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Österreich im Wandel | Wie die Klimakrise unsere Bundesländer verändert

Von Rebecca Gahr, Christina Harrich, Eva Sappl und Michael Sommer

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STEIERMARK

Wenn dem Wein der Sonnenbrand droht

Weinreben haben es gerne warm und trocken. Der Klimawandel macht den Weinbauern in der Steiermark dennoch zu schaffen. Das Weingut Ploder-Rosenberg versucht, die negativen Auswirkungen durch naturnahen Weinbau zu mildern.

Von Eva Sappl

ORT: St. Peter am Ottersbach

LESEZEIT: 4 Minuten

Es grünt am Weingut Ploder-Rosenberg. Zwischen den Reben wächst das Gras kniehoch, man hört das Zirpen der Grillen und Zwitschern der Vögel. Maria Ploder geht den Weinberg hinter ihrem gelben Bauernhaus hinauf. “Von oben hat man eine schöne Aussicht über unsere Gärten!” Das Idyll trügt ein wenig: 2020 dürfte für den Familienbetrieb ein bitteres Jahr werden, denn die meisten Abnehmer ihres Weins sind Hoteliers und die Gastronomie. Das Geschäft ist an sich schon schwierig genug, dazu macht auch der Klimawandel den Weinbauern zu schaffen.

Durch die wärmeren Temperaturen reifen die Trauben auch früher, sagt Maria Ploder. 2016 hatten sie dadurch das erste Mal enorme Spätfrost-Einbußen. Gegen die Folgen extremer  Niederschläge, wie sie in den vergangenen Jahren häufiger geworden sind, sei man aber  durch die natürliche Begrünung und Hagelschutznetze geschützt, meint Maria Ploder. Die größte Sorge des Betriebs ist, wie bei vielen Weinbäuerinnen und Weinbauern, der Pilzbefall. Zwar setzt die Familie vermehrt auf PIWI’s, auf pilzwiderstandsfähige Rebsorten, aber das allein genüge noch nicht. “Wir stärken die Reben mit Tees und Kräuterauszügen. Optimal sind die Reben dadurch so stark, dass sich der Pilz erst gar nicht ansiedelt.”

Weltweit klingen die Prognosen für die Zukunft des Weinbaus noch weit dramatischer. Im Fachblatt „Proceedings of the National Academy of Sciences“ berichten ForscherInnen Anfang des Jahres, dass bei einem Temperaturanstieg von 2 Grad Celsius mehr als die Hälfte der momentanen Weinbauflächen weltweit verloren gehen würden. Bei 4 Grad wären es sogar 85 Prozent. Besonders in heißeren Weinanbaugebieten wie in Spanien, Italien oder Australien sind die größten Verluste zu erwarten. Um die derzeitigen Flächen weiter bewirtschaften zu können, müsse man auf  andere Sorten umsteigen. Andererseits betonen Experten, könne sich in manchen Lagen die Qualität der Weine auch erhöhen. In kühleren Lagen, in Deutschland wie auch in Österreich, könne man auch wärmeliebender Sorten, wie Merlot,  anbauen.

Doch der Weinbau ist ein langwieriger Prozess. Weinbau ist eine Dauerkultur, bis zu 35 Jahre stehen die Reben. Für einen Sortenwechsel müssten bestehende Weinberge gerodet werden, erst ab dem vierten Jahr wären die Anlagen voll ertragsfähig. Damit sind die Möglichkeiten, auf den Klimawandel zu reagieren, eingeschränkt, erklärt Sabrina Dreisiebner-Lanz, die bei Joanneum Research zu Wetter- und Klimarisikomanagement forscht. Durch Managementmaßnahmen – das Entblättern der Reben oder durch Begrünung –  kann jedoch teilweise gegengesteuert werden. “Während einer Hitzeperiode wird entsprechend weniger entblättert, um Sonnenbrand an den Trauben zu vermeiden.”

Eine der schwerwiegendsten Auswirkung auf den Weinbau ist die Verfrühung der Vegetation durch die generelle Erwärmung aufgrund des Klimawandels, erklärt Dreisiebner-Lanz. Treiben die Reben früher aus, sind sie – wie im Jahr 2016 geschehen – im Falle eines späten Frostes verletzlicher. Die Zunahme von extremen Wetterverhältnissen und wechselnden Bedingungen erfordert eine flexible und situationsangepasste Kulturführung. Dabei sind die Zusammenhänge komplex, so Dreisiebner-Lanz.

Familie Ploder

Der Geschmack wird sich ändern

Karl Thurner-Seebacher, Lehrender für Weinbau an der Fachschule Silberberg, erkennt auch eine Veränderung in der Weinstilistik durch diese Verfrühung: „Um das klassische steirische Weinaroma ausbilden zu können, brauchen wir kühle Nächte und warme Tage.“ Werden die Trauben aber früher reif, herrscht weniger Temperatur-Unterschied zwischen Tag und Nacht. So erhält der Wein einen höheren Alkoholgehalt. Um diesen etwas “abzupuffern”, werde man wohl mehr Restzucker geben. Der Geschmack werde sich also ändern.
Das sei aber, so Thurner-Seebacher, nicht allein dem Klimawandel zuzuschreiben, denn der Geschmack der Weine änderte sich über die Jahrzehnte immer wieder. So war der steirische Weißwein vor 40 Jahren noch sehr trocken und säurehaltig. Nach und nach seien diese dann bekömmlicher geworden, wiesen weniger Säure und dafür etwas mehr Restzucker auf. Heute reicht die Geschmackspalette vom klassischen klaren und fruchtigen Weißwein über Süßweine bis hin zu Trendweinen wie orangem Wein – Weißweine, die wie Rote ausgebaut werden. Dennoch können höhere Lagen in Zukunft interessanter werden, da es in hohen Lagen in der Nacht oft kühler wird.

Weinflaschen

Dass das Weißwein-Land Steiermark aber auf Rotwein, der bekanntlich ein wärmeres Klima braucht, umstellt, hält Thurner-Seebacher für ausgeschlossen. „Diesen Trend gab es, etwa um das Jahr 2000, aber das war relativ rasch wieder zu Ende.“ Damals war der Rotwein-Boom im Burgenland und auch das wachsende Gesundheitsbewusstsein wohl Grund dafür, dass sich Rotweine auch in der Steiermark vermehrten. Warum der Trend nicht anhielt, kann Thurner-Seebacher nicht genau sagen: “Kunden haben einfach eine gewisse Erwartung: Weißwein kommen aus der Steiermark und Rotwein aus dem Burgenland.”

Weinbau mit vielen Facetten

“Jetzt sind wir gerade dabei die Reben durch die erste Drahtschlinge zu schlupfen”, sagt  Maria Ploder, während sie im Weinberg behutsam die Reben zwischen die gespannten Drähte legt. Das soll zur Stabilität beitragen und einem geraden Wuchs sowie ausreichend Licht und Luft gewährleisten.

Auch am Weingut Ploder-Rosenberg in St. Peter am Ottersbach ist und bleibt Weißwein bzw. Naturalwein der Schwerpunkt. Familie Ploder – Maria, Alfred und Sohn Manuel – betreibt auf 12 Hektar im Vulkanland einen der 15 Demeter-Weinbetriebe der Steiermark, von insgesamt 3300 steirischen Weinbäuerinnen und Weinbauern. Im Gegensatz zu Bio-Weinbäuerinnen und Bio-Weinbauern haben Demeter-Weinbetriebe noch strengere Richtlinien, im Weingarten wie auch im Weinkeller. „Wir verzichten im Weingarten komplett auf synthetische Pflanzenschutzmittel sowie Herbizide und setzen auf Naturbelassenheit und Pflanzenvielfalt. Im Weinkeller arbeiten wir mit Spontangärung, verzichten also auf Zusatz von speziell gezüchteten Weinhefen und auf die Filtration beim Abfüllen“, erklärt Maria Ploder. Gestärkt werden die Reben mit eigens hergestelltem Dünger, wie Hornmist, Kräuter-Tees, Jauchen oder Gesteinsmehle.

Junge Weinreben am Weingut Ploder-Rosenberg.

„Das ist eine Philosophie, die man durch und durch lebt“, erklärt Maria Ploder. Nicht nur der Betrieb ist biodynamisch, die gesamte Familie ist es. Das Weingut ist autark, durch Photovoltaikanlagen, einer kleinen Viehzucht mit Schafen, Hühnern und Gänsen und drei Permahügel inmitten der Weingärten, auf denen Gemüse angebaut wird. „Wir haben wieder einen Garten aus dem Weingarten gemacht.” Die Ploders pflanzten in die Weingärten, zwischen die Reben, Bäume, Kräuter und Sträucher, bauten riesige Insektenhotels und Brutkästen für Vögel oder Staudenhäufen und Steinhäufen, als Unterschlupf für unterschiedlichste Tiere. 2006 stieg die Familie auf Biodynamie um. “Es ist eine neue Verbundenheit zu Natur. Du weißt, dass du dir, deinen Pflanzen und der Umwelt etwas Gutes damit tust. Das schmeckt man auch.”

