt hätte. Ich befürchte, dass ich wahnsinnig geworden wäre.

Unser Feind will, dass wir verzweifelt sind, dass wir Angst haben, dass wir in Panik geraten und deshalb bereit sind, um des Friedens Willen alle seine Bedingungen zu akzeptieren, der Kapitulation zuzustimmen. Wie wir aber in Butscha gesehen haben, würde eine Kapitulation immer noch den Tod für uns bedeuten, denn sie sind gekommen, um uns zu vernichten. Die Wut war also ein Mittel zum Überleben – und ist es immer noch. Wut zusammen mit einem klaren Geist. Das ist es, was auch noch nach Butscha, Irpin, Mariupol, Kramatorsk hilft. Indem sie uns all diese schrecklichen Dinge antun, gewalttätige, brutale, offensichtliche Gräueltaten, versuchen die Russen, uns einzuschüchtern, unseren Widerstand zu brechen. Aber das funktioniert bei uns nicht, denn die Ukrainerinnen und Ukrainer sind freie und mutige Menschen, wir sind keine Feiglinge oder Sklaven. Unsere Wut ist angewachsen, und mit jedem gefolterten, vergewaltigten und getöteten Ukrainer – nicht nur Menschen, sondern auch Tiere! – wird sie größer und größer.

Übersetzung: Anton Lederer

Karina Beigelzimer

„Zähle jeden Tag als ein Leben für sich“, hat Seneca einmal gesagt. Im Krieg versteht man deutlich, dass Zeit ein sehr kostbares Gut ist. Man fängt an, das Leben viel mehr zu wertschätzen als früher. Man ist dankbar selbst für die Dinge, die einem einstmals unwichtig schienen. Zum Beispiel für die Kleinigkeit eines Lächelns, für die Freundlichkeit, die einem begegnet. Das habe ich vor ein paar Tagen selbst erlebt, als ich einen kleinen Spaziergang durch die Innenstadt unternommen habe. Es war wunderschönes Wetter, und auf den Straßen hat es viel mehr Leute gegeben als noch vor zwei Wochen. Ich bin an einem Café vorbeigegangen, dort hat auf der Terrasse ein verliebtes junges Paar gesessen. Ich hatte plötzlich den Eindruck, dass alles wieder normal ist. Leben. Liebe. Glück. Dann ist der junge Mann aufgestanden und ich habe bemerkt, dass er eine Militäruniform getragen hat. Die junge Frau hat ihn gebeten, noch ein paar Minuten zu bleiben. Aber seine Antwort war: „Keine Zeit, Liebling, ich muss unser Land verteidigen“. Starke Gefühle, schwerer Abschied. Ob die beiden sich wiedersehen werden? Das weiß niemand. Und das macht dann, bei aller Freude über dieses Glück, auch gleich wieder traurig.

Ich bin weitergegangen und habe zugesehen, wie Binnenflüchtlinge Hilfe bekommen haben. In graue Gesichter habe ich geschaut. Es ist schwer vorstellbar, was diese Menschen in den letzten Tagen, Wochen erlebt haben. Ein Freiwilliger hat einem kleinen Jungen einen Teddybären geschenkt. Er hat ihn so stark umarmt, dass ich plötzlich seinen Schmerz gespürt habe. Ich bin zum Büchermarkt gegangen, das ist der Ort, wo sich viele Leute sammeln, um miteinander zu sprechen, sich auszutauschen und einander zu unterstützen. Ich habe laute Musik gehört – Lieder über den Krieg und Volkslieder. Es war ein Wohltätigkeitskonzert, an dem sowohl professionelle Musiker, als auch Laien teilgenommen haben. Musik ist wirklich ein Balsam für die Seele. Ich konnte für eine Weile alle Kriegsängste vergessen und die Kunst genießen.

Leider musste ich schon nach Hause gehen. Unterwegs habe ich starke Explosionen und den Luftalarm gehört. Ich habe auf der Straße gestanden und sehr schnell im Smartphone gesucht, wo sich der nächste Luftschutzkeller befindet. Diese unvorhersehbaren Raketenangriffe auf die Region Odessa gibt es in der letzten Zeit immer öfter. Als der Luftalarm wieder vorbei war, habe ich ein Taxi bestellt, um schnell nach Hause zu fahren. Dort waren meine alten Eltern und warteten schon unruhig auf mich. Ich wollte sie beruhigen. Dann hatten wir in Odessa eineinhalb Tage ein komplettes Ausgangsverbot. Aus Angst vor russischen Angriffen waren wir aufgerufen, bis Montagmorgen sechs Uhr nicht auf die Straße zu gehen.

Die Befürchtungen hängen mit dem Datum zusammen: Am 10. April 1944 wurde Odessa durch die sowjetische Armee von der rumänischen und deutschen Besetzung befreit. Zum Glück hatte es am Sonntag keine Angriffe auf die Stadt gegeben, nur lange Luftalarme am Tage und in der Nacht. Die neue Woche hat begonnen. Das Leben geht weiter – und die Ukraine wird gewinnen. Ich glaube fest daran.

Karina Beigelzimer

Es war eine schlaflose Nacht unter anhaltendem Luftalarm und ein schrecklicher Sonntagmorgen mit Angriffen auf meine Heimatstadt. Mein Haus zitterte, und ich auch.

Ich blieb im Flur sitzen. Ob es dort sicher ist? Auf jeden Fall sicherer als im Bett am Fenster. Ich weiß nicht genau, wie lange ich dort saß. Ich habe kein Zeitgefühl mehr. Dauert der Krieg nun schon ein bisschen länger als einen Monat? Es scheint mir, als ob mindestens ein Jahr vergangen sei. Der Krieg gehört allmählich zum Alltag, an den man sich aber nicht gewöhnen kann.

Nachdem der Fliegeralarm zu Ende war, konnte ich hinaus. Der Himmel über einigen Bezirken von Odessa war feuerrot. Nach Luftangriffen auf die Stadt gab es einige starke Brände. Schwarze Rauchsäulen und Flammen waren zu sehen.

In der Nacht gab es wieder einen Raketenangriff. Das besorgt mich sehr. wie viele Angriffe gibt es noch? Wie viele Städte werden russische Invasoren zerstören? Wie viele Leute in meinem Heimatland müssen noch sterben, bis man Putins Kriegsmaschine endlich stoppt? So viele Fragen und keine Antworten.

Ich fühle mich wie im falschen Film. Aber der Krieg ist da, und ich bin mittendrin.

Manchmal denke ich, dass es sehr gut ist, dass ich im Moment so viel arbeite, als Journalistin und als Lehrerin. Ich spreche oft mit meinen Schülern. Sie sind plötzlich so erwachsen geworden. Ich sehe viel Schmerz in ihren Augen, Angst und Verwirrung. Und einen stillen Vorwurf gegenüber der gesamten Welt, die dabei zusieht, wie ein wahnsinniger Diktator ihre Kindheit völlig zerstört.

Meine Freunde aus dem Ausland sind sehr überrascht, dass die Kinder auch im Krieg die Möglichkeit haben, den Unterricht online zu besuchen. Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung vorangetrieben, und das hilft uns sehr, den Onlineunterricht jetzt weiterzuführen.

Jede Stunde dauert 35 Minuten, danach gibt es 10 Minuten Pause. Die Kinder freuen sich sehr, einander zu sehen und zu lernen. Es ist eine große Ablenkung von Krieg, es soll den Kindern ein Stück Normalität bieten.

Olia Fedorova

Es sind schon einige Tage vergangen, seit wir uns im zweiten Monat eines ausgewachsenen Krieges befinden. Es ist eigentlich nicht meine Art, ein Resümee zu ziehen oder darüber nachzudenken, was ich in einem bestimmten Zeitraum gelernt oder verstanden habe. Ich versuche erst gar nicht, mir Klarheit darüber zu verschaffen, wie sehr sich mein Leben im Vergleich zu jenem vor dem 24.2. verändert hat. Besser ich akzeptiere die Tatsache, dass es nie mehr so sein wird wie früher.

Einige Dinge, die der Krieg in unseren Alltag gebracht hat, Dinge, die vorher schrecklich und schlicht unmöglich waren, sind so normal geworden, dass ich sie gar nicht mehr wahrnehme. Zum Beispiel der Fliegeralarm oder der Explosionslärm, das Schlafen im Keller oder die Abende in fast vollständiger Dunkelheit. Dass wir von jedem unerwarteten, auch noch so leisen Geräusch aufgescheucht werden, ist für uns jetzt auch ganz normal. Schon jetzt sagen daher viele, dass nach dem Sieg Feuerwerke in der Ukraine für immer verboten werden sollten.

Die Menschen haben angefangen, nach Charkiw zurückzukehren. Es wird erzählt, dass es an den Stadteinfahrten sogar Staus gibt. Gemeindebedienstete reinigen die Straßen und richten die städtischen Parks und Gärten für die Frühlingssaison her. Täglich wird es wärmer, die Bäume werden grün, darüber freuen sich alle, aber nicht nur deshalb, weil es Frühling wird. Grüne Blätter und grünes Gras sind die beste Tarnung für unsere Soldaten und Guerilleros, ideal für Überraschungsangriffe.

Obwohl der Beschuss andauert und in einigen Bezirken immer noch recht intensiv ist, wird den Menschen geraten, zu ihrem „normalen Leben“ zurückzukehren, zu ihrer Arbeit, ihren Familien, ihrem Alltag. Aber diese alte „Normalität“ gibt es nicht mehr, und die neue ist noch nicht erfunden worden. Viele Menschen verharren in einem Zwischenzustand, unfähig, sich in irgendeine Richtung zu bewegen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie sich Menschen fühlen, die etwas oder jemanden (oder sogar alles und jeden) verloren haben. „Versucht weiterzuleben“, rät man ihnen, und sie wissen, dass sie das müssen. Aber wie ist das möglich nach dem, was geschehen ist, und wie kann man sich das zutrauen?

Ein ukrainischer Soldat steigt aus einem Schützengraben an der Front, östlich von Charkiw. Foto: APA/AFP/Fadel Senna

Früher oder später werden wir alle diese Erstarrung abschütteln müssen, um Kraft zu finden, um unser Leben und unseren Kampf fortzusetzen, um für unser Land zu arbeiten, um die Städte instand zu setzen und wieder aufzubauen. Wir alle werden zeitlebens mit dem Trauma zurechtkommen müssen, und wir alle werden unter dem Überlebenden-Syndrom leiden.

Nun ja, ich habe im vergangenen Monat tatsächlich etwas gelernt, über die Menschen um mich herum und über mich selbst. Ich habe gelernt, dass wir Ukrainerinnen und Ukrainer wirklich eine geeinte Nation geworden sind, und ich habe das starke Gefühl, dass wir es schaffen werden, unser Land rasch wieder aufzubauen. Es heißt, dass mehr als Prozent der Ukrainer, die das Land verlassen haben, sofort zurückkehren werden, sobald es möglich ist. Und in diesen Tagen gehen wir, die Ukrainerinnen und Ukrainer, auf die Straße und helfen schon jetzt aus eigener Initiative bei der Reinigung der Straßen. Wir teilen, wir unterstützen uns gegenseitig, wir arbeiten ehrenamtlich, wir bieten kostenlose Dienste an, wir sind bereit, Fremden in Not jederzeit zu helfen, koste es was es wolle. Wir spenden unser letztes Geld für die Armee und für humanitäre Zwecke. In nur wenigen Tagen bringen wir Hunderttausende Dollar auf, um nicht nur Menschen, sondern auch Tieren zu helfen. Wir können uns rasch selbst organisieren und effektiver handeln als die größten Institutionen oder Stiftungen. Es gibt einen Witz über ukrainische Freiwillige, die alles finden können, selbst das Horn eines Einhorns – man muss dazu nur eine Anfrage auf Facebook posten. Es ist aber nicht so, dass der Krieg uns verändert hat. Er hat bloß deutlich gemacht, wie die Ukrainerinnen und Ukrainer schon immer waren.

