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HÖHENFLUG
Was die boomenden aktienkurse über den Tatsächlichen wert von Elon Musks Unternehmen aussagen. JETZT LESEN

8. Februar 2020 | Von Hannes Gaisch-Faustmann, Michael Sommer und Markus Zottler

E

nde Juni 2010 ist Tesla Primus. Als erster US-Automobilkonzern seit dem Jahr 1959 geht das Unternehmen aus Palo Alto an die Börse, von einer „regen Nachfrage“ schreiben internationale Agenturen schnell in grundsätzlich verhaltenen Meldungen über den recht unbekannten „Daimler-Partner Tesla“. Der Start gelingt auch kurstechnisch, am Ende des ersten Handelstages liegt die Tesla-Aktie bei 23,89 Dollar und damit fast 41 Prozent über dem Ausgabepreis von 17 Dollar. Schon eine Woche später setzt es den ersten Dämpfer: die Tesla-Papier verlieren an Schwung und Strahlkraft, der Preis fällt auf 16 Dollar. Zweifel werden fortan beständige Börse-Begleiter des Unternehmens sein.

Heute ist dennoch klarer denn je: Wer früh Tesla-Aktien kaufte und sie behielt, hat gut verdient. Aber alles der Reihe nach.

Während sich der Aktienkurs von Tesla in den ersten Jahren unspektakulär verhält, beginnt er sich ab 2015 langsam nach oben zu bewegen, um im heurigen Jahr plötzlich zu explodieren. Von Anfang Jänner bis Anfang Februar 2020 verdoppelt sich der Wert des Papiers, am 4. Februar passiert Tesla die magische 900-US-Dollar-Marke und findet sich in neuen Sphären wieder. Plötzlich liegt die Marktkapitalisierung – also der Kurswert der Aktien, multipliziert mit der Anzahl der ausgegebenen Papiere – bei 170 Milliarden Dollar.

Investieren Sie selbst in TE$LA

Nehmen wir an, Sie dürften am 4. Juni 2019 noch einmal Tesla-Aktien zu einem Preis von 181,1 US-Dollar pro Aktie kaufen.

Ihr Depot wäre am 4. Februar 2020 bereits

0 US-Dollar

wert gewesen.

Tesla, so lauten die Schlagzeilen, ist an der Börse zu dieser Zeit mehr wert als Volkswagen und BMW zusammen. Innerhalb eines Jahres legt die Tesla-Aktie um rund 144 Prozent zu, davon 130 Prozent in den letzten drei Monaten. Was ist geschehen?

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Schauen wir uns den Börsenkurs von Tesla einmal genauer an:

29.06.2010

Erstmals seit dem Jahr 1956 geht mit Tesla wieder ein US-Autohersteller an die Börse. Den ersten Handelstag in New York beschließen die Aktien mit 40 Prozent über dem Ausgabepreis.

03.10.2013

Ein nach einem Unfall in Brand geratener Tesla führt zu einem Kurseinbruch der Aktie um 12 Prozent, was damals einem Rückgang des Börsenwertes um um drei Milliarden US-Dollar entspricht.

03.08.2017

Mit einem Börsenwert von 53 Milliarden US-Dollar ist Tesla der am höchsten gehandelte US-Autokonzern.

Trotz eines kumulierten Verlustes von 2,3 Milliarden US-Dollar innerhalb von fünf Jahren.

23.10.2019

Tesla überrascht mit einem Gewinn im dritten Quartal 2019 und verdiente unterm Strich 143 Millionen US-Dollar.

Elon Musk konnte sein Versprechen doch noch erfüllen. Analysten waren skeptisch, die Anleger reagieren begeistert.

04.02.2019

Teslas Aktien erreichen den vierten Tag in Folge ein Rekordhoch und steuern auf den größten Tagesgewinn seit sieben Jahren zu.

Der US-Autobauer ist an der Börse nun fast so viel wert wie VW, BMW und Daimler zusammen.

05.02.2020

Eine Kurskorrektur setzt ein. Nach einer längeren steilen Aufwärtsbewegung geht es für die Teslapapiere an der Börse um mehr als 17 Prozent bergab.

Die brennende Frage ist: wie wird sich die Aktie in Zukunft entwickeln?

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Schauen wir uns den Börsenkurs von Tesla einmal genauer an:

Erstmals seit dem Jahr 1956 geht mit Tesla wieder ein US-Autohersteller an die Börse. Den ersten Handelstag in New York beschließen die Aktien mit 40 Prozent über dem Ausgabepreis.

Ein nach einem Unfall in Brand geratener Tesla führt zu einem Kurseinbruch der Aktie um 12 Prozent, was damals einem Rückgang des Börsenwertes um um drei Milliarden US-Dollar entspricht.

Mit einem Börsenwert von 53 Milliarden US-Dollar ist Tesla der am höchsten gehandelte US-Autokonzern.

Trotz eines kumulierten Verlustes von 2,3 Milliarden US-Dollar innerhalb von fünf Jahren.