Icon Baum

KÄRNTEN

Ein Lehrer auf der Jagd

Wilfried Rom aus Feistritz an der Drau ist seit 45 Jahren begeisterter Jäger. Seit seiner Jagdprüfung hat sich viel getan – die Klimakrise hat den Wald verändert.

Von Christina Harrich

ORT: Gemeinde Paternion

LESEZEIT: 4 Minuten

Mit seinem Rauhaardackel Flora im Kofferraum macht sich Wilfried Rom auf den Weg in sein Jagdrevier. Während sein Pick-up über Stock und Stein rumpelt, sucht Rom den Waldweg bereits nach frischen Wildspuren ab. Beim Hochmoor am Altenberg macht er Halt. Vorsichtig hebt er seinen Hund Flora aus dem Auto, Dackel sollten nämlich ihre Rücken schonen, und marschiert auf einem schmalen Pfad in den Wald hinein.

Jagen liegt in der Familie

Kaum jemand kennt die Wälder rund um Paternion so gut wie der erfahrene Jäger Wilfried Rom. Die Leidenschaft für die Jagd packte ihn schon früh, den Zugang fand er über seine Verwandten. „Meine beiden Großväter, mein Taufpate und meine Cousins haben immer von der Jagd geschwärmt. Mit 20 habe ich dann gemerkt, dass ich das auch machen will“, erzählt Rom. Die Naturverbundenheit zeigt sich auch in seiner Berufswahl: Wilfried Rom unterrichtete Biologie, Englisch und Werken in Feistritz an der Drau. Mittlerweile ist er in Pension und nimmt sich Zeit für seine Familie und die Natur.

Wilfried Rom hält Ausschau nach Wildtieren.

Borkenkäfer mögen’s heiß

Seit Wilfried Rom 1975 mit der Jagd begann, hat sich klimatisch einiges verändert. Es gibt längere Trockenperioden und starke Stürme, vor allem in den letzten Jahren. Die Waldbilanz der Österreichischen Bundesforste fiel 2019 ernüchternd aus: 80 Prozent der österreichweiten Erntefestmeter waren Schadholz. Georg Schöppl, Vorstand für Finanzen und Immobilien bei den Österreichischen Bundesforsten, fasst die entstandenen Kosten zusammen: „Mit knapp 41 Millionen Euro im Jahr 2019 haben sich die Klimawandelkosten gegenüber dem Vorjahr verdoppelt (2018: 23,6 Mililonen), innerhalb von drei Jahren nahezu verdreifacht (2017: 15,7 Millionen).” In die Waldpflege flossen 2019 laut den ÖBf 12,2 Millionen Euro.

Die klimatischen Veränderungen sind auch in Wilfried Roms Jagdrevier spürbar. Weil im Winter immer weniger Schnee fällt, führt er keine sogenannte Notzeitfütterung mehr durch. Die Futterkrippen werden also nicht mehr befüllt. Außerdem wandern durch die wärmeren Temperaturen manche Wildtiere in immer höhere Lagen. „Gams, Murmeltier und Steinbock vertragen die Hitze herunten nicht. Wenn es irgendwann nicht mehr weiter hinauf geht, sterben diese Arten aus“, erklärt Rom. Im Gegensatz zu den anderen Tieren fühlt sich der Borkenkäfer bei hoher Temperatur sehr wohl. Der Schädling bohrt sich durch die Baumrinde und legt dort Brutgänge für seinen Nachwuchs an. Bis zu drei Käfergenerationen können in einem Jahr schlüpfen und den Wald großflächig zerstören.

Obwohl der Borkenkäfer mit dem Specht einen natürlichen Feind hat, breitet er sich sehr schnell aus, Fichten sind besonders anfällig. Auch in Wilfried Roms Jagdrevier sind Bäume vom Borkenkäfer befallen. „Wenn es warm ist, fühlt sich der Käfer besonders wohl, da ist nichts zu machen. Ganz wichtig ist aber, das Schadholz wegzuräumen und nichts liegenzulassen“, sagt der Jäger.

„Ich muss nicht mehr abdrücken”

Neben den klimatischen Veränderungen hat sich auch die Jagdkultur gewandelt. In den 70ern war der Trophäenkult noch weit verbreitet, heute sehen sich Jäger eher als Beobachter des Wildbestandes. „Wenn ich heute in den Wald gehe und ein Wild sehe, dann freue ich mich. Ich muss nicht mehr abdrücken“, erklärt Rom. Heute erfreut sich der Jäger an kleinen Erlebnissen, wie zum Beispiel an einer Ameise, die über seinen Gewehrlauf krabbelt, erzählt Rom: „Dann frage ich mich, was ihr wohl durch den Kopf geht. Was spielt sich in ihrem Universum ab?“

Um die 100 Mal pro Jahr geht Wilfried Rom auf die Pirsch. Als Hegeringleiter ist er für acht Jagdreviere zuständig und meldet die Abschüsse in den einzelnen Revieren an die Bezirksgeschäftsstelle Villach. Rom wurde 1986 von Jagdkollegen als Hegeringleiter vorgeschlagen und seitdem immer wiedergewählt. Bei der nächsten Wahl in vier Jahren möchte er allerdings nicht mehr antreten: „Da soll ein Junger dann die ganze Partie übernehmen. Wir werden schon einen finden, der das gern macht“, meint Rom.

Ans Aufhören denkt der passionierte Jäger aber noch lange nicht: „Das ist und bleibt meine Leidenschaft. Es gibt da einen alten Jägersspruch: ‚Das Jagan, das Liabn und das Singen kann man nit erzwingen.‘ So sehe ich das auch und genieße einfach die Zeit in der Natur.“

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TIROL

Über allen Gipfeln ist Ruh´

Das Corona-Virus hat den Tourismus auf Tirols Bergen und Gletschern zum Erliegen gebracht. Naturschützer wie Gerd Estermann schöpfen Hoffnung, dass sich die Natur nun nachhaltig erholen kann.

Von Eva Sappl

ORT: Pitztal/Ötztal

LESEZEIT: 3 Minuten

Es ist ein bisschen wie eine andere Welt. Ein Ruheort über der Waldgrenze: zahlreiche Kleinstgewässer voller Leben, grasende Pferde, angezuckerte Gipfel und schier unendliche Weiten. Die Feldringer Böden, nur 20 Minuten vom Inntal entfernt, sind ein Fleck nahezu unberührter Natur im Tiroler Oberland. Im Sommer wie im Winter gelten die Feldringer Böden als Geheimtipp unter Wanderern und Skitouren-Gehern.

2018 sollte diese Region allerdings für den Zusammenschluss der beiden Skigebiete Kühtai und Hochoetz weichen. Der pensionierte Chemielehrer Gerd Estermann hatte da etwas dagegen: “Ich hatte einfach das Gefühlt, da würde etwas Wesentliches verloren gehen.” Zu dieser Zeit gründete er die Bürgerinitiative Feldring, die sich durch laute Gegenstimmen, eine Petition und einer Demonstration in Innsbruck Gehör verschaffte und die Zusammenlegung verhinderte. Sein nächster Schritt: Die Feldringer Böden unter Naturschutz zu stellen.

Als 2019 vom nächsten Zusammenschluss, diesmal der beiden Gletscher-Skigebiete Pitztal und Ötztal, die Rede war, stand der Mötzer erneut für den Schutz der Tiroler Berge ein. Gerd Estermanns Vater war gebürtiger Ötztaler und seine Tochter lebt im Pitztal, er kennt beide Ort gut, ist dort zu Hause. Weltweit sind Gletscher stark vom Klimawandel betroffen: Pisten beispielsweise, die vor einigen Jahren noch auf Eis waren, sind heute auf Fels, erklärt Estermann. “Ein Gletscher-Skigebiet im Sommer sieht aus wie eine Industrielandschaft. Da wird auf Hochtouren gewerkt, mit Baggern und schweren Geräten, damit dort im Winter wieder eine Piste sein kann.”

Pitztal im Sommer
Pitztal im Sommer – Foto: Benjamin Stern

Eis schmilzt

Am deutlichsten zu erkennen ist der fortschreitende Klimawandel an den Gletschern. Man kann von Jahr zu Jahr beobachten, wie Gletscherzungen und Permafrostböden schwinden. Seit Mitte der 80er Jahre sind alpine Gletscher aus dem Gleichgewicht, wie die Klimaforscher Helga Kromp-Kolb und Herbert Formayer in ihrem Buch “+2 Grad” schreiben, Gletscher schmelzen im Sommer stärker ab, als im Winter Schneemassen nachkommen. Das hat Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem in den Bergen, aber auch in den Tälern hat. Gletscher tragen zum Wasserstand der Flüsse und zur Trinkwasserversorgung bei, sie halten aber auch Geröll und Gesteine am Berg zusammen. Wenn Permafrostböden schmelzen, kommt es vermehrt zu Steinschlägen.