In mir selbst konnte ich erkennen, dass ich wirklich Kraft habe, obwohl ich immer dachte, eher eine Denkerin zu sein als eine Kämpferin. Jetzt habe ich begriffen, dass auch Gedanken und Worte eine wirksame Waffe sein können. Und jetzt ist mir auch klar geworden, dass ich meine Stadt, mein Land nie verlassen werde. Es ist schwer zu erklären, es ist etwas, das man tief in sich trägt. Etwas, das der Liebe sehr ähnlich ist, die auch immer mit einem starken Verantwortungsgefühl in Verbindung steht. Ich glaube, diese Verantwortung spüren wir jetzt alle. Deshalb kann ich mein Charkiw nicht verlassen, wenngleich es möglich wäre und ich gefühlt für jedes Land und jeden Ort der Welt eine herzliche Einladung bekommen habe. Aber ich will nicht gehen. In Charkiw zu bleiben und unseren Sieg hier zu feiern, zu Hause, das ist zurzeit mein größter Wunsch.

Übersetzung: Anton Lederer

Karina Beigelzimer

„Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg“, schrieb Sigmund Freud 1932 in einem Brief. Und das stimmt. Kunst kann emotionale Wunden heilen.

Die ganze Welt hat diese Bilder gesehen. Die Barrikaden vor dem Opernhaus in Odessa. Heute öffnet das Theater wieder seine Türen. Die Schauspieler trotzen auf ihre Weise dem Krieg. Sie setzen ein kulturelles Zeichen und geben Hoffnung.

Das Opernhaus ist eine wahre Stadtkrone, auf die alle Einwohner sehr stolz sind. Das Theaterleben von Odessa zählt ebenso viele Jahre wie die Stadt selbst. Schon Ende des 18. Jahrhunderts wurden auf Ödplätzen, Märkten und in Getreidespeichern Stücke vorgeführt.

Am 10.02.1810 wurde das erste Theater feierlich eröffnet Es war ein schöner Bau, der einem antiken griechischen Tempel ähnelte. Aber 1873 fiel das Theater einem Brand zum Opfer.

Das neue Gebäude wurde von dem Wiener Architektenteam Ferdinand Fellner und Hermann Helmer entworfen. Das Opernhaus war zur Zeit seiner Eröffnung am 1. Oktober 1887 die zweitgrößte der Welt, gleich nach der Mailänder Scala. Es hat die 73 Tage der Belagerung durch die rumänische Faschistenarmee und den Zweiten Weltkrieg überstanden. Hoffentlich wird dieses wunderschöne Gebäude auch in diesem brutalen Krieg nicht zerstört werden.

Olia Fedorova

Ich werde oft gefragt, ob ich die Russen jetzt hasse. Ich sehe das so: Der Krieg unterteilt die Welt in Schwarz und Weiß, ganz ohne Grautöne – die Nuancen gehören zu den friedlichen Zeiten. Eine klare Grenze zwischen dir und dem Feind ist überlebenswichtig. Wir können in denen, die uns gerade umbringen, keine Zwischentöne erkennen. Wenn ich also gefragt werde, ob ich die Russen hasse, bin ich irritiert und wütend, weil mir klar ist, wenn ich (klarerweise) mit „Ja“ antworte, bekomme ich sofort etwas zu hören wie: „Warum? Nicht alle Russen unterstützen den Krieg!“ Ich habe jegliche Berechtigung zum Hass auf Russen. Denn ich bin es, die im Keller sitzt, während russische Bomben auf meine Stadt fallen, während meine Familie und meine Freunde in Gefahr sind oder fliehen mussten, um nicht getötet zu werden. Und ich sage „Russen“ und nicht bloß „Putin“, denn sie sind es, die Menschen in Russland, die normalen Bürger von Moskau, St. Petersburg, Wladiwostok et cetera, die Putin und seine imperialistischen Ambitionen und den gesamten kolonialistischen Diskurs des heutigen Russlands all die Jahre hindurch unterstützt haben.

Es gibt also Umstände, warum wir hier in Charkiw nichts Gutes an den Russen finden können, wie es Menschen anderswo vielleicht vermögen. Dabei geht es nicht nur um all die Lügen und die ungeheuerliche Propaganda, die in Russland verbreitet werden, und die wir unmittelbarer miterleben als Menschen anderswo, weil wir die Sprache verstehen und Zugang zu zahlreichen russischsprachigen Quellen haben. Nicht nur, weil wir hören, was sie ständig im Fernsehen über uns erzählen, uns als Nazis bezeichnen und uns die Identität und unser Recht auf ein unabhängiges Leben absprechen. Es geht nicht nur um all ihre Verbrechen am ukrainischen Volk, die von der russischen Propagandamaschinerie totgeschwiegen und verdreht werden.

Zum Beispiel behaupten sie, dass wir selbst es sind, die auf uns schießen, während die Russen gekommen sind, um uns zu retten – wahrscheinlich vor uns selbst. Es geht vielmehr auch darum, was wir von den Russinnen und Russen zu hören bekommen, die wir kennen und mit denen wir befreundet oder sogar selbst verwandt sind. Hier in Charkiw und im gesamten Osten der Ukraine, den sie derzeit dermaßen brutal zerstören, kann man kaum einen Menschen finden, der keine Verbindungen nach Russland hat.

Ein Mann fährt in Charkiw mit seinem Rad an einer gespenstischen Szenarie vorbei: Feuer und Rauch, nach einem russischen Angriff. Foto: AP/Felipe Dana

Im Jahr 2014, als der Krieg genau genommen schon losging, konnte ich selbst keinen Hass gegenüber der normalen russischen Bevölkerung empfinden. Viele Menschen in der Ostukraine hatten bis zuletzt die Illusion, dass die Russen Putin nicht unterstützen würden und dass sie Widerstand leisten würden, wenn er einen Krieg vom Zaun brechen würde.

Sie haben keine Vorstellung davon, wie viele Nachrichten meine Familie und meine Nachbarn von ihren Verwandten und Freunden aus Russland in diesen Tagen, seit dem Tag 1, erhalten, in denen diese uns, die wir uns gerade vor den russischen Raketen verstecken, unterstellen, dass wir alle lügen, dass niemand uns bombardiert, dass alle Fotos der zerstörten Stadt, die wir direkt von unseren Fenstern aus machen, gefälscht sind. Sie haben auch keine Vorstellung davon, wie viele Familien und Freundschaften durch diese Invasion zerbrochen sind, weil die Russen lieber ihrer Propaganda glauben als den denjenigen, die ihnen nahestehen (natürlich dann, wenn diese Nahestehenden Ukrainer sind).

Mein Partner Hlib hat mit seinen beiden Freunden in Russland gebrochen, zu denen er jahrelang ein sehr gutes Verhältnis hatte. Oder besser gesagt, sie haben mit ihm gebrochen, weil sie die Umtriebe ihres Präsidenten unterstützten und Hlib ihnen das einfach nicht verzeihen konnte. Ich wage auch zu behaupten, dass Hlib fast seine gesamte Familie verloren hat – Vater, Mutter, Großvater, Großmutter und die jüngste Schwester – denn obwohl sie alle in Charkiw leben, wurden sie von der russischen Propaganda, die leider in jedem Land in die Köpfe der Menschen eindringen kann, einer derartigen Gehirnwäsche unterzogen, dass sie selbst dann, als sie unter Beschuss kamen und die Explosionen rundum hörten, weiterhin leugneten, dass es Russen waren, die da auf sie schossen, Und nicht sahen, dass es Putin war, der den Befehl dazu gegeben hatte.

Beinahe hätte der Vater von Hlib die Evakuierung seiner älteren Schwester verhindert, weil er nicht wollte, dass sie in die westlichen Gebiete gelangt, die „von ukrainischen Nazis besetzt“ sind. Schließlich haben wir es geschafft, sie nach Lemberg zu bringen, sie ist in Sicherheit. Und Hlib halten sie jetzt natürlich für einen Verräter, weil er sich der ukrainischen Armee angeschlossen hat. Vor ein paar Tagen erfuhr Hlib, dass sein Vater den Rest der Familie nach Russland evakuieren will. Sie glauben immer noch, dass Russland die „Rettung“ verheißt und dass man sie dort gut behandeln wird. Seitdem haben sie nicht mehr miteinander gesprochen.

Meine Großmutter glaubt immer noch nicht, dass Russland bei uns einmarschiert ist. Sie hört die Explosionen, hat schon seit einer Woche keinen Strom mehr, weil die Leitung von einer Rakete zerstört wurde, aber als wir ihr von den russischen Truppen erzählten, fragte sie erstaunt: „Russen? Welche Russen?“ Meine Tante aus Moskau hat sich bei mir gemeldet, um mir zu sagen, wie leid ihr alles tut. Mein Vater ist auch noch immer dort. Ich mache mir Sorgen um sie, um ihre dortige Sicherheit.

Karina Beigelzimer

Karina Beigelzimer, freie Journalistin in Odessa, berichtet von ihrem Leben, das von Furcht vor dem großen Angriff der Russen geprägt ist:

Heute ist Sonntag, eigentlich ein ruhiger Tag in Odessa. Er könnte ruhig sein, ist er aber nicht, weil wir in der Nacht wieder die Luftabwehr hörten und nicht schlafen konnten. Eigentlich kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal ruhig geschlafen habe.  Auch diese Woche war es wieder unruhig. Am 21. März wurde die Stadt beschossen. Einige Häuser wurden zerstört. Fast jeden Tag kreuzen russische Schiffe vor der Küste und versuchen ab und zu die Stadt zu beschießen. Das macht Angst. Gut, dass wir bisher vor größeren Angriffen verschont wurden, aber niemand weiß, wie es weitergeht. Trotzdem herrscht wunderschönes Frühlingswetter und die Stadt erwacht. Man sieht mehr Leute auf den Straßen, aber nicht so viele Kinder. Viele Kinder haben die Ukraine verlassen. Hoffentlich kommen sie nach dem Krieg wieder zurück  –  in eine friedliche Zukunft.

Viele Geschäfte machen wieder auf, auch einige Dienstleister. Die Stadt versucht ein normales Leben zu leben. Aber ein normales Leben gibt es nicht, das hat man uns geklaut.

Ich habe das Gefühl, wir haben zwei Fronten: die erste, wo unsere mutigen Soldaten kämpfen und die zweite, das sind Menschen, die geblieben sind, weil jeder ein Kämpfer ist. Es gibt viele Freiwillige, einige sammeln zum Beispiel Sand für Sandsäcke, für die Barrikaden. Andere spenden Blut oder Geld.

Christian Wehrschütz

In Kiew ist es den Verteidigern der Stadt offenbar nicht nur gelungen, die russischen Angreifer im Norden etwas zurückzudrängen, sondern auch die Versorgungslage zu stabilisieren. Das ist daran zu erkennen, dass im Stadtzentrum zwar weiterhin alle Geschäfte geschlossen sind, dass auf der anderen Seite die Stadtverwaltung aber vier zentrale Versorgungspunkte eingerichtet hat. Diese werden auch dazu genutzt, um über freiwillige Helfer jene Menschen zu versorgen, die selbst nicht mehr einkaufen gehen können beziehungsweise bettlägrig sind.

