Interaktiv

Von Didi Hubmann und Julian Melichar | Screen-Design von Michael Sommer und Erich Repe, Porträts von Oliver Wolf

Mel Cheng

Die Unbegrenzte

Das Motorrad ist der wandelbarste Wegbegleiter auf der Straße. Es bringt mich schneller durch den Verkehr und ist eine Art Lebenspartner, mit dem man maximale Freiheit genießt. Elektromobilität funktioniert bei Bikes anders als bei Autos. Zu leise Zweiräder sind auf Freilandstraßen, wo Tiere auf die Fahrbahn geraten könnten, ein Sicherheitsrisiko. Das Motorrad der Zukunft muss besser auf Fahrgewohnheiten und Bedürfnisse eingehen. Es bedarf einer größeren Produktpalette mit unterschied­lichen Zugängen. Auch der Umwelt zuliebe.

Wandelbarer Wegbegleiter, künftiger Individualist.
Von

George Cave

Der Bündnispartner

Während andere ihre Augen auf der Straße haben müssen, kann ich im Bus bequem lesen oder E-Mails beantworten. Anders als bei Zug und Flugzeug ist dieses öffentliche Verkehrsmittel die niederschwelligste Auto-Alternative. Der Komplett-Umstieg auf Elektromobilität fällt bei Bussen aufgrund der immer gleichen Routen leicht. In der Stadt der Zukunft gibt es fast ausschließlich Busspuren, das öffentliche Netz geht präziser auf Alltags- und Besorgungswege ein und wird engmaschiger entworfen.

Christof Täubl

Der Pragmatiker

Das Elektro-Auto ist eine günstige Alternative zum  Diesel- oder Benzin-Pkw. Ich zahle keine motorbezogene Steuer, Strom ist billiger als Treibstoff und zusätzlich stellt der Staat Förderungen zur Verfügung. Damit einher gehen eine generelle Lebensvereinfachung und der Spaßfaktor. Die Instandhaltung ist wesentlich einfacher, das Fahren bequem und unkompliziert.

Die Mobilität der Zukunft muss aber weiter als bis zur nächsten Kreuzung gedacht werden. Sie beginnt nicht erst mit der eigentlichen Fortbewegung. Wir müssen uns den existenziellen Fragen stellen: Wo lebe ich, wie lebe ich, welche Wege muss ich zurücklegen?

Das E-Auto muss sich weiter öffnen
Von

Bereits der Wohnsitz ist Teil einer neu gedachten Mobilität. Er entscheidet darüber, wie und mit welchem Mittel wir uns künftig fortbewegen. Fahrgemeinschaften müssen revolutioniert und modernisiert werden, Firmen- und Mitarbeiterstandorte zusammengedacht werden. Im Bereich des Designs ist es nötig, das E-Auto nach außen hin zu öffnen und zu zeigen, welche Technologie hinter der Hülle steckt.

Fabio Pastori

Der Autonome

Mit dem Auto genieße ich Unabhängigkeit. Auch ist es das einzige Fortbewegungsmittel, das mir das berufsbedingte Transportieren von größeren Gegenständen ermöglicht. Die Zukunft des Autos entscheidet sich mit der modernen Stadtplanung, die Platz für alle Verkehrsteilnehmer schaffen muss.

Verlässlicher Partner, Zukunft durch Stadtplanung.
Von

Angela Wyss

Die Zeitlose

Das Fahrrad hat seit seiner Erfindung nicht an Aktualität eingebüßt. Es gehört für mich wie ein Hochhaus zum Bild einer Stadt. Die individuelle Mobilität wird auch in Zukunft gefragter sein als öffentliche Verkehrsmittel. Nicht nur aufgrund von Corona. Firmen müssen hier Anreize schaffen. Duschen und Hygieneräume für das Erfrischen nach der Fahrt sollten mittlerweile zur Grundausstattung eines jeden Betriebs gehören. Das wird man in Zukunft berücksichtigen müssen.