Besonders stark merkt man diese Auswirkungen, wenn man viel im alpinen Gelände unterwegs. Wie der Tiroler Bergführer Benjamin Stern. Eine seiner Standard-Routen im Sommer führt auf das Zuckerhütl in den Stubaier Alpen. Durch den Rückgang der Permafrostböden kommt es auf dieser nun vermehrt zu Steinschlägen. Passagen, die vor ein paar Jahren einfach zugänglich waren, sind mittlerweile zu schwierigen Kletterrouten geworden, erzählt Stern.

Nicht nur der Klimawandel macht der Tiroler Bergwelt  zu schaffen. Auch die ständigen Erweiterungen der Skigebiete bedrohen seinen Arbeitsplatz: „Wenn man dann von solchen Projekten wie der Zusammenlegung vom Pitz- und Ötztal, hört, denkt man, man ist in der falschen Zeit.“ Als Bergführer lebt er von der unberührten Natur der Alpen, für deren Erhaltung er sich auch beim Alpenverein als Naturschutzreferent einsetzt.“ Es ist einfach die Nähe zu Natur, die meinen Beruf so spannend macht, auch diese Weite zu erleben.“ Trotz des Rückgangs der Gletscher kann man in den Tiroler Alpen noch immer riesige wilde Gletscher-Flächen sehen. „Mit Spalten und steilen Flanken. Es vermittelt ein Gefühl der Freiheit, dort unterwegs zu sein und die Natur so nah zu erleben.“ Schon in jungen Jahren war Stern von diesen Weiten fasziniert und leidenschaftlich gerne auf Skiern oder zu Fuß auf den Gletschern unterwegs. „Da war es dann einfach der logische Schritt, diese Leidenschaft zum Beruf zu machen.“

Gletscher am Übertalferner.
Gletscher am Übertalferner – Foto: Benjamin Stern

Corona und neue Chancen

Im Moment ist Tirol touristenleer. Die Skilifte stehen still, es herrschen strenge Reisebeschränkungen. Eine Ausnahmesituation für das Tourismusland. Für den pensionierten Lehrer Gerd Estermann ist das auch ein Genuss. Von seinem Haus in Mötz, direkt am Waldrand, konnte er auch in den letzten Monaten in die Natur: “Man spürt eine andere Stimmung, die Ruhe ist wieder da. Es gibt hier einige Gipfel, auf denen man sonst bis auf 2000 Meter Höhe den Lärm vom Inntal hinauf hört. Das war jetzt nicht mehr der Fall.” Durch die Coronakrise hätten sich auch die Wertigkeiten verschoben, glaubt er, selbst unter den Einheimischen. Es werde von Heimaturlauben gesprochen, auch das Spazierengehen erlebe eine Renaissance.

Hoffnung schöpft Estermann auch, was den geplanten Zusammenschluss der Schigebiete Pitztal und Ötztal angeht, das dadurch zum größten Gletscher-Skigebiet Europas würde. Corona habe, sagt Estermann, das Projekt wohl beendet. Man müsse nun erst – Stichwort “Ischgl” – das angeschlagene Image des Tiroler Tourismus wieder aufbauen. Genau da sieht Estermann für naturnahe und entlegene Gebiete wie das Pitztal eine große Chance: Sie könnten einen Gegenpol zum Event-Tourismus darstellen und auf Naturverbundenheit und Nachhaltigkeit setzen. “Auch die Tatsache, dass es im Pitztal nicht viele Corona-Fälle gab, sollte zum Nachdenken anregen. Das würde ich jetzt vermarkten, wenn ich Touristiker wäre.”

VORARLBERG

Mode wird sich ändern müssen

Das Corona-Virus hat den Tourismus auf Tirols Bergen und Gletschern zum Erliegen gebracht. Naturschützer wie Gerd Estermann schöpfen Hoffnung, dass sich die Natur nun nachhaltig erholen kann.

Von Eva Sappl

ORT: Lustenau

LESEZEIT: 4 Minuten

Die Textilindustrie und vor allem die industrielle Stickerei hat in Vorarlberg eine lange Tradition. Schon 1869 brachten Josua Heilmann und Isaak Gröbli die erste Handstickmaschine von der Schweiz nach Lustenau. “Damals wollte jeder in die Stickerei. Sie brachte viel Wohlstand und Arbeit für Frauen”, erzählt Selma Grabher, Geschäftsführerin der Stickerei Hoferhecht. Grabhers Familie hat diese Geschichte von Anfang an mitgeschrieben, ihr Urgroßvater Rupert Hofer gründete 1880 die Hoferhecht Stickerei. Das Unternehmen ist damit der älteste noch existierende Stickereibetrieb in Vorarlberg. Mit 40 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist er auch der größte und wird von Selma Grabher in vierter Generation geführt. Auch ihre Töchter arbeiten bereits im Unternehmen mit.

Über die Jahrzehnte hat sich das Geschäft stark verändert. Einen besonderen Wandel durchlief es, nachdem ein Lustenauer Geschäftsmann anlässlich einer Reise nach Lagos erkannt hatte, dass es vor allem bei der nigerianischen Volksgruppe Yoruba eine große Nachfrage nach bestickten Stoffen gibt. So wurde Nigeria der Hauptabsatzmarkt der Vorarlberger Stickereien, die seither unter dem Namen “African Lace” bekannt sind. Heute noch machen die Exporte nach Nigeria 70 Prozent des gesamten Absatzes der Stickerei Hoferhecht aus. Darüber hinaus ist auch der Weg vom Rohstoff zum fertigen Kleidungsstück globalisiert: Die Seide wird in Italien – unter europäischen Höchststandards, wie Grabher sagt – gefärbt, die Rohseide kommt aus China, wird dann eben in Vorarlberg gestickt und nach Afrika verschifft.

Selbst wenn die Globalisierung neue Märkte eröffnet, sieht Selma Grabher die Entwicklungen auch kritisch. Billigwaren aus Asien oder der Türkei sind die größte Konkurrenz des Unternehmens und verkaufen ebenfalls nach Afrika: “Manchmal sind Designs von uns schneller kopiert, als wir sie verkauft haben.” Der Modemarkt habe sich in den letzten 40 Jahren stark verändert, so Grabher. Früher hatten Sie noch viele kleinere Kunden mit eigenen Modelabels, die  bei Ihnen bestickte Stoffe kauften. Heute gebe es nur noch Extreme: “Entweder ganz teuer wie Couture – oder ganz billig wie Zara.” Die Vielfalt der Entwürfe, die Einzelstücke, das fehlt Selma Grabher, heutzutage sehe alles gleich aus.

Selma Grabher, Geschäftsführerin der Stickerei Hoferhecht in Lustenau
Selma Grabher, Geschäftsführerin der Stickerei Hoferhecht in Lustenau. – Foto: Hoferhecht

Textilien verschmutzen die Welt

Es ist vor allem die globalisierte Produktion von schneller Billigmode, die zur Zeit unter heftiger Kritik steht. Eine aktuelle Studie im Journal Nature Reviews Earth & Environment zeigt, dass “Fast Fashion” die Textilindustrie zum zweitgrößten Umweltverschmutzer der Welt macht. Wie auch Grabher beschreibt, ist jeder Produktionsschritt mit Transportwegen verbunden, was zu enormen C02-Emissionen führt. Produziert wird dort, wo es am billigsten ist. Der hohe Wasserverbrauch – 79 Billionen Liter pro Jahr –, der produzierte Abfall – jährlich 92 Millionen Tonnen – sowie der Einsatz von Chemikalien trägt stark zur Klimakrise bei.

Für Lisa Panhuber, Konsum-Expertin bei Greenpeace Österreich, liegt das Hauptproblem darin, dass Fast Fashion darauf ausgerichtet ist, schnell ausgetauscht zu werden: “Das nachhaltigste Kleidungsstück ist das, das wir bereits besitzen.” Textilfirmen müssten künftig Kleidung produzieren, die auf Langlebigkeit ausgelegt ist und Aspekte wie Qualität, Haltbarkeit, Reparierbarkeit sowie die Verwendung schadstoffarmer Materialien berücksichtige.

Gertrude Klaffenböck koordiniert die Clean Clothes-Kampagne in Österreich und meint, dass die Probleme der Modeindustrie schon lange bekannt seien. Dagegen getan werde jedoch nur sehr wenig. Sie kritisiert auch, dass mehr zu Nachhaltigkeit gehöre als Umweltschutz: “Bisher wird Nachhaltigkeit vonseiten der Industrie auf ökologische und Umweltbelangen reduziert und sehr wenig auf menschenrechtliche Faktoren und arbeitsrechtlichen Bedingungen geachtet. Es gibt aber keine Nachhaltigkeit ohne Menschenrechte.”