Tesla überrascht mit einem Gewinn im dritten Quartal 2019 und verdiente unterm Strich 143 Millionen US-Dollar.

Elon Musk konnte sein Versprechen doch noch erfüllen. Analysten waren skeptisch, die Anleger reagieren begeistert.

Teslas Aktien erreichen den vierten Tag in Folge ein Rekordhoch und steuern auf den größten Tagesgewinn seit sieben Jahren zu.

Der US-Autobauer ist an der Börse nun fast so viel wert wie VW, BMW und Daimler zusammen.

Eine Kurskorrektur setzt ein. Nach einer längeren steilen Aufwärtsbewegung geht es für die Teslapapiere an der Börse um mehr als 17 Prozent bergab.

Die brennende Frage ist: wie wird sich die Aktie in Zukunft entwickeln?

„Teslas Höhenflug bildet eine extrem ungewöhnliche Kursbewegung“, befindet Monika Rosen, Chefanalystin der Unicredit Bank Austria, im Gespräch mit der Kleinen Zeitung. Besonders vor dem realwirtschaftlichen Hintergrund. So Rosen: „Tesla macht nur 2 Prozent des Gesamtumsatzes der 10 größten Automobilhersteller der Welt.“

„Bei Tesla geht es sehr stark um das Thema Fantasie, weil das Unternehmen für eine neue Generation von Autos steht“, schlägt Josef Obergantschnig, Chefinvestor bei KAG Security, in eine ähnliche Kerbe, um schnell zu ergänzen: „Von der Seite der fundamentalen Daten her sehen viele Marktteilnehmer diese Börsensprünge aber nicht untermauert.“ Diese Einschätzung war es wohl auch, die zum jüngsten Kurssprung bei Tesla führte. Tesla gilt nämlich als Papier mit besonders großen „Short-Positionen“, erklären Rosen und Obergantschnig unisono.


Das Risiko ist bei Tesla, vorsichtig formuliert, exorbitant hoch.
Von Josef Obergantschnig – das komplette Interview finden Sie am Ende des Artikels

Leerverkäufe treiben Teslas Kurs in die Höhe

Sogenannte „Short-Seller“ – also „Leerverkäufer“ – sind es auch, die die Kurse rasch nach oben treiben. Paradoxerweise tun sie das, obwohl sie eigentlich auf fallende Kurse setzen und eben Leerverkäufe tätigen. Dabei leihen sie Tesla-Aktien von anderen Investoren und verkaufen diese sofort. Sinkt dadurch der Aktienkurs, kaufen die Spekulanten später wieder und geben die Papiere an die Verleiher zurück. Die Kursdifferenz streifen sie als Gewinn ein.

Geht die Taktik der Spekulanten aber nicht auf und steigt die Aktie – wie im Falle von Tesla – dennoch weiter, kaufen sie das steigende Wertpapier zurück, um den eigenen Verlust zu begrenzen. Die Folge ist eine kurze, spektakuläre Kursbewegung nach oben. Und eine nach unten für die „Short-Seller“, die allein im heurigen Jahr 8 Milliarden Dollar mit ihrer Wette gegen Tesla verloren.

Davon 2,5 Milliarden am vorigen Montag. Dieser Marktmechanismus, auch „Short Squeeze“ genannt, traf übrigens vor mehr als zehn Jahren mit Volkswagen auch jenes Unternehmen, das nun so gern mit Tesla verglichen wird. Während der Volkswagen-Konzern im letzten Jahr jedoch fast 11 Millionen Autos ausliefern konnte, waren es in Teslas Rekordjahr lediglich rund 370.000. 

Während Volkswagen fast 11 Millionen Autos ausliefert, schafft Tesla nur 370.000

Wie sich die Tesla-Aktie weiter entwickeln wird, ist freilich Spekulation. Während Analysten einerseits vor einem gefährlichen „Bitcoin auf vier Rädern“ warnen, sehen andere das Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft und erwarten einen Kurs jenseits der 4000 US-Dollar. Während die einen vor dem Unternehmen warnen, das bis 2018 auf Jahresbasis ausschließlich Verluste schrieb, verweisen andere auf viele Investitionstätigkeiten und nachhaltige Veränderungen, die Tesla auslösen könnte.

Josef Obergantschnig will sich im Interview mit der Kleinen Zeitung auf keine fixe Prognose einlassen, die „Zukunft ist nicht vorhersehbar“, erklärt der Investor. Bewerte man die Tesla-Aktie auf Basis eines gängigen Mehrfaktorenmodells, das harte Bilanzkennzahlen ebenso miteinbezieht wie ein gewisses Momentum an der Börse, komme man zumindest zum Schluss, dass „das Risiko exorbitant hoch“ sei, sagt er.

Eine riskante Wette auf die Zukunft waren Tesla-Aktien bis jetzt freilich immer. Doch scheint es so, dass man im Falle des E-Auto-Bauers zunehmend auch auf festeren Boden stößt. Die gesamte Mobilität und die Industrie dahinter stecken wohl am Beginn einer Revolution, und Tesla gilt zumindest als ein riesiger Treiber. „Der Klimawandel und die Brennstoffdebatte spielen dem Unternehmen in die Karten“, sagt Monika Rosen. Und damit – zurzeit – auch der Entwicklung des Börsenkurses.