Zweitens: Ich habe auch den Eindruck, dass bei der Versorgung mit Benzin und Treibstoff die Situation etwas besser geworden ist. Außerdem ist folgendes interessant: Am Beginn der Krise, als die zahlreichen Kontrollposten errichtet wurden und zur gleichen Zeit viele Menschen aus der Stadt geflohen sind, gab es eigentlich kaum Probleme auf den Straßen. Jetzt dagegen sieht man in der Früh oder während des Tages vor den zentralen Einfahrts- und Ausfahrtsstraßen enorme Staus – sie entstehen durch die vielen Kontrollposten. Die Stadtverwaltung sowie die Militär- und Zivilverwaltung von Kiew wollen daher, wie es heißt, diese Sperren „optimieren“. Das wäre auch wichtig – sonst ist das für die Bevölkerung ein kaum haltbarer Zustand.

Das Stadtzentrum selbst ist zu späterer Stunde praktisch leer. Ganz wenige Personen sind überhaupt auf den Straßen zu sehen. Aber an sich ist hier in Kiew die Situation eher stabil. Die Ausfahrtsstraße nach Süden ist nach wie vor offen. Die Stadtverwaltung schätzt, dass von den mehr als 3,5 bis vier Millionen Einwohnern, die vor Beginn des russischen Großangriffs in der Stadt und deren unmittelbaren Umgebung waren, noch etwa 1,8 Millionen geblieben sind. Das ist ein massiver Aderlass, der andererseits aber natürlich die Versorgungsherausforderung leichter macht. Gemessen wird die Zahl der Einwohner derzeit auf indirektem Weg, durch die Nutzung von Mobiltelefonen.

Christian Wehrschütz

Christian Wehrschütz ist wieder in die Ukraine zurückgekehrt, nachdem er in der Vorwoche über Ungarn nach Serbien ausgereist war, wo Bundeskanzler Karl Nehammer in Belgrad die serbische Staatsspitze getroffen hatte:

Wir sind wir wieder in der Ukraine angekommen. Genauer gesagt in Uschhorod, im Dreiländereck zwischen der Ukraine, Ungarn und der Slowakei. Interessant ist ein Vergleich der Grenzübergänge. Bei der Ausreise vor ein paar Tagen nach Ungarn haben wir einige Autobusse und Pkws gesehen, aber keine großen Warteschlangen. Was nicht zu bemerken war, waren größere Zeltstädte oder Auffanglager für Flüchtlinge. Dieser Grenzübergang wird von Personen genutzt, die mit dem Auto aus- und weiterreisen.

Bei der Einreise in die Ukraine über die Slowakei war die Situation anders. Auf der slowakischen Seite sahen wir aufgebaute Zeltlager. Als wir wegen bürokratischer Hürden eine Stunde an der Grenze verbrachten, sahen wir 30 bis 40 Menschen ankommen – natürlich hauptsächlich Frauen und Kinder. Männer waren nicht dabei. Im wehrfähigen Alter dürfen sie die Ukraine derzeit nicht verlassen.

Uschhorod selbst ist eine Drehscheibe für humanitäre Hilfe. Die österreichische Botschaft hat dort nach wie vor eine Außenstelle mit Vertretern des Innenministeriums und des Bundesheers. Sie haben die Aufgabe Österreicher, die noch hier sind, sicher über die Grenze zu bringen und Evakuierungsrouten zu planen. Die Stadt ist voll belegt, die Hotels haben keine freien Betten. Auf 115.000 Einwohner kommen 30.000 Flüchtlinge. Von hier aus werden Hilfsgüter in andere Landesteile verteilt – auch für Vierbeiner. Wir waren in einem Tierasyl, dort stapelt sich Trockennahrung. In den ersten 20 Kriegstagen wurden insgesamt schon fast 20 Tonnen an Hilfsgütern für Tiere weitergeleitet in andere Landesteile.

Insgesamt ist es den Russen bisher nicht gelungen die ukrainischen Truppen im Osten einzukesseln. Es gab vermehrt Angriffe auf zivile Ziele in Kiew, die als Druckmittel gegen Präsident Selenksyj gesehen werden können. Ein Brennpunkt bleibt weiterhin Mariupol. Die Stadt ist wichtig, weil man durch die Eroberung einen weiteren Seehafen hätte und weil man Kräfte freibekommen würde.

Olia Fedorova

Vor etwa zwei Wochen hat sich Hlib, mein Freund, den Truppen der Territorialverteidigung angeschlossen. Seitdem habe ich ihn nur zwei Mal gesehen, jeweils nur für ein paar Minuten, wenn meine Mutter und ich hinfuhren, um ihm und seinen Kameraden Verschiedenes zu bringen und Hlib es entgegennahm. Derzeit ist er auf dem Militärstützpunkt und absolviert eine Ausbildung bei einer neu gebildeten Einheit.

Er darf natürlich keine Angaben über ihren Aufenthaltsort machen oder Details ihrer Aufgaben verraten. Ich selbst weiß nur so viel, dass er zum Hilfsgrenadier ernannt wurde und dass die Hauptaufgabe seiner Einheit höchstwahrscheinlich darin besteht, in der Stadt zu patrouillieren und feindliche Fahrzeuge auszuschalten, falls sie es abermals wagen sollten, in die Stadt einzudringen, so wie am 4. Tag. Außerdem wechseln sie alle fünf bis sieben Tage ihren Standort, um nicht aufgespürt zu werden. Sollte ihr Standort bekannt werden, könnte der Feind sie nachts beschießen, das ist bei anderen Militärstützpunkten schon passiert, und viele Soldaten wurden dadurch im Schlaf verletzt oder gar getötet.

Ein ukrainischer Soldat - nicht Hlib - auf seinem Posten in Charkiw. Foto: AP/Andrew Marienko

Hlib wusste seit November, dass er sich den Truppen anschließen würde. Für den Kriegsfall hatten wir einen Plan gefasst, den wir aber dann nicht umsetzten konnten. Demnach würde er mich, meine Mutter, meine Katzen und die wichtigsten Dinge nach Westen bringen, dann würde er zurückkommen und kämpfen. Als der Krieg am 24. Februar mit voller Wucht ausbrach, war ihm klar, dass er eigentlich sofort losfahren sollte, aber in der ersten Woche mussten wir im Keller bleiben, weil der Beschuss zu heftig war. Am Wichtigsten war ihm natürlich, dass ich, meine Mutter und seine Schwester in Sicherheit waren. Jeden Tag rief er nun im Büro der Territorialverteidigung an, und jeden Tag bekam er zu hören, dass keine Plätze mehr frei sind. Das stimmte tatsächlich, in der ersten Woche gab es lange Schlangen von Freiwilligen, die bereit waren, für ihre Heimat zu kämpfen. Ich glaube ohne weiteres, dass sich der Territorialverteidigung inzwischen 150.000 bis 200.000 Freiwillige angeschlossen haben. In Charkiw mussten sogar Leute zurückgewiesen werden, weil die Stützpunkte nicht genug Waffen für alle hatten. Aber schließlich konnte Hlib dann doch der zusätzlich gebildeten Einheit beitreten. Er ist sehr stolz darauf, dass er dazu beitragen kann, die Ukraine zu schützen, seine Familie zu schützen und seine eigene Identität und Freiheit zu schützen, die Russland uns allen nehmen will. Und ich bin auch sehr stolz auf ihn.

Natürlich habe ich Angst, dass er dort ums Leben kommen könnte. Davor habe ich jeden Tag Angst. Aber die Sache ist so, dass man hier in Charkiw nirgendwo sicher sein kann, egal wo man ist. Ich selbst, meine Mutter und unsere Nachbarn können jeden Moment durch eine Rakete sterben, die auf unser Haus abgefeuert wird. Hlib kann durch eine feindliche Kugel sterben oder auch, wenn jemand den Standort der Einheit verrät und die Russen sie beschießen. Mir scheint, wir sind an einem Punkt angelangt, an dem der Tod nicht mehr etwas Ungewöhnliches oder Unbekanntes ist, vor dem man sich fürchten müsste – er ist allgegenwärtig, schleicht herum, nähert sich für eine Weile und entfernt sich dann wieder.

Früher hatte ich Angst vor dem Tod, und ich hatte Angst davor, dass meine Liebsten sterben könnten. Und ich kann nicht behaupten, dass ich keine Angst mehr habe, die habe ich immer noch. Aber ich denke, wir haben hier mittlerweile gelernt, mit dieser Angst umzugehen. Wir haben uns mit ihr angefreundet.

Übersetzung: Anton Lederer

Karina Beigelzimer

Karina Beigelzimer, freie Journalistin in Odessa, erzählt, wie die Bewohner der Hafenstadt im Süden der Ukraine sich auf den russischen Angriff vorbereiten:

Der Luftalarm wird immer länger. Sehr, sehr oft in der Nacht. Gestern erreichten die Sirenen mit fünf Stunden den bisherigen traurigen Rekord. Es ist grauenhaft, wenn man von diesen geweckt wird und losrennen muss. Dazwischen Schüsse und Explosionen. Ich hasse Panik. Aber oft kommt sie trotzdem.

Es mag sein, dass es in unserer Stadt früher einige gegeben hat, die mit Putin sympathisierten. Das ist jetzt vorbei. Es war nicht sein Ziel – aber wir sind nach diesen Angriffen jetzt als Ukrainer geeint und werden unsere Stadt verteidigen – alle packen mit an.

Olia Fedorova

Als die dritte Kriegswoche anbrach, stellte ich fest, dass wir in eine neue psychologische Phase eingetreten sind. Ich habe dazu ein wenig nachgelesen, demnach ist es normal, dass die psychische Gesundheit bei einem derart großen und lange anhaltenden Stress verschiedene Höhen und Tiefen durchläuft. Und genau das ist es, was wir jetzt fühlen. Nach der Euphorie und dem Adrenalinschub der ersten Wochen, als sich die Ereignisse überschlugen und jeder weitere große Erfolg unserer Armee eine riesige Überraschung und Freude für uns war, sind wir nun vor allem eines, sehr erschöpft. Und selbst die Siege, die unsere Soldaten immer wieder erkämpfen, wurden ein wenig zur Routine. Nein, wir sind immer noch stolz und glücklich über jeden Erfolg, von dem wir hören. Aber wir erwarten das Eintreten eines großes Ereignisses, etwas, das in der Lage ist, diesen Krieg zu beenden, oder uns zumindest ein Zeichen gibt, wann er zu Ende gehen wird.

Währenddessen hat unser Feind nicht aufgehört, uns zu bombardieren, und so schmerzt uns jede weitere Nachricht über ein zerstörtes Gebäude oder getötete Menschen immer wieder aufs Neue. Wir sind es leid, all die Todesfälle und Zerstörungen zu sehen, auch wenn selbst wir sie nur auf den Bildschirmen unserer Geräte wahrnehmen. Je länger dieser Krieg dauert, je heftiger die russische Artillerie und die Luftwaffe ihre Angriffe fortsetzen, desto mehr wächst in uns die Angst, dass es uns eines Tages erwischt – eine quälende und hartnäckige Angst. Ich merke es am Verhalten unserer Nachbarn, sie reagieren jetzt auf manche Dinge viel emotionaler als noch zu Beginn der Invasion. Wir versuchen, nicht darüber nachzudenken, was wir tun werden, wenn das nächste Gebäude, das von einer Rakete getroffen wird, unser eigenes Haus sein sollte.