Während für Panhuber die Textilindustrie in Österreich, was den Grad der Umweltverschmutzung – Abfall, Abwasser und Emissionen – betrifft, gut dasteht, sieht Klaffenböck Lücken in Sachen Transparenz: “Öffentlich ist sehr wenig Information zugänglich, aus welchen Materialien und unter welchen Bedingungen die Rohstoffe im Ausland hergestellt werden.”

Halbherzige Nachhaltigkeit

Wie nachhaltig wird also in Vorarlberg produziert? “So gut es geht”,  mein Grabher. Sie achte auf qualitätsvolle Stoffe – gestickt wird vor allem auf Seide –, kaufe viel in Italien. Man fühle die Qualität. Nach 40 Jahren in der Branche sei ihr Auge und ihr Tastsinn geschult genug, um feine Unterschiede zu erkennen.

Selma Grabher hofft, dass es durch die Corona-Pandemie zu einem Gegentrend zur Globalisierung kommt: “Ich hatte das Glück, vor den Lockdowns meine Stoffe für die letzten Aufträge noch erworben zu haben, andere Stickereien hatten hier Engpässe. Vielleicht wird wieder mehr in Europa produziert werden, mit kürzeren Lieferketten.” Einen Nachhaltigkeitstrend in der Mode sieht sie nicht: “So viel Bio-Baumwolle, mit der die Billigmarken werben, gibt es gar nicht. So viel wird nicht produziert.” Der Verbraucher lasse sich täuschen.

Auch Panhuber sieht, dass große Textilkonzerne einen Trend in der Gesellschaft zwar erkannt haben, ihre “Öko-Produkte” betreffen aber nur eine kleine Auswahl von Stücken. “Eingesetzt wird bei diesen Kollektionen oft Baumwolle mit dem Siegel Better Cotton Initiative (BCI) oder Cotton Made in Africa. Diese Zeichen werden in der Regel extern kontrolliert, allerdings sind die Kriterien aus Umweltsicht oft weniger streng als bei zertifizierter Bio-Baumwolle.“ Für Klaffenböck ist zwar noch keine Trendwende sichtbar, sie sieht aber ein Umdenken bei Konsumenten: “Mein persönlicher Eindruck ist, dass Konsumentinnen teilweise schon weiter sind als das Angebot.” Ihr zufolge müsste dem Bio-Siegel auch eines folgen, das adäquate Arbeitsbedingungen kennzeichnet. Es sei ein Grundrecht von Konsumenten zu wissen, unter welchen Bedingungen ihre Kleidung produziert werde.

Stickerei und Corona

Die Stickerei-Industrie in Vorarlberg hatte immer Höhen und Tiefen. Das gilt auch für das Lustenauer Unternehmen, das heuer 140 Jahre alt wird. Die Corona-Pandemie hat den Markt der Stickereiwaren zur Zeit zum Erliegen gebracht. Hoferhecht hat im Moment keine Aufträge, die MitarbeiterInnen befinden sich noch in Kurzarbeit. Frankreich, der wichtigste Markt für die Lustenauer in Europa, befinde sich noch im Shutdown, erklärt Grabher. Designer ließen ganze Kollektionen ausfallen. Selma Grabher blickt dennoch optimistisch in die Zukunft: Man werde nun die Lager in Nigeria füllen, Musterstücke der aktuellen Stickerei-Kollektionen nach Afrika schicken, damit sich die Designer und Kunden dort ein besseres Bild von den Stoffen machen können. “Ein gewisses Maß an unternehmerischem Risiko muss man eingehen”, sagt Grabher.

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SALZBURG

Bergsommer im Wandel

Frühe Schneeschmelzen, extreme Wetterereignisse und das „Verrutschen der Vegetation“ : Seit mehr als einem Jahrzehnt beobachten Matthias und Renate Kreuzer auf ihrer Hochalm bei Gastein, wie sich der Klimawandel auf ihre Alm auswirkt.

Von Katharina Lugger

ORT: Brandner Hochalm (Gastein)

LESEZEIT: 3 Minuten

Frühe Schneeschmelzen, extreme Wetterereignisse und das „Verrutschen der Vegetation“ : Seit mehr als einem Jahrzehnt beobachten Matthias und Renate Kreuzer auf ihrer Hochalm bei Gastein, wie sich der Klimawandel auf ihre Alm auswirkt.

Almsommer im Wandel

Es ist schon Abend, als Matthias Kreuzer sich an den Esstisch setzt. Den Bauernhof – er wird Brandnerhof genannt – hat er zwar schon an seinen Sohn übergeben, aber die Arbeit hört deshalb nicht auf. Vor allem jetzt, wo das Ehepaar wieder auf ihre Alm will, ist noch viel zu tun.

Für Hias ist es heuer der zwölfte Sommer, den er seine Brandner Hochalm bewirtschaftet, für Renate ist es das neunte Jahr. Um ihre Hütte zu erreichen, muss man schon ein Stückchen gehen – einem Bach folgend arbeitet man sich von Bad Hofgastein aus durch dichte, kühle Wälder und steigt gemächlich ins Leidalm-Gebiet der Schlossalm auf. Dort, auf 1767 Höhenmetern, empfangen die Kreuzers den ganzen Sommer über durstige Wanderer, um sie mit allerlei Selbstgemachtem zu verköstigen – unter anderem mit vor Ort produziertem Käse. Von hier aus kümmert sich das Ehepaar auch um ihr Vieh, das auf den umliegenden Almwiesen bestes Futter genießt. So läuft das von Anfang an.
Aber nicht alles ist unverändert geblieben. Die Almsommer hätten sich gewandelt, meint Hias.

Der Blick von der Alm auf das umliegende Gebirge.

Grüne Gipfelwiesen im Sonnenschein

Veränderungen, die mit dem Klimawandel einhergehen, wären auch auf der Alm bemerkbar. Heute würden Gräser am Berg gedeihen, die Hias früher nur aus dem Tal kannte und altbekannte Berggewächse würden in höheren Lagen als noch vor 50 Jahren wachsen. „Die Vegetation rutscht nach oben“, so der Almwirt.

Damit beobachtet er, was bereits eine Studie der Uni Wien von 2006 bestätigte – aufgrund der steigenden Temperaturen wird auch in den nächsten Jahren die artenreiche Pflanzenwelt der Hochgebirge über die Waldgrenze hinaus weiter bergaufwärts wandern. Die Alpen sind davon besonders betroffen, denn hier steigen die Temperaturen schneller als im globalen Mittel, aber auch im Himalaya-Gebirge grünt es weiter oben als gewohnt, wie eine Studie Ende letzten Jahres zeigte.

Die Flucht der Fichte

Aussicht von der Alm auf das umliegende Gebirge
Für die nächsten Generationen wird sich der Blick auf die Berge wohl ganz anders präsentieren. – Foto: Katharina Lugger

Zu den Pflanzen, die nun gipfelnäher siedeln würden als früher, zählen laut Matthias Beobachtungen auch Fichten und Erlen. Er glaubt, dass die gestresste und durch Borkenkäfer bedrohte Fichte zukünftig vom Flachland ins Gebirge wandern könnte. Auf der Sonnenseite des Tales, in Gunstlagen, wo die Lawinen ihn nicht mitreißen würden, denkt er, Österreichs häufigsten Nadelbaum zukünftig öfter antreffen zu können.

Pia Buchner, Pressesprecherin der österreichischen Bundesforste, stimmt der Aussage zwar zu, ergänzt aber, dass man hier die Lebensdauer der Bäume bedenken müsse – bei Fichten im Durchschnitt 120 Jahre. So lange werde es auch in etwa dauern, bis eine Veränderung des Waldes, an dem die Bundesforste bereits arbeite, bemerkbar werde. Vor allem auf die Durchmischung der nun oft reinen Fichtenwälder werde großer Wert gelegt, denn als Flachwurzlerin könne sie den Klimaveränderungen nicht so gut standhalten, wie beispielsweise die tiefwurzelnde Tanne. Zu den angesprochenen Klimaveränderungen zählt Buchner übrigens neben den steigenden Temperaturen die nicht höhere, aber konzentrierte Menge an Niederschlag im Bereich der Alpen – was sich nicht nur auf die Wälder auswirkt.

Berge in Bewegung

Renate erinnert sich daran, dass der Winter 2018/19 in Gastein so schneereich gewesen war, dass die Schneemassen sogar den Kamin der Hütte niedergedrückt hat. Daher glaubte das Ehepaar, vor Ende Juni die Hochalm nicht erreichen zu können. Doch aufgrund der hohen Temperaturen in Kombination mit starken Föhnwinden schmolz der Schnee im Frühling innerhalb kürzester Zeit. Fast zu schnell – hinter der Hütte entstand eine Quelle, deren Bach zum Glück an der Hochalm vorbeizog. “Der Bach war so stark, dass es so wirkte, als wäre er immer schon dort gewesen”, erzählt die Sennerin.