Altbewährtes für die Zukunft.
Von

Ines Süßmeir

Die Zielstrebige

Mobilität bedeutet für mich Nutzen, nicht Lifestyle: Das Ziel ist der Weg, nicht der Weg das Ziel. Statt mit dem Fahrrad-Anhänger bewege ich mich mit dem E-Lastenrad fort. Das ist bequemer, sicherer und bietet mehr Platz. In den beiden angebrachten 32-Liter-Taschen lässt sich ein  Wocheneinkauf verstauen, zusätzlich gibt es die Möglichkeit für eine Verstaubox an der Vorderseite. Es gibt in Zukunft nicht die eine Mobilitäts-Lösung, das Lastenrad ist jedoch eine tolle Antwortmöglichkeit – wie andere Zweiräder auch.

Bequem und sicher, wächst schnell.
Von

Gerald Kiska

Der Vordenker

Corona ist kein Veränderer, sondern ein Beschleuniger von Dingen, die sowieso auf dem Weg und in den Köpfen der Leute waren“, stellt Gerald Kiska, der Kopf von KISKA, einer interenationalen Marken- und Designagentur in Anif bei Salzburg, trocken fest. Über 200 Menschen aus rund 30 Nationen arbeiten hier, Kiska sieht den beschleunigten Mobilitätswandel tagtäglich vor der Haustür und in den KISKA-Standorten Schanghai und Kalifornien. „In Schanghai hat keiner ein Auto, in Kalifornien geht ohne Auto gar nichts. In Schanghai ist es illusorisch, ein Auto zu haben, der Parkplatz kostet rund 25.000 Euro im Jahr – wenn man überhaupt ein Nummernschild bekommt.“

Aber gerade in Coronazeiten sei es „schwierig“, in öffentliche Verkehrsmittel in Schanghai reingepresst zu werden. Stattdessen bewege man sich mit Leihfahrzeugen, die Stadt sei komplett erschlossen. „Roller oder Räder sind an jeder Straßenkreuzung zu mieten, mit App und Kreditkarte bewegst du dich durchs ganze Leben.“

Offenheit statt Doktrin.
Von

Dass sich das Design ebenso verändern werde, liege mit der Fokussierung auf die E-Mobilität auf der Hand: „Das tut es ja schon, wenn ich mir etwa einen ID.3 von Volkswagen anschaue. Tatsache ist, dass man einerseits keine großen Kühlluftöffnungen braucht und andererseits die Aerodynamik aufgrund des verminderten Energiespeichers stärker betonen muss. Das führt zwangsläufig dazu, dass man anders denkt, mutiger wird und sich nicht davor scheut, das in den Vordergrund zu stellen. Ich bin ja auch im Innenraum durch nichts eingeschränkt.“

Die E-Mobilität – 2022/2023 soll der erste E-Roller von KTM-Tochter Husqvarna mit KISKA-Design kommen – könne auch Motorräder beeinflussen. „Man kann wesentlich reduzierter bauen als beim Verbrenner, weil ich weniger komplexe Teile habe – keinen Tank, keine Airbox.“ Kiskas Team arbeitet aktuell an einem EU-Projekt, das sich mit modularer Architektur für E-Antriebsstränge und Batterien befasst. Schwerpunkte: Leichtbau, Bord-Informationssysteme. „Wir Designer haben einen naiven wie erfrischenden Zugang, wir kommen ja von der Anwenderseite“, sagt Kiska.

Was er sich bei der politischen Gestaltung unserer Mobilität wünscht? „Hausverstand bei der Politik.“ Und: „Dass man von der willkürlichen Betrachtung und vom Leugnen physikalischer Zusammenhänge wegkommt. Es gibt keine Verteufelung des Verbrennungsmotors mehr, weil bei dem Technikstand die Probleme überschaubar sind. Gleichzeitig muss man wissen, dass E-Mobilität für manche Anwendungsgebiete toll ist, aber für manche nicht. Deshalb gibt es kein Schwarz-Weiß. Da würde ich mir ein besonderes Maß der Beurteilung wünschen und einen technologieoffenen Zugang – und keine Doktrin.“