Rettungskräfte versuchen in Charkiw einen Körper - unklar, ob tot oder lebendig - aus den Trümmern zu bergen. Foto: AP/Pavel Dorogoy

In den letzten zwei oder drei Tagen hat der Beschuss an Intensität zugenommen. Es scheint so, dass das auf gewisse Weise mit den Verhandlungen zusammenhängt, die gerade stattfinden. Ähnliches ist auch schon zuvor passiert, gerade an den Verhandlungstagen ist die Zahl der Raketen, die aus heiterem Himmel auf uns niedergingen, ziemlich angewachsen. Und vor zwei Tagen, gerade als wir uns im Keller zum Schlafen bereitmachten, hörten wir sehr laute Explosionen in kurzer Folge. Das war gefühlt direkt über uns, selbst die Wände unseres Bunkers wackelten. Wir schnellten von unseren Matratzen hoch und rannten in die unterste Etage des Kellers. Dort verharrten wir, erstarrt vor Schreck, und blickten gebannt nach oben. Wir waren sicher, dass es diesmal in unserem Haus eingeschlagen hatte.

Alle waren absolut still und warteten auf etwas, egal was. Nachdem von draußen nichts mehr zu hören war, kehrten wir langsam und vorsichtig in den oberen Teil des Kellers zurück, um im Internet Nachschau zu halten und die Neuigkeiten in den lokalen Telegram-Gruppen zu verfolgen. Wir stellten fest, dass der große historische Markt, der nur 100 Meter von unserem Haus entfernt liegt, getroffen worden war und das dort Feuer ausgebrochen war. Unsere Nachbarn trauten sich nachzusehen, ob ihre Fenster im 3. Stock noch vorhanden waren. Sie erzählten dann, dass der Rauch des Feuers über dem gesamten Viertel lag. Eine Frau versuchte verzweifelt, ihren Großvater zu erreichen, der in dieser Gegend wohnte, aber er meldete sich nicht. Sie brach in Tränen aus und wurde dann regelrecht hysterisch, als er endlich ans Telefon ging und sagte, er sei nur eine rauchen gegangen und habe sein Handy nicht mitgenommen. Ich nahm auch wahr, wie die Schultern und Hände meiner Mutter danach zitterten. Da begriff ich, wie nahe wir alle dem Zustand der totalen Panik waren.

Und dann gab es keinen Strom mehr. Wir fanden heraus, dass es mit Reparaturarbeiten zusammenhing. Die Rakete hatte auch die Leitungen beschädigt. Die Stadtverwaltung teilte uns mit, dass wir zwei Tage lang keinen Strom und keine Heizung haben würden. Das war ein Moment, in dem ich selbst Panik verspürte, denn keinen Strom zu haben bedeutet auch, kein Internet und keine Handyverbindung zu haben. Von der Außenwelt abgeschnitten zu sein, nicht in der Lage zu sein, meine Liebsten anzurufen und herauszufinden, ob sie noch am Leben sind, und ihnen zu sagen, dass ich selbst noch am Leben bin – wie das 300.000 Menschen in der Stadt Mariupol gerade durchmachen! – ich glaube, davor fürchte ich mich am meisten. Zum Glück war der Strom schon früher wieder hergestellt. Ich war noch nie so glücklich, dass ich mein Handy aufladen konnte. Wenn der Krieg vorbei ist, werde ich unseren kommunalen Diensten niemals wieder vorwerfen, etwas falsch gemacht zu haben.

Übersetzung: Anton Lederer

Christian Wehrschütz

Die Geburtsklinik in Uschhorod im Westen der Ukraine ist ein Ort, an der sich die Folgen des Krieges festmachen lassen. In einem Raum liegen drei Frühgeburten, ein Baby wiegt nur 650 Gramm. Die Mutter des Kindes ist aus Kiew geflüchtet. Stepan Bogdan, der diensthabende Arzt sieht nun öfters Frühgeburten: „Bei den Frauen haben sich gewisse Vorbedingungen verändert. Dazu zählen die extragenitale Pathologie, die Fähigkeit, das Kind auszutragen, sowie Probleme beim Gebärmutterhals. Das gab es früher nicht“, erzählt er.

Uschhorod zählt 115.000 Einwohner; hinzukommen nun 30.000 Flüchtlinge. Der Ort liegt im Dreiländereck in der Nähe von Ungarn und der Slowakei. Viele Flüchtlinge sind privat untergebracht oder wohnen in Hotels, einige auch in Aufnahmezentren, wie etwa in der Sporthalle. In zwei Sälen sind mehr als 300 Personen untergebracht, darunter 30 Kinder. Andere wiederum Schafen in den Schulen. „Unsere Schulen und Kindergärten sind derzeit zu, weil wir kommende Woche zum Fernunterricht übergehen werden. In diesen Unterricht sollen auch alle Kinder eingebunden werden, die zu uns geflohen sind“, erzählt Andrij Boghdan, der Bürgermeister von Uschhorod.

Hilfe leistet auch das Rote Kreuz, das hier Kleiderspenden verteilt. Die Sachen stammen zum einen Teil aus Spenden von Bewohnern der Stadt, aber auch von privaten ausländischen Helfern und internationalen Organisationen. Doch was wird eigentlich am dringendsten benötigt? „Medikamente und Bettzeug, vor allem Matratzen und Kopfpolster“, meint Valentina vom Roten Kreuz.

Viele Flüchtlinge in Uschgorod hoffen, dass der Krieg nicht bis in den äußersten Westen der Ukraine vordringt. Sie wollen den Konflikt aussitzen: „Wir hoffen auf Rückkehr, wenn sich die Lage beruhigt hat“, sagt Viktoria. Sie ist aus dem Landkreis Donezk geflohen. Zwei Tage lang war sie mit zwei Freundinnen und den Kindern unterwegs. Mitnehmen konnte Sie nur das Nötigste: Schuhe und warme Kleidung. Ihr Mann ist Bergarbeiter, ihn musste sie zurücklassen.

Christian Wehrschütz

Die Situation der Journalisten ist schwierig – und zwar aus mehreren Gründen. Einerseits ist ein Vordringen in die Kriegsgebiete extrem risikoreich. Das hat man auch am Tod des US-Journalisten gesehen, der auch auf Leichtsinn zurückzuführen ist. Denn, wer ohne irgendwelche Regeln zu beachten auf einen russischen Kontrollpunkt zufährt, und sich auch nicht als Presse ausweist, der muss damit rechnen beschossen zu werden. Die Nervosität auf der ukrainischen Seite wird zudem immer größer. Auch wenn das Interesse hier größer ist, zu berichten. Das Misstrauen, die Angst, die Vorbehalte gegenüber Journalisten sind auch hier groß. Wenn man etwa zu drehen beginn, kommt bestimmt rasch eine Kontrolle. Meistens läuft das höflich ab und wenn man Glück hat, trifft man auf Polizisten, die auch ausgebildet sind. Aber ganz generell sieht man, unter welch enormer Spannung das Land steht und das schlägt sich natürlich auch auf die Arbeit von Journalisten nieder.

Anderseits ist dieser Konflikt auch ein Krieg, der medialen Charakter hat. Das haben wir in dieser Form noch nie so gesehen. Das betrifft den Kampf um die Beeinflussung der öffentlichen Meinung und auch die Flut an Meldungen, die etwa auf Telegram-Kanälen ausgespielt wird. Der US-Journalist war noch keine Stunde tot, da hatten wir schon Videos mit Stellungnahmen von Polizisten vor Ort und seinem verletzten Kollegen. Das sind die Schattenseiten des heutigen Journalismus. Doch noch nie haben wir so viel in Echtzeit erfahren.

Zerstörte Brücke in Irpin. In dieser Stadt nordwestlich von Kiew wurde US-Journalist Brent Renaud erschossen. Foto: AFP/Dimitar Dilkoff

Im Ö1-Morgenjournal spricht Christian Wehrschütz heute über den Angriff eines militärischen Ausbildungszentrums am Wochenende knapp an der Grenze zu Polen:

Der Angriff war natürlich auch eine Warnung an die NATO, aber man darf nicht vergessen, dass die Waffen aus dem Westen über dieses Ausbildungszentrum führen. Das war ein klarer Schlag gegen die Söldnerbewegung und den Waffennachschub für die Ukraine.“ Für Zivilisten in der Stadt Mariupol ist die Lage katastrophal – nach wie vor. Der ukrainische Präsident steckt in einem Dilemma: Gibt er die Stadt auf kann er womöglich Menschenleben retten, dies würde aber ein Vorrücken der Russen beschleunigen.

Olia Fedorova

Viele Leute fragen mich, wie wir hier überleben, ob wir genug Essen, Wasser und andere notwendige Dinge haben. Und es ist ein bisschen seltsam für mich, wenn ich antworte, dass wir eigentlich alles haben. Ich wette, die Leute glauben mir nicht. Und es gibt einen Grund dafür, dass sie mir nicht glauben, denn ja, es stimmt, für Tausende meiner ukrainischen Landsleute in verschiedenen Städten ist die Situation im Moment wirklich extrem schwierig. Vor allem in jenen Städten, die von russischen Truppen blockiert werden, wo niemand hinein- und niemand hinausgelassen wird, wie in Mariupol und Wolnowacha.

Auch in meiner Heimatstadt Charkiw gibt es viele Stadtteile, in denen durch den Beschuss die Infrastruktur unterbrochen wurden, sodass die Menschen ohne Wasser und Strom auskommen mussten. Ich betrachte mich und meine Nachbarn als Glückspilze, denn in unserer Gegend haben wir so etwas noch nie erlebt. Und ich hoffe, wir werden es auch nie erleben.

Das Erstaunliche ist, dass die kommunalen Dienstleistungen unserer Stadt unter diesen schwierigen Bedingungen immer noch funktionieren, und zwar rund um die Uhr, selbst während russische Raketen niedergehen. Alle geben ihr Bestes, um die Schäden an der Infrastruktur so schnell wie möglich zu beheben. Meine Großmutter zum Beispiel, die im Stadtteil Saltivka wohnt, einem sehr bevölkerungsreichen und im Moment am stärksten bombardierten Stadtteil, hatte drei Tage lang keinen Strom, aber heute ist alles wieder repariert worden. Wir sehen auch häufig Arbeiter der städtischen Betriebe, die Straßen reinigen, und vor ein paar Tagen haben wir Schneefräsen gesehen.

Sogar unser Müll wird wie üblich abgeholt. Das alles überrascht uns sehr und macht uns sehr stolz auf unsere Stadt. Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung sagen, wenn Russland ihnen nicht erlaubt, Charkiw sauber zu halten, werden sie nach Moskau gehen und ihnen dort in den Hintern treten. Ein interessanter Ansatz.

Auch die Supermärkte haben offen, zwar nicht den ganzen Tag, aber Lebensmittel und alles Wesentliche sind erhältlich. Morgens wird frisch geliefert, also muss man wirklich früh hingehen und sich anstellen, denn wenn man zu spät kommt, besteht die Gefahr, dass nichts mehr da ist. Wir sind mehrmals zusammen mit Nachbarn einkaufen gegangen und haben Lebensmittel für alle besorgt, um sie anschließend zu verteilen. Meine Mutter ist fleißig am Kochen und versorgt uns mit Gerichten, die ich seit meiner Kindheit – oder zumindest seit ich zu meinem Freund gezogen bin – nicht mehr gegessen habe. Und das macht mich dann richtig glücklich.