Es hätte aber auch anders laufen können, etwa so wie bei den Murenabgängen Ende November letzten Jahres – damals musste eine Zivilschutzwarnung ausgelöst werden, zwei Familien verloren ihr Zuhause in Bad Bruck, einem Ortsteil der Gemeinde Bad Gastein. Die schnellen Schneeschmelzen im Frühjahr und die starken Schwallregen im Sommer, vor allem nach längeren Trockenphasen, führten in den letzten Jahren vermehrt zu Muren und instabilen Hängen, die unzähligen Risse der umliegenden Hänge des Gasteinertales erinnern daran.

Viel früher als damals kann man heute die Hütte aufsuchen.
Viel früher als damals kann man heute die Hütte aufsuchen. – Foto: Katharina Lugger

Doch nicht nur die Risse seien Grund zur Sorge. Im Sommer, wenn das Vieh auf der Alm ist, werden die Felder im Tal gemäht, um Heu als Futterquelle für den Winter einlagern zu können. Doch die steigenden Temperaturen und der fehlende Regen würden zu geringeren Ausbeuten führen. Besonders betroffen seien Bauernhöfe, deren Felder auf der sonnigen Talseite liegen. Auch heuer, wie Hias erklärt: “Heuer wuchs das Gras im April bereits sehr schnell, aber aufgrund des heißen Frühjahrs verbrannte es nach der Schneeschmelze.”

Während das Gras auf den Felder im Tal verbrennt, bewirken Klimaveränderungen eine Verwilderung der Almen. Die Vegetationsphasen werden immer länger und auch wenn im Vergleich zum früheren Almbetrieb mehr Vieh denn je die Bergwiesen abgräst, bleibt viel Weide unberührt, was wiederum zur Verdrängung nährreicher Gräser durch Gebüsch und Gestrüpp führt.

Verlängerte Almsommer

Auf der Alm würden sich weniger lange Trockenzeiten, sondern vielmehr Veränderungen der Unwetter bemerkbar machen. “Sie sind unberechenbarerer und oft grob”, meint die Sennerin. Hias vergleicht die heutige Situation mit jener damals – der Regen sei heftiger, ebenso wie der Wind: “Früher hagelte es vielleicht im Juli, heute muss man bereits im Juni damit rechnen.”

Sorgen bereite den beiden das aber noch nicht. Die Almsommer würden nicht kürzer werden, im Gegenteil. “Die Vegetationszeit wird eher länger”, schätzt der Almwirt, denn: ”Früher konnte man bei guten Bedingungen gegen Ende April oder Anfang Juni auf die Heimalm und erst mit beginnendem Juli auf die Hochalmen. Weil der Schnee jetzt aber immer so schnell schmilzt, können auch Anfang Juni die höher gelegenen Hütten bereits bewirtschaftet werden.” Heimalmen liegen meist nicht so hoch, im Gegensatz zu Hochalmen, die, wie der Name erahnen lässt, den Berggipfeln nicht mehr weit sind.

Die beiden sind dankbar und Renate zieht – dreimal auf Holz klopfend – ein Resümee: “Wir leben im Vergleich zu anderen im gelobten Land.”

Icon einer kleinen Pflanze, die aus dem Boden wächst

OBERÖSTERREICH

Auf dem Boden der Tatsachen

Die veränderte Wetterlage in der Klimakrise setzt Bauern in Oberösterreich unter Druck. Starke Regenfälle und lange Dürreperioden greifen ihre Ackerflächen an. Der Landwirt Norbert Ecker kämpft für einen schonenden Umgang mit dem Boden und trägt sein Wissen an seine Kollegen weiter.

Von Valentin Bayer

ORT: Pilsbach (Vöcklabruck)

LESEZEIT: 4 Minuten

Vor etwas mehr als 30 Jahren hörte Norbert Ecker zum ersten Mal, dass Ackerböden unter der intensiven maschinellen Bearbeitung unter Erosion leidet. Damals arbeitete er schon am Bauernhof seiner Eltern mit, in Pilsbach nahe Vöcklabruck in Oberösterreich. Sobald er wusste, dass er die Qualität seiner Anbauflächen verbessern konnte, war der Kurs für Ecker klar. 

“Aus einem Gespür für die Natur heraus ist es mir einfach ein Bedürfnis, für einen gesunden Boden zu sorgen. Das ist, als würde man Tiere halten: Da macht man auch alles, was möglich ist, damit es ihnen gut geht”, erzählt der heute 52-Jährige. Mittlerweile leitet er gemeinsam mit seiner Frau Hilde den Betrieb, Ecker bietet außerdem Beratung für bodenschonende Landwirtschaft an. Als er vor 30 Jahren damit begonnen hat, nach Möglichkeiten zu suchen, um seine Landwirtschaft bodenschonend zu betreiben, hatte das noch einen gewissen Pioniercharakter. Eine kleine Gruppe interessierter Bauern tauschte sich intensiv zu dem Thema aus und verglich den Erfolg ihrer Maßnahmen.

Durch die Klimakrise hat sich die Situation verändert: Während dem Großteil der letzten dreißig Jahren fiel der Regen in Oberösterreich gleichmäßig über das ganze Jahr verteilt, die größte Regenmenge fiel durchschnittlich im Juli. Die Wassermengen konnten gut im Boden versickern und dort gespeichert werden. In den letzten Jahren treten hingegen verstärkt Extremwetterereignisse auf, die eine klassische Folge der Klimakrise sind. Insgesamt fällt in etwa gleich viel Regen, doch statt in regelmäßigen Schauern entladen sich die Wassermassen in seltenen Wolkenbrüchen, oft gerade dann, wenn die Ernte eingefahren wurde und die Böden brach liegen. Dazwischen liegen teils lange Trockenperioden. Diese Mischung bringt gerade Ackerböden in Hanglagen oft an ihre Belastungsgrenze und darüber hinaus. Die Bodenfruchtbarkeit nimmt ab, in extremen Fällen kommt es zum Erdrutsch.

Der brachliegende Boden kann das Regenwasser nicht mehr aufnehmen und überflutet.
Nach starken Regenfällen können brachliegende Böden nicht genug Wasser absorbieren. – Foto: BWSB/LK Oberösterreich

Immer mehr Bauern sehen sich mit diesen Problemen konfrontiert. Daher hat die Boden- und Wasserschutzberatung der Landwirtschaftskammer Oberösterreich Arbeitskreise ins Leben gerufen, in denen die Bauern sich untereinander und mit Experten austauschen können. Einer dieser Experten ist Norbert Ecker. In den Arbeitskreisen hält er Vorträge zu bodenschonenden Anbaumethoden. Bei Feldbegehungen können die Bauern außerdem sehen, wie ihre Kollegen diese Methoden in Feldversuchen in die Praxis umsetzen und welche Erfolge sie damit haben. “Der Austausch in den Arbeitskreisen macht wirklich große Freude, die Landwirte sind engagiert und top ausgebildet. Da gibt es auch viel Bereitschaft zur Veränderung”, so Ecker. 

Diese ist auch notwendig. Denn während Oberösterreich klimatisch noch recht günstig liegt und von der wärmeren Witterung sogar profitieren könnte, werden vor allem die Anbaugebiete im Osten Österreichs schon sehr bald starke Ertragseinbrüche zu verzeichnen haben. Die AGES schätzt, dass schon 2030 Österreich den eigenen Bedarf an vielen Feldfrüchten nicht mehr decken kann. Bis 2060 sind beispielsweise im Marchfeld Einbußen von fast 50 Prozent zu erwarten. 

Einerseits wäre es daher wichtig, der oft kritisierten Bodenversiegelung  Einhalt zu gebieten. Fast zwölf Hektar Grünfläche fallen in Österreich täglich Bauprojekten zum Opfer, damit sind wir Europameister. Viele Bauflächen sind ertragreiche Anbauflächen. Die starke Versiegelung fördert außerdem auch die Bodenerosion, denn auf verbauten Flächen kann das Wasser nicht mehr versickern, sodass es auf Grünflächen und Ackerböden abfließt und diese zusätzlich belastet. Andererseits verdeutlicht diese Problematik, wie wichtig der pflegliche Umgang mit den noch vorhandenen unbebauten Flächen ist.

Ulrich Eichelmann vor einem Fluss

Eine zentrale Maßnahme gegen Bodenerosion, die sich auch in Eckers Betrieb bewährt hat, ist die Winterbegrünung. Nachdem eine Feldfrucht wie Weizen geerntet wurde, säen die Landwirte je nach Lage des Feldes Pflanzen wie Senf, Ölrettich, Kresse oder Sonnenblumen aus. Diese werden über den Winter stehen gelassen und im Frühling wieder in die Erde eingearbeitet. Die Vorteile sind vielfältig. Die Pflanzen verhindern, dass der Boden ungeschützt dem Regen ausgesetzt ist. Ihr Wurzelwerk festigt seine Struktur, der Boden bleibt insgesamt stabiler. Zudem werden  dadurch mehr Nährstoffe im Boden gebunden, wovon auch Bodentiere profitieren. “Vor allem Regenwürmer lockern wiederum den Boden auf, sodass dieser mehr Wasser speichern kann”, so Ecker.