Josef Obergantschnig im Gespräch

MARKUS ZOTTLER: Der Wert der Tesla-Aktie hat sich von Anfang Jänner bis Anfang Februar mehr als verdoppelt. Wie begründen Sie diesen derart rasanten Kursanstieg?

JOSEF OBERGANTSCHNIG: Bei Tesla geht es sehr stark um das Thema Fantasie, das Unternehmen steht für eine neue Generation von Autos. Von der Seite der fundamentalen Daten her sehen viele Marktteilnehmer diese Börsensprünge aber nicht untermauert. Das führte zu großen „Short-Positionen“, die Aktien wurden also abverkauft. Dass die Kurse trotzdem gestiegen sind, hat wiederum viele auf dem falschen Fuß erwischt, die auf fallende Kurse gesetzt haben. Das führte schlussendlich zu einer richtigen Aufwärtsspirale.

Tesla ist seit 2010 börsenotiert, die großen Kursbewegungen blieben lange aus. Kann ein singuläres Ereignis für die Beschleunigung sorgen, die wir jetzt gesehen haben?

Das ist schwer zu beantworten. Aber 2010 waren die Themen Nachhaltigkeit und Elektromobilität noch nicht so groß. Und Elon Musk hat es als Kultfigur jedenfalls geschafft, sich in den letzten Jahren einen Namen zu erarbeiten. Es ist auch Glaubwürdigkeit dazugekommen. Auf der anderen Seite ist das Jahresergebnis noch immer negativ. Betrachtet man den kompletten Unternehmenswert – also den sogenannten „Enterprise Value“, der sich aus Marktkapitalisierung der Aktien plus allem, was an Finanzierungen draußen ist, minus Cash und liquide Aktive zusammensetzt – in Relation zum EBITDA, dem Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen, ist Tesla mit dem Faktor 50 bewertet.

Das bedeutet im Detail?

Das heißt, als Investor muss ich 50 Dollar zahlen, um einen Dollar EBITDA zu bekommen. Bei Toyota haben Sie einen Faktor von 8,4, bei General Motors ungefähr 10 und bei Ford 14.

Auf welche weiteren Kennzahlen eines Titels achten denn Analysten überhaupt?

Es gibt unterschiedliche Marktphasen mit unterschiedlichen Kennzahlen. Aber historisch betrachtet ist es einfach so, dass alles, was weniger manipulativ ist, mehr Aussagekraft hat. Wenn man etwa das KGV („Kurs-Gewinn-Verhältnis“, Anm.) heranzieht, also den Aktienkurs in Relation zum Gewinn, muss man bedenken, dass man beim Gewinn gewissen Bilanzierungsspielraum hat. Historisch hat man gesehen, dass das Verhältnis von Preis zum EBITDA, oder vom Preis zum Cashflow, eine deutlich größere Aussagekraft hat.

Worauf fokussieren Sie Ihre Analysen also?

Wir fokussieren uns darauf, einzelne Faktoren in Modellen irgendwie zusammenspielen zu lassen. Im Groben gibt es sogenannte „Value-Faktoren“, bei denen es etwa um zuvor genannte Vergleichskennzahlen geht, dann gibt es „Quality-Faktoren“, wo man Bilanzkennzahlen hernimmt, und dann gibt es noch das Thema Momentum, das beschreibt, welche Aktien gerade gut und welche schlecht laufen.

Und wie schneidet Tesla in diesem Faktorenmodell ab?

Na ja, vom Faktorenmodell her ist Tesla eigentlich überall auf Rot. Weil einfach noch nicht geliefert wurde. Das Risiko ist bei Tesla also, vorsichtig formuliert, exorbitant hoch. Aber wenn man Tesla jetzt mit Ford oder GM vergleicht, findet man sowieso große Unterschiede, alleine vom unternehmerischen Zugang. Tesla ist stark zukunftsorientiert, mit der Fantasie, die E-Mobilität zu revolutionieren. Die anderen Marktteilnehmer stehen eher für die „Old Economy“. Da muss ich also prinzipiell komplett andere Bewertungsgrundsätze anlegen.

Die Prognosen der Analysten fallen in Sachen Tesla ganz unterschiedlich aus. Die einen schreiben von einem gefährlichen „Bitcoin auf vier Rädern“, die anderen sehen riesiges Potenzial in der Aktie und meinen, dass der Kurs auf 4000 Dollar steigen wird. Welche Erwartung haben Sie?

Aus meiner Sicht ist die Zukunft nicht vorhersehbar. Ich formuliere es deswegen provokant: Wenn ich berühmt werden will, muss  ich nur irgendetwas Extremes ansagen.

Was sagt denn ein Börsewert also tatsächlich über die wirtschaftliche Gesundheit eines Unternehmens aus?

Im Endeffekt gar nichts. Man sollte ein Unternehmen immer gesamtheitlich betrachten.