Durch russischen Beschuss schwer beschädigtes Wohnhaus in Charkiw. Foto: AFP/Sergey Bobok

Leider können wir einige Stadtteile und die dortigen Supermärkte nicht mit dem Auto erreichen, weil wir auf der anderen Seite des Flusses wohnen und auf vielen wichtigen Brücken Barrikaden errichtet wurden, um eine feindliche Invasion zu verhindern. Aus diesem Grund ist es besser, sich in einigen Teilen der Stadt zu Fuß fortzubewegen. Aber wir sind recht zufrieden mit dem, was wir in der Nähe unseres Hauses haben. Etwas, das ich wirklich vermisse, ist, dass wir nicht in den Botanischen Garten gehen können, wo es eine Quelle mit sehr sauberem Wasser gibt. Wir wollten dort viele Flaschen abfüllen, um hier bei uns alle über einen längeren Zeitraum versorgen zu können. Aber wir können immer noch Wasser aus dem Supermarkt holen, und wir haben auch einen kleinen Wasserfilter in unserer Wohnung. Den hat unser Freund Andriy mitgebracht, der die ersten sieben Tage bei uns im Keller gewohnt hat und dann mit seiner Freundin nach Lemberg geflüchtet ist.

Außerdem gibt es noch die humanitäre Hilfe, die recht gut in der Stadt verteilt ist. Man bekommt dort Brot, frisches Wasser und verschiedene Lebensmittel. Am einfachsten ist es, zu einer U-Bahn-Station zu gehen, aber auch in Schulen, Postämtern und einigen Verwaltungsgebäuden wird diese Hilfe verteilt. Meine Großeltern gehen oft in die nächstgelegenen Schulen, um Hilfe in Empfang zu nehmen, beim letzten Mal bekamen sie Packungen mit tiefgefrorenen Knödeln und sogar Fleischpalatschinken (in der Ukraine Nalysnyky oder auch Mlyntsi genannt). Brot bäckt meine Großmutter selbst, sie hat ein kleines Backrohr. Meine Mutter hat sie vor zwei Tagen besucht, und Oma hat uns mehrere selbst gebackene Brote mitgegeben.

Ich habe zwei Omas und zwei Opas, sie alle leben in dem Viertel, das seit Beginn der Invasion so stark bombardiert wird, aber keiner von ihnen will weg. Sie haben Autos und meine beiden Großväter können Auto fahren. Sie sind alle gesund und bei vollem Verstand, dennoch haben sie beschlossen zu bleiben. Wir können uns ihre Entscheidung nicht ganz erklären, aber wir haben aufgegeben, sie zu überreden. In gewisser Weise ist es durchaus verständlich, warum jemand in seinem eigenen Haus, auf seinem eigenen Stück Land bleiben will und warum man Angst davor hat, woanders hinzugehen. Mein Freund, meine Mutter und ich, wir haben unsere eigenen Gründe, warum wir nicht weggehen. In diesen Tagen erfordern beide Entscheidungen viel Kraft und Mut: zu bleiben oder zu flüchten.

Übersetzung: Anton Lederer

Christian Wehrschütz

In Bila Zerkwa gibt es noch eine intakte Fleisch- und Wurstfabrik: Die übrigen Fabriken des Unternehmens sind nicht mehr in Betrieb. Hören Sie im Audio, unter welchem Umständen in der Ukraine noch gearbeitet werden kann um die Versorgung sicherzustellen.

Christian Wehrschütz gibt im Ö1-Morgenjournal ein Update aus der Krisenregion:

In der Ukraine ist der zynische Vorschlags Putins, die Flüchtlinge über Korridore nach Russland oder Belarus aus der Gefahrenzone zu bringen, negativ aufgenommen worden. Man befürchtet, dass es für antiukrainische Propaganda in Weißrussland und in Russland verwendet werden könnte – im Sinne von „Seht, die Ukrainer fliehen zu uns nach Weißrussland und Russland und nicht auf ihr eigenes Territorium“. Die Hoffnung der Ukrainer ist unterdessen sehr gering, den Präsidenten auf diplomatischem Wege zum Einlenken zu bewegen und hier etwas Tiefgreifendes zu erreichen. Die russische Seite wäre ja nur zu einem Waffenstillstand bereit, wenn der Verlust der Krim sowie die Unabhängigkeit der Separatistengebiete von Donezk und Luhansk anerkannt würden und es zu eine Entmilitarisierung der Ukraine käme.  Die nächste Frage wäre: Was ist mit Kriegsentschädigungen? Russland hat Milliardenschäden in der Ukraine mit dem Bombardement angerichtet. Da muss man sich schon fragen, wie das weitergehen soll.

Das hochrangige Treffen zwischen dem ukrainischen Außenminister Kuleba und dem russischen Außenminister Lawrow, das für den 10. März unter der Vermittlung der Türkei geplant ist, ist natürlich ein gutes Zeichen. Das wäre ein Hoffnungsschimmer im Vergleich zu den Gesprächen, die wir bisher hatten.

Christian Wehrschütz

Christian Wehrschütz berichtet im Ö1-Morgenjournal von der aktuellen Lage vor Ort:

Es war eigentlich nicht schwer, in die Stadt Kiew hineinzukommen. Wir hatten nur wahnsinnig viele Straßensperren und Kontrollposten, die Dokumente kontrolliert und Akkreditierungen überprüft haben. Rein- und Rauskommen in die Stadt war derzeit also nicht schwierig, wohlwissend, dass die russischen Truppen auch der südlichen Hauptverbindungslinie von Kiew immer näher kommen. Wer für das Scheitern der humanitären Korridore am Wochenende verantwortlich ist, ist unterdessen schwer zu beantworten. Ich habe nur meine Zweifel, ob ein großes Interesse an einem derartigen humanitären Korridor insgesamt besteht, weil das bedeutet, dass ich Staatsbürger verliere, wenn die Städte erobert sind. Und wenn auf der anderen Seite in den Städten nur mehr die bleiben, die kämpfen wollen, dann würde das auch dem Angreifer die Lage erleichtern.

Wehrschütz zur Lieferung von Kriegsgerät in die Ukraine:

Die Lieferung an sich ist nicht so schwierig, was panzerbrechende Waffen und Luftabwehrraketen betrifft. Aber es ist etwas anderes, mit Flugzeugen zu operieren, die ja von irgendwo starten müssen. In dem Augenblick, wo ein solches Kampfflugzeug mit einem ukrainischen Piloten zum Beispiel in Polen startet, bedeutet das eine klare Teilnahme am kriegerischen Konflikt. Das wäre eine massive Bedrohung für Polen, daher schreckt das Land davor auch zurück. Aber das große Problem der ukrainischen Verteidiger ist die klare Unterlegenheit in der Luft.

Christian Wehrschütz

Kiew bereitet sich immer mehr auf den russischen Angriff vor, das ist klar sichtbar, wenn man in die Stadt hineinfährt, so wie wir das heute getan haben. An den Einfahrtsrouten gibt es überall Straßensperren, Panzerigel, Sandsäcke, Betonblöcke – man kann nur sehr langsam fahren.

Am zentralen Platz von Kiew, dem Maidan, befüllen Freiwillige Sandsäcke, um die Eingänge in die U-Bahn-Schächte damit zu sperren. Ansonsten ist die Gegend weitgehend menschenleer, Geschäfte verwaist, Banken geschlossen, die Atmosphäre ist gespenstisch.

Kiew, die Hauptstadt der Ukraine, riegelt sich ab. Foto: AFP/Genya Savilov

Wir haben mit Leuten gesprochen, die hier bleiben. Das sind unter anderen jene, die damit rechnen, dass die ukrainische Armee diesen Kampf gewinnen wird, aber auch Personen, die einfach nicht rauskomme, der Sohn oder die Tochter behindert sind oder Verwandte alt sind. Manche leben in Tiefgaragen im zweiten Untergeschoss. Dort sind ein paar Sessel und Heizstrahler aufgestellt, man hat sich einigermaßen eingerichtet und kann hier sicher noch eine Zeit lang aushalten.

Generell ist klar, die Stadt bereitet sich auf den Kampf vor. Ob, wann und wie der stattfindet, ist derzeit offen. Besonders schwierig ist die Versorgungslage mit Medikamenten, vor allem Menschen mit chronischen Erkrankungen.

Olia Fedorova

Der zehnte Tag des Krieges neigt sich dem Ende zu. Eigentlich habe ich schon aufgehört, die Tage zu zählen, ich weiß kaum noch, welchen Wochentag wir haben. Zum Glück war dieser Tag und der vorherige etwas ruhiger als sonst. Wir verbrachten sogar die meiste Zeit in unserer Wohnung und nicht im Schutzraum. Und wenn wir die nahen Explosionen hörten, rannten wir nur selten die Treppe hinunter, sondern bloß in den Gemeinschaftsflur unseres Hauses. Die Wände dieses Gebäudes sind ziemlich dick, und wir fühlen uns auf eine Art geschützt. Wir erinnern uns jedoch immer an die „Zwei-Wände-Regel“, die heutzutage alle Ukrainer im Schlaf können. Sie besagt, dass man mindestens zwei Wände zwischen sich und der Rakete haben muss, wenn das Haus getroffen wird.

In der Nacht des neunten Tages beschlossen wir, zu Hause zu bleiben und in unseren Betten zu schlafen, aber um 2 Uhr nachts wurden wir von sehr lauten Explosionen geweckt. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich meine Schuhe angezogen habe, meine Sachen genommen habe und in den Schutzraum gerannt bin, ich weiß nur, dass ich dort sofort wieder eingeschlafen bin. In diesen Nächten habe ich keine Träume, weder gute Träume noch Albträume.

Ich vermisse die Stille, und zwar diese tiefe Ruhe, bei der man nicht erwartet, dass etwas Schreckliches geschieht. Hier trauen wir der Stille nicht mehr. Kaum hören wir dann Explosionen, fragen wir uns sofort, ob alles in Ordnung ist oder eben nicht. Ich höre die Geräusche der Explosionen und die Geräusche eines herannahenden Kampfflugzeugs in jedem anderen Geräusch, in einer eingeschalteten Klimaanlage, im Wasser, das aus dem Hahn fließt, in den Geräuschen unserer Nachbarn, die wir in den Fluren oder auf dem Hof hören. Manchmal hört sich mein eigenes Blut, das in meinem Kopf pulsiert, wie ein entferntes Bombardement an.

Eine Frau im Innenhof eines zerbombten Gebäudes. Foto: AP/Andrew Marienko

Aber auch in unserem Keller ist es still. Viele Nachbarn sind weggegangen, mit Autos, mit Zügen, mit Bussen. Einige sind zum Bahnhof gefahren und dann wieder zurückgekommen, weil sie es nicht in den Zug geschafft haben und sich nach dem Albtraum der erdrückenden Menschenmenge weigerten, es noch einmal zu versuchen. Anstelle derjenigen, die weggegangen sind, kamen einige neue Leute an, Verwandte und Freunde unserer Nachbarn, die aus noch gefährlicheren Gebieten geflohen sind. Sie verbringen einige Zeit bei uns und setzen dann ihre traurige Reise in den Westen fort. Sie alle sagen, dass wir in unserem Keller luxuriöse Bedingungen haben, im Vergleich zu dem, was sie in ihren früheren Unterkünften erlebt hatten.