Weiters vertritt Ecker die Meinung, dass der Boden schonender bearbeitet werden müsse. Statt den Boden stark zu pflügen, sollte nur oberflächlich geackert werden und die Erde möglichst wenig gestört werden. Dazu sind auch leichtere landwirtschaftliche Maschinen notwendig, die außerdem mit niedrigeren Geschwindigkeiten arbeiten. “Gerade schwere Böden mit hohem Tonanteil können sehr viel Wasser und CO2 speichern, aber dazu dürfen sie nicht zu stark gestört werden”, so Ecker.

Für Landwirte sind solche Maßnahmen natürlich mit teils hohen Kosten verbunden. Gerade die Anschaffung von Maschinen, die den Boden schonend bearbeiten, stellen für viele Landwirte eine finanzielle Herausforderung dar, in den meisten Fällen sind Bauern auf Fördergelder angewiesen. Norbert Ecker rechtfertigt diese Kosten damit, dass gesunde Böden einen Nutzen für die Allgemeinheit bringen. Das gespeicherte Wasser kann helfen, ein kühleres Mikroklima zu schaffen. Angesichts der immer häufigeren Hitzetage in Österreich werden solche Kühlungseffekte immer wichtiger. Außerdem wäre die Alternative zu Maßnahmen zum Bodenschutz, dass stark betroffene Anbauflächen aufgegeben werden müssten. Das würde einerseits einen Arbeitsplatzverlust bedeuten, andererseits würden dadurch die  Möglichkeiten, regionale Lebensmittel zu produzieren, eingeschränkt. Stattdessen müssten Lebensmittel mit weitem Anfahrtsweg importiert werden. “Ich bin überzeugt, dass ein Umdenken in der Landwirtschaft notwendig ist”, sagt Ecker. “Gott sei Dank sehen wir aber schon, dass unsere Methoden in der Praxis funktionieren.”

Icon Fisch

NIEDERÖSTERREICH

Österreichs Flüsse sterben leise

Dämme und Kraftwerke haben den Huchen, den man einst “Donaulachs” nannte, fast völlig aus Niederösterreichs Flüssen vertrieben. Renaturierungen sollen nun die Wasserqualität heben und Flüssen etwas von ihrer Wildheit zurückgeben. 

Von Rebecca Gahr

ORT: St. Pölten

LESEZEIT: 3 Minuten

Kleine schwarze halbmond- oder sternförmige Flecken zieren seinen lang gestreckten Körper. Zur Laichzeit glänzt der hintere Teil des ansonsten braun bis gräulich gefärbten Körpers kupferrot unter der Wasseroberfläche. Bis zu 150 Zentimeter wird der Huchen groß. Dennoch bekommen auch aufmerksame NaturerkunderInnen kaum einmal einen zu Gesicht. Er ist selten geworden. 

War er früher von Deutschland bis Rumänien zu finden, ist er mittlerweile weitgehend von der österreichischen Bildfläche verschwunden. Er hat sich in die Gewässer des Balkans zurückgezogen, wo Flüsse und Bäche noch viel häufiger so fließen dürfen, wie die Natur es vorgesehen hat. „Die Menschen dort haben noch die Beziehung zu ihren Flüssen, die wir verloren haben und verteidigen sie härter. Kinder schwimmen in den tiefen, kalten Gewässern, fangen Fische“, erklärt Ulrich Eichelmann, Geschäftsleiter des Vereins Riverwatch, eine der wenigen Organisationen, die sich weltweit für den Schutz der Flüsse einsetzt. Erst im März hat Eichelmann, der lange Zeit beim WWF Österreich gearbeitet hat, auf seiner Website seltene Fotos von Huchen beim Laichtanz veröffentlicht. Aufgenommen wurden sie in der Mank im Mostviertel, wo kleine – nicht selbsterhaltende Bestände – die Zeit überdauert haben.

Ulrich Eichelmann vor einem Fluss
Ulrich Eichelmann setzt sich weltweit für die Rettung von Flüssen ein. – Foto: Philip Betghe/Der Spiegel

Revival der Wasserkraft

Grund für das Verschwinden der Huchen ist die schlechte Wasserqualität in Österreich: Nur 15 Prozent der Flüsse befinden sich laut einer aktuellen, vom WWF beauftragten Studie der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) in einem sehr guten ökologischen Zustand. Verantwortlich sind der Bau von Hochwasserschutzbauwerken und Wasserkraftwerken. Letztere sind für Eichelmann Hauptursache für die rapide Verschlechterung. Der gebürtige Deutsche setzt sich seit über 30 Jahren für den Erhalt und die Wiederherstellung von Flüssen ein und wurde für sein Engagement mehrfach ausgezeichnet. „Ich bin 1987 nach Österreich gekommen, als die Diskussion rund um das Kraftwerk Hainburg in Niederösterreich gerade vorbei war. Damals war Wasserkraft das Schlimmste vom Schlimmsten in der öffentlichen Wahrnehmung.“

Das hat sich geändert. Mit der Folge, dass es in Österreich mittlerweile mehr als 5200 Wasserkraftanlagen gibt, hunderte neue sind geplant. Kein Bundesland setzt so sehr auf Energie aus Wasserkraft wie Niederösterreich. Neben vier der zehn Donaukraftwerke handelt es sich dabei zum überwiegenden Teil um Kleinkraftwerke. Über 600 davon gibt es im Bundesland. Das Problem: Kleine Kraftwerke produzieren kaum nennenswerten Strom.  

Rentabel ist das eigentlich nicht. Aber der Staat fördert Wasserkraftwerke. Und: Je kleiner das Kraftwerk, desto mehr Geld pro Kilowattstunde gibt es. Über eine Änderung wird in der österreichischen Regierung diskutiert. Ein klarer Abbauplan für umweltschädliche Subventionen fehlt im aktuellen Regierungsplan laut der NGO Global 2000 allerdings noch. Eichelmann hofft auf die Grünen: „Das wird ein Gradmesser für die neue Regierung. Gerade Werner Kogler hat sich immer für den Schutz der Flüsse eingesetzt.“

Grund für die Änderung der generellen Einstellung zur Wasserkraft sei laut Eichelmann das aufkommende Bewusstsein für den Klimawandel gewesen. Die Wirtschaft hat die grundsätzlich positive Entwicklung für sich ausgenutzt. Weil es „gut für das Klima ist“, könne ein Teil der Umwelt zerstört werden. Mit verheerenden Folgen für unser Ökosystem.

Flüsse sterben leise

Von 58 österreichischen Fischarten sind 34 gefährdet, stark gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht, zeigt die BOKU-Studie, die im Mai veröffentlicht wurde. Der Huchen gehört als stark gefährdete Art zu ihnen. Sein Verbreitungsgebiet hat sich halbiert, denn er benötigt kaltes, sauerstoffreiches und schnelles Wasser sowie einen kiesigen Untergrund zum Laichen. Durch Regulierungen und Stauungen ist das nicht mehr gegeben. Querbauten durchkreuzen außerdem seine Laichzüge. Aber auch die Äsche, die deutsche Tamariske  (auch Rispelstrauch) und der Flussuferläufer, der gerne in Ufernähe nistet, leiden.

Aufnahme der Wachau von oben.

Bemerken tun das weder die, die der blauen Donau entlang radeln noch diejenigen, die sie für ein erfrischendes Bad im Sommer nutzen. Wahrnehmen kann man die radikalen Veränderungen nur im Wasser selbst oder bei einem Blick von oben, wo statt schlangenförmigen Mäandern unnatürliche, begradigte Linien sichtbar werden. Trotzdem schmerzt der Verlust vieler Arten Eichelmann sichtbar: „Das ist so, als ob du als Musikexperte hörst, dass statt einem ganzen Orchester nur mehr drei Instrumente spielen. Aber für den Laien ist da ja immer noch Musik.“

Renaturierungen als Chance

In der Mur befindet sich heute die größte Huchen-Population. Neben der Pielach und der Gail kann sich der Huchen nur dort selbst erhalten. Wie lange noch ist ungewiss, denn auch hier setzt man vermehrt auf Wasserkraft: Erst letztes Jahr wurde das Murkraftwerk Graz in Betrieb genommen. In dem Fluss, dem der Donaulachs seinen Spitznamen zu verdanken hat, ist er mit Ausnahme der Wachau aus praktisch allen Abschnitten verschwunden. In Niederösterreich kommt er nur mehr in der Pielach, der Ybbs und in der Enns vor, vereinzelt auch in der Melk, der Mank und der Traisen.