Mir ist aufgefallen, dass diese Menschen nicht einfach auf unseren Decken liegen, sie bleiben sitzen, auch wenn viel Platz vorhanden ist, obwohl ich sehe, wie müde sie sind. Ich sah ein Kind, das auf dem Schoß seiner Mutter schlief, die beiden wagten nicht, sich auf unsere Decken zu legen, obwohl wir sie allen gleichermaßen anboten. Ich weiß nicht, warum das so ist. Vielleicht können sie immer noch nicht glauben, dass sie jetzt in Sicherheit sind. Ich frage mich, ob sie dazu jemals in der Lage sein werden. Und ich weiß auch nicht, ob ich dazu in der Lage sein werde. Ich fühle mich so ungeschützt, so nackt in meinem eigenen Haus.

Ich ziehe mich vor dem Schlafengehen nicht einmal aus, ich ziehe nur meine Schuhe aus. Ich habe Angst, mit meinen Kopfhörern Musik zu hören, einen Film anzuschauen, Angst zu duschen oder mir einfach nur das Gesicht zu waschen und die Zähne zu putzen. Weil ich Angst habe, die Geräusche eines herannahenden Kampfflugzeugs oder die Geräusche der näher kommenden Explosionen zu verpassen. Ich bevorzuge jetzt die Stille – aber wenn sie zu lange andauert, macht mir das noch mehr Angst.

Übersetzung: Anton Lederer

Christian Wehrschütz

In der Ukraine nehmen die Flüchtlingsströme immer weiter zu, je näher die Front Richtung Kiew rückt. Wir sind heute von Bila Zerkwa nach Süden gefahren, weil wir ein Auto treffen wollten, das uns von Wien Ausrüstung des ORFs mitgebracht hat. Wir haben unzählige Autos gesehen, mit der Aufschrift „Kinder“ – eine Bitte nicht angegriffen zu werden. Ganze Familien fliehen, wir haben endlose Kolonnen gesehen.

Christian Wehrschütz

Die Kämpfe gehen auch am Tag neun weiter – besonders in Mariupol. Dort haben die prorussischen Separatisten und die russischen Truppen die größten Erfolge erzielt, weil man eine Linie herstellen konnte, von der Halbinsel Krim bis zu ehemaligen Kontaktlinie.

Derzeit bleiben wir auf jeden Fall in der Ukraine und auch an unserem Standort in Bila Zerkwa, zu Deutsch Weißkirchen. Wir sehen keinen Grund, den Ort zu verlassen. Man hat zwar den Eindruck, dass die russischen Streitkräfte auch in Richtung Süden abzielen. Es könnte sehr bald sein, dass Odessa ein richtiger Kriegsschauplatz wird. Im Norden wird versucht, von Charkiw aus weiter vorzudringen, um den Druck auf Kiew zu erhöhen. Was nicht wirklich gelungen ist, ist näher an die Hauptstadt heranzurücken. Auch der Konvoi scheint noch nicht weitergekommen zu sein. Es gibt offenbar die Bereitschaft, nach Süden hin einen Korridor offenzulassen, damit die Menschen fliehen können. Aber irgendwann wird auch dieser Korridor zugehen und dann wird ein großer Angriff erfolgen.

Ich bin natürlich nicht in Saporischschja, aber die Vorfälle dort waren auch für uns erschreckend. Ob das ein gezielter Angriff war, bleibt fraglich. Aber ich glaube nicht, dass die russische Artillerie so präzise ist. Außerdem glaube ich noch weniger, dass russische Kompanie-Kommandanten Selbstmörder sind. Wenn Strahlung austritt, würde es die russischen Truppen sogar in ihrem Vormarsch behindern. Was hätte also Russland davon? Der Horror ist eigentlich, dass bei den Kämpfen derartige Kraftwerke getroffen werden können. Laut der ukrainischen Atombehörde sei die Gefahr, einen Reaktor durch Artillerie-Beschuss zu zerstören, gering. Aber wer von uns kann das wirklich überprüfen?

In der Ukraine hofft man weiterhin auf Unterstützung aus dem Westen. Aber ich kenne keinen Nato-Staat, in dem eine Mutter bereit wäre, dass ihr Sohn für diese Sache fällt. Abgesehen von allen Konsequenzen, die eine direkte Beteiligung mit sich bringen würde, weil dann wären wir an der Schwelle zu einem Konflikt zwischen Russland und den USA.

Satellitenbild des AKW Saporischschja, aufgenommen im September 2019. Foto: AP/Planet Labs PBC

Im Ö1-Morgenjournal berichtet Christian Wehrschütz über die Lage in der Nacht:

Bei uns war die Lage in der Nacht ruhig, es gab einmal Fliegeralarm. Bila Zerkwa ist derzeit nicht direkt im Fokus der Kämpfe und des Vormarsches. In der Stadt selbst herrschte eine Ausgangssperre und es ist mucksmäuschenstill. Da gibt es kein irgendwie geartetes Leben mehr. Aber das kann sich hier rasch ändern, wenn die russischen Angreifer tatsächlich Kiew einschließen werden, müssen sie den Sack auch im Süden zumachen und da ist Bila Zerkwa ein Vorposten auf dem Weg nach Kiew und man sagt von militärischer Seite immer, hier könnte dann der Ort eine Luftlandung sein. Strom, Wasser, Internet gibt es, es gibt auch Essen. Kritischer ist die Versorgungslage bei Medikamenten, aber die Basisversorgung ist hier noch gegeben.

Wir haben gute Bekannte in Mariupol, dort hast du einfach keinen direkten Kontakt mehr, weil keine Kommunikation funktioniert. Die letzte Information, die ich habe, ist von gestern, etwa 17 Uhr. Da ist es noch gegangen. Die sitzen so weit es geht alle in den Luftschutzkellern, es gibt kein Wasser mehr, keinen Strom mehr, man kann praktisch nicht mehr das Haus verlassen, der Beschuss soll massiv sein und es ist ein riesiges Problem beispielsweise auch Verwundete rauszubringen. Gerade deswegen wäre auch der Wunsch nach diesem humanitären Korridor so stark, damit man wenigstens irgendetwas tun kann für die Zivilbevölkerung, die zwischen den Fronten ist.

Beim AKW Saporischschja bin ich der Meinung, dass das wirklich ein Unglücksfall war. Das macht die Bedrohungslage nicht besser. Aber kein Angreifer ist so dumm, dass er sein eigenes Territorium, dass er besetzen und durch das er durchmarschieren will, verseucht und dann deshalb ein AKW beschießt. Generell ist es zweifellos so, dass die russische Seite, je schwieriger der Vormarsch ist, umso weniger Rücksicht auf die Zivilbevölkerung nimmt. Man hat auch hier teilweise das Gefühl, da geht es gar nicht mehr nur um eine Eroberung, sondern um eine Kriegsführung, die mit Emotionen, mit Hass teilweise geführt wird. Weil, warum schieße ich Schulen zusammen? Warum schieße ich so viel Infrastruktur zusammen? Eigentlich muss ich das irgendwann wieder aufbauen. Will ich hier nur verbrannte Erde erzeugen oder was ist eigentlich jetzt, nachdem der erste Angriffsplan Putins gescheitert ist, rasch Kiew und die Umgebung zu erobern, der Plan?

Olia Fedorova

Wir haben nun den siebenten Kriegstag in der Ukraine hinter uns. Meine Heimatstadt, mein wunderschönes Charkiw, wird bereits seit vier, fünf Tagen hintereinander schwer bombardiert, ich habe keine Ahnung, wie lange das noch so weitergeht.

Ich höre Kampfflugzeuge über unsere Köpfe fliegen. Einige Male waren die Explosionen so nah, dass unsere Fenster zitterten und die Alarmanlagen der Autos draußen zu schrillen begannen. Einige waren so laut, dass wir kaum bekleidet und ohne Schuhe aus unserer Wohnung rannten.

Einiges ist für uns zur Gewohnheit geworden. Zum Beispiel, wenn wir oben in unserer Wohnung bleiben und in der Ferne Explosionen hören, dann bewegen wir uns nicht einmal, rennen nicht in den Keller, weil wir wissen, dass sie die Häuser von anderen bombardieren, nicht unsere Häuser.

Wir haben uns auch an die Dunkelheit gewöhnt – wir haben das Glück, dass in unserem Haus die gesamte Infrastruktur funktioniert: Strom, Wasser, Heizung. In anderen Bezirken fällt das eine oder andere zwischendurch aus, aber nach Sonnenuntergang schalten wir in unseren Wohnungen kein Licht mehr ein, denn das könnte die Aufmerksamkeit des Feindes oder von Plünderern oder von Saboteuren erregen. Wir haben angefangen, in der Dunkelheit perfekt zu sehen. Denn man kann nicht einmal das Licht am Handy einschalten, weil man durch die Fenster, wenn die Nacht hereinbricht und es draußen ganz, ganz dunkel ist, selbst dieses Licht ganz deutlich sehen kann.

Zerstörtes Auto am Freiheitsplatz in Charkiw nach einem Raketenbeschuss. Foto: AP/Pavel Dorogoy

Abgesehen von der völligen Dunkelheit ist es draußen so still – natürlich nur, wenn es keinen Beschuss gibt. Unsere Stadt war noch nie so leer und still. Obwohl ich das gar nicht genau sagen kann – das letzte Mal war ich am ersten Tag des Krieges draußen.

Oder nein, heute war ich einmal an der frischen Luft, nur für einige Minuten, als ich meiner Mutter half, die aus ihrem Viertel geflohen war und die es geschafft hatte, zu uns zu kommen, ihre Sachen aus dem Auto zu holen. Dann hörte ich diese sehr lauten Explosionen. Heute waren sie wirklich sehr nahe.

Jetzt habe ich meine Mutter hier, wir sind endlich zusammen! Die letzten sechs Tage hat sie mit ihren Freunden in einem Keller in der Nähe ihres Hauses im Bezirk Saltivka verbracht, dem zweitgrößten Wohnbezirk der Ukraine mit fast einer halben Million Einwohnern. Der Bezirk besteht hauptsächlich aus neunstöckigen Plattenbauten. Zielen die russische Artillerie und die Kampfflugzeuge speziell auf solche Gebiete, weil sie dort viel mehr Zivilisten töten können?

Das russische Kommando zeigt seine Wut. Seine Wut auf Charkiw und andere ostukrainische Städte wie Mariupol, und sie bombardieren uns buchstäblich mit ihrer Wut.

Wagen sie es nicht einmal mehr, sich vom Boden aus zu nähern, weil ihre Bodentruppen so demoralisiert und demotiviert sind, dass sie kapitulieren, sobald sie unsere ukrainischen Kämpfer am Horizont sehen? Oder weshalb sonst beschießen sie uns mit den Raketen, die von den Kampfflugzeugen vier bis fünf Mal am Tag abgefeuert werden. Sie schießen auch Raketen von ihrem eigenen Territorium aus ab, von den Stützpunkten in der Nähe der Stadt Belgorod, die unweit der Grenze liegt.

Warum tun sie uns das an? Weil sie davon ausgingen, dass sich Charkiw ohne einen einzigen Schuss ergeben würde? Das dachten sie wohl, weil Charkiw geografisch und historisch nahe an Russland liegt, weil die Menschen Wurzeln oder Familien oder viele Verwandte in Russland haben, weil wir eine zweisprachige Region sind, in der die Menschen Ukrainisch und Russisch sprechen.