An all diesen Flüssen wurden Renaturierungsmaßnahmen durchgeführt. Sie sind damit Teil der über 200 Renaturierungsprojekte, die in den letzten Jahren in Niederösterreich verwirklicht wurden. Meist geht es nur in kleinen Schritten in die richtige Richtung, wie beim Kraftwerk Thurnsdorf an der Enns, wo technische Fischaufstiegshilfen und Umgehungsgerinne errichtet wurden. An anderen Stellen wie bei Österreichs größtem Renaturierungsprojekt an der Traisen wagte man mehr: Statt in einem künstlichen Bett zu fließen, darf der Fluss sich wieder selbst einen Weg durch die Au suchen. Mit Erfolg: In den neuen Mäandern und Nebengewässern tummeln sich Fische und andere Wasserlebewesen. Rasch überflossene Furten und weiträumige flache Schotterbänke sind ideale Laichareale und Kinderstuben für Kieslaicher wie Nase, Barbe und eben Huchen.

Die Baustelle zur Renaturierung der Traisen
Bagger und Raupen stellen das natürliche Bett der Traisen wieder her. – Foto: Wikicommons/Stefan Lefnaer

In Zukunft soll dieser Trend weitergehen: Die Bundesregierung investiert 200 Millionen Euro in die Förderung von Fluss-Renaturierung. Landeshauptfrau-Stellvertreter Stephan Pernkopf (ÖVP) schätzt, dass mit 40 bis 50 Millionen ein großer Teil des Geldes nach Niederösterreich fließt. Die Wasserqualität soll so bis 2027 deutlich verbessert werden. Neue Projekte an der Leitha, der Melk, der Url und der Triesting werden bereits dieses Jahr umgesetzt. Beim Gedanken daran gerät der Umweltschützer ins Schwärmen: „Ein bisschen Fluss-Wildnis würde uns in unserer durchorganisierten Welt sehr gut tun: nur ein paar Kilometer wo der Fluss so fließt, wie er will, pendelt, Ufer wegreißt, tiefe Stellen schafft und kleine Inseln aufschüttet.“

Nicht nur ökologisch, auch ökonomisch machen Renaturierungen durchaus Sinn. Natürlich nur wenn gleichzeitig die weitere Verbauung von intakten Flüssen gestoppt wird. Ein weites Flussbett schützt besser vor Hochwasser, ein gesunder Fluss produziert mehr und vor allem sauberes Trinkwasser. Und wer weiß: Vielleicht könnte es ja auch eine Rückkehr der Huchen bedeuten.

Hitzethermometer mit Sonne Icon

WIEN

Stadtbegrünung: Mehr ist mehr

Der Klimawandel macht sich auch in Großstädten bemerkbar: In Wien bedeutet das vor allem extreme Hitze. Damit die Stadt auch in Zukunft nicht an Lebensqualität verliert, muss sie vor allem in dicht bebauten Bezirken grüner werden.

Von Walburga Plunger

ORT: Wien

LESEZEIT: 4 Minuten

Dass Wien in Zukunft immer heißer werden wird, ist wissenschaftlich erwiesen. Eine Studie, die eine Gruppe von Klimaforschern aus Italien, Spanien, Portugal und Deutschland im Frühjahr 2019 veröffentlichten, sieht die Bundeshauptstadt gar unter den am stärksten von der Klimaerhitzung betroffenen Hauptstädten Europas. Im Vorjahr lag die Durchschnittstemperatur in Österreich 2,3 Grad Celsius über dem langjährigen Mittel zwischen 1961 und 1990. Zusätzlich gab es lange Hitzeperioden im Nordosten Österreichs, wie der aktuelle Klimastatusbericht Ende Mai hervorbrachte. Das birgt Gefahren für Kleinkinder, Kranke und Alte, aber auch gesunde Menschen leiden unter ungewohnt heißen Tagen und Tropennächten, in denen die Temperaturen nicht unter 20 Grad abkühlen.

Martina Jauschneg kennt die Probleme, die damit auf die Menschen zukommen „Die Leute schlafen schlecht und können sich in der Nacht nicht mehr erholen. Die Hitze schlägt auch auf den Kreislauf.“ Die gebürtige Steirerin hat Landschaftsplanung an der BOKU Wien studiert. Seit Herbst 2019 ist sie Mitglied der Lokalen Agenda 21 in den Bezirken Favoriten und Landstraße und beschäftigt sich dort mit den Themen Freiraum, Begrünung und Klimawandelanpassung. “Zur Agenda kommen die Leute und machen Vorschläge, wie man einen Platz mit Bäumen oder Sitzgelegenheiten aufwerten könnte.” Jauschneg prüft dann, ob der Untergrund geeignet ist, wem die Fläche gehört und in nächster Instanz, wie sich die Idee umsetzen lässt.

Martina Jauschneg lächelnd vor einem Baum
Martina Jauschneg begeistert sich schon früh für die Natur. – Foto: Martin Berger

Schon seit 20 Jahren hilft der Verein engagierten BürgerInnen bei der Umsetzung ihrer Ideen, um die Wiener Bezirke lebenswerter zu machen. Und sie am Wachstum der Stadt auszurichten, aber eben auch klimafit zu machen, meint Martina Jauschneg. „Es geht einerseits um Fassadenbegrünungen, um die Wohnungen zu kühlen, aber auch um den öffentlichen Raum, denn der heizt sich ja dadurch auch auf.“

Zur Zeit läuft dafür eine Aktion der Agenda im Bezirk Favoriten. BewohnerInnen können bei der 300-Euro-Initiative ihre Ideen für eine grünere oder kühlere Stadt einreichen, die besten drei Konzepte werden mit 300 Euro unterstützt. Weiterverfolgt werden sollen aber alle Einreichungen. Maßnahmen um der Hitze zu trotzen

Auch die Stadt Wien hat mit Wiener Schatten ein neues Projekt vorgestellt, einen Katalog mit Ideen zur Beschattung von Straßen und Plätzen, der sich an Kunst- und Nachbarschaftsprojekte, aber auch an Wirte und private BürgerInnen richtet. Die Kosten zahlen die Bürger, die Stadt verpflichtet sich aber dazu, die Behördenwege möglichst einfach zu halten. Von Markisen über Sonnensegel und begrünte Säulen und Wände sei in Zukunft jeder Beitrag wichtig, meint Jauschneg.

Wiener Schatten ist Teil einer umfassenden Klimaanpassungsstrategie der Stadt, die auch noch die Hitzekarte, Coole Straßen mit Nebelduschen unter denen sich BewohnerInnen abkühlen können, Baumpflanzungen, Fassadenbegrünungen und wandelnde Bäume vorsieht. Auch andere Städte setzen vermehrt auf Begrünung, so werden in der Stadt Linz die positiven Auswirkungen von Baumpflanzungen erforscht und in Graz sieht der Aktionsplan Klimaschutz des Grazer Umweltamtes, der bis 2022 umgesetzt werden soll, mehr begrünte Hausdächer und Fassaden vor.

Denn die Höchsttemperaturen nehmen jeden Sommer neue Ausmaße an. Das Jahr 2019 war in Österreich eines der drei wärmsten seit Beginn der Aufzeichnungen. In Wien konnte dabei der Temperaturhöchstwert von 38,4 Grad (2013) wieder erreicht werden. Besonders der Juni stach in Sachen Hitze hervor: die mittlere Temperatur lag im Juni 2019 4,5 Grad über der durchschnittlichen Juni-Temperatur. Zusätzlich erfasste die Messstelle Wien Innere Stadt im letzten Sommer 26 Hitzetage – also Tage an denen die Temperatur 30 Grad oder mehr beträgt. Das liegt weit über dem Schnitt von 1981 bis 2010, der nur 20,4 solcher Tage beträgt. Auch für das Jahr 2020 warnt die Weltwetterorganisation vor einem extremen Hitzesommer auf der Nordhalbkugel. Die Hitzewellen gehen nicht spurlos an der Gesellschaft vorüber. Im Jahr 2015 zählte die AGES 1122 Hitzetote in Österreich, das sind mehr als doppelt so viele wie im selben Jahr bei Verkehrsunfällen ums Leben kamen.

Auch andere europäische Städte kämpfen mit der Hitze. In Paris wurde 2019 mit 42,4 Grad ein neuer Hitzerekord aufgestellt. Die Regierung erlaubte deshalb unter anderem das Baden im Brunnen vor dem Eiffelturm. In den USA müssen Städte vor allem Strategien entwickeln, um vulnerablen Gruppen den Zugang zu Trinkwasser und Cooling Centers, in denen sie sich abkühlen können, zu ermöglichen.

Pflanzen sind die perfekte Klimaanlage

Die nachhaltigste Kühlung liefern Pflanzen und Bäume. Sie geben durch Verdunstung Feuchtigkeit ab, wodurch der Kühleffekt noch verstärkt wird. Dabei hängt der Kühleffekt auch von der Baumsorte ab. Bäume mit einem geringeren Wasserbedarf wie die Robinie entziehen dem Boden nicht so viel Wasser wie beispielsweise Linden, wodurch das Erdreich feuchter und kühler bleibt. Der Aufenthalt unter solchen Bäumen ist deshalb angenehmer. Dies gilt bei einer Pflanzung auf Rasen, auf asphaltiertem Boden ist der Kühleffekt der Bäume geringer. „Es ist nicht nur die Abkühlung, sondern Bäume symbolisieren für viele Menschen auch den Bezug zur Natur in der Stadt”, sagt Martina Jauschneg, bevor sie erzählt, dass die Menschen, die zur Agenda kommen, immer öfter auch das Potenzial in kleinen Flecken unbenutzter Erde oder freiem Asphalt sehen.