Sie dachten, dass wir sie mit Blumen empfangen werden, wenn sie in unsere Stadt kommen, als „Befreier“, als „Retter“. Aber die einzigen Blumen, die wir für sie haben, sind zwei Nelken. Diese Blumen, eine gerade Anzahl, legen wir in der Ukraine normalerweise auf die Gräber. Aber wir werden sie nicht auf die Gräber der russischen Soldaten legen können. Denn sie haben hier nicht einmal Gräber.

Übersetzung: Anton Lederer

Christian Wehrschütz

In Bila Zerkwa in der Region Kiew, wo wir nun stationiert sind, dient das Gelände einer alten Fabrik den Freiwilligen der Stadt als Übungsplatz. Hier testet Mikola ein neues Rezept für Molotow-Cocktails, mit dem russische Panzer bekämpft werden sollen. Während die zwei Männer die Sprengsätze werfen, sind im Hintergrund Salven von Kalaschnikows zu hören. Sie stammen von der Schießausbildung der Territorialverteidigung, die jedoch nicht gefilmt werden darf.

Die Halle einer anderen verfallenen Fabrik wird ebenfalls genutzt, um die Verteidiger von Bila Zerkwa besser auszurüsten: Gebaut werden hier Katapulte, die Molotow-Cocktails bis zu 50 Meter weit schleudern sollen. Außerdem schweißt ein weiterer Ukrainer kleine Panzerigel zusammen, die rasch über die Straße gezogen werden können und Fahrzeuge aufhalten sollen. Die Einsatzbereitschaft der Freiwilligen ist enorm. Das zeigt sich im Stadtzentrum, wo die Molotow-Cocktails gebastelt werden. Der Name Molotow stammt vom sowjetischen Außenminister – Mikola bevorzugt eine andere Bezeichnung: „Das sind ‚Bandera-Smoothies‘, benannt nach dem Kämpfer gegen die Sowjets im Zweiten Weltkrieg. 1200 bis 1500 Stück stellen wir hier pro Tag her und verteilen sie an die Straßensperren.“ Ein Teil der Produktion erfolgt im Keller, wo auch Frauen Hand anlegen. Dieser diente ursprünglich als Raum für die Requisiten des Stadttheaters, nun dient er auch als Luftschutzkeller, Küche und Raum für die Versorgung der Freiwilligen.

Olexander führt uns durch seine Zentrale: In einem Raum erhalten neue Freiwillige einen Schnellsiedekurs bei Feuerwaffen. In einem anderen Raum packen zwei Irina und Svetlana die kärglichen Medikamente zusammen, die vor allem die Männer verteilt werden, die an den Straßensperren stehen: „Das ist ein sehr wichtiger südlicher Vorposten von Kiew. Darin liegt seine Bedeutung. Daher organisieren wir hier die Verteidigung, die natürlich vor allem von den Streitkräften und der Polizei geführt wird, und an der verschiedenen Freiwilligenverbänden teilnehmen. Wir haben viel zu wenige Waffen, doch wir nützen die Möglichkeiten, die wir haben.

Freiwillige stellen überall in der Ukraine Molotow-Cocktails her. Foto: AFP/Daniel Leal

Wehrschütz hat die ukrainische Hauptstadt Kiew gestern verlassen und befindet sich derzeit in Bila Zerkwa, etwa 70 Kilometer südlich von Kiew und berichtet davon im Ö1-Morgenjournal.

Es ist ein interessanter Ort, einerseits, wenn es darum ginge sich abzusetzen, zweitens sollten die Russen hier im Raum eine Luftlandung durchführen wollen, drittens weil wir nicht weit weg von Kiew sind und wieder schnell zurückkönnen.

Zum weiteren Vorgehen der Russen:

Entweder es gibt eine Verhandlungslösung oder Russland wird versuchen Kiew einzunehmen, Kiew ist ein Symbol des Widerstandes, so können sie versuchen den Geist der Ukrainer zu brechen.

Olia Fedorova

„Es tut mir leid, dass sich die Texte verzögern, es war ziemlich hart hier zuletzt. Ich versuche gerade, meine Mutter aus dem gefährlicheren Bezirk hierher zu holen, also sind meine Gedanken mehr bei diesem Thema. Ich werde versuchen, die Texte heute oder innerhalb der nächsten zwei Tage zu liefern, wenn es okay ist. Ich kann aber einen sehr kurzen Text weitergeben, der in etwa beschreibt, wie wir uns hier fühlen: Bald werde ich mein LinkedIn-Profil mit den folgenden Fähigkeiten aktualisieren können:

-die ‚Grads‘ und die Flugzeuge am Ton erkennen, und wie weit entfernt die Rakete eingeschlagen ist
-sich innerhalb von 30 Sekunden anziehen (wenn man sich überhaupt ausgezogen hat)
-verängstigte Katzen schnell einfangen und in die Tasche stecken
-in weniger als 5 Minuten alles einsammeln und zum Bunker hinuntergehen
-Barrikaden bauen
-Molotow-Cocktails herstellen
-in der Dunkelheit sehen
-Hunderten Menschen, die mir schreiben, ihre Unterstützung ausdrücken und fragen, wie sie helfen können, in kürzester Zeit antworten
-für gute Laune und Stimmung sorgen und Menschen trösten, die in Panik oder nervös sind.

Ich habe das nie gewollt, aber jetzt bin ich eine verdammte Kampfmaschine und habe Eier aus Stahl.“

Übersetzung: Anton Lederer

Christian Wehrschütz

Es ist eine absurde und fast gespenstische Situation: In Kiew und bei der Ausfahrt in Richtung Süden findet sich eine Straßensperre nach der anderen. Hier stehen Männer mit Kalaschnikows, bei deinen man nicht weiß, ob sie überhaupt eine militärische Ausbildung haben. Wir selbst haben in Kiew erlebt, wie groß die Nervosität der vermeintlichen Soldaten an den Checkpoints ist. Oft weiß die linke Hand nicht, was die rechte macht, wer welchen Rang oder Ausbildung hat.

In der Stadt selbst hatten wir den Eindruck, jeder der kann, rettet sich nach draußen.

Korrespondent Christian Wehrschütz heute zur Lage im Ö1-Morgenjournal:

Die Nacht in Kiew war völlig ruhig, aber das Bombardement des Fernsehturms war eine klare Drohgebärde. Russland will zeigen, was passiert, wenn die Kiewer nicht einlenken. Zudem gibt es neuerlich viele verzweifelte Versuche, die Stadt zu verlassen. Heute zum Beispiel gibt es einen von der deutschen Botschaft organisierten sicheren Korridor aus der Stadt. An dem kann aber nur teilnehmen, wer ein eigenes Auto und genug Benzin hat – ein schwieriges Unterfangen, denn gerade dieses ist in der Stadt kaum mehr zu bekommen. Wir werden die Stadt heute übrigens wirklich verlassen, die Sicherheitsbedenken sind zu groß und außerdem wird auch das Internet wohl bald nicht mehr funktionieren.

Christian Wehrschütz

Korrespondent Christian Wehrschütz ist zurück in Kiew:

Das war keine leichte Entscheidung und wahrscheinlich bleiben wir nur noch eine Nacht. Wir haben entschieden zu bleiben, weil wir nicht all unsere Arbeit aufgeben wollen. Da geht man nicht so einfach. Aber es gibt mittlerweile auch Warnungen des russischen Verteidigungsministeriums. Das kann man nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Korrespondent Christian Wehrschütz hat sich am Dienstag in einer ZiB Spezial neuerlich aus Kiew gemeldet, live aus seinem Auto:

Es war die schwerste Entscheidung meines journalistischen Lebens, aber ich habe sie mit meinem Team und meiner Familie getroffen. Mein Team hat gesagt: „Wir wollen bleiben.“ Und meine Frau hat das akzeptiert. Wir sind am Weg zurück nach Kiew. Wir werden sehen, was die nächsten Tage bringen.

Menschen, die Kiew verlassen wollen, warten auf den Zug nach Lemberg. Foto: AP/Emilio Morenatti

Christian Wehrschütz berichtet von der totalen Absetzbewegung aus Kiew:

Ein humanitärer Konvoi evakuiert Menschen Richtung Süden. Auch die Österreicher, die in der Botschaft noch verharrten, wurden aus der Stadt gebracht. Zwei Brigaden der Russen rücken von Süden her an, wann ein Angriff stattfinden wird, ist nicht abzusehen. Es gibt noch immer Österreicher in der Ukraine, im Raum Kiew, die jetzt festsitzen und nicht wegkommen. Angriffe gibt es derzeit nur in den Außenbezirken zu sehen, es gab noch immer keine größeren Detonationen in der Stadt selbst. Die Straßen sind weitgehend leer, es gibt kaum mehr Geschäfte, die geöffnet haben.

Auch Wehrschütz wird die Stadt nun verlassen:

Das ist schon ein innerer Zwiespalt, die Berichterstattung in Kiew aus Sicherheitsgründen aufzugeben. Aber Bundesheer und Botschaft meinten, man solle sich absetzen, so lange es noch geht. Daher werden wir das jetzt tun.

Christian Wehrschütz analysiert die Lage im Ö1-Morgenjournal:

Die Kriegsnacht war auch dieses Mal irgendwie erstaunlich ruhig. Im Zentrum ist die Lage nach wie vor gespenstisch ruhig. Wir hatten wieder eine Ausgangssperre von 20 Uhr bis jetzt in der Früh. Aber noch hat dieser Großangriff zur Eroberung Kiews auf das Zentrum mit massiven Luftangriffen und Artilleriebeschuss nicht stattgefunden.“

Wenn diese Schlacht einsetzt, dann nicht nur von einer Seite, sondern von drei Seiten, die es gibt. Angeblich gibt es heute in der Früh noch einen humanitären Konvoi, der (um 9 Uhr MEZ) von einem Hotel wegfahren soll. Aber viel Zeit bleibt nicht mehr, denn wenn die Opferzahlen auch bei den Russen steigen, wird der russische Präsident irgendwann raschere Erfolge vorweisen müssen und das wird dann wohl ein Angriff auf Kiew sein.

Olia Fedorova

Ich bin eine ukrai­ni­sche Künst­le­rin aus Char­kiw – einer wun­der­schö­nen Stadt mit über 1,5 Mil­lio­nen Ein­woh­nern, einem gro­ßen Zen­trum für Wis­sen­schaft, Kul­tur, Kunst, Bil­dung, Tech­no­lo­gie, die das Pech hat, we­ni­ger als 40 Ki­lo­me­ter von der rus­si­schen Gren­ze ent­fernt zu lie­gen.

Und das ist mein heu­ti­ger Ar­beits­all­tag als ukrai­ni­sche Künst­le­rin in Char­kiw. Ich bin in einem Kel­ler auf­ge­wacht. Ich habe seit fünf Uhr mor­gens des Vor­ta­ges kaum drei Stun­den ge­schla­fen. Da­nach haben mein Part­ner, unser Freund und ich un­se­re Sa­chen und un­se­re Kat­zen ge­packt und sind in un­se­re Woh­nung zu­rück­ge­kehrt, da es drau­ßen ruhig und kein Be­schuss zu er­war­ten war… Nach­dem wir uns etwas aus­ge­ruht hat­ten, woll­ten wir uns mit mei­ner Mut­ter in ihr Auto set­zen und zum Blut­spen­de­zen­trum fah­ren. Aber das haben wir nicht ge­schafft, weil wir laute Ex­plo­sio­nen hör­ten, die aus der Nähe zu kom­men schie­nen. Dann er­hiel­ten wir die Nach­richt über den Luft­alarm. Wir pack­ten alles zu­sam­men und rann­ten wie­der in den Kel­ler hin­un­ter.

Wäh­rend wir dort waren, be­schos­sen rus­si­sche Trup­pen un­se­re Stadt mit Grad-, Ura­gan- und Smerch-Ra­ke­ten, Kampf­ge­schos­se fie­len in den Be­zir­ken von Char­kiw – alle in der Nähe des Zen­trums und auf zi­vi­le Wohn­be­zir­ke. Ein Ge­schoss traf die Woh­nung mei­nes Freun­des. Zum Glück war nie­mand dort.

Als sich alles etwas be­ru­higt hatte, woll­ten wir zu­rück nach oben und etwas schla­fen. Wir hör­ten immer noch Ex­plo­sio­nen, aber sehr weit weg. Trotz­dem schaff­ten wir es wie­der nicht zu schla­fen. Als ich ge­ra­de ein­schla­fen woll­te, bekam ich eine Warn­mel­dung. Bom­ben­flug­zeu­ge wur­den in der Nähe un­se­rer Stadt ge­sich­tet. Wir pack­ten wie­der alles zu­sam­men, dies­mal brauch­ten wir nicht län­ger als fünf Mi­nu­ten. Sogar die Kat­zen waren dies­mal sehr leicht zu fan­gen. Zu­rück im Kel­ler hör­ten wir be­reits Ex­plo­sio­nen. Da die Kel­ler­wän­de einen Meter dick sind, be­grif­fen wir: Diese Ex­plo­sio­nen sind zu laut, um von uns weit ent­fernt zu sein.

Dann las ich in den Nach­rich­ten, dass Russ­land Mehr­fach­ra­ke­ten auf ver­schie­de­ne Be­zir­ke, auf Häu­ser der Zi­vil­be­völ­ke­rung ab­feu­ert.

Bür­ger be­rich­ten von Schie­ße­rei­en und Kriegs­ma­schi­nen an der Stadt­gren­ze. Dank un­se­rer Kämp­fer waren sie rasch aus­ge­schal­tet. Aber es geht immer noch wei­ter. Über­all Ex­plo­sio­nen. Und wäh­rend wir im Kel­ler sit­zen und die Ex­plo­sio­nen hören, lesen wir den Text der Pu­tin-Re­de, in der er unser Land als „von dro­gen­süch­ti­gen Neo­na­zi-Kräf­ten er­obert“ nennt und be­haup­tet, dass un­se­re Armee Frau­en und Kin­der als le­ben­de Schutz­schil­de be­nutzt, so­dass wir froh sein soll­ten, von Russ­land „ge­ret­tet“ zu wer­den. Das ist es, was ich als ukrai­ni­sche Künst­le­rin aus Char­kiw in mei­ner Hei­mat­stadt, in mei­nem Hei­mat­land, im Zen­trum Eu­ro­pas, im Jahr 2022, er­le­be.

Übersetzung: Anton Lederer

Ein zerstörter russischer Mehrfach-Raketenwerfer am Stadtrand von Charkiw. Foto: AP Photo/Vadim Ghirda

Christian Wehrschütz

Die humanitäre Lage in der Ukraine wird zunehmend schwieriger. Vor den Supermärkten steht man teilweise zwei Stunden in der Schlange, die Ausgabe von Brot wurde auf zwei Wecken pro Person rationiert – denn die Regale werde immer leerer.

In Kiew gab es heute früh wiederum Fliegeralarm. Nächtliche russische Angriffsversuche rund um die Hauptstadt konnten aber abgewehrt werden.

Christian Wehrschütz meldete sich im Ö1Morgenjournal mit einem Update aus Kiew:

Was sich in den vergangenen 36 Stunden direkt in der Stadt abgespielt hat, das wissen wir nicht wirklich, weil wir unser Versteck ja nicht verlassen konnten. Es gibt aber immer noch starke Versuche der Zivilisten, die Stadt zu verlassen. Internet, Strom und Wasser funktionieren noch, es gibt aber in der ganzen Stadt keine Kerzen und Taschenlampen mehr zu kaufen. Es hat aber bis jetzt auch noch kein Großangriff auf die zivile Infrastruktur stattgefunden. Für die große Masse an Menschen gibt es keine Alternative, als in der Wohnung zu bleiben und zu warten, es gibt in den U-Bahnschächten nicht genug Platz für alle.

Christian Wehrschütz

In Kiew ist die Wasserversorgung zusammengebrochen. Wir versuchen nun, zu abgefülltem Wasser zu kommen und uns ein Depot anzulegen.

Die russischen Truppen rücken immer näher heran. Die Rede ist von etwa drei bis vier Kilometern, die die Kämpfe derzeit noch entfernt seien.

Christian Wehrschütz

Christian Wehrschütz berichtet in der ZiB 1:

Wir hatten um 19 Uhr wieder Fliegeralarm, im Grunde genommen war der heutige Tag aber ein Erfolg für die ukrainischen Verteidiger. Die russischen Angreifer sind nicht weitergekommen, wir konnten am Nachmittag problemlos durch die Stadt fahren. Das Lagebild ist sehr zugunsten der Ukrainer, angeblich sollen 300 russische Soldaten festgenommen worden sein. Die Zahl der gefallenen Russen wird auf 3000 Personen geschätzt, das wird ein Wettlauf mit der Zeit, die schnellen Siege sind nicht da und vielleicht gibt es auch Proteste in Russland, wenn Kiew und die Ukraine länger durchhalten.

Die Lage ist zunehmend unübersichtlicher, die Schlinge um Kiew zieht sich zu. Es wird nun eine Ausgangssperre bis morgen früh um acht Uhr geben. Die nächsten Tage werden schwer für die Ukraine.

Christian Wehrschütz berichtet gegenüber Ö1:

Ich glaube, dass die ukrainische Armee bei aller Tapferkeit nur noch ein paar Tage hat, um durchzuhalten. Es geht nicht nur um das Kämpfen: Ein Panzer braucht Hunderte Liter Sprit, es geht um den Nachschub und die gesamte logistische Herausforderung. Da wirkt sich die Lufthoheit der Russen aus. Im Grund genommen zieht sich die Schlinge zu.

Zerstörte ukrainische Luftabwehr in Mariupol. Foto: AP/Evgeniy Maloletka

Wir gehen in den vierten Kampftag und die Nacht war deutlich unruhig. Wir haben bei den Einfahrtsstraßen von Westen her offensichtlich ein deutliches Vorrücken der russischen Kräfte gesehen. Dort kommt ihnen auch entgegen, dass die Straße relativ breit ist. Hier soll man noch etwa drei Kilometer vom Stadtzentrum entfernt sein. Wir hatten jetzt in der Früh vor einer dreiviertel Stunde wieder Fliegeralarm. Von Norden und Osten ist der Vorstoß offensichtlich geringer. Möglicherweise wurde versucht, im Osten eine Luftlandung durchzuführen, aber da sind zwei Transportflugzeuge mit vermutlich Luftlandungskräften drinnen abgeschossen worden. In jedem dieser Flugzeuge saßen etwa 180 Leute. Das zeigt, dass natürlich auch die russische Seite deutliche Verluste hat. In den Außenbezirken von Kiew hat eine Rakete ein Hochhaus getroffen und der Teil dieses Hochhauses brennt ganz deutlich. Das hat man durch die verschiedenen Bilder, die man bekommt, gesehen. Und auch in anderen Gebieten gibt es Kämpfe, die schwersten waren gestern und noch in der Nacht im Raum Charkiw, bei Mariupol soll es eine Landung der Marineinfanterie gegeben haben und von Norden wird mit Kräften von Weißrussland her nach wie vor weiter auf Kiew angedrückt. Da sollen die Kämpfe etwa 80 Kilometer von Kiew entfernt sein.

Ich sehe aber weiterhin keine Kämpfe im Zentrum von Kiew, wenn man darunter den Raum Maidan, Regierungsviertel, Parlament und so weiter versteht.

Von drei Seiten versuchen derzeit russische Truppen, in die Stadt einzudringen und bis ins Zentrum vorzudringen. Aus dem Norden und dem Osten offensichtlich mit größeren Problemen, aus dem Westen aber mit stärkerem Vordringen, dort ist auch die Zufahrtsstraße größer. Wir haben verstärkt Beschuss ziviler Objekte, wir haben verstärkt Beschuss ziviler Gebäude und ziviler Infrastruktur und damit steigen auch die Schäden. Wie genau die Kampftätigkeit jetzt im Moment abläuft, ist schwer zu sagen, was wir aber wissen ist, dass Einheiten der Russen noch etwa drei Kilometer vom direkten Stadtzentrum entfernt sein sollen.

Christian Wehrschütz

Am zweiten Kampftag ist der Krieg näher an die ukrainische Hauptstadt herangerückt. So auch wir. In den Morgenstunden haben wir Kiew erreicht. Auf der Außenringautobahn um Kiew waren russische Panzer zu sehen. Im Zentrum der Stadt kam es immer wieder zu Artilleriebeschuss. Die Sirenen heulten und die Menschen sind besorgt. Im Zentrum gleicht Kiew wirklich einer Geisterstadt, die Geschäfte und Restaurants sind geschlossen. Man muss schon genau suchen, um noch etwas einkaufen zu können. In dem einen Geschäft, in dem wir waren, gab es kein Brot mehr. Aber von Versorgungsengpässen kann man noch nicht reden. Viele haben sich in Luftschutzkeller geflüchtet oder haben Schutz in den U-Bahn-Stationen gesucht. Die Menschen sind kreativ, wo sie Unterschlupf finden können.

Was die Lage an der Front betrifft, muss man davon ausgehen, dass der Druck auf die ukrainischen Truppen immer größer wird. Wobei wir noch nicht wissen, was das für die Städte bedeuten wird. In Mariupol sind die prorussischen Separatisten und russische Truppen von der Krim her immer näher gerückt und dürften bald die Stadt umzingelt haben. Auch in Charkiw wird heftig gekämpft. Im Norden ist unklar, wie weit die Erfolge der russischen Truppen reichen, oder ob sie zurückgeschlagen wurden.

Dieser Krieg ist auch ein Propagandakrieg. Präsident Selenskyj hat noch einmal an den Durchhaltewillen appelliert, um sich dann bereit zu erklären, Verhandlungen aufzunehmen. Minsk, der Ort der Verhandlungen, ist ein Affront, weil auch von Belarus aus angegriffen wird. Dass es tatsächlich zu Verhandlungen kommt, halte ich für unwahrscheinlich. Denn Putin hat Selenskyj und seine Truppe als Drogensüchtige und Neonazis bezeichnet. Und auch die Bedingungen, die Russland fordert, sind für die Ukraine kaum zu akzeptieren.

Christian Wehrschütz

Zuletzt befand sich Korrespondent Christian Wehrschütz in der Hafenstadt Mariupol, der die Einkesselung droht. Deshalb reist er nach Kiew und berichtet während eines Stopps an einer Tankstelle:

Den Wagen haben wir zwar schon gestern vollgetankt, aber hier ist nicht so ein großer Andrang wie anders wo. Wir haben gehört, dass man bis zum Fluss Dnepr vordringen will. Da wollen wir es noch schaffen, rüber zu kommen. Schon bevor wir in den Osten aufgebrochen sind, haben wir auch eine Basis in der österreichischen Botschaft eingerichtet. Um auch im Notfall noch arbeiten zu können.