Doch nicht überall lassen sich Bäume pflanzen. Der Boden unter Wien ist durchzogen von Strom- und Wasserleitungen und U-Bahn-Tunneln, Straßen und Gehsteige sind versiegelt. Diese nehmen Bäumen den Platz. „Es wird immer schwieriger, Bäume in den Boden zu bekommen“, meint Jauschneg. Deshalb bekommen Bäume Wurzelraum unter Fahrbahnen, der Boden wird so präpariert, dass er Wasser auch über längere Zeiträume speichern kann – eine “Schwammstadt” entsteht.

Mit der Hitze kommt die Trockenheit

Denn auch die Trockenheit nimmt in Wien durch geringere Niederschlagsmenge immer stärker zu. Viele der Stadtbäume würden schon früh im Jahr unter Trockenstress leiden, die Blätter verfärbten sich, meint Jauschneg, und betont, dass auch die Frage, welche Bäume gepflanzt werden, immer wichtiger wird. Lindenalleen oder die typischen Wiener Kastanien sind für den Klimawandel schlecht vorbereitet, sie werden zunehmend verschwinden und durch Baumarten ersetzt werden, die die neuen Verhältnisse besser ertragen. Um den bestehenden Bäumen über die Hitze- und Trockenperioden zu helfen, vermittelt die Agenda Gießpatenschaften, in denen AnwohnerInnen bestimmte Bäume und Pflanzen in der Stadt gießen und so ihren Beitrag zu einer klimafitteren Stadt liefern.

Mit dem Wienerwald und dem Nationalpark Donau-Auen hat Wien, das sogar zur “World’s Greenest City 2020” gekürt wurde, bereits viel Grün, aber diese Flächen hätten auf dicht bebaute Teile Wiens keine Wirkung, meint Martina Jauschneg. Sie wünscht sich, dass vor allem in diesen stark versiegelten Stadtvierteln mehr umgesetzt wird. „Wir müssen neue Mobilitätsformen denken – auch wenn das auf Kosten von Parkplätzen geht. Damit wir Raum bekommen – für Grün, für Aufenthalt und als Kompensation von nicht vorhandenen Parkanlagen.” Eine Erhöhung des Versiegelungsgrads und eine Auslegung der Infrastruktur hauptsächlich für Autos mache angesichts des Klimawandels schlicht keinen Sinn mehr.

BURGENLAND

„Ohne Natur macht das Leben keinen Sinn“

Leander Khil ist Ornithologe und Vogelfotograf, er lebt im Nationalpark Neusiedlersee-Seewinkel. Der Naturliebhaber spricht über Veränderungen in der Vogelwelt und erklärt, wie diese mit der Klimakrise zusammenhängen.

Von Christina Harrich

ORT: Neusiedlersee-Seewinkel

LESEZEIT: 6 Minuten

Harrich: Welchen Beitrag leistet Vogelfotografie im Kampf gegen die Klimakrise?

Khil: Ich persönlich möchte mit meinen Fotos von der Natur und den Vögeln erzählen. Es gibt nämlich einen großen Teil der Bevölkerung, der den Zugang zur Natur zusehends verliert. Wenn wir nicht wissen, was da draußen alles lebt und was es zu schützen gibt, dann fehlt die Wertschätzung und es passiert kein Schutz. Da kann man mit Fotografie ganz wunderbar gegensteuern. Ich hoffe, dass das mein Beitrag zum Klima- und Umweltschutz ist.

Wie wirkt sich die Klimakrise auf den heimischen Vogelbestand aus?

Wir merken in der Vogelwelt die Klimakrise sehr stark durch Verschiebungen in Verbreitungsgebieten. Das heißt aber nicht, dass jetzt gleich alles ausstirbt. Manche Vögel weichen zurück nach Norden, was aber nicht weiter dramatisch ist. In ein paar Jahrzehnten wird es aber für gewisse hochalpine Vögel eng, denn die müssen immer weiter nach oben. Irgendwann ist der Berg zu Ende, dann sterben sie aus.

Khil beim Fotografieren im Nationalpark
Khil verbringt möglichst viel Zeit in der Natur. – Foto: Andre Schönherr

Wie steht es um die Vögel im Nationalpark Neusiedlersee-Seewinkel?

Im Seewinkel ist die Trockenheit das Problem der Stunde. Der Mensch hat dafür gesorgt, dass durch Entwässerungsgräben die Wiesen trockener werden. Da es ja immer wärmer wird, wird das Ackerland stärker mit Grundwasser bewässert. Das alles sorgt dafür, dass die berühmten Salzlacken im Seewinkel immer mehr austrocknen. Diese Salzlacken sind tolle Vogellebensräume, die Mehrheit der Vogelgruppen leidet deshalb stark. Es gibt aber Ausnahmen, den Greifvögeln zum Beispiel geht es gut.

Wie geht es Ihnen dabei, wenn Sie die direkten Auswirkungen der Trockenheit sehen?

Fürchterlich. Als Naturliebhaber fühle ich Verärgerung und Resignation. Man hat das Gefühl, diese Lebensräume sind uns oder der Politik nicht genug wert, um gerettet zu werden. Erst wenn im Tourismus die Zahlen einbrechen wird man sich bemühen, eine Lösung zu finden. Die Frage ist, ob es dann nicht zu spät ist. Aber ich hoffe auf die Resilienz der Natur. Daran, dass vieles wieder entsteht, wenn man die Voraussetzungen dafür schafft.

Wieso wird die Natur nicht ausreichend geschätzt?

Was immer vergessen wird, ist der unermessliche Wert der Natur. Weil wir sie nicht eins zu eins in Euros auswerten können, wird sie in der Politik nicht als wichtig genug angesehen. Es hat auch damit zu tun, dass die Leute glücklich und gesund sind, weil es Grünflächen gibt und sie raus gehen können, um sich zu erholen. Das sind Dinge, die noch nicht ausreichend angekommen sind in der Politik.

Was würden Sie konkret machen, um die Lebensräume der Vögel zu schützen?

Es braucht eine angepasste Agrarpolitik, die derzeitige ist nämlich eine Katastrophe. Der Erhalt der Biodiversität muss unbedingt miteinbezogen werden. Da trifft aber nicht die Landwirte die Schuld. Es gibt einfach zu wenige Anreize, dass ein Landwirt nicht die komplette Fläche intensiv nutzt und Pflanzen anbaut, die dem veränderten Klima angepasst sind. Du kannst nicht Erdäpfel anbauen, wenn es kein Wasser gibt.

Denken Sie, dass Maßnahmen zum Schutz der Biodiversität zu spät kommen werden?

Da ist die Frage „zu spät für was?“ Zu spät für manche Arten, ja. Wenn wir aber Lebensräume wiederherstellen, dann kann man gerade bei den Vögeln stark darauf hoffen, dass sie wieder zurückkehren. Der Kaiseradler zum Beispiel war in Österreich etwa 150 Jahre ausgestorben und ist jetzt wieder heimisch. Die Positivbeispiele unterliegen hier aber der Zahl der negativen Beispiele. Es ist ganz klar ersichtlich, dass wir nicht genug tun, um die Artenvielfalt zu bewahren. Ein Kaiseradler allein ist halt keine Artenvielfalt.

Was bedeutet dir die Natur?

Alles. Ohne Natur macht das Leben überhaupt keinen Sinn. Wir sind ja Lebewesen, also ein Produkt der Natur. Wir sind nur mit und in der Natur gesund und glücklich, da bin ich der festen Überzeugung. Der Mensch lässt sich nicht von der Natur entkoppeln. Jeder Stadtmensch geht ja dann gerne auf die Grünflächen oder in die Naherholungsgebiete. Der Zug ins Grüne belegt das ja ganz wunderbar, dass wir, und da schließ ich mich ganz stark mit ein, nur mit einer funktionierenden Natur ein glückliches Leben führen können. Ganz viel Unzufriedenheit und körperliche und psychische Probleme lassen sich auf einen mangelnden Kontakt mit der Natur zurückführen.

Eine Kooperation der Kleinen Zeitung und FH JOANNEUM Graz im Rahmen des Styria Ethics-Programms:

Klima. Medien. Ethik

Styria Ethics-Livestream am 10. Juni 2020

Seien Sie dabei, wenn Moderator Ernst Sittinger (Kleine Zeitung) mit Umweltministerin Leonore Gewessler und Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb im Livestream diskutieren

10. Juni 2020 – 17 Uhr, aus dem Skyroom des Styria Media Center